7. KAPITEL

Manchmal scheint es, als ob ich an einem Abgrund stehe und es unter mir nichts gibt, was meinen Sturz auffangen könnte.

Wenn ich mich so fühle, greife ich nach den Worten von jemand anderem, um mich vom Abgrund wegzuziehen. Um mich daran zu erinnern, dass die Welt größer ist als mein Zuhause. Größer als Auburn. Es ist das Beste, was ich von Mom geerbt habe – ihre Liebe zu Wörtern. Sie liebt klassische Literatur und Lyrik und alle Erinnerungen an meine Kindheit riechen nach Stapeln von Taschenbüchern, die sie überall im Haus bunkerte. Sie machte Bücher auf eine Weise zu unserem Heim, wie es unser Haus niemals war.

Doch inzwischen ertrage ich die Klassiker nicht mehr. Sie hat immer gesagt, dass sie romantisch seien, doch jedes Mal gibt es am Schluss jemanden mit gebrochenem Herzen oder jemanden, der stirbt. Oder jemanden mit gebrochenem Herzen, der deshalb stirbt. Als ob die Tragödie das einzige Ende wäre, das überhaupt von Belang ist.

Heute ziehe ich Journalismus der Literatur vor. Ich ziehe die Wahrheit der Trauer vor. Romantik soll draußen bleiben, ich bin ein Zeitungsmensch.

Trotzdem muss ich Literatur belegen und wir lesen Tess von den d’Urbervilles, insofern bin ich doch noch nicht vollständig durch mit den Tragödien. Ich schlüpfe frühzeitig in den Klassenraum und blättere die Kapitel durch, die wir an diesem Wochenende zusammenfassen sollten. Als Liam hereinkommt, nehmen wir kurz Blickkontakt auf und er nickt mir zu.

Ich schaue schnell wieder zurück in mein Buch.

Doch als er hinten Platz genommen hat, muss ich mich einfach noch mal zu ihm umdrehen. Er sitzt natürlich mit den beliebten Leuten zusammen, aber im Uni-Vorbereitungskurs ist das eine besondere Gruppe. Die superklugen beliebten Leute. Sie sitzen mit zusammengerückten Tischen neben ihrem Freund oder ihrer Freundin, immer knapp am Rande dessen, was noch erlaubt ist. Alexis und Brody haben eine On-off-Beziehung, doch heute stehen ihre Tische so eng wie nur möglich zusammen und er hat seinen Arm um ihre Schulter liegen. Beide sind groß und blond, mit langen Beinen und sehr athletisch. Es wird immer behauptet, dass Leute, die beliebt sind, dumm seien, aber das stimmt nicht. Sie sind einfach Leute mit besserer sozialer Kompetenz. Warum bei der Wahl zum Homecoming-Hofstaat aufhören, wenn sie Harvard haben können? Besonders ohne irgendwelche Hindernisse, die einen abhalten, wirklich zur Uni zu gehen.

Auf der anderen Seite von Brody sitzt Amelia. Sie ist definitiv für Harvard gemacht. Sie hat perfekte Zähne und Eltern, die Chirurgen sind. Und sie kann wahrscheinlich sowohl Jane Austen als auch die neueste Glamour zitieren. In Wahrheit bin ich immer ein bisschen eifersüchtig auf Amelia gewesen. Es ist, als ob sie mit jedem befreundet ist. Man kann auf sie zugehen. Selbst wenn ich warmherzig und einladend sein wollte – ich wüsste nicht, wie ich mich aus dem ganzen Stacheldraht befreien sollte, den ich um mich herum errichtet habe. Es zeigt sich schon in der Haltung meines Kiefers. In der Art, wie ich meine Schultern von anderen abwende. Nur mit Vorsicht nähern, schreit meine ganze Körpersprache und es ist die einzige Sprache, die ich noch kenne.

Als mein Blick zu Liam zurückkehrt, wirkt sein Schreibtisch wie eine Insel. Er kann nicht wirklich ein Einzelgänger sein, denke ich mir, wenn er jemand ist, der ständig eine Freundin hat, und doch wirkt er irgendwie allein. Abgesondert. Als wenn er einen kleinen Puffer um sich herum hätte. Ich denke, in so einer kleinen Stadt laufen unsere sozialen Beziehungen spätestens im Abschlussjahr auf Autopilot. Es ist lange her, dass irgendwer von uns mal hochgeguckt hat. Oder zumindest gilt das für mich. Was wahrscheinlich der Grund ist, wieso ich Liam überhaupt nicht wahrgenommen hätte, wenn ihm nicht die Verwechslung mit Lyla Jacobs passiert wär.

Mrs Riley beginnt unsere Tess-Stunde und ich versuche, nicht mehr an Liam zu denken, sondern mich ganz auf sie zu konzentrieren. Mrs Riley unterrichtet mit einer Begeisterung fürs Lernen, die Magic-School-Bus-Niveau hat. Sie ist exzentrisch und laut. Sie gibt übrigens auch die Zeitung heraus, deshalb bin ich an ihre Verrücktheiten gewöhnt, doch es ist ein bisschen schräg, wenn wir über Geschlechterungleichheit im 19. Jahrhundert sprechen.

»Der Sozialkommentar wird als seiner Zeit weit voraus angesehen, besonders wenn es um Frauen geht … irgendwelche Meinungen dazu?«

»Was war Thomas Hardy, ein Feminist? Können Männer überhaupt Feministen sein?«, fragt Brody von hinten. Er lehnt sich auf seinem Stuhl zurück und spreizt die Beine so weit, dass er den ganzen Gang zwischen den Tischen blockiert.

Und er sagt »Feminist«, als ob es ein Schimpfwort wäre.

»Wie würdest du Feminismus denn definieren?«, fragt Mrs Riley.

»Hm, frigide Zick… ähm, Tussen mit rosa Mützen?«, antwortet Brody und in der Klasse bricht Gekicher aus. Ich mache mit meinem Tess-Buch rum und knicke die Ecken der Seiten um, als wenn ich die Stellen für irgendwas brauchen würde. Wenn mich Mrs Riley fragt, werde ich sagen, ich habe alle Passagen markiert, an denen ein eingebildeter, Ansprüche erhebender Arsch versucht, Tess’ Leben kaputt zu machen.

»Sonst noch jemand?«, gibt Mrs Riley die Frage an die Allgemeinheit weiter. »Leighton?«

»Klar, fragt die Ice Queen«, murmelt Brody.

Mein kühles, gefasstes Äußeres geht mir voraus. Ice Queen. Letztes Jahr hab ich Brody für den Juniorball abblitzen lassen, seither macht er immer spitze Bemerkungen über mich, dass ich zu kalt bin, um für einen Jungen aufzutauen. Er hat mich damals nicht wirklich gefragt, sondern gleich überfallen, indem er in der Kantine vor mir auf die Knie ging mit einem Kästchen in der Hand, in dem die Karte für den Ball lag. Und ich hab Nein gesagt. Vor allen andern. Öffentliche Zurückweisung kam nicht gut an bei Brody, deshalb bezeichnet er mich seither immer als Ice Queen.

»Männer können durchaus Feministen sein«, antworte ich und dreißig Augenpaare drehen sich in meine Richtung. Ich bin heute ziemlich gereizt, deshalb füge ich noch hinzu: »Aber wahrscheinlich eher die höher entwickelten.«

»Wie ich«, sagt Liam McNamara. »Ich bin Feminist.«

»Okay, gut«, sagt Mrs Riley. »Dann definier mal das Wort.«

Er stockt. »Äh. Lohndifferenz. Wonder Woman. BH-Verbrennung?«

»O Gott, bitte hör auf«, sag ich.

»Danke«, sagt Liam. »Mehr hätte ich auch nicht.«

»Du bist wahrscheinlich trotzdem ein Feminist. Es bedeutet einfach, du glaubst, Frauen sollen die gleichen Rechte haben. Ist nicht so kompliziert oder beängstigend. Die Mützen sind nicht zwingend«, antworte ich.

»Klingt bescheuert«, sagt Brody.

»Bescheuert ist zu glauben, dass ein Mädchen verpflichtet ist, mit dir auszugehen, nur weil du sie gefragt hast.«

»Zieh deine Krallen wieder ein, Mieze, das hier ist keine Protestveranstaltung«, antwortet Brody, kräuselt die Lippen und wirft mir einen Kuss zu.«

»Fahr zur Hölle, Brody«, fauche ich.

»Okay, das reicht«, sagt Mrs Riley. »Kommen wir wieder zu Tess zurück.«

Die Diskussion wechselt zurück ins 19. Jahrhundert, doch hinten in der Klasse herrscht immer noch Unruhe. »Lass sie in Ruhe«, sagt Liam und tritt gegen Brodys ausgestrecktes Bein, sodass er es unter den Tisch zurückzieht.

Liam.

Ich werfe noch einen kurzen Blick auf ihn.

Irgendetwas an ihm macht mich immer wieder an, Neugier überwiegt meine sonst typische Vorsicht. Liam ist selbstsicher, aber es zeigt sich nicht als Egotrip wie bei den meisten Jungs in unserem Alter. Er sieht gut aus, aber macht sich deswegen nicht zum Affen. Seine braune Haut ist glatt, der Teint perfekt. Doch es sind die weniger offensichtlichen Dinge, die ich langsam anfange, an ihm zu schätzen. Wie zum Beispiel die scharf geschnittene Kieferpartie und wie sein ganzes Gesicht plötzlich weich wird, sobald er lächelt. Dass er überhaupt sehr viel lacht. Dass er kräftige Augenbrauen hat und sie zu seinem Vorteil einsetzt, hochzieht oder zusammenkraust. Sein Ausdruck ist lustig und warmherzig und ich denke, dass jeder mit ihm befreundet sein will. Mir gefallen auch seine Augen. Sie wirken freundlich.

Mir gefällt, dass er sich als Feminist bezeichnet und sich über kulturelle Repräsentanz in Büchern Gedanken macht. Liams Dad ist weiß und seine Mom schwarz. Sein Dad ist in Auburn aufgewachsen, was heißt, er kennt hier jeden. Und seine Mom ist stellvertretende Schulleiterin an der Mittelschule, was bedeutet, auch sie kennt jeder. Liam ist alles andere als ein Fremder für mich, auch wenn wir nie miteinander geredet haben. Es gibt keine Fremden in so einer kleinen Stadt.

Ich war sogar ein paarmal in Mrs McNamaras Büro, als ich noch in die Achte ging. Meine Noten sackten ab, fast zeitgleich mit den ersten Verlusten in Dads Geschäft – und der daraus resultierenden Wut, die wir zu Hause erlebten. Doch Liams Mutter belehrte mich nicht oder gab mir ein schlechtes Gefühl wegen der Noten, sondern ermunterte mich, mich auf die Schule zu konzentrieren, weil das der Weg in jede Zukunft sei, die ich mir wünschte. Ihre Worte blieben bei mir haften. Ein beleuchteter Weg war genau, was ich brauchte. Im nächsten Halbjahr bekam ich einen perfekten Durchschnitt 4.0. Ich hatte keine Kontrolle über das, was zu Hause passierte, aber ich lernte intensiv genug, dass ich meine Noten in den Griff bekam. Meine Zukunft.

Die Familie McNamara zog von Philadelphia nach Auburn, als sich der alte McNamara aus seiner Anwaltskanzlei zurückzog und Liams Vater sie übernahm. Ich erinnere mich noch, wie ich dachte, dass Liam und ich das gleiche Schicksal hätten – wegen der Firmen unserer Großväter hier festzusitzen. Doch es war komplizierter für Liam, der plötzlich in einer Stadt mit so wenigen Schwarzen landete.

An Liams erstem Tag in der Auburner Grundschule saßen wir mittags alle zusammen an einem langen Tisch. Ich saß an einem der Enden, mit einem aufgeschlagenen Buch vor mir, doch Liam, der Neue, saß genau in der Mitte und hatte die volle Aufmerksamkeit. Er war kontaktfreudig und lustig und jeder mochte ihn und wollte unbedingt neben ihm sitzen. Er hatte gerade einen Witz erzählt, der sogar mir ein Lächeln abrang, und ich legte das Buch weg und dachte über diesen neuen Jungen nach, der alle so sehr zum Lachen brachte.

Dann sagte ein anderer Junge, dass er auch einen Witz kenne. Aber als er ihn erzählte, war er kein bisschen lustig, sondern einfach rassistisch.

Als ich Liam ansah, erkannte ich dieses kurze Zögern. Ich denke, er wartete, ob jemand anderes den Mund aufmachen würde.

»Blöder Witz«, sagte der neunjährige Liam. »Ich hab einen besseren.« Und innerhalb von Sekunden brachte er den ganzen Tisch aufs Neue zum Lachen. Doch ich habe mich immer für diesen Moment geschämt. Für das Schweigen der andern. Mein Schweigen.

Und wenn ich ihn jetzt ansehe, frage ich mich, wie oft das danach wieder passiert ist. Die Kommentare, die es gab, und das Schweigen, das folgte. Ich frage mich, ob er Auburn auch ab und zu hasst. Ist schwer in Einklang zu bringen, weil er in der Schule zu den beliebtesten Leuten gehört, doch das ändert nichts daran, wie diese Stadt tickt.

Hier nennen sie Ignoranz Tradition und machen weiter, als ob sie sich das Recht erworben hätten, grausam zu sein.