Ich schließe die Tür und lehne mich einen Augenblick dagegen, anfangs nicht willens, weiter ins Haus zu treten. Alles ist still, bis auf das Brummen des Fernsehers.
Als ich schließlich ins Wohnzimmer gehe, liegen Campbell und Juniper zusammengerollt im Sessel und meine Eltern sitzen auf dem Sofa. Mom lehnt sich an ihn und seine Arme sind um sie geschlungen. Die Umarmung ist so normal, so zärtlich – und doch zieht sich meine Brust bei dem Anblick zusammen.
»Leighton, wie war deine Versammlung?«, fragt Mom und tätschelt den freien Platz auf der anderen Seite neben ihr. Ich setze mich.
»Filmabend?«, frage ich.
»Mussten den Kabelanschluss kündigen, also haben wir was von den Lieblingsfilmen gewählt, die wir als DVD haben«, sagt Dad und der Satz klingt wie eingeschnürt in Schuld. Immer tun ihm die falschen Dinge leid.
»Gute Wahl«, sage ich. »Will jemand Popcorn?«
Campbell und Juniper nicken eifrig, also gehe ich in die Küche. Ich weiß, sie haben darum gebeten, dass ich mir Mühe gebe, und ich versuche es ja. Aber es fällt mir schwer.
Dad folgt mir.
»Hier« sagt er. »An die Popcornmaschine kommst du nicht dran.«
Er holt sie für mich aus dem Küchenregal über dem Kühlschrank und legt dabei sein Portemonnaie, Schlüssel und die Pistole auf die Arbeitsplatte.
»Noch ein Spiel«, sagt er plötzlich wie aus dem Nichts. Ich brauche eine Weile, ehe ich den Blick von der Arbeitsplatte hebe. Von der Pistole.
»Hmm?«, frage ich.
»Liam muss total aufgeregt sein. Noch ein einziger Sieg und die Wolves sind am Ziel.«
»Ach so, ja, ich glaub, er ist happy.«
»Mann, ich konnte damals kaum schlafen vor den letzten paar Spielen. Die ganze Stadt war … du weißt schon. So wie jetzt.«
In dem Punkt weiß ich die richtige Antwort: »Ich hoffe, wir gewinnen« oder vielleicht »Ist echt aufregend«. Oder sogar ein einfaches »Auf die Wolves« würde reichen. Doch ich sehe ihn in dem weichen Küchenlicht an und will mich mehr bemühen.
»Muss eine Menge Druck gewesen sein.«
Er sieht von der Popcornmaschine auf. »Ja, das war’s wirklich. Und die Leute hier vergessen nicht.«
»Nein, das stimmt wohl«, antworte ich und reiche ihm den Eimer mit den Maiskörnern. »Willst du hingehen?«
»Zu dem Spiel?«
Ich nicke.
»Ja klar, wieso nicht? Wir können deinem Freund zujubeln, ein bisschen Auburn-Gemeinschaftsgeist zeigen.«
Stolz auf Auburn.
»Okay, das Spiel ist am Freitag.«
»Klingt gut, Leighton.«
»Wie war’s auf der Arbeit?« Ist vielleicht schon wieder das falsche Thema, aber wenn er will, dass wir uns Mühe geben, muss er es auch. Er muss zulassen, dass wir normale Fragen stellen und nicht auf Zehenspitzen um seine Launen herumschleichen.
»Ein Fiasko«, sagt er und sein Lachen ist ein humorloses Bellen. »Hab einen Auftrag außerhalb von Philly nicht gekriegt. Bin unterboten worden. Schon wieder.«
Er klingt nicht wütend, nur traurig, enttäuscht.
»Das tut mir leid«, sage ich.
»Danke«, antwortet er und legt seine Hand für einen Moment auf meine Schulter. Manchmal wünschte ich, er wäre einfach durch und durch böse. Das Böse kann man leicht hassen, aber Verletztheit … Verletztheit kann lieben und geliebt werden.
In der Küche ist es jetzt laut vom Popcorn und ich hab das Gefühl, als wenn die Luft aus dem Raum gesaugt wurde.
»Ich schreib noch ein bisschen an meiner Kolumne. Komm danach wieder runter.«
»Okay. Lern fleißig.«
Gerade als ich in mein Zimmer komme, klackt etwas gegen das Fenster. Es ist Joe, der auf dem Fensterbrett hockt.
Diesmal öffne ich das Fenster nicht langsam und warte, ob er davonfliegt, sondern reiße es auf, dass die kalte Dezemberluft reinkommt. Er fliegt trotzdem nicht weg, sondern scharrt nur irritiert mit den Krallen.
Ich greife in meinen Rucksack und ziehe die paar Päckchen Kekse heraus, die ich für ihn gebunkert habe. Ich drücke so lange auf eines drauf, bis die Kekse brechen und die Hülle aufplatzt. Eine kleine Wolke Salz dringt heraus, ich kann den Staub in der Luft förmlich schmecken.
Joe wartet geduldig auf meine Gabe, und als ich die Kekse auf dem äußeren Fensterbrett ausstreue, neigt er den Kopf zur Seite und lässt etwas fallen. Es landet weich auf dem Teppich und schimmert im Mondschein.
Ein rostiger kleiner Schlüssel. Ich lege ihn auf meinen Nachttisch, neben die Schraube und das Streichholzmäppchen, die er mir zu Liams Haus gebracht hatte. Ich vergesse immer, sie Juniper zu geben, andererseits ist ihre eigene Sammlung inzwischen auch so schon ziemlich gewachsen. Fast ein Dutzend Murmeln und die doppelte Menge an Federn. Dazu Knöpfe und Münzen.
Als ich ans Fenster zurückkehre, ist Joe weg. Ich schließe es vor der Kälte.
Mein Fenster geht in Richtung Vorgarten: zur Straße, zum Truck und dem Baum. Doch es ist dunkel draußen und hell im Zimmer, deshalb sehe ich nur mein eigenes Spiegelbild. Die Fenster-Leighton wirkt irgendwie müde, mit dunklen Ringen unter den Augen. Ich kann die Krähen nicht sehen, aber ich kann sie auf der anderen Seite der Scheibe spüren.
Sie sind keine höflichen Gäste, die ihre Teller aus der Spüle wegräumen oder jeden Morgen ihr Bett machen. Sie sind keine Besucher.
Sie sind Wikinger.
Sie haben die Stadt erobert. Und nun überschwemmen sie in Scharen den Himmel und verdunkeln Auburn, als wenn ein Sturm droht. Sie krächzen Tag und Nacht, bis der Lärm zu einem Teil von uns wird. Bis wir uns gar nicht mehr erinnern können, wie es war, sie nicht zu hören.
Und doch.
Ich mag sie.
Ich mag die Krähen, weil sie nicht hinter einer Tür ausgesperrt oder hinter Jalousien versteckt werden können. Die Menschen können sich nicht einfach abwenden, mit dem Kopf schütteln und sagen: »Ist nicht unser Problem.«
Ich mag die Krähen, weil sie sich weigern, ignoriert zu werden.