59. KAPITEL

Liam ist mit den Nerven am Ende, als er mich am Montagmorgen abholt.

»Ich wusste nicht, was passiert ist. Fiona und Sofia haben mich informiert und ich hab das ganze Wochenende versucht, dich anzurufen –«

»Ja, ich weiß, er hat das Telefon abgestellt.«

»Leighton«, sagt er. »Ich hab mir solche Sorgen gemacht. Ich wusste nicht, ob ich die Polizei rufen soll. Das ist doch nicht normal. Ihr braucht Hilfe!«

»Ich weiß. Tut mir leid, dass ich das Ende eures großen Spiels versäumt hab.«

»Du weißt genau, dass das für mich nicht wichtig ist.«

»Tut mir leid, dass ihr verloren habt.«

»Egal. Ist sogar eine gewisse Erleichterung. Wer braucht schon den Druck eines Meisterschaftsspiels?«

Ja, wer eigentlich?

Ich weiß nicht, ob das, was ich plane, richtig ist. Es gibt so viele Unbekannte. Und ja, vielleicht ist es schrecklich zu Hause, aber wenigstens ist diese Angst bekannt. Vertraut.

Die Fahrt zur Schule dauert heute doppelt so lang. Alle Straßen im Umkreis von unserem Haus sind mit Krähen bedeckt. Sie sind jetzt einfach überall und überziehen sämtliche Flächen. Liam fährt langsam, wartet darauf, dass sie sich rühren und auffliegen, anstatt zu riskieren, dass er sie anfährt. Es dauert eine Ewigkeit, bis wir zur Schule gelangen, und die ganze Zeit muss ich dran denken, dass mein Schweigen nur einem Menschen nützt.

Als ich in die Schule komme, tu ich erst gar nicht so, als würde ich in den Unterricht gehen, sondern laufe direkt in das Zeitungsbüro und lasse mich in meinen Schreibtischstuhl fallen.

Sofia rührt sich in ihrem und schreckt mich auf. Ich habe gar nicht gemerkt, dass noch jemand im Raum ist. Sofort beugt sie sich auf ihrem Stuhl vor, als ob sie zu mir will, aber ich hebe eine Hand.

»Alles in Ordnung. Versprochen. Ich bin nur wütend. Und im Moment muss ich dringend schreiben. Meine Kolumne ist fällig und ich will diesen Aufsatz heute noch einreichen, bevor mich der Mut verlässt.«

Meine Stimme ist klar und selbstsicher und es gibt heute nicht mal den Ansatz von Tränen. Ich muss nur die Worte aufs Papier bringen, solange ich sie im Kopf hab.

»Ich bewache die Tür«, sagt Sofia. Sie springt von ihrem Schreibtisch auf, schließt die Tür und schaltet das Licht aus. Dann setzt sie sich daneben, für den Fall, dass uns jemand stört.

»Danke, Sof.«

»Schreib«, sagt sie.

Ich fahre den uralten Schulcomputer hoch. Meinen Steinzeit-PC, den ich insgeheim liebe. Ich will das Stipendium gewinnen. Aber es geht noch um mehr.

Es gibt noch einen anderen Grund, weshalb ich diesen Aufsatz bei ihnen einreichen will.

Ein Teil von mir fühlt sich an wie eine offene Wunde. Die sie einfach zwingen will, den Text zu lesen. Ich habe so sehr mit mir gehadert, über Auburn zu schreiben. Jetzt weiß ich, warum. Ich hatte bisher Auburn nicht in seiner Ganzheit gesehen.

Diese Stadt ist nicht bloß die Bauten meines Großvaters und die Wut meines Dads. Sie ist nicht bloß Menschen, die das Geschehen direkt vor ihren Augen ignorieren.

Diese Stadt ist auch Sofia, die da ist, wenn ich sie brauche. Und Fiona, die etwas merkt, das die Erwachsenen nicht sehen, und meinen Schwestern hilft. Und Liam, der so stoisch, so feinfühlig und so gut zu mir ist.

Diese Stadt ist auch Junipers Nachrichten an Joe und Campbells berechtigte Wut und die endlosen Tiefen der Tapferkeit meiner Mutter jedes Mal, wenn seine Wut von ihr auf uns wechselt.

Und diese Stadt ist ich. Ich bin ein Teil von Auburn, auch wenn ich die Stadt kritisiere. Auch wenn ich sie hasse.

Sobald ich herausgefunden habe, was fehlte, ist es ganz leicht, den Aufsatz zu schreiben.

Ich war es, die gefehlt hat.