Ich würde mich persönlich nicht als übermäßig selbstbewusst bezeichnen, eher habe ich Momente ausgeprägten Selbstbewusstseins. Doch vor den Cowboyboots herrschte definitiv ein Mangel in dieser Hinsicht, an dem ich arbeitete, um mich in meiner eigenen Haut wohler zu fühlen. Vielleicht hatte das junge Mädchen in mir noch genügend Naivität oder Unschuld, denn es kam mir zunächst nicht in den Sinn, dass Selbstbewusstsein auch als Arroganz wahrgenommen werden konnte. Ich hatte eher auf starke, selbstbewusste Frauen geblickt und sie als Vorbild genommen. So entwickelte sich meine »Was interessiert es mich denn, was andere von meinen Klamotten halten«-Haltung, bis ich Worten der Ablehnung begegnete, die mit meiner Kleidung nichts zu tun hatten.
In meiner Cowboyboot-Zeit kam ich einmal an eine große bei uns berühmt berüchtigte Kreuzung: Wenn ich dort die Straße überqueren musste, war mir das meist unangenehm. Ich fühlte mich vor den an der Ampel wartenden Autos wie auf dem Präsentierteller. Wie andere auch kannte ich das Gefühl, nicht zu wissen, wohin ich mit meinen Händen sollte. Wohin soll ich blicken? Laufe ich gerade komisch? Schaut mir jemand zu? Dies ist ein innerer Monolog, den ich auch heute noch manchmal führe, wenn ich mich nicht von meinem Handy ablenken lasse, um dieser bedrückenden Selbstbeobachtung zu entfliehen. Den Kopf hochhaltend kämpfte ich gegen den Drang an, schnell an den wartenden Autos vorbeizulaufen. Zwar fühlte ich mich hier im »Rampenlicht« des Kreuzungs-Runways nicht wie zu Hause, jedoch war dies eine gute Gelegenheit, den neu gefundenen Mut, ich selbst zu sein, in die Tat umzusetzen. Mit schlendernden Armen und großen Schritten überquerte ich in meinen Cowboyboots die Straße, fast schon stolz darauf, dass ich mich von dem unangenehmen Gefühl nicht hatte runterziehen lassen. Ein paar Stunden später bekam ich von einer Freundin der Familie das Feedback, dass sie mich an der Ampel vom Auto aus gesehen und eine »ganz schön arrogante Ausstrahlung« an mir wahrgenommen habe. Ihre Worte schnitten tief, denn Arroganz war mir nie in den Kopf gekommen. Ich war zwar selbstbewusst über die Kreuzung gegangen, hatte aber bei jedem Schritt gegen meine innere Unsicherheit angekämpft.
Dieses Erlebnis trug ich jahrelang mit mir. Als Frau Selbstbewusstsein aufzubauen kam mir nun wie ein Hochseilakt vor, bei dem ein bisschen »zu viel« davon von anderen schnell als Arroganz interpretiert wurde. Ich behielt zwar den Mut anzuziehen, was ich wollte, jedoch tat ich mir schwer damit, darüberzustehen, wie andere mein Verhalten beurteilten. Mir war es wichtig, dass meine Mitmenschen mich nicht als arrogant wahrnahmen und ich von ihnen gemocht wurde. Dies war nicht nur nervenaufreibend und anstrengend, sondern machte es mir schwer, wirklich authentisch zu sein. Ich hatte das Bedürfnis sicherzugehen, dass ich nicht missverstanden wurde.
Beim Surfen wurde mir später bewusst, dass ich niemals wirklich beeinflussen konnte, wie eine andere Person mich wahrnahm. Ich verstand, dass es sich dabei um eine subjektive Bewertung handelte, die sich aus vielen nicht meiner Kontrolle unterliegenden Faktoren zusammensetzte.
Warum soll man seine Zeit damit verschwenden, darüber nachzudenken, was irgendjemand über einen denkt. Es geht darum, sich nicht zu verstellen, man selbst zu sein. Und sich mit Menschen zu umgeben, die einen schätzen.
Gerade in der Surfcommunity konnte ich diese Menschen finden.
Obwohl das Wellenreiten eher männerdominiert war, gab es viele surfende Frauen, die vor Selbstbewusstsein strotzten. Sich zwischen die guten Surfer zu mischen und, ohne zu zögern, die besten Wellen anzuvisieren war für viele von ihnen kein Problem. Dies war besonders dann der Fall, wenn sie sich ihres Könnens bewusst waren und sie mit den Männern »mithalten« konnten. Doch auch wenn diese Frauen nur das gleiche Maß an Selbstbewusstsein hatten wie die männlichen Surfer um sie herum, kam es leider häufig dazu, dass sie in der Kategorie »zu männlich« oder »zu dominant« landeten. Obwohl sie sich wie jeder andere Surfer verhielten oder vielmehr einfach nur sie selbst waren, stachen sie aus der Masse hervor.
Über die Jahre konnte ich so oft Situationen in der Surfcommunity beobachten, bei denen ich feststellte, dass ein selbstbewusstes weibliches Auftreten häufig als arrogant und überheblich wahrgenommen wurde. Von Surferinnen, die im Wasser und an Land selbstsicher waren, schien eine Art Bedrohung auszugehen. Ich empfand jedoch eher das Gegenteil, denn es verlieh mir Auftrieb, andere Frauen aufblühen und sie in ihrem Element zu sehen. Es war eine Inspiration, kein Wettbewerb.
Selbst wenn ich mich natürlich manchmal dabei ertappe, mit Neid auf andere Frauen zu blicken, habe ich in meinem Hinterkopf immer diese Stimme, die mich daran erinnert, negative Gefühl beiseitezulegen. Es gibt mir auch selbst ein besseres Gefühl, wenn ich Menschen mit Offenheit und Unterstützung begegne, statt mit Missgunst.
Nicht nur beim Surfen haben selbstbewusste Frauen es oft gar nicht so einfach, wie man womöglich denken würde. In unserer Gesellschaft selbstsicher auftreten bedeutet, sich ständig zu ermutigen, die innere Unsicherheit beiseitezulegen, die uns die Medien und unserer Erziehung mitgegeben haben. Bewertet werden wir nicht nur von außen, sondern wir selbst sind häufig unsere härtesten Kritiker. Gerade bei sehr selbstbewussten Frauen denkt man vielleicht, dass sie ein dickes Fell haben und abfällige Blicke oder Kommentare wegstecken können.
In uns allen existiert ein bisschen Unsicherheit und Verletzlichkeit – aber auch der Mut, zu sich selbst zu stehen.
Für gute Wellen geht jeder Surfer auch mal Umwege oder nimmt lange oder gefährliche Reisen auf sich. Für unseren letzten großen Surftrip, der einen Monat dauern sollte, nahm ich daher viel Planung in Kauf. Wochenlang suchte ich online nach einer Insel in Indonesien, die noch nicht mit Touristen überfüllt war. Wirklich viele Informationen konnte ich jedoch nicht finden, und ich kannte niemanden, der schon genau an dem Ort gewesen war, der mir als Reiseziel vorschwebte.
Mein Mann vertraute mir und meinen Planungskünsten, obwohl auch ihn die Eckdaten etwas abschreckten: Die Anreise dauerte mit drei Flugzeugen und einem Boot insgesamt 50 Stunden! Doch ich wollte diese Hürde nehmen, denn ich dachte mir, wenn ich dieses Wagnis jetzt nicht eingehe, werde ich nie erfahren, was mich dort für Surfbedingungen erwarten.
In meiner Planung des Trips schien nichts schiefgehen zu können. Ich hatte ein perfektes Zimmer fünf Minuten von der bekanntesten Welle gefunden, es gab Essen in der Unterkunft und noch drei weitere Restaurants im Radius von 20 Minuten. Das Meer dort sah auch vielversprechend aus. Die Saison der größeren Wellen hatte gerade erst begonnen, weswegen auch nicht zu viele Surfer vor Ort sein sollten. Meine Strategie bestand darin, schon früher zwischen den Saisons zu reisen, wo die Unterkünfte günstiger waren, weniger Reisende vor Ort und es meistens genauso gutes Wetter und Wellen wie in der Hauptsaison gab.
Die Hinreise verlief unkompliziert, und wir wurden von sehr guten Wellen begrüßt. Es gab nicht viel in dem kleinen Dorf, nur ein paar andere Unterkünfte, die sich an der Küste entlangschlängelten, und eine Handvoll Restaurants für Touristen. Auf der Straße lagen schwarze Ziegen, die sich in der Mittagshitze sonnten. Gleich neben unserer Unterkunft befand sich eine Algenfarm, in der einheimische Frauen und Männer die Wasserpflanzen auf Holzgestellen in der Sonne trockneten. Ich hatte das Gefühl, angekommen zu sein, raus aus dem schnellen Drehen der Welt, hinein in eine langsam fließende Idylle. In diesem Moment war ich mir sicher, dass die lange Reise und der ganze Aufwand sich gelohnt hatten.
Doch nach diesem vielversprechenden Anfang folgten Wochen ohne eine einzige Welle. In den ersten Tagen war dies kein Problem für mich, ich verbrachte meine Zeit einfach mit Lesen und Schreiben. Nach der ersten Woche juckte es mich jedoch in den Fingern, mal wieder eine Welle zu reiten, nur war am Horizont weit und breit keine einzige in Sicht. Die Wochen vergingen, und immer wieder hatten wir die Hoffnung, dass der Ozean uns noch einmal einen guten Surf bescheren könnte, jedoch blieb das Meer bis zu unserem Abreisetag ruhig.
Ich hatte vor dem Trip in gewisser Weise erwartet, dass sich unser Mut, zwei volle Tage in Booten und Flugzeugen zu verbringen, auszahlen würde. Dabei bin ich fast wie von einer Belohnung durch perfekte Wellen ausgegangen, die an leer gefegten Stränden auf uns warten würden. Meine Stimmung nahm mit jedem Tag ein bisschen mehr ab, wenn ich am Morgen zum Strand hinunterschlenderte und auf einen spiegelglatten Ozean hinausblickte. Was für andere ein Traum gewesen wäre, war für uns eine versäumte Zeit, die wir mit Surfen verbringen wollten.
Das Bild von unserem Urlaub, das vor unserer Abreise in meinem Kopf entstanden war, verblasste zunehmend, und Enttäuschung nistete sich an dessen Stelle ein. Mir wurde bewusst, dass ich lernen musste, mit diesem Gefühl umzugehen und an meinem Mindset zu arbeiten. Der Trip war nur ein Reinfall gewesen, da ich ihn mit der Erwartungshaltung angetreten hatte, dass diese Auszeit vom Stadtleben zum perfekten Surftrip werden würde. Ich hatte mir tolle Surfbedingungen erhofft und die Sehnsucht nach »echten« Wellen als Antrieb genutzt, eine solche Reisezeit auf mich zu nehmen. Hätte ich mich jedoch einfach überraschen lassen und ohne eine genaue Vorstellung auf das Abenteuer eingelassen, dann hätte ich den Trip ganz anders wahrgenommen und wahrscheinlich viel mehr genossen.
Es ist fast unmöglich, keine Erwartungen zu haben. Dennoch kann man sich für Unerwartetes öffnen, denn die Dinge laufen selten nach Plan.
Das heißt nicht, dass man sich nicht auf gute Wellen einstellen und auf Dinge freuen kann, sondern dass die Enttäuschung größer sein wird, wenn man sich nur auf eine Art konzentriert, in der man Freude empfangen kann.
Was ich aus diesem Urlaub gelernt habe, ist, dass Mut sich auszahlt, wenn man offen für das Ergebnis ist und keine starren Vorstellungen mitbringt, wie etwas zu sein hat. Mut bedeutet auch, sich auf etwas einzulassen, ohne dass man weiß, was am Ende herauskommt. Erwarte ich immer eine Art Belohnung, wenn ich etwas riskiere, gibt es keinen Grund, mutig zu sein, denn das Endergebnis ist sowieso immer gut. Sich etwas zu trauen hat an sich etwas Befreiendes, da man nicht nur wächst, indem man aus seiner Komfortzone ausbricht, sondern auch herausfindet, was man beim nächsten Mal anders machen sollte.