Ein Reset (dt. zurücksetzen)

ist ein Vorgang, durch den

ein elektronisches System

(in aller Regel von Menschenhand)

in einen definierten

Ausgangszustand

gebracht wird.

Dies kann erforderlich sein,

wenn das System nicht mehr

ordnungsgemäß funktioniert

und auf die

üblichen Eingaben

nicht reagiert.

Christian

Die Frage hallt nach, einige Stunden später. Die Tore hatten keine Netze. Das hat er gesagt, Bens Frage beantwortend. Er fährt nicht nach Hause, sondern an einen Ort, der sich anfühlt, als sei er Zuhause. An einen Ort des Verschwindens. Des Vergessen-Wollens. Des Nicht-vergessen-Könnens.

Während er das Haus betrachtet, den Kubus aus Glas, versucht er, sich darauf zu konzentrieren, dass hier wirklich Menschen leben. Dass sie wirklich verängstigt sind. Jannis ist wirklich verschwunden.

Die Mutter, Lea, öffnet das Tor. Sekunden nachdem er geklingelt hat. Sie hat sein Gesicht auf der

»Herr Sandner«, sagt Lea Meininger, sie steht im Rahmen der Eingangstür.

»Guten Abend«, sagt Christian.

Er sieht in ihren Augen die unausgesprochene Frage. Ob es etwas Neues gibt, etwas, das Klärung bringt. Erlösung.

»Ich wollte nach Ihnen sehen«, sagt er.

Sie nickt. Begreift, dass ihre Frage keine Antwort finden wird. Deshalb stellt sie sie nicht.

Er folgt ihr ins Wohnzimmer. Dirk Meininger sitzt auf dem Sofa, in einer ähnlichen Haltung wie am Abend zuvor. Er nickt ihm zu.

»Eine Kollegin war noch mal da, wegen der Ortung«, sagt Lea Meininger. »Sie sagte, sie sei von der Technik. Es geht darum, mögliche Anrufe zu orten.«

Christian nickt. Sollte doch noch eine Lösegeldforderung eingehen, besteht die Möglichkeit, dass die Ermittlung in Gang kommt. Dass sie digital wird. Teil eines flimmernden, schillernden Netzes, ein roter Punkt auf einem high-end-Display.

»Das ist gut«, sagt er.

»Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?«, fragt sie.

»Nein, danke«, sagt er.

»Gibt es etwas Neues?«, fragt Dirk Meininger. Seine Stimme klingt anders. Sie gehört weder dem Löwen noch dem Wrestler.

»Waren Sie innerhalb des vergangenen Jahres in Österreich? Innsbruck oder Umgebung?«, fragt Christian.

»Wir folgen einem Hinweis. Auf einen ähnlich gelagerten Fall.« Lederers Worte, denkt Christian.

»Was genau heißt das?«, fragt Lea Meininger.

»Es ist nur ein Ansatz. Waren Sie denn …«

»Nein«, sagt Meininger. »Wir waren zuletzt vor einigen Jahren mal zum Skifahren in Österreich, aber nicht in der Gegend von Innsbruck.«

Christian nickt. Natürlich nicht. Da wird nichts sein. Keine Verknüpfung, keine Erkenntnis, die sich einstellt, keine Tür, die im überraschenden Moment eine Verbindung zwischen den Räumen eröffnet. Es gibt keine Verbindung, nur einen Schatten, der sich über einen Tivoli und einen Flohmarkt legt. Einige Sekunden lang, dann scheint wieder die Sonne.

»Was ist denn in Innsbruck passiert?«, fragt Lea Meininger.

Christians Handy vibriert, er nimmt das Gespräch an, dankbar. Es ist Lederer.

»Wollte euch noch durchgeben, dass wir bereits eine erste kriminaltechnische Analyse haben, von dem Teddybären.«

»Ah«, sagt Christian.

»Es gibt Verwertbares in so ziemlich jeder Hinsicht, aber keinen Abgleich in der Datenbank. Wer auch immer diesen Teddy in den Händen hielt, ist nicht polizeibekannt.«

Christian schweigt.

»Vorläufig also kein Durchbruch«, sagt Lederer.

»Ja. Danke dir.«

»Der Innsbrucker Teddy wird auch entsprechend

»Ja«, sagt Christian. Innsbrucker Teddy, denkt er.

»Da rechne ich schon morgen mit Ergebnissen, wir haben es eilig gemacht«, sagt Lederer.

»Okay, gut.«

»Bis morgen«, sagt Lederer.

»Bis morgen«, sagt Christian.

Er lässt das Handy sinken. Lea Meininger sucht seine Augen, und er denkt an Augen, deren Glanz ihn gestreift haben. Früher am Abend. Plötzlich wird ihm bewusst, dass der Glanz dieser Augen von Bedeutung war.

»Ich melde mich«, sagt er. »Wir tun unser Bestes. Auf Wiedersehen.« Plötzlich hat er es eilig. Ja. Zum ersten Mal seit Langem. Er fragt sich, ob der Impuls gleich wieder weg sein wird. Vermisst, als sei er nie da gewesen.

Dirk Meininger schweigt. Was würde es bedeuten, wenn dieser Mann seine Stimme verliert?

Lea Meininger bringt ihn zur Tür.

Christian lächelt zum Abschied. Das Lächeln soll sie aufbauen, aufmuntern, Zuversicht behaupten. All das tun, wozu kein Anlass besteht.

Während er zu seinem Wagen geht, denkt er, dass es von Herzen kam. Ein ehrliches Lächeln, auch wenn es einer Lüge verpflichtet war.

Er weiß, wohin er fahren muss, er muss sie finden, bevor die verdammte Nacht sie verschluckt und Gott weiß was mit ihr anstellt.

Als Ben nach Hause kommt, schläft Marlene schon. Svea sieht Nachrichten.

»Da lief was über euren Fall«, sagt sie.

»Wirklich?«, fragt Ben.

»Ja, ein Fahndungsaufruf. Mit dem Foto des Jungen.«

Ben nickt.

»Wer ihn gesehen hat, soll sich bei euch melden.«

»Ja«, sagt Ben.

»Das heißt, dass ihr noch nicht weitergekommen seid?«

»Nein. Leider.«

»Wie war Innsbruck?«

Ben denkt darüber nach. Still. Sonnig. Schattig. »Die Ermittlung der Kollegen lief ins Leere. Aber vielleicht können wir jetzt neu ansetzen. Mit neuen Erkenntnissen und einer neuen Perspektive.«

Svea sucht seinen Blick. Er lächelt. Der Nachrichtensprecher des Lokalsenders übergibt an die Wetteransagerin.

»Ich denke, dass ich noch schnell bei Landmann anrufen werde«, sagt er. »Ich will ihn da irgendwie … dabeihaben.«

Svea lächelt. Sie mag Landmann, Ben weiß das. Manchmal zieht sie ihn ein wenig damit auf, dass er in schwierigen Phasen Landmann hinzuzieht. Seinen ewigen Mentor, wie sie ihn vermutlich treffend nennt.

»Mach das«, sagt sie. »Ich gehe gleich schlafen. Morgen fliege ich Mittelstrecke, bin übermorgen wieder zurück.«

Er nickt. »Gut«, sagt er.

Er lässt das Telefon sinken. Er hat die Melodie im Ohr, die das Telefon spielt, wenn ein Anruf kommt. Die alte. Nicht die neue, die Marlene eingestellt hat, sondern die, die immer da war. Teil der Werkseinstellung. Um sie zurückzubekommen, müsste er ein Reset durchführen. Das hat er recherchiert, auf dem Weg von Innsbruck nach Rosenheim. Aber Marlenes Melodie ist eigentlich schön. Zu schön, denkt er. Sie klang so nah, als Sarah zuletzt anrief, Jannis’ große Schwester.

Die Müdigkeit nähert sich an, sie ist so bleiern, so schwer, dass er wegsackt, auf dem Schreibtischstuhl sitzend. Als sich sein Körper zur Seite neigt, zuckt er zusammen. Er braucht einige Sekunden, um sich zu orientieren. Zu begreifen, wo er sich befindet.

Er geht nach oben, hört das Rauschen des Waschbeckens,

Christian

Er parkt den Wagen auf demselben Stellplatz. Sieht den Parkscheinautomaten aus demselben Blickfeld. Sucht die Fläche ab. Im trüben Licht der Laternen, vor dem großen Bahnhofsgebäude. Da ist sie. Sie steht an der Tür, von einem Bein aufs andere wippend, ihre Stoffjacke umschließend. Sie friert, obwohl es warm ist. Sommernacht.

Er steigt aus, geht auf sie zu.

Sie hebt den Blick. Für Sekunden glaubt er, dass der Glanz in ihren Augen erloschen ist, aber das stimmt nicht. Sie ist nur überrascht, da ist ein Funkeln. Sie wird selten angesprochen, eher gemieden. Meistens ist sie es, die die Menschen anspricht. Mit dem immer gleichen Satz, einen Euro erbittend.

»Ich muss mit Ihnen sprechen«, sagt er.

Sie lächelt. Warum? Weil er sie siezt? Aber sie hat ihn auch gesiezt. Oder?

»Aha?«, sagt sie.

»Ja«, sagt er.

Sie kneift die Augen zusammen.

»Wir haben uns vorhin gesehen. Am Abend, ich kam mit einem Kollegen von einer Reise …«

»Ja, ich weiß.«

»Zwei Euro«, sagt sie. »Haben Sie mir gegeben.«

»Ja. Genau.«

»Nett«, sagt sie.

»Hm.«

Sie lächelt. Etwas hat sich verändert. Jetzt sieht er sie wirklich. Eins zu eins. Ein Mensch aus Fleisch und Blut, mit Hoffnung, mit Angst. Das ist gut. Der Gedanke ist eine Welle, die durch seinen Körper wandert.

»Und Sie wollen … was?«

»Reden.«

Sie lächelt. Hartnäckig. Sie friert.

»Einfach reden«, sagt er. »Kommen Sie, wir können doch … irgendwo …«

Er geht voran, sieht im Augenwinkel, dass sie ihm folgt. Er steuert das Fast-Food-Restaurant an. »Kaffee?«, fragt er im Gehen. »Einen Burger? Pommes?«

Sie schweigt.

Das Restaurant ist fast leer, an einem Tisch sitzen Jugendliche, die laut miteinander sprechen, polternd lachend.

»Happy Meal«, sagt sie. »McNuggets. Und das rosa Pony als Geschenk.«

Er sucht ihre Augen. Ist das ein Witz? Nein.

»Und eine Sprite«, sagt sie.

Er nickt. Bestellt. Der Junge an der Kasse nimmt gelangweilt die Bestellung entgegen.

Dann läuft Christian mit dem Tablett zu einem Tisch an der Fensterwand. Sie setzt sich, ohne die Jacke abzulegen.

»Guten Appetit«, sagt er.

Er hat nur einen Kaffee bestellt. Er nippt daran, heiß.

»Sie wollen also reden?«, fragt sie.

Er nickt.

»Hoffentlich nicht über mich?«

»Jederzeit«, sagt er.

»Was?«

»Das würde ich gerne. Jederzeit.«

»Aha. Nein, danke.«

»Ich stehe jederzeit zur Verfügung«, sagt er.

»Hm. Nein, danke.«

»Wie heißen Sie?«

Er sieht ein Flackern in ihren Augen. Ungeduld. Unmut? Wut? Gleich wird sie aufstehen und gehen. Genervt von diesem Idioten. Von ihm. Sie wird einfach weg sein, für immer, obwohl er jeden Tag an diesem Parkscheinautomaten nach ihr sucht. Aber sie geht nicht.

»Ist das wichtig?«

»Es würde mich interessieren«, sagt er.

»Hm.«

»Ich bin Christian.«

»Okay«, sagt sie.

»Essen Sie ruhig«, sagt er.

»Später«, sagt sie.

Eine Pause tritt ein. Im Hintergrund grölen die Jungs, beschimpfen sich, lachend.

»Ja«, sagt er.

Sie sieht ihn an. Geduldig wartend. Obwohl sie friert.

»Ich will eine Geschichte erzählen«, sagt Christian.

Er spürt ein Brennen hinter den Augen und begreift

Nadine

Die Limonade schmeckt süßer, die Pommes salziger. Als je zuvor. Alles ist hauchfein verändert, verstärkt. Überdeutlich, obwohl sie müde ist. Der Mann spricht. Von Zeit zu Zeit sieht er sie an, sucht ihre Augen, als wolle er sichergehen, dass sie zuhört.

Natalie. Das ist der Name, um den die Geschichte kreist. Eine wahre Geschichte, das weiß sie sofort, und sie fragt sich, warum er dennoch so begonnen hat, als sei sie erfunden.

Sie sieht die beiden vor sich. Ihn, 15 Jahre alt, sie, 14. Christian und Natalie. Sie besuchen die neunte Klasse eines Gymnasiums. Er ist mit anderen Dingen beschäftigt, sie eine sehr gute Schülerin. »Obwohl sie nicht viel gelernt hat. Sie hat es auch nie zum Thema gemacht. Also, keine Streberin. Das fand ich schön. Sympathisch.«

Nadine nickt.

»Ich habe meinen Mut zusammengenommen und sie gefragt, ob sie mir helfen kann, Physik lernen. Physik habe ich absolut gar nicht verstanden. Ja. Sie hat zugesagt. Ich habe eine CD gebrannt, mit meinen Lieblingsliedern. Und vor allem mit Liedern, von denen ich dachte, dass sie ihr gefallen könnten. Sie mochte eher … ja … Beats und Percussion. Die CD habe ich ihr gegeben, als sie kam. Dann haben wir

Sie wartet, er schweigt.

»Ich habe in dieser Phase viel Zeit allein verbracht. Und dann, ab diesem Tag, viel Zeit mit Natalie. Es wurde Winter, wir sind Schlittschuh gefahren. Da konnte dann ich ihr helfen. Ich konnte sehr gut Schlittschuh fahren.«

Er trinkt von seinem Kaffee. Stellt den Becher ab.

»Ich kürze die Geschichte an der Stelle dann ab«, sagt er.

Warum?, denkt sie. Die Geschichte gefällt ihr, bis hierher.

»An einem Abend, als meine Eltern auf Reisen waren, haben wir vereinbart, dass sie bei mir übernachtet. Einerseits, weil wir das einfach mochten, andererseits fanden wir auch den Gedanken schön, am nächsten Morgen gemeinsam in die Schule zu gehen. Bisher hatte sie einige Male am Wochenende übernachtet. Ja. Wir haben Musik gehört. Und nebeneinandergelegen. Sie hat den Kopf auf meine Beine gelegt, ich habe den CD-Player bedient, habe Stücke ihrer Wahl eingestellt. Sie hat das Spiel gespielt, mit den Buchstaben.«

»Was?«, fragt Nadine.

»Ja, sie hatte so ein Spiel. Sie konnte sehr schnell Buchstaben zählen, zum Beispiel von Namen. Sie wusste bei allen Schülern unserer Klasse, wie viele Buchstaben der Vorname und der Nachname hatte.«

»Okay«, sagt sie.

»Sie hat das auch mit den Songtiteln gemacht. Was

Nadine wartet.

Darauf, dass die Geschichte weitergeht. Sie fühlt sich wie eingehüllt in eine weiche Decke. Sieht den Winter vor sich, hinter dem Fenster des Kinderzimmers. Sie stellt sich vor, dass Schnee liegt. Fragt sich, welcher Song läuft. Welche Melodie den Raum erfüllt.

»Ja. Das war es«, sagt der Mann.

Sie hebt den Blick, sucht seine Augen. Hält stand, bis er sich abwendet.

»Sie ist nicht mehr aufgewacht«, sagt der Mann. »In meinen Armen gestorben, während unsere Musik lief, an einem Aneurysma. Das haben zwei Ärzte mir gesagt, Tage später.«

Lea

Einschlafen, denkt sie. Nicht mehr aufwachen.

Dirk liegt im Wohnzimmer auf dem Sofa. Sie weiß nicht, ob er schläft. Der Fernseher läuft, der Ton ist stumm gestellt. Dirk wollte die Spätnachrichten sehen. Lea hat sich ins Bett gelegt, ohne sich zu waschen. Sollten die Nachrichten bereits vorbei sein, haben sie nichts über Jannis zu sagen gehabt. Falls doch, hätte Dirk es sicher erwähnt.

Es sei denn, es wäre eine andere Nachricht, eine schlechte. Über den Fund einer Leiche. In einem Wald. Verbindungen zum Verschwinden eines Jungen am Wochenende würden

Wo ist Sarah? Oben. Sie schläft. Hört nichts von den Nachrichten. Morgen wird Lea es Sarah sagen. Dass Jannis tot ist. Dass er nie wieder zurückkommt. Sie ist jetzt ganz sicher, dass es so ist, dass sie es gesehen hat, in den Nachrichten.

Nicht mehr aufwachen, denkt sie, und schläft ein.

Marko

Die Nacht ragt durch das geöffnete Fenster in den Raum hinein, wie in einer schiefen Ebene. Nichts stimmt. Alles muss anders sein, aber er ist nicht derjenige, der irgendetwas verändern kann. Natürlich nicht. Er ist ein Nichts. Er ist niemand. Niemand höchstpersönlich. Den Jungen hat er ins Bett gelegt, zugedeckt. Der Junge schläft und schläft und schläft. Die Lust ist nicht zurückgekehrt. Verraucht, verflossen. Einfach weg. Er kann sich nicht einmal an sie erinnern. Er betrachtet den schlafenden Jungen, wartet darauf, dass etwas keimt. Aber da ist nichts. Später, vielleicht.

Jetzt ist er einfach zu schwach. Läuft auf wackeligen Beinen, er fragt sich, was wäre, wenn er stürzt und das Bewusstsein verliert. Wenn er schlafen und schlafen und

Er kennt die Geschichte, er weiß, wie sie ausgeht, er weiß alles. Niemand erkennt ihn, aber er erkennt die anderen. Hat sie längst durchschaut. Die Serie hat er schon als Kind gesehen, als er so jung war wie der Junge. Alles steht still, er ist der Einzige, der das sieht. Er ist der Junge, der Junge ist er. Wenn die Lust zurückkehrt, wird er sie leben und töten, leben und töten.

Und leben.

Er spürt ein Ziehen zwischen den Beinen, während die flirrenden Bilder des Trickfilms näher kommen, näher und näher. Weil sie eine Geschichte erzählen, in der er endlich sein darf. Alles sein darf, beides, Kind und Gott.