63. KAPITEL

Das Haus bebt von seiner Musik.

Ich drehe mich im Bett um und greife nach dem Wecker. Es ist Viertel nach drei in der Nacht. Weihnachten.

Einen Moment lang bleibe ich liegen und frage mich, ob der Klang von Axl Roses Stimme bei mir ein Leben lang einen Brechreiz erzeugen wird. Doch dann höre ich die lauten Stimmen von unten und wühle mich aus meinen warmen Decken.

Ich schleiche mich in das Zimmer der Mädchen. Sie sind beide wach und hocken zusammengekauert in der Ecke von Junipers Bett, die Kissen in einer Reihe vor ihnen aufgestellt wie einen Schutzschild.

»Beeilt euch«, sage ich und führe sie in mein Zimmer. Im Flur höre ich, wie er wegen seines Handys herumbüllt. Es ist wieder mal weg. Er hat in den letzten Wochen ständig irgendetwas verloren und jedes Mal scheinen wir die Konsequenz dafür tragen zu müssen.

Ich zögere an der Tür und versuche sie abzuschließen. Letztes Jahr hat er das Schloss zerstört – das letzte Mal, als ich versuchte, ihn auszusperren. Ich schalte mein Licht an und schaue genauer hin. Es braucht nur eine neue Schraube, um das Schloss wieder in der Tür zu befestigen. Ich laufe zu meinem Schreibtisch hinüber und kippe die Stiftdose aus. Ich weiß, das Ding muss irgendwo sein. Ich schiebe das Streichholzmäppchen zur Seite und da ist sie. Die Schraube, die Joe auf Liams Fensterbank abgelegt hat. Ich habe die Sachen doch nicht Juniper gegeben – Streichhölzer und Eisenwaren passen ohnehin nicht so recht zu ihrer Sammlung aus Murmeln und Federn.

Zurück an der Tür, halte ich die Schraube vor das Loch. Sie passt. Ich drehe sie so weit hinein, wie ich es mit bloßen Händen schaffe. Nicht super, aber besser als nichts. Gibt mir ein besseres Gefühl, als ich das Licht ausmache und mich zu meinen Schwestern mitten aufs Bett setze. Ich höre Schritte auf der Treppe und wir erstarren alle gleichzeitig, als ein Schatten in dem Lichtstreifen unter der Tür erscheint.

Die Tür ruckt in den Angeln, aber das Schloss hält.

Gemurmelte, wütende Laute.

»Nicht, lass –«, sagt Mom.

KNACK!

Die Tür bricht am Rand auf, ein langes, abgesplittertes Teil hängt noch am Schloss, das herausfliegt und ins Zimmer stürzt. Der Rest hängt in den Angeln, gekrümmt und geborsten. Wir sehen das grelle Licht und die Silhouette eines Mannes, der nicht böse ist, doch es manchmal vergisst.

»Steh auf«, sagt er.

Wir kriechen hinter unseren Kissen hervor. Die Mädchen folgen mir und ich folge Mom. Wir treten vorsichtig über das, was mal meine Tür war, und die Bilderrahmen, die auf dem Boden herumliegen. Wir gehen in die Küche. Er hält eine Ausgabe der Auburn Gazette hoch. Sie ist auf der Seite aufgeschlagen, wo die Gemeindenachrichten und Polizeiberichte stehen.

Der Siegeraufsatz des Schreibwettbewerbs.

»Sagst du mir mal gefälligst, was dieser Dreck da soll?« Er schreit diesmal nicht und irgendwie ist das noch schlimmer. Mein Kopf pocht von der Musik, dem Adrenalin, der Angst.

Seine Augen sind weit aufgerissen. Er wirft die Zeitung auf die Arbeitsplatte und greift nach einer Schachtel Zigaretten. Mom nimmt die Zeitung hoch.

Mein Aufsatz.

Meine erste echte Veröffentlichung, auch wenn mein Name nicht druntersteht.

Und dieser Aufsatz könnte uns das Leben kosten.

Es sind nicht die Krähen, die Auburn hässlich machen.

Es ist die Komplizenschaft.

Alle, die weggeschaut haben.

Der Aufsatz ist aber keine Anklage. Er ist eine Art Liebesbrief. An Mom. An Campbell und Juniper. Das gilt es zu retten. Wir können das zusammen schaffen, wenn wir es beim Namen nennen.

Wenn wir sagen: Genug.

»Es steht kein Autor da.«

»Scheiß drauf. Das warst du«, sagt er, zündet sich mitten in der Küche eine Zigarette an und deutet auf die Zeitung. »Ich weiß es, weil jemand vom Gemeinderat es jemandem erzählt hat, den er kennt. Und der hat es mir erzählt. Es gibt keine Geheimnisse in dieser Stadt. In Kürze wird es jeder wissen.«

Gut, denke ich. Ich will ja, dass sie es wissen.

Und es stimmt, es gibt keine Geheimnisse in dieser Stadt.

Seine Wut war kein Geheimnis, aber irgendwie ist das Peinliche daran, dass ich darüber spreche.

Er öffnet und schließt die Schranktüren und tritt gegen Sachen.

»Und weißt du, was sie als Nächstes tun werden? Dem Bauunternehmen Barnes nie mehr Aufträge geben. Deshalb verdammten Scheißglückwunsch, Leighton Barnes, du hast das Familienunternehmen ruiniert. Und wo ist mein Scheißhandy?«, fragt er. »Und wieso ist es hier drinnen so heiß?« Er greift nach dem Thermostat und schaltet die Heizung ab, dann läuft er in der Küche rum und reißt alle Fenster auf. Mom legt die Zeitung auf die Arbeitsplatte und kommt zu uns. Sie legt mir den Arm um die Schultern.

»Wir gehen jetzt ins Bett«, erklärt sie ihm.

»Nicht bevor ich es erlaube«, antwortet er, während er nun auch im Wohnzimmer weitere Fenster aufreißt.

»Fahr zur Hölle«, sagt sie und schiebt uns in Richtung Treppe.

Er unterbricht, was er tut. Seine Augen sind dunkel. Sie machen mir Angst. Es ist, als ob er gar nicht dort drinnen wäre.

»Provozier mich nicht. Nicht heute Nacht.« Er geht nach oben, wahrscheinlich, um dafür zu sorgen, dass der erste Stock auch eisig kalt wird. Mom folgt ihm und schließt die Fenster hinter ihm.

Es vergeht eine knappe Sekunde, bis wir von oben einen gewürgten Schrei hören.

Ich renne los, ziehe mich um das Geländer. Er hält sie oben an der Treppe fest, übers Geländer nach hinten gebeugt, die Hände um ihren Hals. Ich erreiche ihn blitzschnell, ramme meinen Körper so fest in ihn rein, wie ich nur kann, damit er sie loslässt. Ich schiebe ihn durch die Badezimmertür und er beschimpft mich wüst. Er attackiert mich, stößt mich fort und ich schlage gegen das Geländer. Ich höre etwas knacken und für eine kurzen Moment weiß ich nicht, ob es etwas in meinem Innern ist.

Das Holz unter mir splittert und Holzstücke stehen in allen erdenklichen Winkeln nach oben, scharfkantig herausgeplatzt. Ich versuche einzuatmen, doch ich kriege keine Luft mehr und es tut weh.

Ein Moment vergeht. Zwei. Drei.

Ich ringe nach Luft.

Campbell rennt den Flur entlang und schwingt die Faust. Sie trifft ihn seitlich am Kopf. Unmöglich, dass es ihm so richtig wehtut, aber egal. Er verliert die Kontrolle und er dreht sich zu ihr um. Er fasst nach ihr und ich schreie. Es ist ein Geräusch, das ich noch nie im Leben von mir gegeben habe, und ich stürze mich auf ihn wie ein wildes Tier, kratze ihn, wo ich nur kann. Er lässt Campbell los und ich packe sie und die schluchzende Juniper, ziehe sie in mein Zimmer. Ich dränge sie in meinen Schrank, höre, wie er Mom die Treppe hinabzerrt, und hab nur noch einen Gedanken: dass er sie näher zu seiner Pistole zieht, die Waffe liegt direkt auf dem Kühlschrank. Es würde nur einen Moment, eine Sekunde dauern und er hätte unsere ganze Welt zerstört.

Tapp. Tapp. Tapp.

Tapp.

Ein knackendes Geräusch von der anderen Seite meines Zimmers. Vom Fenster. Und als ich hinkomme, sehe ich nur einen Federblitz im Dunkel, als eine Krähe davonfliegt.

Und noch etwas anderes.

Ein Geschenk ist draußen auf das Fensterbrett gelegt worden. Ich öffne das Fenster und hole das Teil verwirrt herein. Dankbar.

Es ist Dads Handy.