50. KAPITEL

Wir sollen bei der Kunstausstellung anwesend sein und neben unseren Zeichnungen stehen. Ich nehme an, es gibt schlimmere Formen von Highschool-Demütigung, aber sicher nicht viele.

Ich stehe neben dem Porträt einer alten Krähe. Es ist die beste Arbeit, die ich in dem ganzen Schuljahr abgeliefert habe, was nicht viel heißt. Liam meint, ich soll im Frühjahr gleich Kunst II als letztes Wahlfach nehmen. Er findet, ich hab »Potenzial«.

Ich habe geantwortet, dass so auch baufällige alte Häuser angepriesen werden, in die jede Menge Arbeit investiert werden muss.

Ich versuche so zu tun, als wenn der heutige Abend wie Pflasterabreißen ist. Einmal kurz ziehen, dann ist der Schmerz vorbei. Doch die Minuten, die ich dort stehe und die Leute mein Bild angucken und kommentieren lasse, sind alles andere als kurz. Die Stadt fühlt sich an diesem Abend besonders winzig an.

Alle neunzig Sekunden schaue ich auf die Uhr.

Sobald der Zeiger auf halb acht springt, jage ich von meinem Platz weg. Ich schwirre durch das Labyrinth der Stellwände, die für die Ausstellung überall in der Sporthalle aufgestellt wurden. Vor einer Wand steht immer noch eine kleine Gruppe von Leuten und ich freue mich sehr für Liam, als ich merke, dass es seine Wand ist. Wir sehen uns an und er runzelt die Stirn.

Ich schiebe mich zwischen den Leuten hindurch, die davorstehen, und will ihn gerade fragen, was los ist, als ich plötzlich seine Zeichnungen sehe. Abrupt bleibe ich stehen. Ich bin jetzt nur noch eine weitere Betrachterin und starre auf die Zeichnung, die Liam in der Ausstellung präsentiert. Sie ist so gestaltet, dass sie wirkt wie das Cover eines Comics.

In der einen Ecke sieht man ein kleines Mädchen mit ausgestrecktem Arm. Eine Krähe hockt auf ihrem Unterarm. Auf der anderen Seite sieht man ein älteres Mädchen. Sie wendet ihr Gesicht ein wenig ab und die Zeichnung zeigt nur ihren Oberkörper, die glatten Haare und ihr zartes Gesicht. Sie hat Flügel, die ihr aus dem Rücken wachsen. Große, dichte Federn sprießen ihr direkt aus den Schulterblättern. In der Mitte dagegen sieht man eine junge Frau. Sie kniet auf dem Boden und weint. Umgeben ist sie von einem Meer aus schwarzen Federn. Sie wirkt einsam. Sie wirkt am Boden zerstört.

Sie sieht aus wie ich.

Ich versuche, es auszublenden, schaffe es aber nicht. Das dritte Mädchen bin ich. Nicht haargenau, aber es besteht eine Ähnlichkeit. Die Form des Kinns. Der Scheitel der Haare. Meine Augen scannen die drei Zeichnungen und finden schließlich das kleine Schild, das darunter klebt und Titel und Künstler nennt.

Diese gebrochenen Flügel: Eine Entstehungsgeschichte
Liam McNamara

Liam sieht mich an. Einen Moment lang vergesse ich, dass neben mir eine kleine Gruppe von Menschen steht und wir mit unseren Mitschülern und Lehrern in der Schule sind. Ich sehe nur ihn, wie er mich anblickt.

»So siehst du mich?«, frage ich.

»Leighton«, antwortet Liam und kommt auf mich zu. Ich weiche zurück.

Ich bin verletzt, ich bin beschämt und ich versuche, zu viele Gefühle gleichzeitig an einem zu öffentlichen Ort zu verarbeiten.

Ich drehe mich auf dem Absatz um und laufe in Richtung Mädchenumkleide. Er folgt mir.

»Leighton, ich bin deine Mitfahrgelegenheit.«

Ich bleibe stehen. Wie könnte ich das vergessen? Er ist nicht nur meine Mitfahrgelegenheit, ich übernachte in seinem Haus.

»Bitte, Leighton, lass uns nach Hause fahren und reden.«

Er sieht elend aus. Er jagt nicht mehr hinter mir her, sondern beugt sich nur gegen das Ende der Tribüne und wartet auf meine Entscheidung.

Ich nicke.

Draußen ist es klirrend kalt und windig und überall herrscht Eisglätte. Liam reicht mir seinen Arm, als wir über den rutschigen Parkplatz schlittern, doch ich nehme ihn nicht. Einmal rutsche ich aus und stehe schweigend wieder auf.

Die Fahrt vergeht stumm, zum Teil, weil ich immer noch wütend bin, zum Teil, weil es auf den Straßen gefährlich glatt ist und ich will, dass Liam sich voll konzentriert. Er fährt in die Einfahrt bei ihm zu Hause.

»Es tut mir leid«, sagt er.

»Ich bin nicht gebrochen«, sage ich, endlich mein Schweigen aufgebend.

»Nein«, antwortet Liam. »Das weiß ich. Ich schwöre, es ist nur ein Bild für die Schule. Ich wollte nicht mal, dass die Zeichnung aussieht wie du. Du bist nur sehr oft in meinen Gedanken und es ist … ganz einfach passiert. Und Mr Taylor gefiel das Bild sehr, ich konnte ihn nicht davon überzeugen, irgendwas anderes auszuwählen.«

»Du hättest es aus deiner Mappe rausnehmen können.«

»Dann hätte ich vielleicht …«

Er schweigt.

»Deine Note aufs Spiel gesetzt? Du wolltest dein A in Kunst nicht riskieren?«

Er seufzt und nickt.

»Ich bin kein zerbrochenes Wesen, das du reparieren musst. Ich bin nicht dein perfekter Notendurchschnitt. Oder deine Harvard-Bewerbung. Ich bin kein Hobby und auch kein Projekt für eine Schulaufgabe.«

»Das weiß ich.«

»Du hättest mich wenigstens warnen können.«

»Das stimmt, ja. Das hätte ich tun sollen.«

Ich bleibe einen Augenblick stehen, sortiere meine Gedanken und wäge meine Gefühle ab. Und mir wird klar, dass ich überhaupt nicht weiß, wie ich streiten und eine Lösung finden soll. Ich hab das noch nie erlebt.

»Ich wollte dich nicht verletzen, Leighton. Es tut mir wirklich leid.«

»Ich weiß«, sage ich. Ich hatte das schon gemerkt, noch bevor ich die Zeichnung sah – das Bedauern in seinem Gesicht, als ich auftauchte.

»Ich weiß, dass du sauer bist, aber kann ich dir den Rest zeigen?«

»Welchen Rest?«

»Den Comic. In der Ausstellung war ja nur das Cover.«

Ich folge Liam ins Haus und wir ziehen unsere warmen Jacken und Boots aus. In seinem Zimmer greift er nach einem dicken Notizbuch, das auf dem Nachttisch liegt, und blättert drin rum. Die Seiten sind in ein Comiclayout unterteilt – mit Gedanken- und Sprechblasen. Er findet ein paar Seiten, die bereits fertig ausgemalt sind. Sie zeigen ein Mädchen, das von Krähen umgeben ist, doch im nächsten Bild steht sie auf. Sie streckt die Arme aus und Vögel landen auf ihnen.

In Liams Zeichnungen verwandelt sich das Mädchen, bis sie mehr Federn als Mensch ist. Eines der Bilder zeigt ihre neuen, wahnsinnig scharfen Krallen.

»Sie ist eine Superheldin. Das ist ihre Entstehungsgeschichte.«

»Ja«, antworte ich leise und fahre mit den Fingern leicht über das Blatt mit den Zeichnungen. »Sie wirkt so furchtlos.«

»Das war die Absicht. Eben nicht gebrochen.«

Ich schaue zu Liam hoch. »Das ist Wahnsinn.«

»Ich habe auch eines für Fiona gemacht. Ihr Helden-Alter-Ego kann Menschen mit ihrem Tanz töten. Und als Nächstes wollte ich etwas für Campbell zeichnen, aber die einzige Kraft, die mir für sie einfällt, ist, dass sie Menschen mit ihrem Verstand tötet.«

Ich muss lachen.

»Campbell würde das sehr gefallen«, sage ich. Liams Finger streifen fast zufällig meinen Handrücken. Ich drehe die Hand um, bis unsere Handflächen aufeinanderliegen.

Ich hätte mich weigern können, den Rest der Zeichnungen anzuschauen. Mich weigern können, überhaupt noch mit ihm zu reden. Es wäre so leicht gewesen, einfach sauer zu bleiben und mich die ganze Nacht mit meiner Wut zu beschäftigen. Doch ich habe gesehen, wie sich diese Art erbarmungsloser Wut immer weiter steigert. Ich will für mich selbst entscheiden, was in mir steckt, und Wut soll nicht dazugehören.