In dem Dunkel im Innern des Kleiderschranks kehren wir zueinander zurück. Es ist still heute Abend, aber nicht ruhig. Es ist unbehaglich. Das Haus fühlt sich in sich selbst unwohl. Die Schatten an den Wänden sind dunkler als sonst. Draußen tobt ein scharfer Wintersturm und wir hören das Gerippe des Hauses, wie es unter dem Druck ächzt.
Meine Aufgabe heute Nacht ist es zu beruhigen – abzulenken. Unsere Kerosinlampe brennt und wir spielen all unsere Spiele. Überall, nur nicht hier und das Schattenspiel. Juniper bittet mich, eine Geschichte zu erzählen, und ich erzähle ihr von einem Mädchen, das aus Blumen besteht. Sie hatte Augen aus Glockenblumen und statt der Haare wuchsen ihr schwere Sonnenblumen, dicht besetzt mit Samenkernen, und die Blüten folgten der Sonne, wenn das Mädchen umherlief. Ihre Finger waren die flauschigen Blätter eines Veilchens.
Das Mädchen, das aus Blumen bestand, wurde von allen sehr geliebt. Sie war sowohl sanft als auch stark und solche Mädchen finden immer Bewunderer. Ihr süßer Duft zog jeden an wie Nektar die Bienen, aber das störte sie nicht. Sie teilte gern ihre Blüten, pflückte mal hier eine Rose von ihrem Handgelenk, mal da eine Dahlie von ihrem schlanken Hals.
Eines Tages verliebte sich das Blumenmädchen in einen Mann, der wie eine Eiche war. Kräftig und stark. Er bot ihr Schatten und Schutz vor den raueren Elementen. Und am allerwichtigsten: Er ließ sie zur Ruhe kommen. Sie senkte ihre Wurzeln tief in die Erde an seiner Seite. Sie wuchs und brachte noch größere und schönere Blütenblätter hervor. Doch dann verlor die Eiche allmählich ihre Blätter und das Mädchen schenkte dem Baum stattdessen ihre Blüten. Sie gab und gab und er nahm sie alle, ohne zu sehen, wie sie ohne die Blätter dahinwelkte. Sie liebte die Eiche zu sehr, um den Baum zu verlassen, doch es gelang ihr gerade schnell genug, neue Blüten zu treiben, dass er sie pflücken konnte. Sie konnte ihre Schönheit nicht mehr mit der Welt teilen, so beschäftigt war sie, ihn glücklich zu machen.
Als die Mädchen eingeschlafen sind, öffne ich die Schranktür und trage die beiden ins Bett. Campbell ist fast zu schwer dafür, doch es gelingt mir so gerade. Ich schiebe Campbells Bücher am Fußende zur Seite – Sammelbände mit Geschichten über Geisterhäuser, ihre jüngste Manie.
Ich greife nach meinem Rucksack und ziehe die neueste Ausgabe der Auburn Gazette heraus. Die Footballmannschaft hat wieder ein Spiel gewonnen und füllt erneut die Titelseite. Auf dem Weg ins Halbfinale. Das erste Mal seit neunzehn Jahren. Ich blättere weiter zu der Seite mit den Jobangeboten und schaue die Anzeigen durch. Die Bücherei braucht Hilfe. Und in der Anwaltskanzlei um die Ecke suchen sie jemanden fürs Vorzimmer. Der Diner braucht ständig Kellnerinnen, aber das ist es auch schon. Ich kringle die aussichtsreichsten ein und dann blättere ich weiter zur Immobilienseite. Es gibt nur ein Haus mit Mietwohnungen in ganz Auburn, doch manche Leute vermieten den Raum über ihrer Garage oder suchen jemanden zur Untermiete. Es gibt ein paar Angebote, die gar nicht so schlecht klingen. Ich kringele auch die ein. Auf der nächsten Seite stehen die Gemeindeinfos. Und ganz unten auf der Seite ist eine Anzeige für den Aufsatzwettbewerb. Im Moment scheint mir die Uni unmöglich. Meine Schwestern allein zu lassen käme mir grausam vor.
Ich lege die Seiten weg, die ich markiert habe, und schnappe mir eines von Campbells Büchern. Sie will immer meine Gazette haben, wenn ich mit der Zeitung durch bin. Doch meine Bewegung stört Juniper, die zwischen uns liegt. Sie kickt Campbells Bücherstapel vom Bett. Der Aufprall wird vom Teppich gedämpft und die beiden werden nicht wach.
Ich hebe die Bücher auf und erwische auch eines von ihren Notizbüchern, das aufgeschlagen am Boden liegt. Campbell hat Zeitungsausschnitte auf die Seiten geklebt. Der Inhalt ist mir bekannt.
Es ist meine Kolumne.
Ich blättere in den Seiten und finde noch andere. Alle. Jede meiner Krähenkolumnen, sorgfältig aufbewahrt. Ihre stille Unterstützung lässt mich schmunzeln.
Doch dann blättere ich noch eine Seite weiter und bleibe hängen. Das da ist keine Kolumne, sondern ein Polizeibericht aus der Gazette.
Jede Woche werden in unserer Zeitung die örtlichen Polizeipressemeldungen abgedruckt.
Und Campbell hat sie ausgeschnitten und aufgehoben. Es gibt Dutzende davon.
»Die örtliche Polizei fuhr aufgrund eines besorgten Anrufs wegen einer älteren Frau in die Pine Street. Die Frau war wohlauf und erklärte, sie reagiere nur nicht auf die Anrufe ihres Sohnes, weil sie auf ihn sauer sei.«
»Die örtliche Polizei rückte zu einem Tiereinsatz aus, nachdem mehrere Anrufer von einem Esel berichteten, der die Main Street entlanglaufe. Den Beamten gelang es, das Tier einzufangen und den Besitzer ausfindig zu machen.«
»Beamte der örtlichen Polizei rückten aus, nachdem sie über einen Einbruch in das Haus 58 West Elm erfuhren. Doch ließen sich keine Anzeichen für einen Einbruch finden. Ein Küchenfenster hatte versehentlich offen gestanden und mehrere streunende Katzen waren ins Haus eingedrungen.«
Ich lege das Notizbuch zurück und drehe mich auf die Seite, um auch zu schlafen.
Campbells Augen sind geöffnet.
»Hey«, sage ich und lege den Kopf auf mein Kissen. Wir können uns aber noch über Junipers Kopf hinweg sehen. »Tut mir leid. Das Buch ist beim Runterfallen aufgeklappt. Ich hätte trotzdem nicht drin lesen dürfen.«
»Schon gut«, sagt sie.
Ich greife über sie hinweg und lösche das Licht.
»Campbell?«, frage ich im Dunkeln. »Wieso hebst du sie auf? Ich meine, die Polizeiberichte.«
Ich weiß, sie liegt nur wenige Zentimeter von mir entfernt, doch es ist pechschwarz im Zimmer. Sie schweigt einen Moment lang und wir berühren uns nicht. Ich strecke die Hand aus, bis meine Fingerspitzen ihren Arm streifen, um mich zu versichern, dass sie noch da liegt und nicht Millionen Kilometer von mir entfernt, so wie es sich gerade anfühlt.
»Eines Tages werden wir dort stehen«, sagt sie und all die kleinen Härchen auf meinem Arm stellen sich senkrecht. »Und das wird bedeuten, dass entweder etwas richtig Gutes passiert ist, wie seine Verhaftung, und wir endlich in Sicherheit sind. Oder es bedeutet, es ist etwas ganz, ganz Schlimmes passiert.«
In meinem Kopf blitzt der Kriechraum auf. Es fühlt sich wie eine Vorahnung an und mir wird schlecht. Ich stelle mir die kleinen Blockbuchstaben der Zeitung vor, die ich so sehr liebe, wie sie mich betrügen und meine Todesnachricht schreiben.
»Es wird etwas Gutes sein, Campbell«, sage ich.
Zu spät. Sie ist schon eingeschlafen.