69. KAPITEL

Die Lichter im Haus sind nicht einfach aus; der Strom ist abgeschaltet. Kein Licht, keine Heizung. Als Strafe hat er alles komplett abgestellt.

Ich bin mit den Mädchen in meinem Zimmer – im Dunkeln. Unten ist es still, aber heute würde ich mir die Musik fast wünschen. Etwas, das die Anspannung auflöst. Das Ding in meiner Brust gerät in Panik, es flattert mit den Flügeln und schlägt gegen die Stangen seines Käfigs. Mein Herz bricht mir den Brustkorb, ein Hammer gegen die Rippen.

Wir bleiben oben. Wir verhalten uns still. Wir verstecken uns.

Ich muss die Polizei rufen. Wo ist das Handy?

Und dann ein anderer Gedanke.

Wo ist die Pistole?

Krach!

Ein rotes Licht zuckt durch den Himmel. Das Feuerwerk geht weiter.

»Können wir die Lampe anmachen?«, fragt Juniper. »Ich hab Angst.«

»Später«, antworte ich. Ich drücke sie an mich, aber ich bin abgelenkt durch meine eigene Angst.

Ich höre Stimmen, die zu uns heraufdringen. Ein Streit. Kurz und gedämpft. Ich wünschte, es wäre alles, doch das Gefühl, dass es schlimmer wird, bevor es besser wird, will nicht weichen.

Ich denke an den Kriechraum im Untergeschoss.

Wir müssen raus hier.

»Hört zu, ich muss Mom holen«, sage ich. Ich weiß nicht, was ich tue. Ich weiß nur, ich muss mich bewegen. Es ist immer das Warten, das mich fertigmacht.

»Bitte, Leighton«, sagt Campbell und ihre Stimme bricht. Ich glaube, niemand von uns könnte es erklären. Aber wir wissen einfach, wie schlimm das hier werden kann.

Bum!

Ich bin auf dem Weg zum Fenster, als ein weiterer Feuerwerkskörper in die Luft steigt, und zucke von dem Knall zusammen. Leuchtende Spuren in Rot und Gelb ergießen sich Richtung Boden. Krähensilhouetten schimmern im hellen Licht auf. Sie bewegen sich.

Ich schicke die Mädchen in den Kleiderschrank und küsse sie.

»Ich muss Mom holen und dann gehen wir«, erkläre ich ihnen in der Hoffnung, dass meine Stimme sicher und überzeugt klingt.

Ich schleiche nach unten. Sie sind im dunklen Wohnzimmer, sitzen auf dem Sofa.

»Mom?«, frage ich. Sie schaut auf. Ich kann über den Ausdruck in ihrem Gesicht absolut nichts sagen. Doch ich spüre, wie sich die Haare in meinem Nacken senkrecht stellen. Er steht auf und ich sehe sie im Dunkel. Seine Pistole.

Ganz langsam weiche ich zurück, Schritt für Schritt. Auch Mom erhebt sich jetzt vom Sofa. Und folgt ihm, als er näher auf mich zukommt.

»Ist es das, was ihr wolltet? Ist es das, was ihr wolltet, verdammte Scheiße?«, fragt er.

Ich bleibe stehen.

Ich schweige, starre ihn an. Alles, was ich jetzt sagen würde, wäre falsch. Ich blinzle nicht. Ich rühre mich nicht.

Und dann höre ich das verräterische Knarren meiner Zimmertür. Dieses Haus, das sich immer selbst geheilt und in Ordnung gebracht hat, nur nicht dieses Knarren, und zum Glück, denn so weiß ich, dass die Mädchen in Gefahr sind. Campbell und Juniper stehen oben am Treppenabsatz. Alle Flüche, die ich je gehört habe, jagen mir durch den Kopf, als ich zu überlegen versuche, wie ich sie dazu bringen kann, zurück in mein Zimmer zu gehen.

Ich glaube nicht, dass sie ihn von dort, wo sie sind, sehen können, und selbst wenn, würden sie nicht die Pistole sehen, die er schlaff in der Hand hält. Inzwischen habe ich auch aufgehört zu atmen und es ist, als ob ich schon für den Tod üben würde.

Campbell muss offenbar spüren, dass irgendwas absolut nicht stimmt. Vielleicht liegt es an der Steifheit meines Körpers. An meiner Weigerung, sie anzusehen. Es ist mein Nicht-Rühren, das sie veranlasst, sich umzudrehen. Egal, was der Grund ist, es funktioniert. Ihre dunklen Schemen oben am Treppenabsatz weichen zurück. Zurück ins Zimmer. Ich höre ganz leise das Knarren der Tür, als sie geschlossen wird.

Ich atme.

Ich blinzle.

Ich bin noch hier.

»Komm, lass uns in der Küche reden«, sagt Mom.

Sie rührt sich, mit winzigen, wohlkalkulierten Bewegungen.

Dann macht sie einen Schritt. Ich weiß, was sie vorhat, wie sie sich immer nur kleine Nuancen bewegt. Bis sie zwischen mir und der Pistole steht.

Mein Herz zieht sich zusammen, welkt, verdorrt in mir. Die Angst in meiner Brust rasselt nicht mehr in ihrem Käfig. Sie sitzt still da, in die Unterwerfung gedrängt. Sie weiß, ich kann es mir nicht leisten, auf sie zu hören.

Mom steht jetzt zwischen uns. Sie streckt die Hand aus und legt sie mir auf den Arm.

»Geh nach oben, Leighton«, sagt sie. Ihr Blick weicht keinen Moment lang von der Pistole. »Ich komm gleich rauf.«

Nein, kommst du nicht.

Ich weiß, ich sollte jetzt gehen. Wahrscheinlich würde er mich gehen lassen. Doch meine Füße gehorchen mir nicht. Sie wiegen jeder ungefähr tausend Pfund und werden niedergehalten von all den Erinnerungen, wie meine Mutter mich in den Arm genommen und auf die Stirn geküsst hat und alles hat gut werden lassen, wenn ich krank oder verletzt war. Wie meine Mutter sich zu mir ins Bett legte, wenn ich nicht einschlafen konnte, wie sie mir stundenlang in dem schwachen Licht, das vom Flur hereinschien, vorgelesen hat und mir am praktischen Beispiel zeigte, das Bücher Trost spenden können, wenn alles andere versagt. Selbst wenn Häuser kaputt und trügerisch scheinen. Und meine Füße werden niedergehalten von dem, wie sich meine Mutter zwischen mich und die Pistole geschoben hat. Meine Mutter, das schönste Geschöpf der Welt, die mir sagt, dass sie mich liebt. Sie liebt mich. Sie ist die Schwerkraft und ich bin die Erde und man kann diese Beziehung nicht einfach beenden. Das ist Physik. Sie ist eine Kraft für sich.

Mom liebt mich. Sie liebt mich. Sie liebt mich.

Da.

Die Worte haben Bedeutung.

Ich weiß jetzt, dass ich mich rühren kann, deshalb tue ich es. Ich bewege mich, aber es ist immer noch wie unter Schwerkraft und ich kann nicht kontrollieren, was mich bewegt.

Ich kann es nicht kontrollieren, aber ich kann erkennen, dass es sehr, sehr dumm ist. Ich strecke die Hand nach ihr aus.