Noch nicht hält fünf Tage an, dann weckt mich mitten in der Nacht Moms Schrei.
Sekunden später platzen die Mädchen in mein Zimmer. Die Tür fliegt auf und kracht gegen die Wand. Im Bruchteil einer Sekunde bin ich bei ihnen und sehe, wie blass sie sind, wie weit aufgerissen ihre Augen.
»Was ist passiert?«, frage ich und ziehe die beiden zu mir. Es ist 3:47 Uhr. Geisterstunde.
»Ich weiß nicht«, sagt Cammy und ihre Stimme bricht, als sie anfängt zu weinen. »Es ist ganz schlimm. Ich glaub, er tut ihr weh.«
Auch Juniper weint.
»Okay. Alles wird gut.«
Ich führe sie direkt zum Schrank. Ein Teil von mir wünscht sich, er wäre noch abschließbar, um eine zusätzliche Sicherheit zu geben, aber unser Großvater hatte immer Angst, dass wir uns irgendwann selber einsperren würden, deshalb hatte er schon vor langer Zeit den Schlüssel entfernt.
»Geh mit Campbell da rein, Junie. Und Campbell, schließ die Tür. Keine Kerosinlampe. Bleibt da drin, egal was passiert. Verstanden?«
Campbell nickt.
Mir wird schlecht bei dem Gedanken, die beiden allein im Dunkeln zurückzulassen. Doch dann hör ich sie wieder. Diesmal ist es kein spitzer Schrei, sondern ein Wimmern.
»Wir sind okay, Leighton«, sagt Campbell und zieht Junie fest an sich. »Bitte hilf Mom. Bitte.«
Ich renne die Treppe hinunter, doch als ich die letzte Stufe erreiche, erstarre ich plötzlich. Ich warte, horche.
Sie sind in der Küche, aber als ich um das Geländer schaue, kann ich sie nicht sehen.
»Bitte, hör auf«, sagt Mom in einem gequälten Flüstern. »Lass mich los.«
Die Kraft, die es kostet, nicht zu ihr zu laufen, ist unglaublich. Ich rede mir ein, dass meine Füße plötzlich ein Teil der Treppe sind und ich sie unmöglich anheben kann. Ich bin nichts anderes als der Teppich, die Wand, die Treppe. Weniger. Ein Haar auf dem Teppich. Ein Fleck an der Wand. Ein Nagel in der Treppe. Ich bin überhaupt nicht da.
Denn ich kann nicht einfach zu ihr gehen. Wenn er ihr tatsächlich wehtut, könnte mein plötzliches Auftauchen das Ganze noch eskalieren.
Deshalb warte ich, setze mich auf unsere schmale Treppe.
Ich drücke meine Füße fest gegen die kalte Wand. Alles ist gut. Mit ihr ist alles gut. Alles wird gut. Ich wiederhole das Mantra mit geschlossenen Augen. Ich spüre, wie etwas unter meinem Fußabsatz nachgibt. In der Wand taucht ein Riss auf, dort, wo ich dagegengedrückt hab. Er breitet sich aus, läuft nach oben, an meinen Füßen vorbei. An den Nägeln vorbei, an denen die Bilder jetzt nicht mehr hängen. Sie liegen auf der Treppe verstreut wie Vögel, die plötzlich grundlos vom Himmel gefallen sind. Der Riss in der Wand wird immer länger, obwohl ich gar keinen Druck mehr ausübe. Ich stehe auf, um zu sehen, wie er die Decke erreicht und nicht aufhört. Er wendet sich nach außen, bricht durch die Decke. Eine winzige Bruchlinie, doch sie teilt den Raum in zwei Teile. Als ob das Haus nur auf die leiseste Provokation gewartet hätte, um auseinanderzubrechen.
Ich betrachte den Riss noch immer, als sie ins Wohnzimmer gehen.
Mom weint nicht, aber ich sehe, dass sie geweint hat. Ihr Gesicht ist aufgedunsen und rot, und als sie mich auf der Treppe stehen sieht, schüttelt sie den Kopf. Sie muss nichts sagen, um eine Botschaft herüberzusenden. Sie will, dass ich nach oben gehe, aber ich stehe da wie angewurzelt. Doch er registriert die fast unmerkliche Bewegung. Da. Ein silbernes Schimmern. Nicht das stumpfe Grau seiner Pistole.
Er hält ein Küchenmesser.
Ich muss an den Kriechraum denken. An den dämlichen Kriechraum. Ich habe das Gefühl, schon in ihm zu sein. Wände umschließen mich. Was albern ist, denn wenn du tot bist, kannst du ja nicht mehr klaustrophobisch sein.
»Lass uns zurück in die Küche gehen«, sagt Mom. Ihre Stimme klingt leicht, als wenn alles in Ordnung wäre. Aber es ist kein Vortäuschen, dass alles okay sei. Es ist ihr Versuch, ihn zu überreden. Er sieht mich höhnisch an. Seine Nase läuft und seine Augen funkeln erregt. Mom nimmt seine Hand und führt ihn zurück in die Küche. Er legt das Messer auf die Arbeitsplatte.
Ich trete von der Treppe. Ich folge ihnen. Ich bin so dumm, aber ich will sie unbedingt mitnehmen. Ich kann sie nicht hier unten mit ihm alleinlassen.
»Lass uns ins Bett gehen, Mom, es ist spät«, sage ich.
»Sie geht ins Bett, wenn ich es ihr sage, verdammte Scheiße, Leighton. Verschwinde.«
Ich höre nicht zu. Stattdessen pack ich Moms Hand und versuche, sie fortzuziehen.
Er geht auf mich los.
Ich werde gegen die Arbeitsfläche gestoßen. Die Heftigkeit des Aufpralls nimmt mir den Atem. Als ich mich umdrehe, steht er hoch aufragend vor mir. Die Augen blutunterlaufen. Wie kann er mich so sehr hassen?
Er spuckt mir ins Gesicht.
Mom schreit ihn an und stößt ihn von mir weg.
Mom weint und zieht mich hoch.
»Geh, Leighton«, sagt Mom, beugt sich vor, streicht mir die Haare hinters Ohr und wischt mir das Gesicht ab.
Sie zieht mich an sich. Flüstert mir ins Ohr, dass alles okay ist.
Ich lasse sie los. Ich renn aus der Küche mit den zu hellen Lampen, wo Mom steht und weint und das Messer auf der Arbeitsplatte liegt und die Pistole auf dem Kühlschrank. Ich renne, bis ich in Sicherheit bin, versteckt im Schrank mit den Mädchen, mit schwerem Atem und an Tränen erstickend.
Ein paar Minuten später hör ich die Haustür zuschlagen und ich jage aus meinem Versteck und die Treppe hinunter. Ich höre den Motor von seinem Truck mehrmals aufheulen, ehe er losfährt.
Er ist weg.