48. KAPITEL

Ich werde lange vor Sonnenaufgang wach – von einem leichten Regen, der gegen das Fenster schlägt. Einen Moment lang ist mein Kopf ein absolut unbeschriebenes Blatt, wach, aber noch nicht bei Bewusstsein. Ich bin nichts als ein atmendes Etwas im finstersten Schwarz. Namenlos und schwebend. Ein einsamer Vogel am Nachthimmel, schwerelos und frei. Doch es vergeht nur eine kurze Zeit, dann spüre ich mein Gewicht auf der Matratze, das mich zurück auf die Erde zieht. Ich merke, dass das Fenster, auf das ich schaue, nicht meines ist, und die Schwerkraft – die Wirklichkeit – holt mich ein und erdet mich. Ich bin mir des nackten Arms bewusst, der sich um meine Rippen schlingt. Eine größere Hand umschließt meine. Liams warmer Atem berührt meinen Nacken. Oh ja, richtig. Wir schlafen zusammen. Es ist nichts passiert, wir wollten uns einfach nur nah sein.

Ich habe seit einer Ewigkeit nicht mehr so tief geschlafen. Kein Knarren und keine Geräusche, die mich wecken, mich überlegen lassen, ob dies die Nacht ist, in der etwas wirklich Schlimmes passiert. Ich liege in Liams Bett, betrachte die Schemen in seinem Zimmer und versuche mich zu erinnern, was sie bei Tageslicht waren. Diesmal ist der Schlaf das geflügelte Wesen, das nicht zu greifen ist.

Wir sind nicht allein.

Ich löse mich aus Liams Arm und gehe barfuß über die kühlen Holzdielen zum Fenster. Joe sitzt in dem Baum vor Liams Fenster. Er schaut Richtung Straße und wirkt fast wie die Statue eines Vogels und nicht wie eine echte Krähe. Ich frage mich, ob er die ganze Nacht dort gesessen hat. Ich frage mich, ob er schon hundert Jahre da sitzt und beobachtet. Er wirkt wie erstarrt in der Zeit. Doch gerade, als ich es denke, dreht er den Kopf und ich sehe sein schwarzes Auge, die grauen Federn, den scherenscharfen Schnabel, der vom Licht der Straßenbeleuchtung hervorgehoben wird.

»Gute Nacht, Joe«, flüstere ich und lasse das Rollo herunter.