53. KAPITEL

In meiner nächsten Kolumne zum Thema Krähen berichte ich über die Dezember-Bürgerversammlung im Rathaus. Die Krähen sind sicher auch in früheren Sitzungen Thema gewesen, aber diesmal dient die ganze Zusammenkunft nur einem Zweck: der Entscheidung, wie man die Krähen aus Auburn vertreiben soll.

Ich habe niemanden, der mich hinfährt. Liam ist beim Training und Sofia kann nicht, weil ihre Mom Geburtstag hat. Deshalb bitte ich Campbell um Hilfe und nehme ihr Fahrrad. Fünf Kilometer. Im Dezember. Aber die Luft ist trocken an diesem Abend, es ist auch nicht so schrecklich kalt und ich konnte mich nicht durchringen, meine Eltern zu fragen, ob sie mich fahren. All die Verletzungen der letzten Zeit tun zu weh.

Ich erreiche das Rathaus, die Anstrengung hat mich unter dem dicken Pullover und der Winterjacke ganz schön ins Schwitzen gebracht. Ich lehne Campbells Rad gegen einen Baum und ziehe mich bis aufs T-Shirt aus. Aus dem Augenwinkel erhasche ich ein kurzes schwarzes Aufblitzen direkt neben mir. Ich drehe mich um und sehe eine einzelne Krähe, die nur wenige Zentimeter von mir entfernt auf dem Bordstein hockt. Die Krähe ist allein.

Eine Zigarette hängt dem Vogel aus seinem Schnabel.

»Du solltest damit aufhören«, sage ich, als ich an ihm vorbeigehe. »Die Dinger bringen dich um.«

Als ich eintrete, hat die Sitzung gerade begonnen, also schleiche ich mich nach hinten und lehne mich an die Wand, Stift und Schreibblock bereit.

»Die letzte Krähenjagd war sowieso die totale Pleite«, sagt ein Mann in einer Uniform – der Jagdaufseher.

»Wie viele Krähen haben wir bei der ersten Aktion erlegt?«, fragt einer aus dem Gemeinderat vorne im Saal.

»Äh, das waren … sechshundertdreiunddreißig.«

»Und bei der letzten?«

»Keine.«

»Entschuldigung, haben Sie ›keine‹ gesagt?«

»Keine Vögel.«

»Wie ist das möglich? Wir hatten doch – wie viele? – mindestens dreißig Jäger auf der Liste, oder?«

»Nun, wir sind raus auf die Felder, aber die Krähen flogen zu hoch. Als ob sie wüssten, wie hoch wir schießen können. Als ob sie sich erinnert hätten.«

Ich mache mir eine Notiz, um meinen Ornithologen zu fragen. Wahrscheinlich haben sie sich wirklich erinnert.

»Verrückteste Sache, die ich je erlebt hab«, beendet der Jagdaufseher die Ausführungen. Ich wette, er wäre begeistert, wenn er von Joes Geschenken erführe.

Der Mann aus dem Gemeinderat reibt die Stelle zwischen den Augen. Ich kenne ihn nicht, aber ein paar der andern sind mir als Einwohner Auburns vertraut. Bill DiMarco sitzt da oben, doch diesmal als Bürger der Stadt, nicht als Vertreter der Polizei. Genau wie der Direktor der Mittelschule. Und einer der Schulbibliothekare. In einer so kleinen Stadt müssen Beamte meist mehrere Posten übernehmen, um alle Stellen zu besetzen. Und das da sind die Männer, die über meinen Aufsatz für das Stipendium entscheiden würden.

»Das heißt, die Jagden waren nutzlos. Ich sehe daher keine andere Möglichkeit, als Wildexperten zu beauftragen, extremere Maßnahmen einzuleiten.«

Ein Raunen geht durch die Menge. Die etwa hundert Einwohner, die sich die Mühe gemacht haben, zu der Sitzung zu kommen, wirken in ihren schwarzen Mänteln wie Trauernde.

»Wir haben die Möglichkeit, die Sache zu delegieren – an Leute, die schon mit hohen Vogelkonzentrationen zu tun hatten. Die verwenden Leuchtgeschosse, Blitze und Lärm. Die Idee dahinter ist, die Vögel so zu überfordern, dass sie abziehen. Das Ganze wird teuer. Und es wird laut. Damit eröffne ich die Diskussion zu dem Thema.«

Eine Frau ganz vorn erhebt sich als Erste.

»Die Krähen wühlen Tag für Tag im Müll. Auf sämtlichen Straßen. Die ganze Nachbarschaft stinkt. Sie wissen genau, wann Mülltag ist.«

Mr DiMarco beugt sich zum Mikro vor. »Entschuldigung, Madam, was meinen sie mit ›sie wissen, wann Mülltag ist‹?«

»Ich meine, dass die Müllabfuhr bei uns montags kommt, deshalb sind die Krähen am Montag da und warten, dass die Müllmänner die Tonnen öffnen. Und dann hacken sie in die Beutel auf dem Lastwagen oder ziehen aus den Eimern die Reste, die zurückgeblieben sind. Dienstags warten die Krähen in der Maple Street. Und mittwochs –«

»Ich verstehe, vielen Dank«, sagt Bill DiMarco und schüttelt den Kopf. Ich denke, er glaubt ihr nicht. Sein Gesicht wirkt belustigt, als ob er sie auslachen wollte, wenn so ein Verhalten angemessen wäre, oder als ob er es auch so tun würde.

Seine herablassende Art bringt mich noch mehr gegen ihn auf.

Als Nächster ist ein Mann dran, der neben mir steht.

»Die Krähen haben meine Katze getötet«, sagt er. »Die haben das arme Ding vor der Garage in die Enge getrieben und dann zu Tode gehackt.

Wieder geht ein Raunen durch den Saal.

»Haben Sie das gesehen?«, fragt einer der Gemeinderäte.

»Nein, aber ich bin sicher, dass es die Krähen waren.«

»Lassen Sie uns mal bei dem bleiben, was wir tatsächlich gesehen haben, und Argumente für oder gegen eine Freigabe der Summe vorbringen.«

Eine kleine Frau steht auf. Ich erkenne sie. Es ist unsere Nachbarin Mrs Stieg. Ich hätte sie fragen können, ob sie mich mitnimmt.

»Die Vögel haben schlimme Schäden an meinen Rosen angerichtet«, sagt sie.

Oh nein, nicht an den kostbaren Rosen.

»Haben Sie das gesehen?«, fragt ein Mitglied aus dem Gemeinderat.

»Und ob. Das erste Mal war im September, als die ersten Schwärme einfielen. Ich bin in der Morgendämmerung aufgewacht und hab gesehen, wie sie einen von meinen preisgekrönten Rosenbüschen zerlegt haben, wie sie auf die Äste eingehackt und die Blütenblätter weggerissen haben. Ich hatte gerade erst einen anderen Busch fast verloren und nun war dieser vollständig hin.«

Ich erinnere mich an den zerstörten Busch, den ich auf unserem Weg zur Schule in Mrs Stiegs Garten gesehen und wie ich geglaubt hatte, es wär Campbell gewesen, aus Wut und Groll wegen Mrs Stiegs unfreundlichen Worten zu uns an jenem Wochenende. Ich war so sicher, dass sie es war, doch ich hatte mich geirrt. Es waren die Krähen gewesen. Aber wieso sollten die Krähen einen Rosenbusch zerstören?

»Und dann, ein paar Wochen später, der nächste Busch! Weg! Haben Sie eine Vorstellung, wie viele Jahre es braucht, so einen Rosengarten wie meinen zu kultivieren? Wie viel Hingabe für jede einzelne Pflanze? Und diese schrecklichen Vögel haben den ganzen Herbst über nichts Besseres zu tun, als alles zunichtezumachen.«

»Das tut mir sehr leid, was Sie … von Ihren Blumen erzählen.«

»Also ich bin dafür, dass wir jeden Experten holen, den wir kriegen können. Und dann ein für alle Mal dieses nichtsnutzige Viehzeug los sind«, sagt Mrs Stieg und setzt sich danach wieder hin. Ein paar Leute klatschen.

»Okay, ich denke, wir haben genug gehört. Zur Abstimmung steht der Antrag zur Gemeindeverordnung 4420 von heute, 9. Dezember, zur Genehmigung eines Budgets, um den Auftrag zur Auslöschung sämtlicher Krähen zu erteilen. Alle, die gegen den Antrag sind, bitte ich um ein Nein.«

Schweigen im Saal.

»Nein!«, rufe ich und alle drehen sich um. Dann drehen sie sich wieder nach vorn. Ein Nein.

»Alle, die für den Antrag sind, bitte ich um ein Ja.«

Die Leute brüllen ihr Ja. Sie stehen auf und schreien es heraus. Einige trampeln sogar mit den Füßen oder heben die Hand. Einer steigt extra auf einen Stuhl.

Die Ja-Stimmen haben die Mehrheit.

Ich renne aus dem Saal. Meine Sneakers quietschen auf den glänzenden Fliesen. Ich stürze zur Tür hinaus und sauge die kalte Abendluft ein. Die Straße vor mir ist voller Krähen. Mindestens ein paar Hundert. Sie blicken zum Eingang des Rathauses. Und krächzen und krächzen. Sie sind so laut, krächzen wie wild durcheinander und schreien wie die Menschen im Saal. Und plötzlich höre ich nicht mehr ein Krächzen, sondern lauter Neins. »Nein!«, schreien die Krähen in ihren dunklen Federn draußen. »Ja!«, schreien die Leute in ihren dunklen Mänteln drinnen. Das eine ein Spiegelbild des andern.

Wenn die Krähen abstimmen dürften, hätten die Nein-Stimmen gewonnen.