72. KAPITEL

Mom zieht mich auf die Beine und schiebt mich vorwärts.

Wieso rieche ich Rauch?

»Leighton, geh«, sagt Mom.

Er hält noch immer die Pistole und starrt sie an, als wenn er erst jetzt merken würde, dass sie in seiner Hand liegt. Seine Hand schließt sich um das schimmernde Metall. Drückt zu. Entspannt sich. Wägt sie. Wägt etwas ab. Begreift, dass er nicht fliehen kann. Sein Schlüssel ist weg.

Wir müssen gehen. Aber der einzige Weg führt nach oben. Zu den Mädchen.

»Geh, Leighton.«

Ich schleppe mich am Geländer die Treppe hinauf. Ich bin nicht verletzt, doch ich bin müde. Als ob hundert Jahre in Sekunden vergangen wären. Für immer kann auch in einem winzigen Augenblick existieren. Im Knall eines Feuerwerkskörpers. Im Abdrücken einer Pistole.

Wieso rieche ich Rauch?

Und dann plötzlich rieche ich ihn nicht bloß. Ich sehe ihn aus meinem Zimmer kommen und weiß, es ist die Lampe, und ich weiß, es sind die Mädchen. Aber wieso? Ich verstecke doch immer das Feuerzeug? Sie wissen nicht, wo ich es aufbewahre.

Mom und ich stürzen in mein Zimmer und sie schließt die Tür hinter uns ab.

Ich sehe Campbell und Juniper nicht.

Die Lampe ist ausgelaufen und brennt. Während ich hinschaue, ergreifen die Flammen den Vorhang von meinem Fenster, die Kante von meiner Decke.

Das Streichholzmäppchen, das Joe mir gebracht hat, liegt offen auf meinem Nachttisch. Ein paar Hölzchen fehlen.

Langsam breitet sich Rauch im Zimmer aus und die Mädchen sind –

Ich höre einen gedämpften Schrei. Der Kleiderschrank.

Ich renne durchs Zimmer und schlage dagegen. Er ist abgeschlossen. Ich höre Campbell husten und Juniper schluchzen.

Ich klaube mit den Fingernägeln an den verriegelten Türen. Panik steigt in mir auf. Die Mädchen. Die Flammen wachsen sich neben mir zu einer Hitzewand aus und ich muss so sehr husten, dass ich kaum Luft bekomme. Ich kratze an der Tür, bis die Finger bluten. Wieso ist der Schrank abgeschlossen? Meine Finger gleiten über das Schlüsselloch und das Metall ist glühend heiß.

Das Schlüsselloch.

Ich renne zu meiner Kommode, während Mom weiter an der Schranktür klaubt. Ich schnapp mir den rostigen Schlüssel, den Joe dagelassen hat. Den Schlüssel, von dem wir dachten, er sei vor Jahren verschwunden, von einem besorgten Großvater an einem sicheren Ort versteckt.

Zurück vor dem Schrank, gleitet der Schlüssel problemlos ins Loch, lässt sich drehen.

Die Türen fliegen auf und die Mädchen stürzen heraus. Ihre Haut fühlt sich heiß an. Schimmernde Tränenspuren überziehen ihre Wangen.

Mom hebt Juniper in ihre Arme.

»Leighton«, sagt Campbell zwischen zwei Hustenanfällen. »Bist du verletzt? Wir haben den Schuss gehört.«

»Niemand ist verletzt«, antworte ich. »Habt ihr das Feuer gelegt?«

»Du blutest«, sagt Cammy.

Ich schaue nach unten auf meine Hände. Sie sind voller Blut, aber ich bin nicht verletzt. Das Haus ist verletzt. Und jetzt brennt es.

Etwas schlägt gegen die Tür. Shit.

Mom begreift, bevor ich begreife. Wir sitzen in der Falle.

»Wir können es nicht löschen«, sagt sie und hustet bei jedem Wort. »Wir müssen raus.«

Wieder ein Schlag gegen die Tür und das Schloss wackelt.

Wir führen die Mädchen zum Fenster.

Bum! Feuerwerkskörper erhellen draußen den Himmel.

Wir schaffen es auf das Dach vor meinem Zimmer, aber das reicht nicht. Ich höre von drinnen einen weiteren Schlag gegen die Tür. Holz splittert, doch es hält.

»Weiter«, sage ich und wir drängen uns auf dem Dach entlang bis vor Moms Zimmer. Fürs Erste haben wir es aus dem Rauch geschafft.

Höher, schreit etwas in mir. Das Wesen. Die Angst. Es weiß, wo ich hinmuss, und ich weiß, ich sollte drauf hören. Kaum schießt mir der Gedanke durch den Kopf, birst etwas im Haus. Er ist in meinem Zimmer. Doch im selben Moment höre ich noch ein anderes Geräusch – die Haustür. Ich schaue über die Schulter, er ist aus dem brennenden Haus raus, aber nur für einen kurzen Moment.

Eine Meute von Krähen stürzt herab und treibt ihn zurück.

Sie zwingen ihn wieder ins Haus.

Und ich sehe sie an allen Fenstern, wie sie krächzen und sich im Sturzflug nähern. Es ihm unmöglich machen, das Haus zu verlassen, selbst als überall Rauch herausquillt und alles darin erstickt.

Ich höre Sirenen in der Ferne, doch sie klingen weit weg, zu weit weg.

Der Rauch wird dichter, aber wir können nicht zurück, deshalb heben wir die Mädchen hoch, bilden eine Räuberleiter und schieben die zwei zu dem obersten Teil des Hauses. Als Nächstes hilft Mom mir und dann ziehen Campbell und ich sie nach oben. Rauch strömt aus allen Fenstern, brennt in unseren Augen.

Ich höre, wie das Fensterglas splittert, und vor meinem Fenster tritt etwas heraus – doch es ist nicht er. Es ist ein Schatten, der über das Verandadach streicht. Es ist ein Stück von diesem Haus, das herausbricht und uns verfolgt. Ein Schatten in der Gestalt von Wut.

Wir sind so weit oben, wie wir nur können. Ich höre hinter uns ein Geräusch und drehe mich vorsichtig, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Am anderen Ende des Dachs, halb verborgen vom Rauch, erhebt sich die Gestalt. Sie ist jetzt bei uns auf dem Dach. Sie ist nicht viel mehr als ein Schemen, der auf uns zukommt. Aber er kommt näher. Es tut weh, ihn anzusehen – der Schemen pulsiert vor Wut. Die ganze Wut, die er je empfunden hat, losgelöst von ihm, auf uns gehetzt. Und hier hocken wir, ohne jeden Fluchtweg.

Ich greife nach Campbells Hand auf der einen und Junipers Hand auf der anderen Seite. Bald werden auch sie den Schatten aus dem Rauch treten sehen.

Doch als ich zu beiden hinschaue, sind ihre Augen nicht auf die Gestalt im Rauch gerichtet. Alle drei sind ganz ruhig und schauen geradeaus.

Ich folge ihrem Blick.

Die Krähen kommen.