47. KAPITEL

Unser Freitagabend verläuft ereignislos und ich bin dankbar dafür.

Liam zeigt mir, wie die Dusche funktioniert. Ich habe vergessen, ein Shirt zum Schlafen einzupacken, deshalb überlässt er mir eines von seinen. Ein altes Footballshirt, das mir fast bis zu den Knien reicht. Als ich oben den Flur entlanglaufe, streiche ich mit den Fingern über die Bilderrahmen und bewundere, wie die Wände in diesem Haus die Dinge festhalten.

Liam bietet an, Abendessen zu machen, und während er es tut, tapse ich in den Keller, um einen Film aus seiner Superheldensammlung auszuwählen.

Wir treffen uns oben in ihrem Wohnzimmer. Auf dem Kaffeetisch steht ein riesiges Tablett mit Sandwiches.

»Hier hätten wir also unsere klassische Auswahl an Erdnussbutter- und Marmeladen-Sandwiches«, zeigt er. »Und ein paar Nutella-Varianten wären hier. Und zum Nachtisch gibt es Erdnussbutter und Marshmallow-Schaum.

Ich lache über die ausführliche Erläuterung.

»Perfekt. Vielen Dank. Und hier habe ich alle Superheldenfilme mit Frauen auf dem Cover ausgewählt.«

»Also … zwei.«

»Ja …«

»Nun, was uns an Quantität in puncto Superheldenfilme mit Frauen in der Hauptrolle fehlt, machen die beiden aber an Genialität locker wett. Such dir aus, welchen du willst.«

»Okay. Wonder Woman. Die sieht so aus, als könnte sie mich mit dem kleinen Finger killen.«

Wir machen es uns auf dem Sofa bequem und nehmen uns was von dem Sandwichtablett.

»Ich fühle mich so rebellisch«, sagt Liam, während er in ein Sandwich beißt.

»Wieso das? Weil ich bei dir übernachte?«

»Nein, weil wir auf dem Sofa essen. Meine Mom würde ausflippen, wenn sie das wüsste.

»Liam?«

»Ja?«

»Glaubst du nicht, sie hätte vielleicht überhaupt was dagegen, dass ich hier übernachte?«

»Nee, das würden meine Eltern verstehen. Mildernde Umstände.«

Als wir mit Essen fertig sind, stellt Liam den Teller ab und zieht danach meine Beine über seinen Schoß. Wir sitzen eng umschlungen und zufrieden da, während wir den Film gucken. Einmal glaube ich, dass er sich zu mir beugt, um mich zu küssen, doch er greift nur nach einer Decke, die er über unsere Beine wirft, und schaut danach gleich wieder zum Bildschirm. Schließlich muss er meinen Blick doch spüren, denn plötzlich sieht er mich an.

»Alles okay, Leighton?«

»Yep«, antworte ich. »Hab mich nur gefragt, ob wir irgendwann noch mal ein bisschen rummachen.«

Liam lacht und zieht mich weiter auf seinen Schoß. Ich muss mich ein bisschen umdrehen, um ihn zu küssen, und es würde nur eine winzige Verlagerung meiner Beine bedeuten, dass sie zu beiden Seiten seiner Hüfte landen. So weit waren wir schon mal, aber das war auf dem engen Vordersitz eines Autos.

Nicht in einem leeren Haus.

Liams Hand schiebt sich unter den Rand meines Shirts. Oder richtiger: seines Shirts, das ich trage. Seine Finger wandern langsam über meinen Bauch und die Rippen. Die Bewegungen sind so unüberstürzt wie immer. Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, den BH wieder anzuziehen, und als seine Hand meine Brust streift, schnappen wir beide nach Luft. Er zieht sich schnell zurück, nimmt die Hand aus dem Shirt und hebt mich vom Schoß.

»Was ist, Liam?«, frage ich etwas desorientiert durch den plötzlichen Abbruch unseres unausgesprochenen Plans, den Rest des Abends rumzumachen.

Liam zieht die Beine an und schaut mir in die Augen. Er wirkt todernst und ich spüre, wie mein Magen ein bisschen nach unten sackt. Irgendwas stimmt nicht.

»Hör zu, Leighton, nicht dass mir das hier nicht gefällt, aber ich fürchte mich davor, wo es hinführt.«

»Oh?«

»Ja, ich meine, versteh mich nicht falsch. Ich will das eindeutig, ich will es mit dir, aber ich glaube echt nicht, wir kriegen das heute hin, ohne dass ich das Gefühl habe, dich irgendwie auszunutzen.«

Ich spüre, wie Wut in mir hochsteigt. Weil ich meinem Dad bei dem hier keinen Raum geben will. Er darf mir nicht das Gefühl geben, ein Fremder in meinem eigenen Zuhause zu sein, den Mädchen Angst machen, Mom wehtun und auch noch irgendeinen Einfluss auf das haben, was zwischen Liam und mir passiert. Das ist nicht fair. Das geht echt nicht. Das hier gehört mir. Mir und Liam.

»Liam, hör auf. Du darfst nicht das Schöne hier mit dem Schlimmen in Verbindung setzen, das würde ich dir nie verzeihen. Ich schwöre dir, du hast mich nie bedrängt. Und wenn wir je etwas tun, wird es nur passieren, weil wir es beide wollen.«

Er wirkt nicht überzeugt.

Ich stehe auf, suche meine Tasche und wühle rabiat drin herum. Shit. Ich kämpfe gegen Tränen der Wut an und sehe nichts in dem dunklen Innern, deshalb kipp ich den ganzen Inhalt einfach auf den Boden. Da. Ich greife nach einer kleinen Schachtel und reiche sie ihm.

»Was ist das?«, fragt er.

»Mach sie auf.«

Er öffnet die Schachtel und untersucht sie ein paar Sekunden.

»Wir hatten schon den exakt gleichen Aufklärungsunterricht, oder?«, frage ich.

»Shit, ja. Tut mir leid. Das heißt … du nimmst die Pille?«

»Ja. Schon seit einer Weile. Also keine übereilten emotionalen Entscheidungen von meiner Seite. Ich hab es mir überlegt und mich vorbereitet. Und das heißt nicht, dass ich heute bereit bin oder so, aber wenn wir es tun würden, dann nicht, weil ich zu Hause Stress hab oder Angst oder irgendwas, sondern weil ich dich mag und weil ich es will.«

»Okay, kapiert. Tut mir leid.«

»Danke.«

»Ich hab ehrlich nicht gewusst, dass du ernsthaft darüber nachdenkst. Wir können uns alle Zeit der Welt nehmen.«

»Das können wir immer noch. Mein ursprünglicher Zeitplan war, noch bis Juli zu warten, aber nach dem Autovorfall bei unserem ersten Date war ich mir nicht sicher, ob wir es so lange durchhalten.«

Liam lacht. »Klar, dass du einen Zeitplan hast. Und wieso Juli?«

»Neun Monate nach unserem ersten Date. Schien mir logisch, dass wir keinen Sex haben sollten, wenn wir nicht mal eine Beziehung hinkriegen, die die Zeit einer Schwangerschaft hält.«

»Wow. Das ist logisch.«

»Zu logisch?«

»Nur ein bisschen«, sagt Liam, mildert den Satz jedoch mit einem Kuss ab. »Aber voll okay.«

»Ja?«

»Im Ernst, alles absolut gut. Es macht schon Spaß, aber das hat alles andere auch, was wir bisher zusammen gemacht haben. Ich mag dich sehr, Barnes.«

»Ja, ja, ich wette, das sagst du zu allen Mädchen, Liam McNamara.«

Liam dreht sich auf der Couch, sodass er mich direkt ansieht. »Nein. Hör zu, ich weiß, ich hab viele Beziehungen gehabt, aber nur, weil das bei uns eben so läuft – jetzt verdreh nicht die Augen, lass mich zu Ende reden. Die Mädchen, mit denen ich zusammen war, waren Freundinnen und es ging dabei immer um Prestige und sozialen Status. Wir mochten uns eigentlich nicht mal auf diese Art. Es war … alles oberflächlich. Aber so empfinde ich nicht bei dir.«

»Oh«, sage ich. Mehr fällt mir nicht ein, weil ich keine Ahnung habe, worauf er hinauswill.

»Ja. Ich bin mir ganz sicher, Barnes, dass ich dich liebe.«

»Oh.«

Auf der Liste meiner möglichen Erwartungen für dieses Wochenende stand eine Liebeserklärung von Liam McNamara ungefähr auf Platz 167. Es war nichts, worauf ich gehofft hatte. Und wenn ich es genau überlege, weiß ich gar nicht, wie ich mich dadurch jetzt fühle. Liebe ist kompliziert.

Aber dann denke ich an eine andere Definition von Liebe. Wie die zwischen Freundinnen, Schwestern. Ich denke daran, wie sehr ich Junie und Cam liebe, und merke, dass es überhaupt nichts mit Erwartungen oder Versprechungen zu tun hat. Es geht nur darum, jemanden zu lieben, ohne Grund, ohne Zeitrahmen oder ein mögliches Ende im Kopf. Vielleicht ist es ja in Ordnung, für den Augenblick zu lieben, und es muss nicht mit Absichten oder Zielen verknüpft sein. Wir müssen nicht erwachsen werden und heiraten wollen, um diesen Moment zu genießen.

Aber ich bin noch nicht bereit.

»Liam, hör zu –«

»Nein, warte. Hör du zu. Das ist genau dasselbe wie mein zu schnelles Herangehen beim Körperlichen nach einer Woche voll Stress. Also sag jetzt nichts.«

»Bist du sicher? Ich – das ist alles ein bisschen viel.«

»Sag nichts weiter. Soll ich es noch einmal wiederholen? Ich hab diese Theorie, dass, wenn etwas peinlich ist, man es einfach zulassen sollte. Peinlichkeit hoch zehn. Sie kann sich nicht aufrechterhalten. Ganz einfach: Ich liebe dich, Leighton.«

»Das ist komisch. Du hast mich nicht Barnes genannt.«

Liam lacht und die Spannung löst sich auf wie ein gebrochener Bann. Er hatte recht: Potenziert peinlich funktioniert. Ich beuge mich zu ihm und küsse ihn. Er umfasst meinen Kopf, meinen Nacken. Sein Daumen streicht leicht über mein Gesicht, als ich zurückweiche.

»Ich glaube, ich auch«, sage ich, als wir uns lösen. Dichter heran, den Satz auszusprechen, schaffe ich nicht. Im Moment jedenfalls. »Aber keine Versprechungen, okay?«

»Was meinst du damit?«

»Ich meine, lass uns nicht so tun, als würden wir für immer zusammenbleiben, und uns dann gegenseitig kaputt machen, wenn es nicht klappt. Und lass uns die ganzen unrealistischen Erwartungen vermeiden, dass wir glücklich zusammenleben werden bis an das Ende unserer Tage.«

»Ach so. Einverstanden. Mich interessiert nur der Sex.«

»Liam!« Ich boxe ihm gegen den Arm. »Ich bin aber wirklich gern mit dir zusammen«, ergänze ich, um meine Nicht-Liebeserklärung abzumildern.

»Auch einverstanden.«

»Obwohl du ein arroganter Idiot bist.«

»Auch wenn du ein Nerd bist«, kontert er.

»Also …«

»Keine Versprechungen.«

»Keine Versprechungen.«

Wir schauen den Film zu Ende, aber ich bin mit meinen Gedanken woanders. Es macht vierundzwanzig Stunden kompletten emotionalen Aufruhr ein bisschen leichter, mit so einem guten Resultat abzuschließen.