Ich habe einen riesigen Fehler gemacht.
Ich habe Liam versprochen, dass ich zum Spiel komme, doch jetzt, wo wir da sind, bereue ich es. Wir sind auswärts und ich spüre die Abwesenheit der Krähen stärker, als ich gedacht hätte.
Der Lärm dröhnt in verschiedenen Tonlagen. Da ist das Dauergemurmel der Leute auf ihren Plätzen. Da ist das schrille Pfeifen der Schiedsrichter und das schwere, fleischige Geräusch so vieler Leiber, die auf dem Platz gegeneinanderkrachen. Die Cheerleader sind direkt unter uns in perfektem Einklang. Aber irgendwas fehlt heute Abend. Die scheppernden Cowbells wirken auf mich wie eine Warnung.
Es ist eigenartig, meine ganze Familie dabei und in einer Reihe neben mir sitzen zu haben. Um uns herum sieht es aus, als ob die ganze Stadt gekommen wäre: die bekannten Gesichter der Lehrer und Lehrerinnen; der Jagdaufseher aus der Gemeinderatssitzung. Bill DiMarco sitzt zwei Reihen hinter uns und redet eine Weile mit Dad, bevor wir unsere Plätze einnehmen, weil das Spiel beginnt. Ich entdecke den Chef der Auburner Feuerwehr, der früher mit meinem Dad zusammengearbeitet hat, um ausgebrannte Gebäude zu begutachten, ehe der Bautrupp anrückte. Die wenigen Male, die ich ihn getroffen habe, war er mir immer als der ernsthafteste Mensch vorgekommen, den ich kannte, selbst in der dritten Klasse, als er uns für den Fall, dass man Feuer fängt, Stehenbleiben, Fallenlassen und Hinundherwälzen beibrachte oder auch, wie man im Ernstfall den Notruf wählt.
Das erste Quarter des Spiels ist vorbei und die Tribüne macht den Eindruck, als ob sie jeden Moment unter all den Leuten zusammenbrechen würde, die wild herumhüpfen, denn die Wolves führen. Doch der Feuerwehrchef wirkt heute nicht besorgt, weder wegen der Tribüne noch wegen sonst was. Er lächelt sogar und wedelt mit einem roten und silbernen Pompon, während er gleichzeitig mit den Füßen stampft wie alle anderen auch.
»Super Abend für die Auburn Wolves. So weit sind sie in den letzten fast zwanzig Jahren nicht mehr gekommen. Vielleicht schaffen sie es ja diesmal bis ganz nach oben!« Das kommt über die Lautsprecher.
Mom stößt mich an. »Komm, Leighton, lass uns mit den Mädchen ein bisschen heißen Apfelmost holen.« In ihrer Stimme liegt eine Anspannung, die in völligem Kontrast zu der Stimmung aller andern um uns herum steht. Sie hat es auch gemerkt. Ich hab es gesehen, als wir uns alle fertig machten und er einen Augenblick glaubte, den Autoschlüssel verlegt zu haben. Doch er war nur auf dem Kühlschrank nach hinten gerutscht und Mom hatte ihn schnell gefunden. Und dann auf der Fahrt – wie sauer er wurde, als ihn jemand nicht rechtzeitig einfädeln ließ und wir die Ausfahrt verpassten.
Die kollektive stumme Erleichterung, die über uns kam, als wir da waren und einen Parkplatz gefunden hatten.
»Alles okay?«, frage ich und sie schüttelt den Kopf. Es bedeutet nicht nein, sondern: nicht hier. Ich schaue über ihre Schulter zu meinem Vater. Irgendwas hat sich in den letzten Minuten verändert.
»Komm, lass uns Apfelmost besorgen«, sage ich. Keine Ahnung, was ich verpasst habe.
»Erin, wir gehen. Das Ganze hier war ein Fehler«, sagt Dad plötzlich. Was immer sich in ihm aufgestaut hat, es wird jeden Moment umschlagen und ich weiß nicht mal, was ihn diesmal so aufgebracht hat.
Mom setzt sich.
Sein Kiefer ist angespannt. Der Anblick ist so vertraut für mich, dass es mir kalt über den Rücken läuft und ich mein Sweatshirt enger um mich ziehe. Ich weiß nicht, was an so einem öffentlichen Ort passieren wird.
Er fasst nach unten. Es ist nur eine unscheinbare Bewegung, aber ich habe ihn jetzt im Blick und ich sehe den Druck, mit dem sich seine Finger um ihren Unterarm legen. »Ich hab gesagt, wir gehen.«
Sie schüttelt den Kopf.
Die Cowbells werden lauter, als die Mannschaft aufs Spielfeld zurückkehrt.
In meinen Ohren schrillt ein Alarm.
»Verdammt, steh jetzt auf«, sagt er zu ihr, diesmal ein bisschen lauter. Ein paar Köpfe drehen sich in unsere Richtung. Mom sieht sich um. Die Leute bemerken die Unruhe.
Sie lächelt. Ein wunderschönes Lächeln. Von außen lässt sich gar nicht erkennen, dass es ein zerbrochenes Lächeln ist, doch es liegt eine Bruchstelle darunter.
»Noch nicht, Jesse«, sagt sie, schüttelt ihren Arm und zieht ihn aus seinem Griff. Sie dreht sich wieder dem Spielfeld zu, nimmt Juniper auf ihren Schoß und die Leute wenden sich ab.
Mein Blick ist auf ihn gerichtet. Wenn sie eine unter der Oberfläche verborgene Spannungslinie ist, dann ist er ein Vulkan kurz vor dem –
»Du machst es, verdammt noch mal, viel komplizierter, als es sein müsste«, sagt er. Er packt erneut ihren Arm und diesmal schauen viele Menschen herüber. Sein Griff ist wie ein Schraubstock, und obwohl sie eine Jacke anhat, kann man sehen, wo sich die Finger eindrücken. Ich möchte ihn anschreien. Ich möchte mich übergeben.
»Verflucht«, sagt er, »wie du willst.« Er lässt ihren Arm los. Es wird blaue Flecken geben.
Er drängt an mir vorbei und steigt eilig die Tribüne hinab.
»Er nimmt den Truck. Verdammt. Bleib bei den Mädchen.« Mom läuft ihm hinterher.
Als ich mich zu Campbell und Juniper umdrehe, sehe ich, wie Bill DiMarco uns ansieht. Es scheint, als ob er das Ganze mitgekriegt hat. Ich bin sicher, dass er nah genug dran war, um es zu hören.
Er schaut zu seiner Frau und seiner kleinen Tochter, dann schließt er sich der Menge an, die laut johlt. Die Wolves haben den Ball.
»Diese verfickte Stadt«, murmel ich.
»Das ist ein schlimmes Wort«, weist mich Juniper zurecht.
»Tut mir leid, Junie. Ich muss Mom aufhalten.«
»Wir kommen mit.« Campbell fragt nicht und ich werde sie nicht zwingen, alleine hier sitzen zu bleiben.
Wir laufen die Tribüne hinab und Sofia wartet am Ende der Treppe. Sie ignoriert mich und wendet sich an Campbell.
»Hey, Campbell. Ich hab dich den ganzen Abend versucht abzupassen. Können wir bitte über diesen Ball reden? Leighton wird eine Wolljacke über ihrem Kleid tragen und ihre Haare zu einem unordentlichen Knoten zusammenbinden wollen.«
Trotz der ganzen Situation lächelt Campbell. Verdreht die Augen. »Leighton, das würdest du echt bringen, was?«
»Kann ich die beiden eben mal kurz entführen?«, fragt Sofia und schaut mir über die Köpfe von Campbell und Juniper hinweg in die Augen.
»Danke«, sage ich mit den Lippen. Und dann höre ich meinen Namen von der Tribüne und sehe Fiona die Treppe herab auf uns zujagen.
»Leighton!« Sie schlingt ihre Arme um mich. »Sind das deine Schwestern?«
Sie dreht sich zu Campbell und Juniper um. »Ich bin Fiona, Liams Schwester. War schon ganz wild darauf, euch endlich kennenzulernen. Leighton spricht so oft von euch.«
Juniper strahlt und ich breche beinah in Tränen aus.
»Ich muss mich beeilen, wenn ich sie noch abfangen will«, sage ich und sie nickt.
Fiona hat bereits Junipers kleine Hand unter ihren Arm gesteckt und sie reden davon, Apfelmost zu besorgen.
Ich verschwinde, Mom hinterher.