»Ich hab gehört, dein Dad hat versucht, deine Mom umzubringen?«
Und so verfliegt der perfekte Moment.
Liam und ich drehen uns zu Brody um, der mich angrinst.
Der Polizeibericht.
Liam macht einen Schritt auf Brody zu und ich packe seinen Arm. »Lass uns gehen«, sage ich.
»Leighton.« Liams Arm fühlt sich unter meinen Fingern straff gespannt an.
»Lass uns einfach gehen.«
»Aber sie haben noch gar nicht den Ice King und seine Ice Queen des Winterballs verkündet«, sagt Brody. »Hab gehört, ihr zwei steht ganz oben.«
»Mann, was für ein Arsch bist du eigentlich?«, fragt Liam.
»Ignorier ihn einfach«, sage ich. »Komm schon.«
»Brody, du wirst jetzt sofort gehen«, sagt eine Stimme hinter mir. Es ist Amelia. Perfekte Haare, perfektes Kleid … perfekt kalter Blick, als sie Brody ansieht. »Als Vorsitzende des Schülerrats erkläre ich dir, dass du den Ball zu verlassen hast.«
»Von mir aus«, antwortet er. »Ist sowieso lahmarschig.«
»Geh«, sagt sie noch einmal. Wie bei dem Footballspiel überrascht mich auch diesmal, wie energisch ihre Stimme für so eine kleine Person ist.
Brody zeigt ihr den Stinkefinger, bevor er sich abwendet, doch er geht wirklich.
»Danke, Amelia.« Meine Hand sinkt auf ihren Arm. Ich bin so dankbar, dass ich gar nicht weiß, wie ich es ausdrücken soll.
»Lass dir von ihm nicht den Abend vermiesen«, antwortet Amelia. »Oh, verdammt, irgendjemand lässt die Basketballkörbe runter. Die zerstören mir meinen Ballonbogen. Ich muss los.«
Sie winkt zum Abschied.
Sofia steht auf der anderen Seite der Sporthalle, schreit den Jungen an, der die Körbe runterlässt, und gestikuliert wie wild in Richtung der Ballons. Ich muss lachen, doch als ich mich wieder zu Liam umdrehe, ist er immer noch wütend.
»Sollen wir gehen?«, frage ich.
»Echt? Und wo willst du hin?«
»Nach New York«, antworte ich. »Kalifornien. Zum Mond.«
Schließlich muss er lachen.
»Aber erst mal ins Zeitungsbüro. Ich muss meine Mails checken.«
»Geh voran.«
Das Zeitungsbüro ist pechschwarz und wir stolpern in ihm herum, weil wir kein Licht anschalten und die Lehrer auf den Plan rufen wollen.
»Braucht eine Weile, bis er hochfährt«, flüstere ich und schalte den Steinzeit-PC ein.
»Mmmhhh. Hast du mich etwa unter Vortäuschung falscher Tatsachen hergelockt, Barnes?«, fragt Liam und seine Hände finden mich in dem Dunkel.
»Vielleicht«, sage ich kichernd. Der Computer fährt hoch und ich klicke auf das E-Mail-Symbol.
»Weißt du, es dauert auch eine Weile, bis er die Mails öffnet«, erkläre ich ihm.
Er dreht mich in seinen Armen um und hebt mich auf meinen Schreibtisch. Er küsst mich ausgiebig und seine Hände verfangen sich in den Massen meiner auf Achtzigerjahre toupierten Haare. Ich muss lachen, als er zum vierten Mal scheitert, mir die Haare zur Seite zu streichen. »Was genau hast du vor?«, frage ich ihn und richte den Blick auf die Decke.
»Deinen Hals küssen. Deine Haare sind die reinste Löwenmähne.
»I am woman«, antworte ich. »Hear me roar.«
Er lacht über mein ein Jahrzehnt zu altes Musikzitat und dann küsst er mich wieder. Ich spüre sein Lächeln auf meinen Lippen und es gibt keinen Platz auf der Welt, wo ich lieber wäre als mit Liam McNamara knutschend im Zeitungsbüro unserer Schule.
Das Rascheln meines Kleids lässt mir einen Schauer über den Rücken fahren. Ich bin froh, dass wir allein sind. Es löst ein Gefühl aus wie gut formulierte Worte. Nicht in einem Zeitungsartikel oder Aufsatz in English Lit. Mehr wie in einem Sonett. Meine Beine sind runde Klammern um seine Hüfte. Als ich ihm in den Nacken seufze, ist es ein besitzanzeigender Genitivlaut. Und jedes der Worte ist bereits vertraut – ich lerne sie seit Monaten auswendig. Liams Arme umschlingen mich und drücken mich fester an ihn, er küsst mich noch stärker und ich frage mich, wo das hinführen soll –
Mein E-Mail-Account pingt.
Er zieht den Kopf zurück und neigt ihn zur Seite. »Vielleicht nicht der richtige Ort.«
»Ganz sicher nicht.«
Ich springe vom Schreibtisch und schaue nach meinen Mails. Ich scrolle mich durch Dutzende Junkmails und Uni-Mails, die in der letzten Woche den Eingang gefüllt haben. Und dann springt mir plötzlich etwas ins Auge: Aktualisierung zum frühzeitigen Zulassungsantrag.
»Die ist von der New York University«, sage ich.
»Glaubst du nicht dran?«
»Ich weiß nicht«, flüstere ich und dann schauen wir beide zusammen auf den Bildschirm.
»Oh, sieh mal, die da ist von meinem Ornithologen.«
Ich klicke die Mail zuerst an.
»Feigling«, flüstert Liam und seine Hände versuchen vergeblich, meine wilden Haare zur Seite zu schieben, damit er mir über die Schulter schauen kann. Ich lese die erste Mail vor.
»›Wie versprochen habe ich eine zweite thermische Karte angehängt, die die Quartiergewohnheiten der Krähen in Auburn, Pennsylvania, zeigt …‹« Ich verstumme langsam und öffne den Anhang. Wie bei der ersten Karte, die er vor ein paar Wochen geschickt hat, füllt auch jetzt wieder eine in strahlenden Farben den Bildschirm. Gelb und Orange in den Vororten, wo es weniger Krähen gibt. Rot und Weinrot, wo die Konzentration höher liegt. Und doch wirkt diese Karte anders als die letzte. Es gibt viel mehr Dunkelrot und diesmal ist eine Stelle komplett schwarz – die stärkste Konzentration. Das Ganze sieht aus wie ein Wirbelsturm, mit einem Epizentrum da, wo sich die meisten Krähen versammelt haben.
Ich schaue auf die Straßenlinien der Karte und plötzlich stockt mir der Atem. Der schwarze Fleck liegt fast genau auf dem Haus, wo ich wohne.
»Liam …« Ich klicke herum, um das Bild zu vergrößern. »Verdammt, was, glaubst du, hat das zu bedeuten?«
»Leighton.«
»Merkwürdig, nicht?«
»Leighton«, sagt er wieder. »Du hast die andere Mail geöffnet.«
Er hat recht. Ich hab auf den falschen Button gedrückt. Anstatt die Karte zu vergrößern, hab ich sie aus Versehen geschlossen.
Und die Mail der New York University geöffnet.
»Lay-TON!«, schreit Liam. Er hebt mich in meinem schimmernden schwarzen Kleid in die Höhe und wirbelt mich rum.
Ich bin angenommen.