65. KAPITEL

Wir machen uns ausnahmsweise bei mir zu Hause fertig. Sofia war schon hier, aber selten. Wir stehen im Zimmer und ziehen beide noch eine zweite Strumpfhose über die erste, weil es draußen eiskalt ist. Das schwarze Kleid sieht noch immer so toll aus wie beim ersten Mal, als ich es anprobiert habe. Geschmeidig und glänzend. Der schwarze Satinstoff hebt das Rot meiner Haare hervor. Mehr so wie bei Mom.

»Wie seh ich aus?«, frage ich Sofia, schiebe die Hände in die Taschen und wirble herum. Der Rock schwingt weit.

»Du weißt genau, dass du fantastisch aussiehst. Wie eine Verschmelzung von Audrey Hepburn und Emily Erdbeer.«

»Moment mal, soll das ein Kompliment sein?«, frage ich und schau in den Spiegel. Sofia stellt sich neben mich. Sie ist einen halben Kopf kleiner, macht aber den Größenunterschied durch die hochtoupierten Haare fast wett. Wenn dann noch die kobaltblauen High Heels dazukommen, für die sie sich entschieden hat, ist sie sogar größer.

»Natürlich ist das ein Kompliment«, antwortet Sofia. »Emily Erdbeer ist super

Es klopft an der Tür.

Ich öffne sie für Campbell und die reißt die Augen auf.

»Wie findest du’s?«, frage ich und spitze meine pinken Lippen in ihre Richtung.

»Sehr Achtzigerjahre«, sagt sie. »Und Wahnsinn.«

»Danke. Okay, wir müssen los.«

»Du willst nur Liam nicht warten lassen«, sagt Campbell, doch sie lächelt und hilft mir, den Reißverschluss an der Seite hochzuziehen.

Am Tag nach Weihnachten fand ich zwei Zeitungsausschnitte auf meinem Schreibtisch. Der erste war mein Artikel, gerahmt. Der zweite war ein weiterer Polizeibericht.

»Die örtliche Polizei wurde wegen einer häuslichen Auseinandersetzung gerufen. Ein 36-jähriger Mann wurde festgenommen und muss sich wegen des Vorwurfs gewalttätiger Drohungen, unrechtmäßigem Freiheitsentzug sowie Körperverletzung verantworten.«

Und auf dem Zeitungsausschnitt klebte ein Zettel, auf dem stand: »Du hattest recht. Es war gut. C.«

»O Gott«, sagt Mom, als wir in die Küche treten.

»Was?«, frage ich.

»Nichts. Es ist nur, dass mir plötzlich meine ganze Jugend wieder vor Augen steht«, antwortet sie. »Viel Spaß, ihr zwei. Und fahrt vorsichtig.«

In Sofias Auto läuft die Heizung auf vollen Touren. Es ist ein bitterkalter Silvesterabend. Trockene Kälte. Kein Schneesturm zu erwarten, der die Krähen zudeckt.

Sie lassen sich nicht mehr verbergen. Jeder Baum an der Schnellstraße ist voll von ihnen. Jeder Parkplatz, jedes Feld. Sie übertreffen die Zahl der Menschen inzwischen um das Zehnfache. Es scheint, als ob ständig irgendein Schwarm aufgeschreckt in die Luft steigt. Statt Bäumen haben wir Krähen. Statt Feldern haben wir Krähen. Statt Wolken …

Sie beherrschen Auburn jetzt.

Der Aktionsplan der Stadt, sie zu vertreiben, startet morgen.

Ich weiß, es ist nur das Jahr, das endet, aber es fühlt sich so an, als ob es die Welt wäre. Die Sonne steht tief und gewichtig über dem Berg. Der Himmel ist nicht rosa gefärbt wie im Sommer oder orange wie im Herbst, sondern dunkelrot, und verwandelt sich schnell in Schwarz. Mit den quellenden Wolken, die um den Berg herum stehen, wirkt es fast, als ob eine Atombombe explodiert wäre.

»Sieht aus wie die Apokalypse da draußen«, sagt Sofia, meine Gedanken lesend. Wir halten vor der Schule. Sofia hat sich für ein leuchtend blaues Taftkleid entschieden, das aussieht, als ob sie eine Zeitreise unternommen und es in den Achtzigern in einem Laden vom Ständer gezogen hätte. »Moment noch«, sagt sie. »Du hast deine Haare nicht stark genug toupiert.«

Sie zieht mich näher zu sich heran, zerrt mit einem Kamm an meinen Haaren herum und trennt die Locken so lange auf, bis sie praktisch ein von mir unabhäniges Dasein führen.

»Echt, Sofia?«, frage ich, die Stimme gedämpft von den Haarmassen zwischen uns.

»Du siehst heiß aus«, sagt sie und zupft noch einmal.

»Wenn ich nicht mit zwei Schwestern aufgewachsen wär, würde mir das hier höllisch wehtun«, erkläre ich ihr.

»Zum Glück ist deine Kopfhaut seit Jahren taub«, antwortet sie.

Liam stößt einen leisen Pfiff aus, als er uns zum Eingang der Sporthalle hochkommen sieht.

»Wow«, sagt er, als Sofia und ich stehen bleiben und uns auf dem Gehweg in Pose werfen. »Da kann ich echt nicht mithalten.«

»Jetzt bist du platt, was, McNamara«, sagt Sofia lachend, zieht die Tür auf und marschiert auf ihren Sieben-Zentimeter-Absätzen hinein. Ich schaue nach unten auf meine Ballerinas. Glamour pur.

»Perfekt«, sagt Liam. Er kommt näher, nimmt meine Hand und wirbelt mich herum. Er trägt etwas, das ein alberner weißer Smoking sein könnte, doch er sieht wie immer atemberaubend aus. In der Brusttasche seines Jacketts steckt eine Fliegersonnenbrille. Ich greife nach ihr. »Nichts da«, sagt er und fängt meine Hand über der Tasche ab. »Die falsche.«

»Was soll das heißen?

Liam fasst in eine andere Tasche, zieht ein Etui raus und setzt seine richtige Brille auf.

»Okay, jetzt bin ich bereit.«

»Wie? Es ist dir nicht peinlich?«

»Nee, die können mich mal«, sagt Liam. Ich muss lachen.

»Was hat zu deinem Sinneswandel geführt?«

»Äh, dieses süße Mädchen, das ich kenne. Sie sagt, die Brille steht mir.«

»Oh, verstehe. Da hat sie recht. Solltest öfter auf ihre Meinung hören«, flüstere ich, gerade als seine Lippen meine berühren wollen. Und ich spüre das Lächeln auf ihnen, als wir uns küssen. Er zieht den Kopf abrupt weg.

»Schau dir das an.«

Er öffnet die oberen Knöpfe von seinem Hemd und zieht es auseinander. Unter seinem makellosen Smoking trägt er ein Superman-T-Shirt. Ich muss erneut lachen.

»Perfekt.«

»Danke. Nicht zu schräg?«

»Oh, sehr schräg. Aber das ist ja das Gute.«

»Hey, übrigens – ich hab meine erste Zusage bekommen«, sagt Liam. Ich mag, wie er das Wort »erste« betont, so als wenn er wüsste, dass er noch mehr kriegen wird.

Und er hat ja recht. Es wird noch mehr kriegen. Gar keine Frage.

»Glückwunsch! Und von wo?«

»Genau genommen von einem Kunstprogramm. Der Direktor hat mit mir Kontakt aufgenommen und gesagt, dass ihm meine Unterlagen sehr gefallen, und auch wenn Graphic Novels eigentlich nicht ihr Thema sind, hätte sie doch mein außergewöhnliches Talent überzeugt, deshalb solle ich kommen. Das heißt, wenn ich gehe, kann ich weiter Comics zeichnen. Sie haben lauter Klassen für Gestaltung und für Geschichtenaufbau. Und die Fakultät ist kulturell breit aufgestellt und wirklich unglaublich.«

»Ist ja echt cool, Liam.«

»Und weißt du, was noch cool ist? In ihrer eigenen verfluchten Zeitung die ganze Stadt anprangern.«

Liam legt den Arm um mich und zieht meinen Körper an sich. Es ist eisig, aber das ist mir egal. Ich höre das Rascheln von Papier und drehe mich leicht zur Seite, ohne ihn loszulassen. Liam hält die Gazette hoch – die Seite fünf, in der Mitte gefaltet.

Er liest vor.

»›Der Charme der Stadt erreicht ihre Opfer nicht und das Wort perfekt ist bloß ein Märchen. Wir müssen aufhören zu glauben, dass alles wieder großartig wird, wenn erst die Krähen weg sind, und an den Dingen arbeiten, die schon im Argen lagen, lange bevor die Krähen hier einfielen.‹ Das ist meine Lieblingsstelle.«

»Ja?«

»Und die über die Wände. Und das mit der Mitschuld. Und die Gewohnheiten der Vögel bei ihren Wanderungen als Metapher für generationenübergreifende Gewalt.«

»Der Teil war heikel.«

»Aber er funktioniert. Echt gut gelungen, Leighton.«

»Danke.«

»Leighton!« Ich werde praktisch von der Seite in eine Umarmung gezogen.

»Hi Fiona.« Ich winde mich etwas, damit ich meine Arme um sie legen kann. »Hey, ich hab mich bei dir noch gar nicht bedankt, dass du dich bei dem Footballspiel um meine Schwestern gekümmert hast. Das war echt lieb von dir.«

»Pah«, antwortet sie. »Das war gar nichts. Die beiden sind hinreißend. Also, Juniper ist hinreißend. Campbell ist intensiv

»Aber wirklich. Du siehst so toll aus«, sage ich.

»Danke, Leighton. Wir haben so viel Spaß. Ich bin froh zu sehen, dass du deine Keine-Begleitung-Regel über Bord geworfen hast. Na los, spielt ein bisschen die Dummies zusammen.«

Liam führt mich in die Sporthalle und wir lassen die Bowle und die Fotoschlange links liegen. Er zieht mich direkt auf die Tanzfläche. Es ist ein langsamer Song und die Musik ist nicht schrecklich laut. Liams Hand findet meine Taille und er zieht mich dicht zu sich ran. Bis ich direkt unter seinem Kinn bin. Ich sage mir, dass so was jeden Tag geschieht, aber manchmal ist etwas normal und gleichzeitig völlig unglaublich.

Irgendwann im vergangenen Jahr stiegen die Mädchen und ich an einem Nachmittag aus dem Schulbus und es regnete wie verrückt. In Sekunden waren wir nass bis auf die Haut und mussten doch noch die ganze Straße lang bis nach Hause laufen. Aber nach etwa einer Minute hörte der Regen plötzlich auf, einfach so. In einer Sekunde wechselte das Wetter von sintflutartigem Regen zu nichts. Die Wolke war abgezogen. Wir sahen es auf den Feldern jenseits der Straße weiterregnen, aber nicht über uns. Und so was muss wohl Tag für Tag passieren – das Wetter zieht weiter, ändert seine Richtung. Die Regenwolke zieht ab oder der Wind hört auf. Gewöhnlich verpassen wir aber diesen sekundenschnellen Wechsel, das heißt, als wir es an dem Nachmittag erlebten, schien es, als ob wir die einzigen Zeugen von etwas Besonderem wären. Und genauso fühle ich mich jetzt in Liams Armen. Auch wenn das hier jeden Tag millionenfach überall auf der Welt passiert.

Aber heute bin ich für diesen einen perfekten Moment hier.