49. KAPITEL

Die Menschen glauben, Krähen verheißen Krieg und Tod.

Aber meine Recherchen haben ergeben, dass das nicht stimmt.

Krähen symbolisieren im Grunde eher Veränderung. Neubeginn. Manchmal kann das Tod bedeuten, aber für gewöhnlich markiert die Ankunft des Vogels sowohl in der Literatur als auch in der Geschichte eher ein großes Erwachen. Eine Auflösung des Status quo.

Liam ist bereits aufgestanden, als ich wach werde. Ich bin blitzschnell bei vollem Bewusstsein, hypersensibel bei der Vorstellung, dass ich in dem Bett eines Jungen geschlafen habe. Ich schaue aus Liams Fenster. Kein Joe heute Morgen, aber draußen auf dem Fensterbrett liegt eine Sammlung seltsamer kleiner Dinge. Ich schiebe das Fenster auf und hole die Geschenke herein: eine Schraube und ein Streichholzmäppchen. Ich betrachte sie genau und erinnere mich, dass einige der Geschenke, die Joe gebracht hat, uns selbst gehörten, aber diese hier scheinen zufällig ausgewählt. Ich schiebe sie in meine Tasche, damit Juniper sie zu der Sammlung hinzufügen kann, die sie zu Hause sorgsam auf ihrer Kommode ausgelegt hat. Bevor ich nach unten gehe, schnappe ich mir Mr Jelly von Liams Schreibtisch und lege ihn an seinen Ehrenplatz in der Mitte des Betts zurück.

Ich finde Liam in der Küche. Er ist schon geduscht und für die Kälte draußen angezogen.

»Oh.« Ich bin überrascht. »Hast du was vor?«

»Wir haben was vor«, antwortet er. »Wir machen eine Wanderung.«

»Aber … es ist kalt.«

»Ja, tut gut. Belebt.«

Ich runzle die Stirn. Er ist eindeutig ein Morgenmensch. Und er liebt Wandern.

»Liam, ich fürchte, das funktioniert nicht zwischen uns.«

Er lacht und reicht mir einen Schal. »Hier, ich hab superkuschlige Sachen, die du dir ausleihen kannst. Sobald wir uns bewegen, wird dir schon warm.«

Liam öffnet die Vorratskammer.

»Zimtapfel? Ahorn mit Zucker?«

»Ahorn.«

Er zieht einen Instant-Haferbrei raus und bereitet ihn für uns zu. Erst als der Brei fertig ist und abkühlt, probiert er eine andere Taktik.

»Wandern ist nicht wie Joggen. Es geht gemächlich. Wir können Vögel beobachten. Nenn es von mir aus Krähenforschung.«

»So kannst du meine Kolumne nicht gegen mich ausspielen«, sage ich und zeige mit dem Löffel auf ihn.

»Ich bin sicher, das habe ich gerade getan.«

Ich mache erneut den Mund auf, aber ich weiß nichts zu sagen. Die Kunstausstellung ist erst heute Abend und die frische Luft tut ja vielleicht ganz gut.

»Gut, in Ordnung. Ich bin dabei.«

»Prima. Wir treffen die andern in dreißig Minuten.«

»Welche andern?«

»Amelia und Sofia wandern mit.«

»Wann hast du das – ach, vergiss es. Ich will gar nicht wissen, wie viel du und Sofia heimlich zusammen austüftelt.«

»Das ist wahrscheinlich auch besser. Komm, auf geht’s.«

Und mit diesen Worten drückt er mir einen Reisebecher in die Hände und schon stehen wir vor der Tür und fahren zu den Wanderwegen ganz in der Nähe der Schule. Wir biegen auf den vertrauten Parkplatz ein, wo Amelia und Sofia bereits warten und uns zuwinken.

»Hey, das ist mein Lieblingsparkplatz in Auburn«, sage ich.

»So ein Zufall, meiner auch«, antwortet Liam.

Ich nehme einen Schluck aus dem Becher, den er mir vorhin gegeben hat. »Moment, das ist doch heißer Kakao.«

»Mhmm, köstlich.«

»Kaffee ist köstlich und enthält Koffein.«

»Kaffee ist nicht köstlich, du Ungläubige. Und du weißt genau, dass ich keinen Kaffee trinke.«

»Was hast du überhaupt gegen Kaffee?«

»Äh …« Liam fährt sich mit der Hand über den Kopf, was er, wie ich festgestellt habe, jedes Mal tut, wenn er nicht sicher ist, was er sagen soll. Ein kleiner Platzhalter, der ihm Zeit gibt, seine Gedanken zu ordnen. »Du weißt doch, dass ich mich manchmal wegen irgendwas total verbeiße. Ich denk zu viel nach. Koffein verstärkt diesen Prozess noch.«

Ich denke an die Uni-Broschüren auf seinem Schreibtisch, die Sache mit seiner Brille und den Perfektionismus in fast jedem Bereich seines Lebens, und plötzlich wird alles klar.

»Das leuchtet ein. Tut mir leid, dass ich so neugierig war.«

»Kein Problem.« Er lässt das unangenehme Thema fallen und schenkt mir sein gewinnendes Lächeln. »Bist du bereit?«

Wir wandern schnell und atemlos durch die kalte Luft. Sofia und Amelia lachen ein Stück weiter vorn.

»Hey, ich hab ganz vergessen zu fragen, welche von deinen Sachen du heute in der Ausstellung zeigst.« Vor ein paar Tagen haben wir unsere Mappen eingereicht und mit unserem Kunstlehrer überlegt, welche Arbeiten ausgestellt werden sollen.

»Oh, ich weiß nicht genau. Ich wollte unbedingt, dass er die Mondlandschaften nimmt, aber Mr Taylor gefiel eine andere Arbeit besser. Und du?«

»Porträt einer alten Krähe.«

»Gut, das mag ich.«

Ich denke an Joe und die Geschenke in meiner Tasche und muss schmunzeln.

Ich mag es auch.

Wir erreichen einen der Aussichtspunkte und haben einen perfekten Blick über Auburn. Die Stadt wirkt so klein von hier oben.

Amelia und Liam fangen an, über das Schülerparlament zu reden, und ich sitze neben Sophia, die nach dem Reisebecher in meinen Händen greift.

»Mmmh, heiße Schokolade«, sagt sie, nachdem sie einen Schluck getrunken hat. »Sehr gut, du trinkst sowieso zu viel Koffein.«

»Ich trinke genau die richtige Menge, vielen Dank.«

»Und?«, fragt Sofia. »Wie war’s letzte Nacht?«

Ich schaue über die Schulter zu Liam, doch es scheint nicht, als ob er uns hören kann. Amelia und er schauen hoch und ich folge ihrem Blick. Dutzende Krähen schwingen sich gleich hinter dem Rand des Aussichtspunkts empor.

»Äh, schön. Sehr … ereignisarm.«

»Oh ja?« Sofia sieht mich an und zieht die Augenbrauen hoch.

»Okay, ja, es gab was.«

»Oh mein Gott, ich wusste es.«

»Nicht das. Liam hat gesagt, dass er mich liebt.« Ich schaue noch mal, ob er uns auch wirklich nicht hören kann.

»Wow.«

»Ja.«

»Echt … wow«, sagt Sofia und reicht mir die heiße Schokolade zurück.

»Yep.«

Die Krähen steigen und lassen sich wieder fallen und es erinnert mich an den Morgen im Regen, als Liam und ich sie spielen sahen. Heute scheint es, als ob sie den Wind reiten.

»Und du …?«

»Oh, ich hab die Panik gekriegt.«

»Na klar«, sagt sie, lacht und legt mir den Arm um die Schulter. »Lass dir Zeit damit, Leighton. Der Junge hat sich … na ja, so ziemlich vom ersten Tag an in dich verguckt. Und ich glaube, du auch. Aber das heißt ja nicht, dass du was sagen musst, wozu du noch nicht bereit bist.«

»Ja? Und ich bin nicht frigide?«

»Leighton, du hast das größte Herz von allen, die ich kenne.« Einige der Krähen sinken herab und landen auf den Bäumen unterhalb des Aussichtspunkts. Und ein neuer Schwarm steigt wie eine dunkle Wolke empor. Dr. Cornell hat mir ein weiteres Update zu den Krähen geschickt – eine Art thermische Karte, die Experten nutzen, um Verhaltensweisen bei der Vogelwanderung nachzuvollziehen, und geschrieben, dass sie diese Methode auch auf Auburn angewandt haben. Für mich sah das Ganze wie eine riesige rotbraune Masse aus, doch Dr. Cornell hat mir in seinen Anmerkungen erklärt, dass die Vögel meistens in Richtung der Berge und Wasservorräte gezogen werden. Der Gemeinderat von Auburn will als Nächstes versuchen, Falkner einzusetzen. Sie sollen Habichte fliegen lassen, um dem Krähenbestand zuzusetzen und die Vögel zu ermuntern, die Stadt wegen eines natürlichen Feindes zu verlassen.

Aber Krähen sind klug und einfallsreich. Lösungsorientiert. Ich denke, nichts von dem, was die Stadt versucht, wird funktionieren.

Die Krähen werden verschwinden, wenn sie es wollen.

Und wenn sie es tun, hoffe ich, dass sie sich hüten werden zurückzukommen.