In der dritten Schulwoche erwischt mich Liam McNamara beim Mittagessen. Er quetscht seinen Körper in die Bank gegenüber und sitzt direkt neben Sofia.
»Wie läuft’s, Ladys?«, fragt er und tut so, als wär sein Verhalten völlig normal.
Sofia beobachtet mich von der anderen Tischseite mit zusammengezogenen Augen. Ich habe etwas vor ihr verborgen und jetzt kommt es raus.
»Kroketten«, sage ich und schiebe den Teller von mir weg. »Es läuft kalte-Kroketten-mäßig, Liam.«
»Hm«, antwortet er und schnappt sich eine. »Ich mag kalte Kroketten.«
»Auch Ice-Queen-kalt?«, frage ich.
Liam sieht von dem Tablett auf.
»Brody ist ein Arsch. Das hab ich ihm auch nach der Stunde gesagt.«
»Ja, das ist er.« Ich ziehe mein Zeitungsnotizbuch heraus und blättere darin herum.
»Ernsthaft. Und ich habe nie über die doofe Ice-Queen-Geschichte gelacht.«
Ich höre auf zu blättern und versuche herauszufinden, wie ernst er es gerade meint.
»Hey, darf ich auch noch an eurem Gespräch teilnehmen?«, fragt Sofia und wedelt mit der Hand vor meinem Gesicht rum. »Wovon redet ihr?«
»Brody Thompson hat sich in Literatur wie ein Arsch aufgeführt«, antwortet Liam.
»Ach Gott, das ist ja nun wirklich nichts Neues.« Sofia verdreht die Augen.
»Danke, dass du was zu Brody gesagt hast.« Ich mache nicht oft in der Klasse den Mund auf und ich habe auch nicht mit Brody gesprochen, nachdem ich ihn abgewiesen hatte, also war es echt nett, ein bisschen Unterstützung zu kriegen.
»Schon gut«, antwortet er. »Und … machen wir mal was zusammen?«
Sofia verschluckt sich halb an ihrer Schokomilch.
»Äh, sorry, aber nein danke.«
»Wow«, sagt Liam. »Du denkst noch nicht mal drüber nach?«
Nur für einen kurzen Moment stelle ich mir vor, wie ich Liam mit nach Hause bringe. Dann überkommt mich ein gewaltiger Brechreiz.
»Ich seh im Augenblick keinen Grund, mich mit jemandem zu treffen.«
»Moment, gehst du überhaupt nicht mal weg?«
»Ich muss mich drauf konzentrieren, dass ich es auf die Uni schaffe.«
Während Liam und ich miteinander sprechen, versuche ich Sofias wildes Gestikulieren über den Tisch hinweg zu ignorieren. Zum Glück hat Liam die Angewohnheit, sich ganz auf seinen Gesprächspartner zu fokussieren. Es ist nicht sein Charme oder wie verdammt witzig er ist, und es sind auch nicht diese freundlichen Augen. Es ist seine Aufmerksamkeit, die ich mag. Und die so anders ist. Er sieht mich an und hört wirklich zu, was ich sage.
Das ist es, was mich drängt, Ja zu sagen.
»Es besteht doch überhaupt keine Gefahr, dass du es nicht an die Uni schaffst, Leighton. Hast du nicht lauter Spitzennoten? Du bist doch superklug.«
Das unverblümte Kompliment überrascht mich.
»Könnte doch Spaß machen«, ergänzt Liam.
Ich fummle an meinem Armband rum – ein Lederband mit meinen Initialen drauf. Campbell und Juniper besitzen auch beide so eines. Unser Opa hat sie für uns gemacht, kurz bevor er gestorben ist. Vor ein paar Jahren. Es erinnert mich an ihn und an meine Schwestern.
Doch dann wechseln meine Gedanken unweigerlich zu unserem Haus und ich verwandle mein seliges kleines Herz wieder in Stein.
»Für Spaß hab ich keine Zeit. Ich muss Hausaufgaben machen.« Das stimmt zumindest. Abschlussklasse. Uni-Vorbereitungskurse. Uni-Bewerbungen schreiben, die Zeitung. Wie soll jemand soziale Kontakte pflegen, wenn wir jeden Tag sechs Stunden Hausaufgaben machen müssen?
»Du kannst mir ruhig sagen, dass ich nicht dein Typ bin«, antwortet Liam. »Ich komm damit klar.«
»Du bist nicht mein Typ, Liam«, sage ich.
Liam blinzelt ein paarmal, dann stößt er einen leisen, gedehnten Pfiff aus. Seine perfekten Lippen bringen mich fast dazu, meine Abfuhr zurückzunehmen.
»Wow. Äh, das trifft mich hart, Barnes. Echt hart.« Er seufzt und stützt seine Stirn in die Hände auf dem Tisch.
»Liam?«, frage ich und nicke Sofia zu, die herübergreift, um ihn ein bisschen zu schütteln. Sofia kichert immer noch und es kostet mich alle Kraft der Welt, nicht einzuknicken und auch zu lachen. Liam richtet sich wieder auf, mit steinernem Gesicht, und weigert sich, die Rolle des untröstlichen Teenagers aufzugeben. Ich werfe ihm meinen überzeugendsten Ich fall auf deine Spielchen nicht rein-Blick zu.
»Muss ich wohl deine Entscheidung respektieren. Aber es wird mich Jahre kosten, ganz über diesen Moment hinwegzukommen, Barnes. Jahrzehnte. Ich werde mich nach dir verzehren. Ich werde zwar nicht Romeo sein, aber ich denke, das Wort ›katatonisch‹ könnte hier sehr gut passen«, sagt Liam, während er aus der Bank rutscht.
»Du bist lächerlich«, sage ich, aber mein Vorwurf wirkt wahrscheinlich nicht sehr überzeugend durch das riesige Grinsen in meinem Gesicht.
»Okay«, sagt Sofia. »Und jetzt verschwinde bitte, damit wir über dich reden können und ich dieses erstaunlich dämliche Mädchen überzeugen kann, sich doch mit dir zu treffen.«
»Es besteht also noch Hoffnung? Dann ja«, sagt Liam. »Also bis zur Englischstunde, Barnes.«
Er schnappt sich eine letzte kalte Krokette, wirft sie in die Luft und fängt sie im Gehen mit dem Mund auf.
»Die Art, wie er dich beim Nachnamen nennt, gibt mir das Gefühl, bei etwas … Intimem zu stören.«
»Iih, Sofia. Bitte sag nicht ›intim‹.«
»Wie auch immer. Es stimmt. Hast du gehört, wie er deinen Namen ausspricht? Er mag dich, Leighton.«
Verdammt.
Der Umgang mit ihm ist so lustig. Und locker. Ich bin glücklicher, wenn ich mit ihm bei unseren Spinden rede, als den ganzen restlichen Tag. Und in einem Paralleluniversum würde ich dieses Gefühl für das halten, was es ist. Ich bin total verknallt in Liam. Vielleicht könnten wir uns in dem Paralleluniversum auch treffen. Aber in diesem Universum existiert so ein Glück nicht. Ich habe einen Countdown. Eine Deadline. Weniger als ein Jahr, um zu Hause alles zu regeln, damit Campbell und Juniper in Sicherheit sind. Oder ich kann nicht weg.
Das Letzte, was ich brauchen kann, ist, mich einem weiteren Kummer auszusetzen. Denn bei uns im Wohnzimmer steht ein gerahmtes Foto, das König und Königin des Homecoming-Balls der Auburn High vor neunzehn Jahren zeigt. Und es ist eine stete Mahnung, wie für immer und ewig aussieht. Vielleicht stimmt das in klassischer Literatur ja doch und die Romanzen sind einfach noch nicht an das wahre Ende der Geschichte gekommen.
Wenn man lange genug wartet, werden alle Herzen gebrochen.