Ich bin in meinem Zimmer, als es losgeht. Mein Mathebuch liegt aufgeschlagen vor mir, aber ich habe noch keine Aufgabe gelöst, als die Stimmen unten laut werden. Ich hatte gehofft, dass ich die Hausaufgaben vorher schaffen würde, doch den ganzen Abend lag eine Bleikugel in meinem Magen, allein aus dem Wissen heraus, dass es kommen würde. Es hat sich die ganze Woche über aufgebaut. Er wird immer stiller, bevor es aus ihm herausbricht. Heute wirkt das Haus so trist und still wie ein Friedhof und ich habe schon zwei Stunden in Angst dagesessen, mit angezogenen Beinen, und gehorcht, wie die Stimmen wütender wurden. Mein Bleistift liegt immer noch angespitzt auf dem Schreibtisch, so wie ich ihn hingelegt habe.
Erst als die Stimmen plötzlich verstummen, stehe ich auf. Irgendeine pervertierte Angst, die sich wie Neugier anfühlt, siegt über mich und ich öffne die Tür einen winzigen Spalt. Einen idealen, erprobten Spaltbreit – gerade weit genug, dass ich lauschen kann, aber nicht so weit, dass die Tür anfängt zu knarren.
Ich weiß, warum in Horrorfilmen Leute Türen öffnen und in verdunkelten Kellern nachschauen. Warum sie das Monster suchen. Sie tun es, weil manchmal nichts mehr wehtut als die Vorahnung. So sehr, dass ich etwas Schlimmes und Dummes tun möchte, um ihn in Rage zu bringen, damit es endlich losgeht, denn wenn es losgeht, kann es auch wieder aufhören. Irgendwie ist direkt danach der Moment, an dem ich mich am sichersten fühle. Ein paar Stunden Gnadenfrist. In denen ich nicht das Gefühl habe, als ob meine Nerven Strang um Strang aus dem Körper gerissen und durch glühend heiße Elektrodrähte ersetzt wurden, die mich von innen heraus verbrennen.
Ich trete ans Fenster von meinem Zimmer und ziehe die Jalousie hoch. Er ist jetzt im Garten und trägt eine Mülltüte
an die Straße.
Sein Truck steht direkt vor dem Haus – ein riesiges Teil, das er für die Arbeit nutzt. Auf dem Firmenlogo an der Seite steht: Barnes Bauunternehmen – seit über 50 Jahren in Familienbesitz.
Das Logo vermittelt den Eindruck, dass er die Firma seines Vaters wollte, doch das stimmt nicht. Mein Vater wollte weg aus Auburn und Footballspieler am State College werden. Er hatte ein volles Stipendium und träumte davon, Profispieler zu werden. Und vielleicht hätte er das auch tatsächlich geschafft, wenn er sich nicht im letzten Schuljahr beim vorletzten Spiel sein Knie kaputt gemacht hätte. Seine Mannschaft war so dicht davor, die Landesmeisterschaft zu gewinnen. Unglaublich für einen Schulbezirk wie unsern. In der Stadt reden sie immer noch davon. Sein größtes Scheitern eine lokale Legende. Die Pointe in jedem besoffenen Witz an der Bar.
Doch er ist stolz auf den Truck. Der Wagen ist kirschrot und er putzt und poliert ihn das ganze Jahr. Ist vielleicht ja ein schöner Truck für Leute, denen Autos etwas bedeuten. Für mich sicher nicht. Nicht wenn das Teil da draußen rumsteht, aber es im Kühlschrank nichts zu essen gibt und wir den Öltank im Winter nicht füllen können, weil das Geschäft nicht läuft.
Im Moment ist es kein schöner Truck, egal wen man fragt. Er ist von den Scheinwerfern bis zu der Stoßstange hinten mit Krähenkot bedeckt. Ich möchte das lustig finden, aber ich weiß, wer die Konsequenzen wird tragen müssen für diese Herausforderung, und die Vögel werden es ganz sicher nicht sein. Moms Wagen steht auch draußen, direkt hinter dem Truck, aber ihrer ist sauber.
Er sieht den dreckigen Wagen. Ich kann seine Wut fast spüren. Ich sehe die Spannung in seinen Armen. Er hebt den Müllbeutel wieder aus der Tonne und schleudert ihn gegen den Baum. Der Beutel streift ein paar Äste, als er zu Boden stürzt, und sie reißen an der Unterseite des Teils, das im Niedergehen die Mülleingeweide ausspeit. Die Wut ist damit jedoch nicht verbraucht, deshalb schnappt er sich einen weiteren Beutel und danach noch einen. Einige Krähen ergreifen die Flucht. Die meisten aber ignorieren ihn einfach, was seine Wut nur noch mehr anfacht. Ich sehe, wie sich die Vorhänge im Fenster von Mrs Stiegs Haus auf der anderen Straßenseite bewegen. Neugier ist der …
Joe landet auf meiner Fensterbank. Ich tippe gegen die Scheibe, hallo, Joe.
Unten knallt die Haustür zu. Am Ende war die Wut wohl aufgebraucht. Oder die Müllbeutel. Unser Abfall hängt in den Ästen des Baums, schön deutlich sichtbar. Sieht aus wie unsere ganz persönliche Form von Weihnachtsschmuck. Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist … eine Bananenschale, eine Zigarettenschachtel, der Kanten von einem Laib Brot, den nie jemand essen zu wollen scheint. Gebrauchte Taschentücher im Überfluss und die, die sich in den Zweigen verfangen haben, wirken beinahe wie kleine Tauben.
Ich tippe erneut gegen die Scheibe. Wieso warst du vorgestern Nacht hier, Joe? Tapp, tapp, tapp. Warum beobachtest du uns, Joe? Tapp, tapp. Kannst du uns helfen? TAPP.
Ein silberner Riss erscheint im Glas. Ich habe die Scheibe zerbrochen. Ich tippe wieder und wieder und der Riss wächst, streckt sich nach oben, nur langsam, mit jedem Tippen ein bisschen mehr, bis er sich in drei Richtungen verzweigt. Drei kleine Schimmer Luft, die nach dem Weg des geringsten Widerstands im Glas suchen. Tapp. Tapp.
Die silbernen Risse erreichen den Rand der Scheibe.
Ich drücke meinen Finger auf den Riss und folge ihm nach oben.
Ssst. Ich ziehe heftig die Luft ein und schiebe den blutenden Finger in meinen Mund. Ich sauge den Tropfen weg und schmecke das Metallische in meinem Blut und das Salz auf der Haut. Als ich hochschaue, kann ich den Riss in der Scheibe nicht mehr finden, selbst wenn ich mich hin und her bewege und glaube, dass ein anderer Winkel die dünnen Linien wieder sichtbar machen wird. Alles weg. Oder in Ordnung gebracht, vermute ich. So wie die Wand unten.
Ich will es noch mal sehen.
Ich schleiche aus meinem Zimmer. Als ich an der Tür der Mädchen vorbeikomme, geht sie auf und die weichen Gesichter meiner Schwestern erscheinen.
»Ich schau nur nach Mom«, erkläre ich ihnen. »Setzt euch doch solange auf mein Bett.«
Unten im Wohnzimmer gehe ich zu dem Hi-Fi-Schrank. Die Stimmen aus der Küche klingen erregt, doch gedämpft von Wasser, das in die Spüle läuft. Ich kann nicht verstehen, worum es geht.
Ich erreiche die Wand, wo der Putz aufgebrochen war, und fahre mit der Hand über die Oberfläche. Alles glatt. Unbeschädigt. Kein Anzeichen frischer Farbe. Es ist, als ob der Verputz nie kaputt gewesen wäre.
Das Splittern von Glas schreckt mich auf. Ich renne in die Küche. Mom hatte Schüsseln gespült, eine muss ihr aus der Hand gerutscht sein. Überall auf dem Boden liegen Glasscherben. Sie holt Besen und Schaufel.
»Was für ein Chaos«, sagt er und umkreist die Scherben. »Was für ein Scheißchaos.«
»Ist doch nur Glas«, sagt Mom, während sie sich hinkniet und die Teile zusammenkehrt.
Das war die falsche Antwort.
»Nur Glas. Das Zeug liegt überall rum. Wahrscheinlich treten wir jetzt ständig in Glas, wenn wir zur Spüle wollen. Aber wahrscheinlich macht das ja auch nichts.« Er greift in die Spüle, holt eine Tasse heraus und schleudert sie neben Mom auf den Boden. Sie zerspringt in lauter Kristalle, die das Licht in tausend Richtungen spiegeln. Unter anderen Umständen würde ich sagen, es sieht schön aus.
Ich weiche ins Wohnzimmer zurück, als er nach einer weiteren Tasse greift.
Und noch einer.
Scherben fliegen in alle Richtungen und Mom springt zur Seite und zieht ihre Hände vor die Brust. Eine Scherbe muss sie getroffen haben.
»Hör auf!«, schreie ich ihn aus dem Wohnzimmer an und er wirbelt herum.
Er fasst nach unten, packt Moms Arm und zerrt sie auf die Beine.
»Lass sie in Ruhe«, sage ich, renn in die Küche und ziehe an seiner Hand, die ihren Arm zusammenquetscht.
»Leighton, nicht«, sagt Mom.
Plötzlich lässt er sie los und tritt zurück.
»Ja, klar, jetzt bin wahrscheinlich ich wieder der Böse, Scheiße, verdammt.« Er schnappt sich sein Portemonnaie, den Schlüssel und seine Pistole. Die Pistole ist nur ganz kurz in seiner Hand, die Zeit von oben auf dem Kühlschrank bis zum Bund seiner Jeans, doch ich kann nicht atmen, bevor sie verschwunden ist.
»Ich fahr in die Waschanlage«, sagt er. »Diese verdammten Vögel haben den Truck völlig eingesaut.«
Und im nächsten Moment ist er verschwunden. Der Motor des Trucks heult ein paarmal auf, als er losfährt.
»Alles okay?«, frage ich Mom. Sie nickt stumm und fegt dann weiter die Glasscherben auf. Ich hüpfe mit dem Hintern auf die Arbeitsplatte und stelle die Füße in die Spüle. Ich lasse warmes Wasser laufen und spüle die Glassplitter aus der weichen Unterseite meiner Füße. Als sie den Boden fertig gefegt hat, holt sie wortlos eine Pinzette, schaut meine Sohlen an und findet noch zwei Splitter, die in der Haut stecken.
»Er war nicht immer so«, sagt sie, während sie die Unterseite von meinem Fuß zusammendrückt und versucht, die Kante der Scherbe zu erwischen, bis sie weit genug vorsteht, um sie mit der Pinzette zu erwischen.
Ich glaube, Mom will, dass wir auf den sprichwörtlichen Eiern herumlaufen. Aber ich war noch nie gut in puncto Subtilität. Ich will die Eier lieber an die Wand schmeißen, dass sie zerplatzen. Ich will, dass das Haus so schlimm aussieht, wie es sich anfühlt, wenn wir manchmal nach Hause kommen und er schon wartet, mit Brutalität in den Augen. Ich habe mich oft gefragt, ob er uns eigentlich braucht. Wenn im Wald ein Baum umstürzt … Worauf würde sich seine Wut richten, wenn es niemanden gäbe, der sie bezeugt?
Weil ich das Gefühl habe, immer zur Stelle zu sein, wenn der Baum umstürzt, und ich höre es nicht nur, ich werde jedes Mal von ihm erschlagen. Äste brechen meine Rippen. Blätter füllen Nase und Mund, bis ich anfang zu würgen. Ich höre, wie der Baum stöhnt und rumort, wenn er sich in ein Monster verwandelt.
Schließlich erwischt Mom den letzten Splitter aus meinem Fuß.
»Ich weiß, dass er nicht immer so war, Mom. Ich erinner mich dran. Aber er ist jetzt so.«
Ich rutsche von der Arbeitsplatte und eiere auf den Fußkanten nach oben, bemüht, dass kein Blut auf den Teppichen landet.
Ich glaube, er würde tatsächlich auch schreien, wenn wir nicht da wären.
Es gefällt ihm nur besser, wenn wir da sind.