68. KAPITEL

Ich stehe am Rand des Gehwegs, der zu früh aufhört, und sehe zu, wie Liam davonfährt. Die roten Rücklichter verschwimmen und verlieren sich dann in der Nacht, aber ich gehe trotzdem noch nicht ins Haus. Stattdessen lasse ich zu, mir die Zukunft vorzustellen. Ich stelle mir eine Zukunft vor, in der wir nicht »keine Versprechungen« sagen, sondern einander alles versprechen. Ich stelle mir vor, zu Liam nach Hause zu kommen, und der Gedanke erzeugt ein Lächeln.

Bum! Ich fahre zusammen und schaue hoch. Ein roter
Lichtbogen zuckt über den Himmel. Das Feuerwerk beginnt. Ich eile auf das Haus zu und erst jetzt fällt mir auf, wie dunkel es ist. Wieso ist denn nirgends Licht an? Es ist doch noch nicht einmal spät.

Und es ist Neujahr.

Erst als ich die Verandatreppe erreiche, sehe ich, dass sämtliche Fenster geöffnet sind. Erst als ich dastehe, Zentimeter von ihm entfernt, merke ich, dass ich nicht allein bin. Er schaltet das Licht im Flur nicht an, doch ich erkenne seine Gestalt im Dunkeln. Ich bekomme das deutliche Gefühl, dass er auf mich gewartet hat, und die Vorstellung dreht mir den Magen um. Zu was bin ich heimgekommen? Wann haben sie ihn freigelassen?

Ich trete auf die Haustür zu und versuche, mich an das gute Gefühl zu erinnern, das ich gerade noch hatte, aber seine Gegenwart hat das Glücksgefühl verschreckt. Es versteckt sich irgendwo in den Schatten meiner Erinnerung. Denn er hat das Kontaktverbot gebrochen. Er ist hier. Und ich könnte versuchen fortzulaufen, aber wahrscheinlich haben die Mädchen Todesangst. Oder sind verletzt.

Das Haus ist zu dunkel.

Ich öffne die Tür und er ist ein Eins-achtzig-Schatten in der Dunkelheit.

Und dann erinnere ich mich an den Gedanken, den ich eben noch hatte, an den Moment, in dem ich mir einmal erlaubte, mir eine strahlende Zukunft vorzustellen.

Ich frage mich, wie das wohl sein würde, nach Hause zu kommen und keine Angst davor zu haben, was mich drinnen erwartet.