is in the details

Christian

»Das ist ziemlich lange her«, sagt der Junge. Lars. Er sitzt, flankiert von seinen Eltern, auf dem Sofa im Wohnzimmer der Familie May.

Ben und er selbst sitzen den dreien gegenüber.

»Das stimmt«, sagt Ben. »Für uns ist es jetzt aber noch mal wichtig geworden.«

»Warum?«, fragt Lars’ Vater. Jens May.

Ben schweigt.

»Eine Ermittlung könnte mit dem Mann, den Lars damals gesehen hat, in Verbindung stehen«, sagt Christian.

Die Mutter, Tina May, beugt sich unwillkürlich über ihren Sohn. Als müsse sie ihn schützen. Obwohl nur Polizisten im Raum sitzen.

»Wir verstehen, dass Sie das beschäftigt«, sagt Ben. »Ich muss dazu sagen, dass wir noch nicht wissen, ob dieser Vorfall vor zwei Jahren tatsächlich in irgendeinem Zusammenhang zu unserer Ermittlung steht. Es ist nach wie vor denkbar, dass Lars damals einfach einem Mann begegnet ist, der etwas eigenartig war.«

»Aber Sie haben jetzt die Vermutung, dass …«, sagt der Vater.

»Hat es mit diesem vermissten Jungen zu tun? Da lief gestern was in den Lokalnachrichten. Wiesbaden.«

Christian betrachtet Lars, der nachzudenken scheint. In Gedanken kehrt er zurück zu diesem Tag, diesem komischen Moment. So wie er selbst es gemacht hat, in der Nacht. Der Gedanke an die junge Frau streift ihn, der er alles erzählt hat. Nein, nicht alles. Aber er hat einen Anfang gefunden. Natalie ist nicht in dem Bild, zum ersten Mal denkt er an Natalie, ohne sie selbst zu sehen. Er schmeckt den Kaffee auf der Zunge. Den milchigen Schaum. Und Pommes frites mit Ketchup, obwohl er davon nichts gegessen hat. Sie hat gegessen, während er erzählt hat.

»War der Mann also wirklich … irgendwie … schlimm?«, fragt Lars.

»Das wissen wir noch nicht«, sagt Ben. Er legt die Klarsichtfolie auf dem Tisch ab, entnimmt das Foto, das Standbild der Überwachungskamera. Und das Phantombild, das mithilfe der Anwohnerin erarbeitet worden ist.

»Erkennst du auf diesen Bildern den Mann wieder?«, fragt Ben.

Lars nimmt das Foto und die Zeichnung. Lässt seinen Blick wandern, konzentriert und mit einer Geduld, die Christian überrascht. Ein stiller, unaufgeregter Junge. »Hm. Vielleicht. Ja. Vor allem hier auf dem Foto. Die Körperhaltung.«

»Ja?«, fragt Ben.

»Die passt irgendwie. Er lief so ganz leicht nach hinten gelehnt. Aber das Gesicht kann man ja gar nicht erkennen.

Ben nickt. »Reich die Bilder gerne auch an deine Eltern weiter.«

Das macht Lars. Christian sucht die Augen der Eltern, während die beiden versuchen, einen Zugang zu den Bildern zu finden. Zur grauen Aufnahme einer Silhouette und zur vagen Zeichnung eines Allerweltsgesichts.

»Sie waren ja auch in dem Buchladen. Vielleicht haben Sie den Mann gesehen.«

Jens May nickt, Tina May lässt das Foto sinken. Reicht es an ihren Mann weiter. Sie seufzt. Christian liest die unausgesprochenen Worte in ihren Augen. Sie umarmt Lars, drückt ihn an sich.

»Da ist ein kleiner Junge auf dem Bild, oder?«, sagt sie. »Es ist abgeschnitten, aber man kann am Bildrand sehen, dass neben dem Mann ein Junge läuft.«

»Erkennen Sie etwas?«, fragt Ben, er hat sich dem Vater zugewendet.

Der Vater betrachtet die beiden Bilder. Durchdringend, angestrengt. »Ich würde so gerne«, sagt er. »Aber da ist nichts. Ich habe absolut keine Erinnerung an irgendwas, ich war … Lars war zu den Kinderbüchern gegangen und Tina zu den Reisebüchern und ich … ich war …«

… nicht da, denkt Christian. Im Gegensatz zu mir. Ich war da, ich habe Natalie in den Armen gehalten, als sie eingeschlafen ist.

»Ich … weiß nicht, was ich denken soll«, sagt der Vater.

Die Mutter umschließt Lars noch fester, und Lars zuckt zusammen, als er begreift, dass sein Vater zu weinen begonnen hat.

Ben

Eins, zwei, drei, denkt Ben. Der dritte Impuls hat aus der Ermittlung ein Ereignis gemacht. Der Besprechungsraum ist angefüllt mit Sonnenschein. Ben zählt. Vier, fünf, sechs, die Staubkörnchen auf dem Konferenztisch.

Malvi steht am Fenster, er wirkt nervös, angespannt. Die anderen in der Gruppe, Mark Lederer und Frauke Weiler, eine Kollegin von der Kriminaltechnik, hören aufmerksam zu, während Christian alle auf den aktuellen Stand bringt. Die Bilder derjenigen, die bislang, auf die eine oder andere Weise, in die Ermittlung verstrickt sind, prangen an der weißen Wand. Sie täuschen darüber hinweg, dass sie eigentlich noch nichts erreicht haben.

»Dreimal ist uns also dieser Unbekannte begegnet«, sagt Christian. »In einem Zeitraum von zwei Jahren. Vorausgesetzt, dass wir uns auf die Hypothese, dass es in allen Fällen dieselbe Person war, einigen können.«

»Der Junge, Lars, hat die Kartei durchgesehen, ohne Erfolg«, sagt Lederer. »Unter den aktenkundigen Sexualstraftätern ist der Mann, der ihm vor zwei Jahren begegnet ist, nicht dabei gewesen.«

denkt Ben.

»Gleiches galt bereits gestern für die Anwohnerin, auf deren Aussage und Erinnerung sich das Phantombild stützt«, sagt Christian.

»Das legt den Verdacht nahe, dass …«, sagt Lederer. Er hält inne.

»Ja«, sagt Malvi.

»… dass der Mann, den wir suchen, weder vorbestraft noch irgendwie auffällig geworden ist«, sagt Lederer. »Zumindest nicht hier. Nicht in Deutschland. Auch nicht in Österreich, denn auf deren Daten greifen wir inzwischen zu, und auch da war keiner dabei, den der Junge oder die Anwohnerin erkannt hätten.«

»Ja«, sagt Malvi noch einmal.

»Das deckt sich auch mit der DNA auf dem Stofftier«, sagt die Kriminaltechnikerin, Frauke Weiland. »Wir können sie nicht zuordnen.«

Das Schweigen, das folgt, ist durchdrungen von etwas, das Ben Sorge bereitet. Keine Spur. Keine Ahnung. Und keine Ermittlung mehr, sondern ein Ereignis. Eines, das eine breite Öffentlichkeit erreichen wird. Was nicht unbedingt schlecht sein muss für die Arbeit, die sie tun. Dennoch spürt er einen Widerwillen, er weiß noch nicht, woher er kommt.

»Wir geben am Nachmittag auch das Video-Bild zur Veröffentlichung frei«, sagt Malvi. »Wir brauchen alles, was wir haben.«

Weil es so wenig ist, denkt Ben.

»Da erkennt man aber nichts«, sagt Lederer. »Ich fürchte, dass im Zusammenhang mit dieser Aufnahme recht viele falsche Hinweise eingehen werden.«

»Okay.« Lederer nickt.

Ben denkt an den Jungen, Lars. Dem es gut geht, dem nichts passiert ist. Er saß neben seinen Eltern an Lederers Schreibtisch, während er aufmerksam die Fotografien begutachtete, die auf dem Bildschirm vorüberflimmerten. Der Vater hatte sich während der Fahrt ins Präsidium beruhigt, die Mutter sah traurig aus. Sehr traurig. Als habe sie ihren Sohn verloren. Aber der saß neben ihr, in unmittelbarer Nähe. Es war nur der Gedanke, der die Mutter beschäftigt hat, der Gedanke daran, was hätte passieren können.

Lars hat niemanden erkannt, ebenso wenig die Eltern. Obwohl es knapp einhundert Fotos waren. Einhundert Menschen, die das Falsche getan haben und dabei auffällig wurden. Manche fallen mehr auf, manche weniger.

Und einer, der, den sie suchen, gar nicht.

Ben denkt an Sarah, Jannis’ Schwester, und der Gedanke zuckt auf: Ich werde ihn finden. Das hat er nicht nur der Schwester versprochen, es ist auch ein Versprechen, das ihm selbst gilt. Er muss ihn finden. Jannis. Aber vor allem den anderen. Den Entführer, den Täter. Der nicht zu sehen ist, der kommt und geht, ohne aufzufallen, ohne Interesse zu wecken.

Vielleicht ist es das, was seinen Widerwillen erregt. Vielleicht will er, dass der Mann im Dunkel bleibt, dass er dort verweilt. Obwohl er ihn finden muss. Aber er will in Ruhe suchen. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Suchen und suchen. Weiter und weiter. Tag für Tag. Da sind nur sie beide, der andere und er.

Er hebt den Blick. Findet Christians Augen.

»Die Besprechung ist zu Ende«, sagt Christian.

Sie sind allein im Raum.

»Du träumst«, sagt Christian. Er lächelt. Christian ist verändert. Ben ist sich sicher, dass es so ist, dass er gestern noch anders war. Er hat eine Frage auf der Zunge. Was ist über Nacht passiert, Christian? Aber er stellt sie nicht. Christians Gesicht ist halb im Schatten, halb in der Sonne.

»Alles okay?«, fragt Christian.

»Ja, bestens«, sagt Ben.

»Kommst du?«, fragt Christian.

»Ja«, sagt Ben. »Gleich.« Allein sein, denkt er.

Allein, allein, allein, mit dem anderen.

Lederer

Mark Lederer lässt die Bilder vorüberfliegen. Ohne einzugreifen, ohne eines anzuhalten und näher hinzusehen. Er ist sich inzwischen sicher, dass der Mann, den sie suchen, nicht unter ihnen ist, obwohl alle, die ihren Aufenthalt nicht nachweisen konnten, ein weiteres Mal vernommen werden.

Gerade jetzt sitzen Ben und Christian in einem der Vernehmungsräume, mit einem Mann, der leicht übergewichtig ist und vor sechs Monaten wegen des Besitzes von kinderpornografischen Inhalten zu einer Haftstrafe auf Bewährung und zu einer Geldstrafe verurteilt wurde.

»Sie können doch nicht den ganzen Tag lang geschlafen haben«, sagt Ben schließlich. »Irgendwann sind Sie aufgewacht. Wann? Und was haben Sie dann gemacht. Am Abend.«

»Hab meinen Jungs zugeschaut. Das Spiel.«

»Das heißt konkret …«

»Meine Jungs, meine Handballmannschaft. Ich habe die C-Jugend meines Heimatvereins betreut. Bis … ja … Sie wissen schon.«

»Sie betreuen die Mannschaft nicht mehr?«

»Natürlich nicht, Mann. Ich bin ein … was weiß ich, was. Ich wurde angerufen. Man hat mir mitgeteilt, dass die Leitung der Mannschaft neu besetzt wurde.«

Ben und Christian schweigen.

»Aber Sie haben sich das Spiel angesehen? Ein Spiel Ihrer ehemaligen Mannschaft.«

»Ja. Ich gehe eigentlich häufig hin. Setze mich ganz oben hin, es gibt einen separaten Eingang zur Tribüne, und da sitzt niemand. Also, die Eltern und Vereinsleute sitzen weiter unten …«

»Hat Sie denn jemand gesehen? Oder wollen Sie damit andeuten, dass auch das niemand bezeugen kann?«

»Weiß ich nicht. Ich will gar nichts andeuten. Ich bin einfach nur immer erleichtert, wenn mich niemand sieht. Meistens werde ich aber gesehen. Vor allem von den Jungs, die halt während des Spiels mal nach oben schauen und mich entdecken.«

»Aha«, sagt Christian.

Christian nickt. Ben hat die Augen geschlossen.

Mark Lederer lehnt sich zurück, betrachtet den Bildschirm. Ben und Christian im Vernehmungsraum mit einem ehemaligen Handballtrainer … er stellt sich den beleibten Mann als Coach einer Jugendmannschaft vor. Vielleicht war er mal irgendwann, in jüngeren Jahren, Kreisläufer, das würde passen. Oder Torhüter.

»Was ist das … hier? What is it and why!?«

Lederer wendet sich um, sieht in die weit aufgerissenen Augen eines dunkelhäutigen Mannes.

»Entschuldigung?«

»Was ist das … warum … meine Frau … my wife is so sad now!«

»Entschuldigung … excuse me, but may I ask who you are and …«

Und wie zum Teufel kommen Sie hier rein?

Sein Bürotelefon klingelt. Er hebt ab. »Ist der bei euch angekommen?«, fragt der Pförtner.

»Was?«

»Hier hat sich ein Herr Gebreselassie angemeldet. Der ist einfach weitergegangen, bevor die Unterlagen fertig waren. Wenn der nicht bei dir ist, müssen wir Alarm auslösen.«

Lederer schließt die Augen. »Er ist hier«, sagt er. »Alles gut.«

»Ah. Okay«, sagt der Pförtner.

Okay, okay, denkt Mark Lederer. »Es tut mir leid … I am

»What is it with you? People came, telling about our son, my wife is sad. She wants to forget. We want to forget!«

»Yes …«

»Or do you know where he is? Where is Dawit? My son?!«

»I … ich … one second.«

Lederer läuft durch den Flur, der Mann folgt ihm. Er öffnet die Tür zum Vernehmungsraum. Der Handballtrainer hält im Satz inne.

»Kommt mal bitte, wir haben Besuch«, sagt Lederer.

Ben und Christian starren ihn an.

»Da ist der Vater … aus Rosenheim …«, sagt Lederer.

Eyob

Es ist nicht echt, nicht wirklich. Jetzt wird ihm bewusst, dass es schon lange so ist. Er lebt nicht mehr in der Wirklichkeit, sondern in einem Traum. Einem bösen Traum. Seit dem Tag, an dem Dawit verschwunden ist. Einfach so. Dawit war weg, und der Teddybär war da. Feven hat geschrien. Schon bevor die Polizei ankam. Sie hat geschrien, dass es mit dem Teddybären zu tun hat. Er hat nicht verstanden, was sie meinte. Er hat nichts verstanden.

Er ist einfach nur noch da, ohne irgendetwas zu verstehen. Er fährt Menschen von einem Ort an den anderen, Menschen, die Ziele haben. Vor einiger Zeit hat er gedacht, dass ihm nichts Besseres hätte passieren können. Dieser

Er versucht, sich vorzustellen, wohin sie so eilig unterwegs sind. Häufig fährt er sie zum Bahnhof oder zum Flughafen. Manchmal Familien. Vor wenigen Tagen erst. Die Ferien haben begonnen in Deutschland. Familien mit Söhnen.

»Mr Gebreselassie …«

Er hebt den Blick. Sieht in das Gesicht des großen, schmalen Polizisten, der ihm jetzt geduckt gegenübersitzt.

»We … are trying our best … we will inform you as soon as we have something new for you … and your wife …«

Something new … for me, denkt er. Vermutlich ist dieser Polizist ein netter Mann. Vermutlich alle drei. Zwei stehen an der Seite, betrachten ihn. Mitfühlend. Wie ein verletztes Tier.

»Yes, I know.« Er sucht nach Worten. Warum ist er losgefahren? Vage fragt er sich, ob er die Fahrt bezahlen muss. Die längste Strecke, die er bislang gefahren ist, von Nürnberg nach Wiesbaden. Der Fahrgast, den er befördert hat, war er selbst. Sicher und wohlbehalten sind sie angekommen. Er hatte zu keiner Zeit das Gefühl, dass etwas passieren könnte, obwohl er sich nicht daran erinnern kann, ob er schnell oder langsam gefahren ist.

»Yes … I … excuse me, I lost my mind«, sagt er. »Ich … wegen Dawit … meine Frau … sagt, dass vielleicht …«

»Wir ermitteln in einem Fall, der mit Dawits Verschwinden zu tun haben könnte«, sagt der andere Polizist. Der, den er als Ersten gesehen hat. Der dritte schweigt. Er sieht

»Can we offer you a cup of coffee?«, fragt der lange Schmale, der ihm gegenübersitzt.

»No … thanks …« Oder doch?

»Yes, good idea, just a moment«, sagt der andere, der bislang geschwiegen hat. Er verlässt den Raum.

Eyob schließt die Augen. Er ist nicht wirklich hier, nicht wirklich hierhergefahren, er ist kein Taxifahrer an einem fremden Ort, er ist kein Vater. Kein Vater zweier Söhne.

Der Polizist kehrt zurück, der sich mit einem kurzen Namen vorgestellt hatte. Ben … Ben Irgendwas. Er reicht ihm einen Becher, heißer Dampf steigt auf, erreicht seine Augen, seine Wangen.

»Thanks.« Er hält die Tasse so, dass er die Wärme spüren kann, die von ihr ausgeht.

»Well …«, sagt der Schmale.

»Do you think …«, sagt er.

Drei Polizisten, schweigsame Männer. Er weiß, dass sie seine Frage nicht beantworten werden, aber dann stellt er sie doch, denn er begreift, dass er den langen Weg gefahren ist, um sie zu stellen.

»Do you think, my son is alive?«

Am Abend nimmt er dasselbe wahr wie am Abend zuvor. Dass er nach Hause kommt. Obwohl er allein ist, denn Svea ist noch bis morgen auf einem Flug und Marlene beim Handball.

Komme mit dem Bus zurück, musst mich nicht holen, hat sie geschrieben. Der Zettel klebt am Kühlschrank.

Zu Hause, denkt Ben. Allein.

Er macht sich ein Butterbrot, trinkt ein Glas Wasser. Geht mit dem Teller ins Wohnzimmer, schaltet den Fernseher ein. Er zuckt zusammen, denn das Erste, was er sieht, ist Dawits Gesicht. Er sieht ihm direkt in die Augen. Seine Gedanken machen einige Sprünge. Erstens, das sind die überregionalen Nachrichten, deutschlandweit. Zweitens, das ist Dawit, nicht Jannis. Demnach ist die Schwelle nun überschritten worden. Der Fall ist zum Ereignis geworden, zu einer Kette merkwürdiger, verstörender, trauriger Ereignisse.

Natürlich ist es so, er hat das bereits gewusst, denn er selbst hat, in Abstimmung mit Malvi, die Eckdaten der Ermittlung an die Presseabteilung weitergereicht. Jannis, Dawit. Um Mithilfe wird gebeten. Die Nummer, unter der Hinweise entgegengenommen werden, wird eingeblendet und von der Nachrichtensprecherin so verlesen, dass es gut klingt. Glasklar. So als sei es ein kurzer Weg, vom Hinweis zur Klärung des Rätsels, dank dieser Nummer, dank dieser Ziffernfolge. Der Gedanke an Sarah streift ihn, Jannis’ Schwester.

Inzwischen wippt auf dem Bildschirm der Wetteransager auf und ab. Er ist hibbelig, wie in freudiger Erwartung, vielleicht weil die Temperaturen sommerlich bleiben und der Regen fernzubleiben verspricht.

Ben lehnt sich zurück. Leert das Wasserglas. Der Fahndungsaufruf lief am Ende der Nachrichtensendung, das ist so üblich. Er fragt sich, wie viele Eltern jetzt auf einem Sofa sitzen, mit dem Gedanken an den Jungen, den sie gesehen haben, mit der Frage, ob sie den Mann kennen könnten, den Unbekannten, die unkenntliche Silhouette auf dem grauen Bild.

Sein Handy vibriert. Die Melodie erklingt. Er betrachtet einige Sekunden lang die Nummer. Begreift nicht. Warum ruft Malvi an? Er spürt ein Stechen im Magen. Haben sie Jannis gefunden? Oder Dawit? Is my son still alive?

»Was?«, fragt er.

»Ben?«, fragt Malvi.

»Haben wir was?«, fragt er. »Jannis?«

»Nein«, sagt Malvi.

Dawit?, denkt Ben. Aber er fragt nicht, denn er spürt schon, dass es um etwas anderes geht. Niemand ist gefunden worden. Kein lebendiger Junge. Keine Leiche.

»Pass auf, wir haben eine Anfrage. Von der Redaktion Schiller.«

Was?, denkt Ben.

»Hörst du?«, fragt Malvi.

»Ja, ja«, sagt Ben.

»Also, die machen eine Sendung zu dem Thema«, sagt Malvi.

»Na, zu dem. Zu unserem.«

»Was?«

»Also, du hast von der Sache mit dem Skifahrer gehört?«

Was …

»Dieser Skifahrer, gegen den ermittelt wird wegen des Besitzes von Kinderpornografie.«

»Ah«, sagt Ben.

»Die machen eine Sendung zu dem Thema und wollen es an unseren Fall anbinden«, sagt Malvi.

Unseren Fall, denkt Ben.

»Thema ist letztlich wohl … was weiß ich … Kindesmissbrauch und wie die Gesellschaft damit umgeht. Aufgehängt eben an dem aktuellen Fall dieses Skifahrers und an unserer Ermittlung, die seit heute ziemlich … ja … viel Aufmerksamkeit bekommt.«

»Ja«, sagt Ben.

»Sie wollen dich in der Sendung haben«, sagt Malvi.

Was?

»Also, sie haben angefragt, und ich denke, du bist unser Mann für so was.«

Ich, denkt Ben. Er versucht, etwas herauszuhören. Irgendetwas, einen wie auch immer gearteten Unterton. Aber da ist nichts, da ist nur Malvi, der spricht. Malvi, der natürlich nicht selbst in eine Talksendung gehen wird, weil er weiß, dass er dazu neigt, im Scheinwerferlicht ins Schwitzen zu geraten und sich zu verhaspeln.

»Ja«, sagt Ben.

»Also, wir vertiefen das morgen«, sagt Malvi.

»Ja.«

»Bis dann«, sagt Ben.

Er lässt das Handy sinken, sein Blick streift die Uhrzeit, die grünen Ziffern unter dem Fernseher. 21.38 Uhr. Ist es eigentlich in Ordnung, dass sie Feierabend haben? Malvi und er? Wo ist Jannis? Die Suche in Wiesbaden-Biebrich wird bald eingestellt werden, zunächst für diesen Tag und dann ganz. Die Helikopter kehren auf ihre Startplätze zurück. Marlenes Handballtraining endet … wann? Wann kommt der Bus? Wie lange dauert die Fahrt?

»Da bin ich«, ruft Marlene.

Er dreht sich um, sieht sie an, sie steht in der Tür. Das blühende Leben.

Marko

Am späten Abend blickt er aus dem Fenster und hinunter zum Campingplatz. Der Gedanke, der ihm schon die ganze Zeit durch den Kopf geht, will nicht verschwinden. Der Gedanke daran, was Holdner sagen wird. Obwohl Marko es bereits ahnt.

Er steht für eine Weile, dann strafft er sich, atmet durch. Geht hinunter. Die Wärme der anbrechenden Nacht umfängt ihn, hüllt ihn ein, während er zu Holdners Wohnwagen hinüberläuft. Er konzentriert sich darauf, seine Schritte behutsam zu setzen, federnd. Federleicht. Aber das passt nicht zusammen. Die Konzentration und das Leichte, das passt nicht. Er hält inne, einige Meter vor

Nein, denkt, er. Doch nicht. Eine schlechte Idee. Das Ganze stimmt nicht, passt nicht zusammen. Nichts passt. Die graue Sonne, der helle Tag, der Spielzeugladen, die Menschen, die grüne Wiese, Spielzeug auf Tischen, und dann dieser Junge. Der ihn direkt angesprochen hat. Was soll das? Es stimmt nicht, es darf nicht sein. Er muss zurück, muss … irgendwas …

»Marko?«

Er zuckt zusammen. Seine Beine knicken weg.

»Was ist denn mit dir los?«, fragt Holdner. Er steht im Schatten seines Wohnwagens.

»Alles klar bei dir?«, fragt Holdner.

Marko nickt. Bleibt stehen, obwohl er laufen will. Rennen. Holdner kommt näher, er läuft so, wie Marko laufen wollte. Federnd, federleicht.

»Was ist?«, fragt Holdner. Eine Spur schärfer als zuvor.

»Nichts.«

»Warum schleichst du hier nachts um den Wohnwagen rum?«

»Nichts«, sagt Marko noch einmal. »Nur so.«

Natürlich sind die nächsten Schritte vorgezeichnet. Die nächsten Sekunden schon vergangen. Er weiß das. Nichts, nichts, denkt er.

»Was?!«, fragt Holdner.

»Ja …«, sagt Marko.

Er liest die unausgesprochene Frage in Holdners Augen. Holdner starrt ihn an, mit geweiteten Augen.

»Ja … also, ich hab einen …«

»Ich …«, sagt Marko, aber da trifft ihn schon der Schlag, er hört ein Knirschen, oberhalb der Wange, während er zu Boden gleitet.

Holdner

Nein, denkt Holdner. Nein, nein, nein. Dann fliegen die Gedanken, kreisen. Du hättest dich nie mit diesem Typen einlassen dürfen. Das ist der Satz, der immer wiederkehrt, während er auf anderen Ebenen schon nach einem Ausweg sucht. Obwohl er noch gar nicht weiß, was genau passiert ist. Was genau dieser … Idiot … du hättest dich nie mit diesem Typen einlassen dürfen.

»Mann«, murmelt Marko, der am Boden liegt. Er hält sich die Wange. »Mann, Mann«, sagt er. Versucht unbeholfen, sich aufzurichten.

Du hättest dich nie mit diesem Typen einlassen dürfen.

Du hättest dich nie mit diesem Typen einlassen dürfen.

»Okay, was heißt das genau?«, fragt er.

Marko sieht ihn an. Am Boden liegend. Verängstigt. Holdner liebt das. Spürt ein Ziehen zwischen den Oberschenkeln, auch wenn er mit Marko nichts anfangen kann. Er steht nicht auf Jungen. Und auch nicht auf Männer, die sich wie Kleinkinder aufführen, so wie Marko.

»Was?«, fragt Marko.

»Was genau hast du gemacht? Womit habe ich es nun zu tun? In dieser schönen Sommernacht?«

»Mann, rede, du Sack!«

»Ich … war …«

»Unterwegs«, sagt Holdner. Unterwegs, unterwegs, Marko auf Reisen. Scheiße, scheiße, scheiße.

»Ich … hab einen …«

»Ja!« Holdner schreit. Obwohl er ruhig bleiben wollte. Niemanden wecken wollte. Ist aber ohnehin kaum einer da.

»Oben, bei mir, in der Wohnung … hab ich einen …«

»Ja?!«

»… einen Jungen.«

Holdner tritt zu, mit aller Kraft. Er genießt es, er genießt den rauen Schrei, den er ausstößt, ein Schrei, der einige der wenigen Dauercamper aus dem Schlaf reißen wird, aber das ist verdammt noch mal egal, verdammt noch mal vollkommen egal.

Christian

Das Fast-Food-Restaurant sieht er schon von Weitem, es ist wie ein Leuchten in der Nacht. Christian lächelt, unwillkürlich. Selbe Zeit, selber Ort, das war die Vereinbarung, und er ist sich ganz sicher, dass sie da sein wird. Er weiß nicht, woraus sich diese Gewissheit speist, es ist einfach so. Sie ist da. Steht neben dem Parkscheinautomaten. Beäugt einen nervös wirkenden Mann, der vor dem Automaten steht und in seiner Jackentasche nach Kleingeld kramt.

»Bin gleich so weit«, murmelt der Mann.

»Keine Eile«, sagt Christian.

»Selbe Zeit, selber Ort«, sagt sie.

»Schön, dass du gekommen bist«, sagt Christian.

Sie lacht, prustend. »Das ist nicht weiter verwunderlich, ich bin meistens hier. Vor allem um diese Zeit.«

»Hm.«

»Ich musste also eigentlich gar nicht erst herkommen.«

»Trotzdem gut«, sagt Christian.

»Na dann«, sagt sie.

Sie gehen ins Restaurant. Sie bestellt dasselbe wie in der vergangenen Nacht. Er ebenfalls. Einen heißen Kaffee, obwohl es schwülwarm ist. Dunkler Sommer. Sie sieht auf eigenartige Weise zugleich krank und gesund aus. Müde. Gleichzeitig hellwach.

»Und?«, fragt sie.

Er sieht sie an.

»Du hast gestern vieles ausgelassen. Die Geschichte sehr abgekürzt.«

Er schweigt. Betrachtet sie. Fragt sich, welche Geschichte sie zu erzählen hätte, würde sie erzählen wollen. Irgendwie ist er sicher, dass sie das niemals tun würde. Im Gegensatz zu ihm, denn er hat begonnen zu erzählen, endlich, nach … wie vielen Jahren. Er war fünfzehn. Es ist eine Weile her, könnte gestern gewesen sein. Nein, nicht gestern, gestern hat er hier gesessen, gemeinsam mit Nadine. So nennt er

»Was ist dazwischen gewesen?«, fragt sie. »In der Zwischenzeit. Ihr habt euch kennengelernt, Natalie und du, und dann ist sie gestorben. Und sonst?«

Er lässt sie nicht aus den Augen. Er findet Ironie, aber auch echtes Interesse. Und Mitempfinden. Zumindest glaubt er das. Sie lächelt. Es ist eher ein Grinsen.

»Ja …«, sagt er.

»Sag schon«, sagt sie.

Er wendet sich von ihren Augen ab und beginnt zu erzählen.