Ich wache mit Bauchschmerzen auf. Mom und meine Schwestern liegen alle bei mir im Bett, Campbell quer über das Fußende gestreckt. Wir sind wie Tetris-Steine, die genau zusammenpassen. Ich ziehe mich zwischen den Gliedmaßen der andern heraus, gehe ans Fenster und stähle mich für den Anblick seines Trucks vor der Haustür.
Der Truck steht nicht da. Ich nehme an, er ist wieder im Büro geblieben, was nicht mehr als ein Wohnwagen auf einer Baustelle ist, umgeben von ein paar Fahrzeugen, die noch dem Barnes Bauunternehmen gehören. Es muss eiskalt gewesen sein.
Das Ding in meiner Brust ist ungewöhnlich ruhig. Kein pochendes Herz. Kein Flattern vor Angst. Nur eine schmerzhafte Trauer, die ich nicht richtig zuordnen kann.
Ich höre das Bett hinter mir ächzen. Mom steht auf und legt Juniper mit einem Murmeln und einem Kuss wieder zurück, damit sie weiterschlafen kann.
»Kaffee?«, fragt Mom mit dunklen Ringen unter den Augen. Sie borgt sich eine Bürste von meinem Nachttisch und stopft ihre Haare nach hinten zu einem unordentlichen französischen Zopf, der seitlich am Hals entlang über ihre Brüste und Rippen fällt.
»Ja«, antworte ich und wir schleichen gemeinsam aus dem Zimmer.
Ich beobachte sie, wie sie den Kaffee aufbrüht und einschenkt und, als sie sich mir gegenüber an den Tisch gesetzt hat, die Milch rüberschiebt. Ich weiß nicht, wonach ich suche – nach irgendeinem Zeichen, dass es das war. Der Morgen danach, an dem sie sagt: Schluss.
Ich sehe kein Zeichen.
»Erinnerst du dich noch an unsere schiefen Metaphern?«, frage ich.
Sie schweigt einen Augenblick und ich überlege schon, ob sie mich vor Grübelei gar nicht gehört hat. Doch dann richtet sie sich gerade, schlürft ihren Kaffee und schaut hoch, mit leuchtenden blauen Augen wie eh und je.
»Kommt Zeit, lass uns die Brücke hinter uns abbrechen«, sagt sie.
»Beurteile ein Buch nicht nach dem Leid eines anderen«, kontere ich.
»Ein Spatz in der Hand ist besser als zwei Fliegen mit einer Klappe.«
Ich muss lachen. Es war ein Spiel, das wir gespielt haben, als ich noch kleiner war. Wir versuchten uns die unsinnigsten Kombinationen von Sprichwörtern und Metaphern einfallen zu lassen. Mom war immer genial darin. Und Dad gefiel es, gegen sie zu verlieren. Es gefiel ihm, wie klug sie war. Inzwischen irritiert ihn unsere Klugheit. Als wenn er denken würde, wir machen uns ständig über ihn lustig. Wie die Stadt. Wie sein Vater.
»Die diebische Elster hat dir die Sprache verschlagen«, sage ich.
»Nur tote Fische schwimmen auf dem Trockenen.«
»Zu Hause ist, wo eine Krähe der andren kein Auge aushackt«, sage ich. Zu Hause. Es ist, als ob ich vor ihren Augen geflucht hätte.
»Mom …«, sage ich. »Du brauchst ein Kontaktverbot. Wir brauchen ein Kontaktverbot.«
»Leighton, lass es.«
»Mom –« Meine Hände zittern. Heißer Kaffee läuft mir über die Finger.
»Ich weiß, letzte Nacht war beängstigend, aber er steht unter extremem Druck. Du weißt doch, im Winter lahmt das Geschäft im Bauwesen oder geht überhaupt nicht mehr weiter. Und es kommen jede Menge Rechnungen. Kann sein, dass wir das Haus verlieren, Leighton.«
»Du könntest ihn dazu bringen zu gehen.«
»Das hier ist sein Haus. Er ist hier aufgewachsen. Lass uns übers Wochenende zu Nana fahren. Bis sich die Lage beruhigt hat.«
»Beruhigt hat? Vergiss es. Die Lage ist explodiert.« Ich stehe auf und will gehen. Ich bin noch nie so wütend gewesen.
»Ich werde mit den Mädchen zu Nana fahren, damit sie sie mal wiedersehen. Was machst du?«
Ich ignoriere sie und starre aus dem Fenster.
»Leighton, ich will keine überstürzten Entscheidungen treffen. Das hier ist meine Ehe.«
»Du klingst lächerlich.«
»Ich bin immer noch deine Mom. Das ist nicht deine Entscheidung. Und es ist auch nicht deine Aufgabe, dich um die Mädchen zu kümmern.«
»Tja, irgendwer muss es ja tun.«
Die Worte sitzen und ich verstumme, nachdem sie heraus sind. Mom wendet sich ab, aber ich seh noch den Schmerz in ihrem Gesicht. Ich spüre eine Scham, die wie ein Splitter unter der Haut sitzt, und ich hasse es, dass ich mich schuldig fühle, weil ich ihr Schmerzen bereitet habe, wo sie meine doch so geflissentlich übersieht.
»Ich brauche Zeit, Leighton«, sagt sie. »Ich muss drüber nachdenken.«
Es ist nicht viel, aber es ist alles, was sie zu bieten hat.
»Dann brauch ich auch Zeit. Ich fahr nicht mit zu Nana. Ich bleib das Wochenende über bei Sofia. Wir sehen uns dann am Sonntag.«
»Wir könnten das Wochenende als Familie verbringen.«
Familie.
»Die Kunstausstellung meiner Klasse findet am Wochenende statt. Es ist erwünscht, dass wir da sind. Es ist notenrelevant.«
Schachmatt.
Ein zäher Moment des Schweigens liegt plötzlich wie ein Absperrband zwischen uns. Wir haben keine halb fairen Worte mehr für einander. Alles, was es noch gibt, ist, uns anzuschreien, und es ist, als ob wir das beide wüssten.
»Dann bis Sonntagabend, Leighton.«
Sie geht nach oben und ich höre, wie sie herumläuft und die Mädchen weckt. Alles für sie einpackt. Als wenn es ein Spaß wär. Als wenn wir nicht aus Angst wegliefen. Ich schlüpfe in mein Zimmer, um auch eine Tasche fürs Wochenende zu packen.
Als ich fast fertig bin, kommt Campbell ins Zimmer geschlichen.
»Was ist passiert?«
»Wir haben gestritten.«
»Sie verlässt ihn nicht.« Es ist keine Frage. Campbell scheint schon gewusst zu haben, was das Ergebnis der letzten Nacht sein würde: nichts.
»Ich brauche ein bisschen Abstand zu ihr. Kommt ihr beiden zurecht?«
»Klar«, sagt Cam. »Wir sind gern bei Nana.«
»Okay«, seufze ich. »Ich klär das.«
Campbell dreht sich um und schaut zu mir hoch.
»Ich weiß, Leighton«, antwortet sie. Ich kenne diesen Ton in ihrer Stimme, wenn sie nicht ganz die Wahrheit sagt.
Sie glaubt mir nicht.
Auch ich bin mir nicht sicher.
Mom und die Mädchen brechen zu Nana auf, aber Liam ist immer noch nicht da, um mich zur Schule zu fahren. Ich nehme meine Taschen und verlasse das Haus. Ich will nicht da sein, wenn er beschließt zurückzukommen. Ich laufe in die ungefähre Richtung von Liams Haus. Auf beiden Seiten der Straße erstrecken sich kilometerweit die schneebedeckten Felder. Mit Krähen gesprenkelt. Hunderte und Aberhunderte Krähen. Nach fünf Minuten sehe ich ein Auto die Straße entlangkommen. Und das Ding in meiner Brust rührt sich. Es ist kein Angeber-Auto, sondern ein alter Ford. Liam. Er hält am Straßenrand, beugt sich hinüber und drückt die Beifahrertür auf.
»Verdammt, was ist, Leighton?«
»Schlimme Nacht«, antworte ich.
»Seid ihr alle –?« Seine Hände krampfen sich um das Lenkrad.
»Okay. Alles gut. Ich erzähl’s dir später, versprochen. Du bist spät dran heute.«
»Ja, hab ich dir doch gesagt – Flughafen, erinnerst du dich? Musste meine Eltern und Fiona wegbringen. Wegen des Tanzwettbewerbs.«
»Shit. Tut mir leid. Hatte ich total verdrängt.«
»Schon gut.«
Wir fahren zur Schule und ich lasse mich von dem alten Auto aufwärmen. Nach ein paar Minuten fasst Liam herüber und nimmt meine Hand. Er sagt nichts weiter während der Fahrt, sondern hält sie nur dort – meine Hand fest in seiner. Als wir eingeparkt haben, schaut er hoch: »Willst du’s mir jetzt erzählen?«
»Ich will schon, aber ich muss Sofia finden. Meine Mom ist mit den Mädchen zu meiner Großmutter gefahren, aber ich wollte nicht mit, deshalb muss ich das Wochenende bei ihr pennen.«
»Oder auch nicht.«
»Was?«
»Meine Eltern und Fiona sind bis Sonntag bei diesem Tanzwettbewerb. Es ist genug Platz – das Gästezimmer gehört ganz dir, deshalb musst du dir keine Sorgen wegen Übernachten machen und …«
»Und was?«
»Es wär einfach schön, dich ein paar Tage in Sicherheit zu wissen.«
»Oh. Ähm.«
»Oder nicht. Ist ganz deine Entscheidung. Wir können gern auch Sofia suchen.«
»Nein, der Gedanke gefällt mir, Liam. Ich werde bei dir übernachten.«
Wir schwänzen die Hälfte der ersten Stunde auf dem Schulparkplatz und ich erzähle Liam eine Kurzversion der Ereignisse von letzter Nacht. Er flucht ein paarmal leise, aber ansonsten unterbricht er mich nicht. Bis ich erzähle, dass sie kein Kontaktverbot will.
»Sie will es nicht mal versuchen?«
»Nope. Sie hat gemeint, sie muss über vieles nachdenken.«
»Was soll das denn bitte heißen?«
»Dass wir alle wieder zurückkehren werden. Am Sonntag.«
»Ich versteh nicht, wie du dabei so ruhig bleiben kannst, Leighton.«
Für mich ist diese ganze Leier vielleicht uralt, aber er
kennt sie noch nicht. Den Terror, die Erleichterung und die Erkenntnis, dass sich nichts geändert hat. Wieder mal. Das immer wiederkehrende alte Lied, aber Liam hat es noch nie gehört.
»Tut mir leid, ich nerve.«
»Du nervst nicht, Leighton. Schließ mich nur einfach nicht aus, okay?«
»Ja, ich hör auf. Tut mir leid. Abwehrmechanismus.«
Er beugt sich herüber. »Das wird schon. Wir werden eine Lösung finden.«
»Ja, gut. Lass uns nur erst den Schultag überstehen.«
»Einverstanden«, sagt er und lässt meine Hand los. Ich will noch mal nach seiner greifen, halte mich aber zurück. Wir werden keine Lösung finden. Das hier ist nicht sein Chaos. Ich werde eine Lösung finden.
Ein paar Stunden später lasse ich das Mittagessen aus und schleiche mich stattdessen ins Zeitungsbüro. Ich brauche ein paar Minuten der Ruhe – und Zurückgezogenheit –, um ein bisschen zu recherchieren. Ich gebe »Kontaktverbotsregeln in Pennsylvania« ein und drücke auf Enter. Dann scrolle ich eine halbe Stunde lang. Ich lese Beispiele von Kontaktverboten. Worte wie »krankenhausreif« und »Platzwunden« wandern über den Monitor. Die Bilder sind erschreckend. Körper, die mehr Prellungen als normale Haut zeigen. Und ich spüre, wie er langsam in mich hineinkriecht, so wie er das immer tut: der Zweifel.
Wann immer das Thema in den Nachrichten auftaucht, ist die fast unmittelbare Reaktion der Leute, die Situation herunterzuspielen. Nach Ungereimtheiten zu suchen. Sich zu fragen, wie es sich auf die Männer auswirkt, wenn wir plötzlich alle den Frauen glauben, die sagen, dass sie misshandelt wurden oder Angst haben. Und ich habe panische Angst davor, dass sie das Gleiche bei mir tun könnten, wenn ich etwas sage. Dass sie fragen, wie ich es wagen kann, seinen Ruf zu ruinieren wegen nichts als ein paar harmloser Vergehen. Dass sie sagen, ist doch alles gar nicht so schlimm. Dass ich überreagiere.
Oder vielleicht ist es sogar noch viel simpler. Dass sie einfach von mir erwarten zu akzeptieren: So ist das nun mal.
Vielleicht ist Angst ja der Preis, den Frauen dafür bezahlen müssen, überhaupt auf der Welt sein zu dürfen.