Liam und ich fahren zu der gleichen Stelle, wo wir an jenem Morgen die erste Stunde geschwänzt haben.
In der letzten Zeit war es zu kalt, um das Auto zu verlassen, aber heute Abend geht es. Liam zieht eine dicke Decke aus dem Kofferraum und wieder setzen wir uns auf die Motorhaube, die noch warm ist vom Fahren. Als wir uns zurücklehnen und nach oben schauen, bilden die Baumspitzen einen Kreis um den von Sternen gesprenkelten Himmelsausschnitt. Die Bäume wirken wie riesige Wächter, die diesen kleinen Fleck Erde beschützen.
Oder vielleicht beschützen sie ja uns.
Ich bin froh, dass wir heute Abend hierhergefahren sind. Es war, als ob wir beide einfach nur allein sein wollten.
Hat sich herausgestellt, dass wir gut zusammen allein sein können.
Es herrscht jetzt schon seit einigen Tagen eine seltsame Stille bei mir zu Hause. Seitdem Auburn das Halbfinale verloren und sich die Stadt von ihrem Footballfieber verabschiedet hat.
Ich beuge mich zu Liam hinüber und drücke ihm meine Lippen auf die Wange. Ich schmiege mich ein bisschen tiefer in seine Armbeuge. Und weil ich mein Ohr an seine Rippen presse, höre ich nur noch sein Herz. Als er mich etwas fragt, versteh ich ihn nicht und muss mich erst aufrichten und bitten, dass er die Frage noch mal wiederholt.
»Wieso Journalismus?«
»Ich glaube einfach, dass es mir gefallen würde, Menschen Dinge zu berichten, über die sie Bescheid wissen sollten. Um ihnen die Wahrheit zu sagen.«
»Klingt wie geschaffen für dich.«
Das denk ich auch.
»Liam, ich muss dir was sagen.«
Er dreht sich auf die Seite.
»Ja?«
»Ich hab einen Aufsatz beim Gemeinderat eingereicht.«
»Für den Wettbewerb?«
»Ja. Ich hab über Zu Hause geschrieben.«
»Oh.«
»Da ist noch was. Wenn ich gewinne – was ich nicht werde, weil ich im Grunde die ganze Stadt anprangere –, werden sie den Aufsatz in der Gazette abdrucken. Ich musste zustimmen, als ich ihn eingereicht hab.«
»Das heißt, der Aufsatz handelt von ihm?«
»Hauptsächlich von Auburn, aber ja, er handelt von ihm.«
Er schweigt und ich frage mich, was er denkt. Er krümmt seinen Finger und schiebt den Knöchel unter mein Kinn, hebt meinen Kopf an und küsst mich zärtlich.
»Ich will nur, dass du in Sicherheit bist«, sagt er.
»Ich weiß«, antworte ich. »Das will ich auch. Ein Teil von mir hofft ja deshalb, dass ich nicht gewinne. Aber ich bin es so leid, mich wegzuducken, verstehst du?«
»Ja, das versteh ich.«
»Bist du froh, hier aufzuwachsen?« Ich hab mich das eine Weile gefragt und durch das Schreiben über die Stadt sind die Fragen wieder hochgekommen.
»Oh ja, schon«, antwortet er mit einem leisen Lachen.
»Was soll das heißen?«
»Ist kompliziert. Ich schlage mich gut hier. Aber ich schlage mich gut, weil ich dafür hart arbeite.«
»Zu hart«, korrigiere ich ihn.
»Und weil die Leute mich mögen.«
»Alle bewundern dich, Liam.«
»Aber manchmal hab ich das Gefühl, sie lieben mich als Ausnahmefall. Und wenn ich nicht wachsam bin, wenn ich mal nicht perfekt bin, werden sie sofort über mich herfallen. Es sind meist nur Kleinigkeiten, bestimmte Kommentare, Unterstellungen – aber ich bin mir darüber ständig bewusst. Das muss ich auch sein. Sie lieben es, wenn ich einen Touchdown für die Mannschaft erziele. Aber wenn ich vor dem Spiel niederknien würde, würden sie weitaus anders reagieren. Diese Stadt nimmt nur die Teile meiner Identität wahr, die ihr gefallen, den Rest ignoriert sie. So was ist anstrengend.«
»Das tut mir leid, Liam. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das für dich sein muss.«
»Ich hoffe bloß, dass sich die ganze Mühe auszahlt. Mich dorthin bringt, wo ich hinwill.«
»Bestimmt.« Ich weiß nicht, wie das wäre, jedes Mal so zu empfinden, wenn man aus dem Haus tritt. Sich fragen zu müssen, ob die Leute um einen herum nicht irgendein hässliches Vorurteil gegen dich unterdrücken, um es dann rauszulassen, wenn du am wenigsten damit rechnest. Meine Sorge ist das Gegenteil von Liams – ich bin auf der Hut, wenn ich in unser Haus reingehe, nicht wenn ich rauskomme.
»Ich bin es leid, ich bin müde«, sage ich. »Nicht körperlich müde. Ist schwer zu erklären. Manchmal fühl ich mich, als wär ich hundert Jahre alt. Als ob Angsthaben immer mein Leben gewesen wär und es auch immer bleiben wird.«
»Extreme Wachsamkeit hat ihren Preis«, antwortet er. »Aber Auburn ist nicht der Mittelpunkt der Welt. Wir können gehen. Wir werden gehen.« Liam steht auf und zieht mich mit. Er sieht mich an, wickelt die Decke um uns. »Abgesehen davon bist du stark. Du wirst es hinbekommen.«
»Liam, ich weine buchstäblich ständig.«
»Aber du gibst dich nie geschlagen. Und ich muss nicht dabei sein, um zu wissen, dass du nicht vor Campbell und Juniper weinst. Du bist der tapferste Mensch, den ich kenne.«
»Du musst mir nicht –«
»Das ist keine Schmeichelei, Barnes. Ernsthaft, das war es, was mich an dir besonders angezogen hat«, sagt Liam.
»Nein, das stimmt nicht. Du kanntest mich ja überhaupt nicht.«
»Ja, gut«, gibt er zu und hebt die Hand, um zu beichten. »Zuerst bist du mir aufgefallen, weil du verdammt süß bist.«
»Du bist albern.«
»Ich konnte dich nicht ignorieren. Hab’s versucht. Du hast nie was gesagt, aber es ist so, als ob du laut denkst. Und auch wenn ich irgendwie wusste, dass du versucht hast, dich anzupassen und unsichtbar zu werden, konnte ich dich einfach nicht übersehen, Leighton. Und dann bei den Spinden …«
»Was war bei den Spinden?«
»Du hast gelächelt. Ich glaube, ich hatte dich noch nie vorher lächeln sehen. Und danach wusste ich nur noch, dass ich dich unbedingt wieder dazu bringen wollte zu lächeln.«
»Liam McNamara, du bist … ein verdammter Romantiker«, sage ich und fang an zu lächeln. »Aber ich hatte recht. Es ging gar nicht um meine Persönlichkeit.«
»Erst in English Lit. Ich meine, normalerweise redest du fast kein Wort in der Schule und dann plötzlich rastest du aus gegenüber Brody – wegen eines Buchs.«
»Moment mal. Du wolltest mit mir gehen, weil ich vor der ganzen Klasse eine wütende Feminismus-Tirade losgelassen hab?«
»Gott, ja. Das war so super. Es bestätigte, was ich schon langsam über dich vermutete.«
»Was denn?«
»Dass du Mut hast, Barnes. Ich mag es, wenn Leute mich überraschen. Und du hast mich eindeutig überrascht.«
»Ja, ich hab viele großartige Überraschungen auf Lager. Und? Sind schon genug unangenehme dabei gewesen?«
Ich stelle die Frage als Witz, aber ich habe wirklich darüber nachgedacht. Es ist undenkbar, dass er sich bewusst für mich entschieden hätte, wenn ihm alles bekannt gewesen wäre. Das ist für jeden zu viel. Sogar für mich.
»Leighton, wenn du glaubst, dass mich das Arschloch jemals abschrecken wird, dich zu lieben, dann bist du total durch den Wind.«
Ich lache unwillkürlich. Dabei ist es nicht lustig gemeint.
Doch ich lerne, mir meinen Spaß zu holen, wo ich ihn kriegen kann.