»Was machst du denn für ein Drama?!«, frage ich Argo.
Argo schaut mir ungeduldig zu, während ich mit seinem Futter herumhantiere.
Er zappelt, drückt seine Schnauze an mich, stürzt sich auf die Dose, die ich zu öffnen versuche, reibt sich an meinen Beinen und meinem Arsch. Wenn er Hunger hat, verliert er jeden Anstand.
»Was soll das?!«, schnauze ich ihn an. »Sei nicht so gierig!«
Er stoppt, einen Moment lang perplex, ein Ohr heruntergeklappt und eines hochstehend.
Dann macht er weiter. Ein Stückchen Hundefutter fällt auf meinen linken Schuh: eine glibbrige Beleidigung meiner nagelneuen weißen Nikes. Ich rubble die Beleidigung mit Zewa weg, aber alles, was ich erreiche, ist, dass die Gelatine sich ausdehnt wie eine Riesenfresszelle und als ekliger Fleck die Schuhspitze ruiniert.
Ich schütte die ganze Dose in Argos Schüssel, während er über meine Finger schlabbert und sie mit der Schnauze wegschiebt. Dann stürzt er sich mit dem ganzen Nachthunger eines zweijährigen Labradors, der schon über dreißig Kilo wiegt, auf sein Frühstück.
Wenn das Verhältnis 1 Hundejahr = 7 Menschenjahre stimmt, ist Argo ein Jahr jünger als ich.
Nur dass er nicht in die Schule muss, und das scheint mir um diese Morgenstunde kein schlechter Vorteil zu sein.
Ich schaue aufs Handy: schon zehn Minuten …
»Zu spät!«, schreit Mama aus dem Bad. »Du bist schon wieder zu spät, Mattia!«
»Stimmt nicht!«, schreie ich zurück. Nie was zugeben, nicht beim ersten Mal. »Und außerdem … bin ich fertig. Ich gehe!«
»Zähne?«, fragt sie aus dem Flur, während sie in einen Stiefel steigt.
»Stark und gesund. Kein Wackelzahn.«
»Spinner. Sind sie geputzt oder nicht?«
»Mama, ich bin fünfzehn!«
»Und hast Angst vor der Zahnbürste.«
Mama erscheint im Türrahmen. Sie zieht den zweiten Stiefel hoch, während sie auf einem Bein herumhüpft, schlüpft in den Mantel, wickelt sich den Schal um.
»Und wenn du aus der Schule kommst, räum dein Zimmer auf. Da liegen überall Kleider herum! Und Socken, die nach Ziegenkäse stinken.«
»Wennschon Stilton, nicht Ziegenkäse.«
Mama nagelt mich mit einem Mörderblick fest.
»Ich hoffe, in London hast du mehr gelernt, als englische Käsesorten am Geruch zu erkennen.«
Während ich den letzten Keks in den Mund stecke, nahrhaft durch eine Schicht Nutella, werfe ich einen Blick aus dem Fenster.
Es schüttet. Es ist Montagmorgen. Heute werde ich in Mathe drangenommen. Es sind noch fast zwei Monate bis zu den Osterferien. Marco, mein bester Freund, ist gestern nach Frankreich abgereist. Sechs Monate Schüleraustausch in Vichy. Sechs Monate aus der Welt.
Bei dieser Planetenkonstellation könnte mich nicht einmal Black Widow, die sich vor dem Kühlschrank materialisiert, von meiner Depression erlösen.
Ich streiche Argo über den Kopf, nehme den Rucksack, öffne die Tür.
»Hey, gehst du einfach so?«, fragt Mama, während sie ihren Kaffee austrinkt.
»Nein, Telegramm folgt.«
»Dir auch einen schönen Tag!«, höre ich ihre Stimme beim Rausgehen.
Ich winke Ciao Ciao und springe die Treppe hinunter.
Der Bus ist voll. Ich stehe. Ein Ellbogen trifft mich in die Rippen, ein Stoß zwischen Schulterblatt und Nacken.
Der Rucksack wiegt circa zwanzig Kilo.
Der Regen schlägt gegen die Scheiben.
Der Himmel ist grau. Die Welt ist grau.
Meine Laune logischerweise: dunkelgrau.
Ich öffne WhatsApp.
Die Mathe-Prof ist eine Aushilfe, erst seit zwei Wochen da, also versuchen wir seit dreizehn Tagen, Infos über sie zu kriegen: ein effizientes Spionagenetzwerk über fünf oder sechs Schulen hinweg. Die Kommentare ihrer Ehemaligen, die in unserem Klassenchat landen, reichen von geistreich (Humanistisches Gymnasium) bis kurz und knackig (Hotelfachschule).
Frage: Wie ist die Sabbatucci so? Wie prüft sie? Help! ☹
Antwort 1: Chillt mal. Kaum schlimmer als ein Gestapoverhör.
Antwort 2: Ein Herzchen. Der Legende nach hat sie mal drei Osterlämmer gerettet. Nachdem sie zwanzig geschlachtet hatte.
Antwort 3: Macht ihr euch verrückt?! Ich hab eine 4̶ gekriegt, nach nur drei Wochen Lernen ☺
Antwort 4: Zuckersüß. Wenn du Diabetiker bist.
Antwort 5: Gebrauchte Gebetskerzen günstig abzugeben. Wir empfehlen die Abnahme der Großpackung.
Antwort 6: Die beste Lehrerin, die ich je hatte: verständnisvoll, beruhigend, sogar einfühlsam. Wenn sie prüft, sorgt sie dafür, dass du dich wohlfühlst, korrigiert gutmütig kleinere Fehler und nutzt die größeren, um dir noch einmal das Prinzip zu erklären, das du nicht verstanden hast. Im Dezember kommt sie als Weihnachtsmann verkleidet, begleitet von ihrem Schäferhund, der ein rotes Mäntelchen und Rentiergeweih trägt. Zu Ostern verteilt sie Überraschungseier mit personalisiertem Inhalt. Deine Schwächen tadelt sie mit der Zuneigung einer Mutter, die gerade deine Lieblingstorte auf den Tisch stellt. Wenn du bei einem Test kein Genügend erreichst, betrachtet sie deine Wissenslücken als Scheitern ihrer persönlichen Lehrmethode und wird sich in Zukunft mehr Mühe geben. Sie ist umgänglich und entgegenkommend und zudem eine außerordentlich fähige Lehrkraft. Gezeichnet: AL ZHEIMER ☺☺☺
Suuuuuper. Jetzt bin ich aber voll beruhigt.
Zwischen 07:40 und 08:00 Uhr stürzen von Montag bis Freitag an dieser exakten Stelle des Planeten Erde Raum und Zeit ineinander zu einer modernen Version des Urchaos: Busse, Scooter, Autos und Fahrräder spucken mehrere Tausend Schülerinnen und Schüler auf die Gehwege, alle unterwegs in ihre jeweilige Schule. Es ist bloß das Schulzentrum von Udine, meiner Stadt, aber für rund zwanzig Minuten verwandelt es sich in einen Verkehrsknotenpunkt von Shanghai. Wenn du nicht früher kommst, hast du Pech gehabt. Der Big Bang bäumt sich auf zu einer Schlange und verschluckt dich wie einen Frosch.
Inmitten der Schreie und Rempeleien anderer Frösche stelle ich fest, dass mein Schirm klemmt.
Nach x Versuchen geht er immer noch nicht auf. Von der Bushaltestelle zum Schuleingang sind es weniger als zweihundert Meter, aber heute reicht das für eine gründliche Dusche.
Als ich endlich das Foyer erreiche, bin ich klatschnass und durchgefroren.
Die erste Klingel ist schon seit einer Weile vorbei.
»Hey, du!«
Meint die mich? Ich drehe mich um.
Es ist die Zwölf. Zwölf ist keine Personalnummer. Zwölf ist die Höhe der Absätze, die die Hausmeisterin trägt, jeden Tag, im Sommer wie im Winter.
An unserer Schule laufen Wetten darüber, wann sich die Zwölf damit überschlagen wird: auf welcher Treppenstufe, welchem Stockwerk, Einfach- oder Splitterbruch.
Ich schaue sie an. Warte ab.
Sie fixiert mich mit einem Leguanblick.
»Du tropfst den ganzen Boden voll! Abtrocknen, bevor du reinkommst?!«
Ich wische mir die Haare mit dem Ärmel ab, steige dann weiter die Treppen hoch.
Und formuliere wie jeden Morgen im Stillen einen Wunsch.
Immer denselben, nur den einen.
Der betrifft ausschließlich immer nur sie. Sofia.