Als ich die Stelle erreiche, wo wir vorhin geparkt haben, auf einem Feld für die Flut von Autos, ist sein Truck nicht mehr da.
Shit.
Ich habe Schmerzen in der Brust und setze mich einfach hin, irgendwo auf den kalten Boden. Ich habe das Gefühl, keine Luft zu kriegen. Ich beuge den Kopf zu den Knien hinab, ziehe sie an mich und versuche, genügend Luft einzusaugen. Das Ding in meiner Brust rasselt so heftig an seinem Käfig, dass es mir den Atem nimmt.
Ich höre Schritte näher kommen. Und dann setzt sich jemand neben mich ins Gras.
Schließlich hebe ich den Kopf. Es ist Sofia mit ihrem gewohnten schiefen Lächeln, dem hüpfenden Pferdeschwanz und der fleckenlosen Cheerleader-Uniform, die im Matsch neben mir sitzt.
»Hey«, sagt sie.
»Hi.«
»Fiona ist bei den Mädchen, sie kriegen heißen Apfelmost. Alles okay mit dir?« Sie steckt die losen Haarsträhnen, die mir ins Gesicht hängen, hinter mein Ohr.
»Ich fühl mich nicht gut, Sof.«
»Atme einfach durch«, sagt Sofia und reibt mir kleine Kreise auf den Rücken.
Ein paar Minuten lang rühren wir uns nicht. Leichter Schneefall setzt ein und der Boden ist eisig. Ich höre, dass im Spiel Halbzeit ist und die Band loslegt. Gewöhnlich treten die Cheerleader in der Halbzeitpause auf. Sie werden Sofia nicht bloß vermissen, sie wird auch Ärger mit ihrer Trainerin kriegen. Doch sie macht keine Anstalten zu gehen.
Als ich wieder normal atmen kann, setz ich mich auf.
»Danke, Sof. Alles wieder gut, wirklich. Du musst aufs Spielfeld.«
»Mach dir keine Sorgen. Ist bloß ein albernes Spiel.«
»Du kriegst Ärger. Und du musst doch auch in der Zeitung über das Spiel schreiben.«
»Die Trainerin wird’s überleben. Ich bin die Beste, die sie hat. Und da sind mindestens tausend Leute, die mich über die sieben Minuten des Spiels informieren können, die ich verpasse.«
Sofia bewegt sich nicht vom Fleck und ich lege den Kopf an ihre Schulter.
»Hat es mit zu Hause zu tun?«, fragt sie.
»Ja.«
»Ist schlimm, was?«
»Ich war mir nicht sicher, ob du davon weißt.«
»Ich kenn dich ewig, Leighton. Ich weiß, wieso du dich so gut wie nie bei dir zu Hause verabredest. Und du bist nie wirklich entspannt, wenn er in der Nähe ist, selbst wenn er seinen Charme voll aufdreht.« Sofia tut so, als ob sie an einem Regler dreht. »Ich bin nicht doof. Ich wusste es. Ich dachte nur, du willst nicht, dass ich es weiß, also hab ich so getan, als wenn ich nichts merke.«
»Ich wollte nicht, dass du es weißt. Oder vielleicht wollte ich es, aber ich wollt es nicht zugeben.«
»Das versteh ich«, antwortet sie. »Hör zu, wenn es bedrohlich wird und du einen Ort brauchst, wohin du fliehen kannst, lass ich mein Fenster rund um die Uhr offen. Und das mein ich wörtlich. Komm einfach rein. Bring Campbell und Junie mit. Dann machen wir Pyjamaparty.«
Ich muss lachen und schüttle den Kopf. Plötzlich schniefe ich, und nicht wegen der Kälte.
»Danke, Sof.«
»Bereit, wieder reinzugehen?«
»Ja«, antworte ich. Sie springt auf und zieht mich hoch.
»Bist du erfroren, Schneeflocke?«, fragt sie.
»Du bist doch die mit dem kurzen Rock«, sage ich und Sofia lacht.
Gleich als ich ins Stadion zurückkomme, finde ich Mom.
Ich schlinge meine Arme um sie und Sofia schlüpft an uns vorbei und winkt mir kurz zu, ehe sie forteilt.
»Ich dachte, er hätte dich gezwungen zu gehen«, sage ich und meine Stimme klingt gedämpft von ihrer Jacke.
»Ohne euch? Niemals«, antwortet sie. »Tut mir leid, Leighton.«
»Du musst dich nicht bei mir entschuldigen.«
»Wir müssen sehen, wie wir von hier zurückkommen.«
»Es gibt einen Bus, der nach Auburn fährt. Er fährt direkt hier durch die Stadt, bloß ein paar Straßen entfernt.«
»Will ich wissen, wieso du das weißt?«, fragt sie.
Ich schau zu ihr hoch. »Er fährt auch bei Nana vorbei. Wenn wir heute lieber da übernachten wollen.«
»Ich will bloß nach Hause«, sagt sie.
Nach Hause.
Ich lasse sie los.
»Ich geh mal die Mädchen holen, dann treffen wir uns am Eingang«, sagt Mom.
Sie geht los, doch ich zögere einen Moment in der Kälte. Ich strecke die Zunge vor und fange ein paar Schneeflocken auf. Sie schmelzen sofort und ich frage mich, ob so mein Leben aussehen wird. Für eine flüchtige Sekunde da und schon wieder vorbei. Wenn ich nicht durchstehe, was immer das Ganze hier ist, dann werde ich genau das sein. Eine Erinnerung im Gedächtnis meiner Klassenkameraden. Ihr realer Krimi, den sie auf Unipartys erzählen können.
Aber es muss noch mehr geben.
Ich kann mutig sein, wie es Campbell und Juniper immer von mir denken. Als wenn ich nicht eine einzelne kleine Schneeflocke bin, die gleich wieder verschwindet, sondern ein ganzer Schneesturm. Eine ernst zu nehmende Größe.
Ich werde eine ganze Jahreszeit sein, aber meine Zeit ist nicht die weiche braune Erde des Frühjahrs oder ein blauer Sommerhimmel. Und ich wehe keine bunten Blätter oder frischen weißen Schnee herum.
Meine Saison ist ungelegen, schmutzig, laut.
Die Saison der Krähen. Die Farbe der Trauer.
Nichts an Auburn fühlt sich noch wie ein Zuhause an.
Doch wenn Auburn sein Wunder haben kann, egal wie dunkel und seltsam und gefiedert es sein mag, dann kann ich doch vielleicht auch eines haben.