macht die Nacht

zum Tag

Ben

Er erwacht auf dem Sofa, mit einem Gedanken, der unmittelbar an Mark Lederer geknüpft ist. Er tastet nach dem Smartphone, wählt Marks Nummer.

»Ben?«, sagt Mark.

»Bist du schon im Büro?«, fragt Ben.

»Ja.«

»Okay. Mir geht gerade etwas durch den Kopf. Mit welchen Parametern haben wir denn bisher gesucht? Nach den ähnlich gelagerten Vermisstenfällen.«

»Was meinst du?«

»Wie genau sind wir auf den Innsbrucker Fall gestoßen? Haben wir nach Teddybären gesucht oder nach Stofftieren im Allgemeinen?«

Lederer schweigt. Ben fragt sich, worüber sie eigentlich sprechen. Eine polizeiliche Ermittlung. Stofftiere.

»Also … okay, verstehe …«

»Ich überlege gerade, ob es Sinn macht, wenn wir noch mal allgemeinere Suchanfragen ins System schicken. Vielleicht …«

»Ja, verstehe. Mache ich.«

Vielleicht finden wir etwas, das wir nicht finden wollen, denkt Ben.

»Bis dann«, sagt Mark.

»Ja, bis dann«, sagt Ben.

Er steht auf, geht in die Küche, macht Kaffee. Er bemüht sich darum, leise zu sein. Marlene und Svea schlafen noch. Ferien. Ausschlafen. Er stellt eine Tasse für Svea bereit, einen Becher und die Milch und den Kakao für Marlene.

Er trinkt nur ein paar Schlucke, zieht sich an und geht. Als er beim Wagen ist, spielt das Smartphone Marlenes Melodie.

Reset, denkt Ben vage.

Er hofft, dass es Lederer ist. Mit Erkenntnissen, die weiterführen. Es ist nicht Lederer, es ist Landmann.

»Ludwig?«, sagt Ben.

»Ja, guten Morgen, Ben.«

»Wie schön, dass du dich meldest. Hast du meine Nachricht …«

»Ja, habe ich abgehört.«

»Bestens. Ich … wir waren in Innsbruck und Rosenheim. Es gibt einen weiteren vermissten Jungen«, sagt Ben.

Landmann schweigt.

»Ich hatte ja die Eckdaten schon in das Audio gesprochen«, sagt Ben. »Hast du am Abend Zeit? Dann würde ich vorbeikommen. Ein paar Eindrücke teilen.«

»Ja, DNA positiv. Aber leider kein Abgleich in der Datenbank.«

Landmann schweigt. »Das ist schlecht«, sagt er nach langen Sekunden. Ben erinnert sich daran, dass er das Gleiche auch vor wenigen Tagen gesagt hat. Als Ben ihm von Jannis erzählt hat. Von einem Flohmarkt. Von einem aufgefundenen Teddy und einem verschwundenen Jungen.

»Kannst du mir ein Bild von dem Bären mitbringen?«, fragt Landmann. »Ein Foto?«

»Ja … ja, sicher«, sagt Ben. Er hat eine Frage auf den Lippen. Ob Landmann schon eine Ahnung hat. Ob er schon eine Lösung kennt. Ob er berechnet hat, wer dieser Mann gewesen ist. Auf dem Flohmarkt, auf dem Fest. Wenn es denn tatsächlich derselbe war.

»Und von den Jungen. Jannis und Dawit.«

»Ja. Mache ich.«

»Bis dann, Ben.«

Ben lässt das Smartphone in die Hosentasche gleiten, steigt in den Wagen. Die Sonne brennt, sie prangt schillernd am Himmel wie ein besonders heller Mond.

Landmann

Landmann setzt sich in den Garten, betrachtet den dunkelblauen See. Er denkt an einen Teddy, einen verschmutzten weißen Teddy. Verschmutzt mit DNA. Kein Abgleich in der

Als er am Morgen gesehen hat, dass eine Nachricht eingegangen ist, hat er intuitiv an Barbara gedacht. Daran, dass sie ein wenig Zeit gefunden und sich endlich gemeldet hat. Aber es war Ben gewesen.

Jetzt kehren seine Gedanken zu Barbara zurück. Er schreibt ihr eine weitere Nachricht. Wohl wissend, dass sie hartnäckig sein kann, wenn sie dies und das zu erledigen hat. Keine Zeit für ihn. Vielleicht hat sie einfach kein Interesse an den guten Ratschlägen, die er zuletzt eine Spur zu hoch dosiert haben könnte.

Schon gefrühstückt?, schreibt er, einem Impuls folgend. Einfache Frage, einfache Antwort. Vielleicht kann er seine erwachsene Tochter auf diese Weise dazu bringen, noch einmal Kind zu sein und ihrem Papa eine Rückmeldung zu geben. Für Momente nur.

Er hebt das Glas an die Lippen. Der zweite Morgen in Folge, an dem er Weißwein trinkt. Wird er auf seine alten Tage dekadent? Er lächelt. Legt sich das weiße Papier zurecht, auf dem weißen Gartentisch. Im rechten Winkel. Dunkelblau der Kugelschreiber.

Er beginnt zu schreiben, tabellarisch.

Jannis

Dawit

Wiesbaden

Innsbruck

fünf

sieben

Flohmarkt

Volksfest

Freude

Freude

Eltern, Geschwister

Eltern, Geschwister

hellhäutig

dunkelhäutig

gut situiert

auf der Flucht

Angst

Angst

allein

allein

Stofftier

Stofftier

für Momente nur

für Momente nur

Ben

Als er ankommt, hört er Lederers Stimme schon aus einiger Entfernung. So laut hat er seine Stimme noch nie gehört. Lederer redet auf Christian ein. Christian steht vor der Fotowand, die seit einiger Zeit Usus ist, ein Teil jeder größeren Ermittlung, obwohl Ben nicht wirklich den Sinn darin erkennt.

Christian betrachtet die Wand, mit zusammengekniffenen Augen. Die Fotos der bislang Beteiligten. Eine Bildergeschichte, die noch keinen Sinn ergibt, die kein Ende hat.

Dawit, Jannis; Fotos der Grundschule und des großen Platzes vor dem Bürgerhaus. Sommer. Rechts am Rand hängen Fotos von aktenkundigen Sexualstraftätern, die

»Das ist nicht alles«, sagt Christian.

Ben sucht Christians Augen. Er sieht müde aus. Müde, aber … irgendwie auch entspannt. Verändert.

»Du hast recht gehabt«, sagt Lederer. »Ich bin schnell fündig geworden. Jetzt geht es vorwärts.«

Ben spürt ein Stechen, an den Schläfen, im Magen.

»Vor knapp zwei Jahren. Frankfurt am Main. Ein sechsjähriger Junge wurde in einem Buchladen angesprochen. Der Junge stand vor einem Tisch, auf dem Bücher, aber auch anderes Zeug ausgestellt war. Unter anderem ein Tiger aus Stoff. Er gehörte zur Geschichte eines Buchs, wie auch immer.«

Ben wartet. Svea anrufen, denkt er. Fragen, wie es ihr geht.

»Also, der Junge wurde angesprochen, ein Mann bot ihm an, ihm den Stofftiger zu schenken. Der Junge hat abgelehnt.«

Abgelehnt, denkt Ben.

»Er fand es unheimlich. Ist zu seinen Eltern gegangen, die in einem anderen Teil des Ladens waren. Eine große Buchhandlung. Mehrstöckig. Der Mann ist verschwunden. Es ist nur eine knappe Notiz, natürlich wurde die Sache nicht weiterverfolgt. Es kann ja einfach ein netter Mann gewesen sein. Einer, der Kinder mag.«

Ben hebt den Blick. Sucht Lederers Augen, aber Lederer hat sich gerade abgewendet, sieht Christian an und fährt

»Womit sie uns vielleicht einen großen Gefallen getan haben könnten, unsere Ermittlung betreffend«, sagt Christian.

»Ich habe die Befragung des Jungen und der Eltern ausgedruckt. Liegt auf euren Schreibtischen«, sagt Mark Lederer.

Ben nickt. Tiger aus Stoff, denkt er. Nichts passiert. Weil der Junge ausgewichen ist, bevor es zu spät war. Weil er den Tiger nicht haben wollte. Nicht zu sehr.

»Ja. Danke dir«, sagt er und läuft zu seinem Schreibtisch. Er setzt sich und beginnt zu lesen, was die Beamten protokolliert haben. Ein Gespräch, das fast zwei Jahre zurückliegt, zwischen einer Polizistin, einem Polizisten und einem achtjährigen Jungen. Lars. Ben überfliegt die Zeilen, auf der Suche nach dem einen Detail.

Wenig Haare. Nicht dick, nicht dünn. Eher vielleicht dick. Aber nicht so dick wie mein Vater.

Ben muss unwillkürlich lachen. Nicht so dick wie sein Vater. Dann zieht sich das Lachen zurück.

Lars wirkt in dem Gespräch sehr gelassen. Er scheint sich zu fragen, was der Aufruhr soll. Warum seine Eltern so eine große Sache machen daraus … obwohl es ihm ja auch ein wenig unheimlich vorkam. Deshalb hat er ihnen ja gesagt, dass da ein Mann war, der irgendwas wollte. Was? Einen Tiger wollte er mir schenken.

Dann steht da ein Satz, den Ben nicht glauben kann. Er liest noch einmal. Und noch einmal. Doch, die

»Unglaublich, oder?«, sagt Mark Lederer im Hintergrund.

Ben nickt. Liest.

Ja, so … flauschig, sagt Lars. Flauschig sah er aus. So … fast wie ein Teddybär.

Lea

Gegen Mittag sagt Dirk, dass er losfahren will. In fünf Minuten.

Sie hebt den Blick. Was?

»In fünf Minuten«, sagt Dirk.

Sie steht auf, streift sich ihre Sommerjacke über. Dirk steht im Raum, im Zentrum des Glaswürfels. Läuft abrupt los, nimmt die Schlüssel, öffnet die Haustür. Es sind keine fünf Minuten vergangen.

»Jetzt«, sagt er. »Komm.«

Wo ist Sarah? Oben? Oder bei einer Freundin? Sie hat sie seit dem Frühstück nicht mehr gesehen. Sarah anrufen, notiert sie in Gedanken, während sie Dirk folgt, über den Kies, der wieder unter ihren Schritten knirscht, zur Garage. Dirk öffnet, steigt ein. Fährt einige Meter, aus der Garage heraus in die Einfahrt, sodass sie bequemer einsteigen kann.

Sie sitzt neben Dirk auf dem Beifahrersitz. Er hält inne,

Dann fahren sie. Dirk schweigt, aber nach einigen Minuten weiß sie, wohin sie fahren. Die Kreuzung, an der sie gestern stehen geblieben ist, an der ihr Weg endete, liegt längst hinter ihnen. Sie umfahren die Stadt, steuern den kargen Vorort an, sie spürt ihr Herz. Es pocht, laut. Kann Dirk es hören? Die Straßen werden grauer, heller, blasser, gelber. Ein bestimmtes Gelb, ein bestimmtes Grau. Ein Farbton, den sie nicht vergessen wird und der jetzt wiederkehrt. Der ihre Augen benetzt, der Ton, in dem eine bestimmte Farbe fehlt. Die Farbe, die das Bild zusammenhält, im Gleichgewicht. Jannis.

»So«, sagt Dirk, als sie vor dem Schulgebäude zum Stillstand kommen. Flach und weit liegt es in der Landschaft. Leer, verlassen. Ferien. Keine Spur mehr von den Tischen, von den Spielsachen … an einem der Stände wurde selbst gepresster Orangensaft verkauft. Darauf hat sie Durst. Aber da ist kein Stand mehr.

Reste der Absperrbänder flattern kaum merklich im weichen Wind. Sie sieht die Szenerie durchs Beifahrerfenster. Wendet sich ab, sucht Dirks Blick.

Dirk schweigt.

»So«, sagt er dann noch einmal.

Also wolle er sagen: So, hier sind wir. Angekommen.

»Und?«, sagt er.

Sie sieht ihn fragend an. Dann zuckt ein Gedanke auf, der noch nicht da gewesen ist. Jetzt erst kommt er, weil Dirk ihn weckt.

»Also?«, sagt Dirk.

»Wo ist unser Sohn?!«, schreit Dirk. Jedes Wort einzeln betonend. Dann noch einmal. Gedehnt. Noch lauter. »WO … IST … UNSER … SOHN?!«

Ist ihr Trommelfell geplatzt? Es ist still.

»Verdammt, verdammt, verdammt!!!«, schreit Dirk. Er schreit hinein in ein Vakuum, in dem sie sitzen, Seite an Seite.

Ich bin schuld, denkt sie. Es stimmt. Wie merkwürdig, dass ihr das erst jetzt bewusst wird.

»Verdammt«, sagt Dirk, leise.

Dann ist es wieder still, so still, wie es sein kann. So still wie seit dem Moment, in dem Jannis eine unteilbare Erinnerung geworden ist.