5. KAPITEL

Wenn es je eine andere Version von Campbell Grace Barnes gegeben hatte, dann hatte ich sie verpasst. So weit meine Erinnerung zurückreicht, war sie schon immer die Ernste. Ich bin die Leserin, klar, aber Cammy war immer die Nachdenkliche. Sie denkt, während sie sich die Haare kämmt und ihre Finger rabiat die Knoten in den glatten, glänzend roten Strähnen entwirren. Sie denkt, während sie ihr Müsli isst und mit der einen Hand den Löffel hält und die andere gegen die Tischplatte trommelt. Ein Stakkatorhythmus, der ihre Gedanken begleitet. Sie denkt, wenn er schreit und mit Dingen um sich wirft.

Meistens habe ich keine Ahnung, was Campbell denkt. Ich kenne sie besser als jeden anderen Menschen, aber ihr Verstand ist der reinste Marianengraben und es gibt Tiefen, die ich nie erreichen werde. Das ist schon in Ordnung. Sie kann von mir aus sämtliche Geheimnisse des Universums bewahren, solange sie wenigstens manchmal noch Kind bleibt. Mehr will ich ja gar nicht. Und genau das ist sie, wenn sie mit ihrem Fahrrad loszieht.

Campbell liebt Mom, Juniper, mich und ihr Fahrrad – und ich weiß nicht, ob das Fahrrad bei ihr auch an vierter Stelle kommen würde, wenn sie eine Rangordnung angeben müsste. Sie ist besessen von ihrem Rad. Jeden Tag nach der Schule kommt sie nur nach Hause, um ihren Rucksack in die Ecke zu schmeißen, und schon ist sie wieder weg, fährt die Frederick Street lang und biegt an der Ecke nach links ab. Sie verschwindet in eine bessere Gegend – eine, die man fast als Vorstadt bezeichnen könnte, auch wenn zwischen den Häusern immer noch jede Menge Platz ist. Sie fährt mit ihren Freunden herum, jagt von einer Straße in die nächste und ignoriert sämtliche Helmregeln. Campbell auf ihrem Rad denkt nicht. Und das ist gut.

An unserem vierten Tag in der Schule ist Cammy schon eine halbe Stunde aus dem Haus, als es an der Haustür klopft. Ich springe vom Küchentisch auf, wo ich unter Stress ein paar Uni-Broschüren studiert und mich gefragt habe, ob ich wohl jemals einen Fuß auf einen dieser efeubewachsenen Campusse setzen werde.

Mrs Stieg steht auf ihrer Veranda. Mrs Stieg ist in etwa Mitte siebzig und ich weiß nicht, wie lange sie schon Witwe ist, aber ich habe ihren Mann nicht gekannt. Sie ist nett und grau und großmütterlich. Sie winkt uns gern von ihrer Veranda aus zu, wenn wir zur Bushaltestelle gehen. Mrs Stieg liebt Rosen und sie blühen jeden Sommer in Hülle und Fülle in ihrem Garten. Mrs Stieg ignoriert gern ihre Haustür, wenn mitten in der Nacht jemand klopft.

»Kann ich Ihnen helfen?«, frage ich und überlege, wieso ich mich genötigt fühle, zu jemandem höflich zu sein, der nicht bereit ist, für mich die Polizei zu rufen – weshalb ich verpasse, was sie erwidert. Irgendwas wegen Campbell.

»Wie bitte?«

»Mein Garten auf der Rückseite des Hauses. Deine Schwester und ihre Jungs sind da gestern durchgefahren und haben meine Mister Lincolns zerstört.«

Ihre Jungs. Campbells Fahrradfreunde sind zufällig hauptsächlich Jungs. Mrs Stieg hat schon immer gern deutlich gemacht, wie sehr ihr das missfällt.

»Mister Lincoln?«, wiederhole ich.

»Meine Rosen. Sie haben ein Rosenbeet kaputt gemacht.«

»Oh, das tut mir leid«, antworte ich. »Aber das klingt überhaupt nicht nach Cammy.«

Doch, tut es.

»Das habe ich mir auch gedacht, meine Liebe. Es sind diese Jungs, mit denen sie die Nachmittage verbringt. Sollte ein Mädchen in ihrem Alter nicht Freundinnen haben?«

»Ich finde, ein Mädchen in Cammys Alter sollte ganz einfach Freunde haben, egal ob Mädchen oder Jungen.«

Mein Widerspruch erntet einen strengen Blick.

»Tut mir leid wegen der Blumen. Können wir helfen, sie wieder in Ordnung zu bringen? Ich komme gleich morgen als Erstes mit Campbell vorbei, dann beseitigen wir, was immer da passiert ist.«

Mrs Stieg denkt über das Friedensangebot nach, von dem ich weiter nicht sicher bin, ob sie es nach vorgestern Nacht verdient hat. Doch ich versuche, ihr zu vergeben. Vielleicht hatte sie Zweifel, was sie gehört hatte. Vielleicht hatte sie Angst.

»Also gut. Dann morgen früh um sieben. Und ihr zwei solltet Handschuhe mitbringen.«

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Wir erscheinen um Viertel nach sieben mit Gartenhandschuhen in der Hand, die wir in der Garage gefunden haben, und großen Kaffeebechern. Campbell ist eigentlich überhaupt keine Kaffeetrinkerin, aber so ein frühmorgendliches Dornengemetzel verlangt nach ein bisschen Koffein.

Als ich sie gestern Abend wegen des Gartenunglücks ansprach, meinte sie, es sei ein Versehen gewesen. Ihre Freunde seien mit ihr auf dem Rückweg gewesen und hätten den Berg runter nicht mehr rechtzeitig bremsen können, weshalb sie in den Rosenbusch gekracht seien. Sie zog die Hosenbeine hoch und zeigte mir ihre Dornenkratzer.

»Wieso sollte ich freiwillig in irgendwelche Dornen fahren, Leighton? Das hat echt wehgetan.«

Ich lenkte, wenig überzeugt, ein. Campbell war Sonntagnacht draußen auf dem Dach gewesen. Sie hatte auch gesehen, wie bei Mrs Stieg das Licht an- und wieder ausging. Und wenn irgendeine Dreizehnjährige auf der Welt an Selbstjustiz glaubt, dann Campbell Grace.

Ob es mit Absicht passiert ist oder nicht, wir verbringen als Folge den Morgen mit Gartenarbeit. Wir bekommen Anweisungen von Mrs Stieg und tauchen in das Dickicht aus Zweigen und zerstörten Blüten, das einmal eine Pflanze war.

»Ihr habt das Teil echt niedergemacht«, sage ich und zerre an einem hartnäckigen Strunk. Mrs Stieg will, dass wir alle kaputten Pflanzenteile entfernen, und dann schauen, ob das Ding noch zu retten ist. Wenn nicht, schulden wir ihr einen neuen Busch. »Seid ihr wirklich nur ein Mal da durch?«

Campbell hört mich nicht – oder tut zumindest so. Sie hat ihre Arme in dem Busch vergraben und ich sehe kleine blutige Linien, wo sie die Dornen erwischt haben. »Wieso läufst du nicht heim und ziehst was Langärmeliges an, Cam? Du bist ja völlig zerkratzt.«

»Schon okay«, antwortet sie.

»Wenn du meinst«, knurre ich genervt zurück. Das hier ist ihre Sache. Ich versuche ja bloß zu helfen.

Wir arbeiten schweigend, Blut und Schweiß vermischen sich auf unseren Armen und Beinen, dort, wo die Dornen zustechen.

Wieso gerade Rosen? Von allen Pflanzen, für die man Leidenschaft entwickeln kann – wieso ausgerechnet eine mit einem eingebauten Abwehrsystem? Das wäre doch gerade so, als ob man einen Garten voll Campbells versuchen würde zu bändigen – ein ständiger Kampf und einer, der wahrscheinlich blutig endet.

Gegen neun Uhr sind wir schließlich mit dem Auseinanderziehen des zerstörten Buschs fertig und holen Mrs Stieg, damit sie entscheidet. Der Busch sieht nicht gut aus. Ihm fehlen große Bereiche an Zweigen. Doch sie betrachtet, was übrig ist, und schiebt und zerrt dran herum. Überprüft die Wurzeln.

»Er wird überleben«, sagt sie. »Obwohl wir abwarten müssen, wie zerrupft er bei der nächsten Blüte aussieht.«

Nächste Blüte heißt nächstes Frühjahr, nehme ich an.

»Super. Danke, Mrs Stieg.« Ich muss Campbell in die Rippen stoßen.

»Danke«, sagt sie halbherzig.

»Und hier, bringt die eurer Mutter mit«, sagt Mrs Stieg und reicht mir einen frisch geschnittenen Strauß von einem nicht zertretenen Rosenbusch. Die Rosen sind leuchtend gelb und riechen noch stärker als die Mister Lincolns.

»Junges Fräulein«, sagt Mrs Stieg, während sie sich zu Campbell umdreht und ihre Handschuhe an der Gartenschürze abwischt. »Wie wild durch die Straßen zu ziehen wird dich nicht sehr weit bringen. Du musst die Älteren um dich herum achten.«

»Das tu ich«, antwortet Campbell, doch ich knirsche mit den Backenzähnen bei dem Satz. Nicht alle Älteren verdienen unsere Achtung.

»Wusstet ihr Mädchen, dass mein Mann und ich vierzig Jahre verheiratet waren?«

Es ist nur ganz leicht zu spüren, aber plötzlich herrscht eine Spannung, die vor einem Moment noch nicht da war, und sie hallt auch in meinem Innern wider.

»Das ist super«, murmel ich.

»Mein Mann war nicht perfekt, versteht ihr?«, redet Mrs Stieg weiter. »Männer sind nicht perfekt. Doch es ist ihre Aufgabe, für die Familie zu sorgen, und das bedeutet Stress für sie. Und wisst ihr, was die Aufgabe der Frau ist?«

Campbells Hände ballen sich in der Taille, während ich die Arme vor der Brust verschränke.

Wir wissen genau, worauf das hinausläuft, und es hat nichts mehr mit den Rosen, Cammys Fahrrad oder ihren Freunden zu tun, sondern mit dem, was vorgestern Nacht war. Als ich daran denke, wie groß unsere Angst war, wird mir übel. Ich schmecke Galle und Rosen und die Verbindung von beidem ist das Allerschlimmste.

»Sie sollen ihre Männer unterstützen«, fährt Mrs Stieg fort und weiß nicht, wie nah dran ich bin, mich in ihre Rosenbeete zu übergeben. »Ihnen vergeben. Damit sie den Stress aushalten. Und all das still und leise. Ohne die Männer in Verlegenheit zu bringen oder einen Wirbel zu veranstalten. Versteht ihr, Mädchen?«

Und das ist der Moment, in dem die stille, immer nachdenkliche Campbell beschließt, etwas zu sagen.

»Das ist alles dämlicher Bullshit, Mrs Stieg.«

Und sie dreht auf dem Absatz um, marschiert über die Straße in unser Haus und knallt hinter sich die Tür zu.

Mrs Stiegs Mund steht vor Schock offen. Sie wendet sich mir zu und ich weiß, sie wartet auf meine Entschuldigung. Oder vielleicht sogar meine Entschuldigungen, Plural.

Tut mir leid wegen des Lärms.

Tut mir leid wegen der Störung.

Tut mir leid, dass Campbell geflucht hat, und tut mir leid, dass ich gewagt habe, an Ihre Tür zu klopfen.

»Danke für die Rosen«, sage ich stattdessen und folge Campbell nach Hause.

Ein Teil von mir weiß, dass es dumm ist. Wir haben uns einen Feind geschaffen, wo wir einen Verbündeten bräuchten. Doch ein anderer Teil in mir weiß, dass die süße, alte, großmütterliche Mrs Stieg uns niemals helfen würde. In ihrer Generation hat man gelernt, dass der äußere Schein alles ist. Dass eine gute Ehefrau zu sein wichtiger ist, als glücklich zu sein. Oder sicher.

Mom stellt die gelben Rosen in einer Vase auf einen Tisch am Treppenabsatz, neben die von unserem Vater vom Anfang der Woche. Sie riechen so stark, während sie welken und sterben, dass ich jedes Mal fast würgen muss, wenn ich an ihnen vorbeigehe. Ich rieche die Rosen und denke an Frauen, die von anderen Frauen im Stich gelassen werden. Frauen, denen gesagt wird, dass ihr Gehorsam wichtiger ist als ihr Leben – und das nicht von ihren Männern, sondern von ihren Müttern und ihren Freundinnen. Von Frauen, die bereit sind, einander zuzusehen, wie sie aufgrund von Traditionen und überkommenen Vorstellungen verletzt werden.

Nach ein paar Tagen halte ich es nicht länger aus. Ich trage beide Vasen zu den Mülleimern und werfe die Rosen obendrauf. Ich will sie dort lassen, damit Mrs Stieg sieht, wie sie im Abfall verrotten, doch das tue ich nicht. Ich vergrabe sie unter einem Beutel und selbst der Müll riecht angenehmer als die Süße dieser verdammten Rosen.