Wo tut’s weh?, würde Mom fragen.
So wie damals, als ich vier war und im Garten in ein Stück Altmetall trat, das mir in die Fußsohle schnitt. Als ich sieben war und mitten in der Nacht mit Fieber aufwachte. Als ich elf war und nicht aufhören konnte zu schluchzen, weil ich zum ersten Mal meine Tage bekam und dachte, ich müsse sterben.
Diesmal ist es Mom, die gestürzt ist. Mom, die verletzt ist. Vielleicht auch krank.
Verwirrt.
»Wo tut’s weh?«, frage ich und untersuche sie.
»Überall«, sagt sie. Sie hockt nach vorn gebeugt da, in sich zusammengekrümmt, mit dem Gesicht nach unten. Ihre Tränen berühren erst gar nicht die Wangen, sondern fallen direkt aus den Augen durch die Luft auf den Linoleumboden. Ich höre die Krähen oben auf dem Dach. Auf dem Briefkasten. Auf der Straße.
Krächzend.
Wie ein Gesang.
Ich will ihr helfen, sie trösten. Ich beuge mich dichter zu ihr, um sie zu erinnern, dass sie jetzt in Sicherheit ist, dass er weg ist.
Doch sie weiß es bereits, denn genau das sind die Worte, die sie flüstert.
Er ist weg. Er ist weg. Wieso ist er weg?
Und dann begreife ich, dass ihr nicht alles wehtut, weil er ihr Gesicht gepackt hat, ihr hässliche Namen entgegengeschleudert hat, ihr ein Messer an die Kehle gedrückt hat, ihr gesagt hat, dass es für sie besser wär, tot zu sein als ohne ihn, und dass er sie höchstpersönlich in die Hölle bringen wird.
Ihr tut alles weh, weil er gegangen ist.
Ihr tut alles weh, weil sie möchte, dass er zurückkommt.
Wo tut’s weh?, frage ich mich diesmal selber.
Überall.