64. KAPITEL

Rote und blaue Lichter blitzen über die abgenutzte, früher mal weiße Verkleidung des Hauses. Rot, blau und grau.

Eine andere Art von amerikanischem Traum.

Es ist kalt draußen und meine Hände sind beide fest um zwei kleinere geschlungen. Unsere Flanellschlafanzüge halten dem Wind nicht stand.

Officer Bill DiMarco ist als Erster da. Als ich ihn sehe, spüre ich, wie das Ding, das in meiner Brust gefangen ist, in Panik gerät. Wird er ihn einfach wieder laufen lassen?

Doch das tut er nicht. Er legt ihm Handschellen an. Er handelt, als wenn er ihn überhaupt nicht kennen würde.

Ein weiterer Beamter kommt, ruft einen Richter zu Hause an, weckt ihn und erwirkt ein einstweiliges Kontaktverbot.

Der zweite Beamte zieht Mom beiseite, doch ich kann sie verstehen. Er erklärt ihr, dass wegen der Feiertage eine richtige Anhörung Zeit brauchen wird. Dass wir aber die vorläufige Verfügung verlängern können, bis der Fall vor ein Gericht kommt, wahrscheinlich nach Silvester. Wenn er früher freigelassen werden sollte, halte ihn das Kontaktverbot vom Haus und von uns fern.

Und nach dem Gesetz müsse er innerhalb von vierundzwanzig Stunden nach Freilassung seine Schusswaffe aushändigen.

Officer DiMarco kommt herüber, nachdem er unseren Vater in seinen Wagen verfrachtet hat. Ich frage mich, ob sie wohl irgendwas miteinander gesprochen haben.

Er tritt von einem Fuß auf den andern. Er wirkt, als ob er sich schrecklich unwohl fühlt. Ich kann mir vorstellen, dass er gerade lieber sonst wo wäre als hier wegen unseres nächtlichen Notrufs.

»Ich habe deinen Aufsatz gelesen, Leighton. Tut mir leid. Äh – es tut mir wirklich leid. War echt hart, das zu lesen.«

»Es war echt hart, das zu erleben.« Ich bin erschöpft. Und mir ist kalt. Ich bin nicht in der Stimmung für irgendwelche halbherzigen Wiedergutmachungen erwachsener Männer.

Officer DiMarco nickt nur einmal, wendet sich dann Mom zu und verspricht, im Laufe des Tages persönlich eine schriftliche Fassung des Kontaktverbots vorbeizubringen.

Mom wankt nicht ein einziges Mal.

Ich denke nicht an morgen. Ich denke nicht an die Möglichkeit, dass sie noch einmal ihre Meinung ändern könnte. Heute Nacht habe ich zum ersten Mal seit langer Zeit das Gefühl, dass wir gehört worden sind. Ich habe das Gefühl, als ob wir vielleicht in Sicherheit sind.

Und das ist ein verdammt gutes Gefühl.