deinen
Traum
Früh am Morgen fährt er zu Landmann. Während der Fahrt telefoniert er mit Mark Lederer. Die Aufrufe der Polizei in überregionalen Medien haben die erwartete Wirkung gezeitigt. Über das Kontaktformular sind bereits bis zum Vormittag mehr als zweihundert Hinweise eingegangen. Viele betreffen die Identität des Mannes auf dem Videobild.
»Würden alle diese Hinweise stimmen, hätte der Mann Dutzende von Identitäten«, sagt Lederer.
Ben schweigt. Dutzende von Identitäten. Der Gedanke hallt nach.
»Wir werden dem jetzt zügig nachgehen, alles, was plausibel erscheint, wird geprüft.«
»Gut«, sagt Ben.
»Die Vorbestraften haben wir inzwischen durch. Bei keinem hat sich ein Verdacht erhärtet.«
»Ja«, sagt Ben. Das ist nicht überraschend. Allein schon deshalb, weil auch die DNA auf dem Fell des Stoffbären keine Entsprechung in der Datenbank gefunden hat.
»Ich arbeite mich da jetzt in den Bereich der eingestellten Verfahren vor«, sagt Lederer. »Also, widme mich noch mal Anzeigen, die dann als nicht stichhaltig galten und nicht
»Ja«, sagt Ben. Mark Lederer, denkt er, akribisch wie immer. Dieses Mal vielleicht sogar besonders akribisch. »Mach das. Bis bald«, sagt Ben.
Er hat Landmanns Haus fast erreicht, lässt den Wagen ausrollen. Die dunkelblaue Fläche des Sees erstreckt sich vor seinen Augen. Wieder dieser Gedanke. Für mich, alles für mich. Das ganze Leben ein Schauspiel, eigens für ihn, Ben Neven, auf die Bühne gebracht. Landmann ein Schauspieler, der seine Rolle so überzeugend verkörpert, als sei er echt.
Landmann steht lächelnd in der Tür, während Ben über den Kies zum Haus läuft.
»Guten Morgen«, ruft Landmann.
»Guten Morgen, Ludwig«, ruft Ben.
Die Sonne bescheint sein Frühstück, Toast mit Ei und einer Menge Schinken. Es fällt ihm schwer, seinen Gedanken eine Richtung zu geben. Die Bilder flimmern vor seinen Augen, grau. Wie eine allzu konkrete Ahnung. Marko hat ihm den Mist gezeigt. In der Nacht. Sie sind in seine Wohnung gegangen, erst mit dem Aufzug nach oben, dann über den Flur, Marko hat die Tür aufgeschlossen und ihn mit einem treudoof unterwürfigen Blick direkt ins Bad geführt. Ein Junge, sediert, in der Badewanne.
Was tun?
Sicher ist, dass er Marko loswerden muss. Er soll einfach abhauen. Woandershin. Der soll woanders sein Unwesen treiben, in jedem Fall weit weg, am liebsten auf einem anderen Planeten. Er hätte sich nie mit Marko einlassen dürfen, aber das ist eine müßige Erkenntnis. Bedeutungslos, weil zu spät.
Er hat Marko am Hals, hat den Mist am Hals, den Marko veranstaltet, jetzt muss er für ihn aufräumen. Ist nicht das erste Mal. Aber die Vorzeichen haben sich verändert. Mit einigem Schrecken hat er am Morgen die Sachlage recherchiert. Der Fall ist bereits heiß, der Junge in den Medien. Sogar ein Bild von Marko steht online. Allerdings eines, auf dem nur jemand ihn erkennen kann, der ihn wirklich kennt. Also einer wie er, Holdner. Wer kennt Marko ähnlich gut, wer hat den Blick, ihn auf diesem Foto zu identifizieren? Holdner fällt erst mal niemand ein, das ist gut. Immerhin.
Alles andere ist schlecht. Jahrelang hat er hier alles sauber gehalten. Hat die Sache im Griff gehabt. Mehr im Griff ging gar nicht, und dann musste dieser Marko auftauchen. Und dann hatte er diese Idee, dass Marko ihm helfen könnte. Dass er einen Kameramann gebrauchen könnte …
Er hebt den Blick. Auf dem Spielplatz des Campingplatzes spielen die Mädchen, Laura und Simona. Er winkt ihnen zu, als sie zu ihm hinüberblicken.
Nicht gut, nicht gut, denkt er. Das Ei schmeckt salzig,
»Was gibt’s zu Mittag, Opa?«, ruft Laura.
»Pommes«, ruft er.
Laura nickt. Wendet sich ab. Aus einiger Ferne klingen die Rufe herüber, aus dem Freibad. Kreischen, Lachen. Er könnte rübergehen, reinspringen, ein wenig den Blick schweifen lassen, während er sich abkühlt. Es könnte ein feiner Sommermittag werden, wenn nicht … er hebt den Blick. Sucht das Fenster von Markos Wohnung, ein kleines Quadrat im grauen Hochhausklotz. Die Sonne schmettert mit Wucht ihr blendend weißes Licht darauf, lässt das Fenster wie einen Spiegel erscheinen, der alle Farben zugleich reflektiert.
Landmann betrachtet die Bilder, in aller Ruhe. So nachdenklich, wie Ben ihn häufig erlebt hat. So, als würde gleich eine Lösung über seine Lippen kommen, eine einfache Antwort. Aber dann schüttelt er den Kopf. Ohne den Blick
»Wir haben die öffentliche Fahndung inzwischen deutlich intensiviert«, sagt Ben.
Landmann nickt.
»Natürlich werden jetzt auch viele Hinweise eingehen, die in Sackgassen führen. Ich hoffe, dass die Ermittlergruppe dementsprechend aufgestockt werden wird.«
»Ja«, sagt Landmann.
Aber ich hoffe es nicht wirklich, denkt Ben. Er hat gelogen. Landmann angelogen. Ohne mit der Wimper zu zucken. Landmann hält die Bilder in den Händen, jetzt legt er sie vor sich auf der weißen Tischplatte ab, sie sitzen im Garten, mit Blick auf den See, in einem Postkartenbild. Ben fragt sich, warum das so ist. Warum er niemanden dabeihaben will. Am liebsten würde er allein ermitteln. Der Gedanke war schon einmal da, gestern. Er begreift ihn nicht, nicht ganz, nicht so, dass er ihn aus seinem Hirn herauslösen und zu den Akten legen könnte. So wie Lederer das vermutlich macht, mit seinen Gedanken, Tag für Tag.
»Ja, das ist wichtig. Ihr habt nicht viel Zeit«, sagt Landmann.
Ben schweigt.
Dann klingeln im Abstand weniger Sekunden zwei Telefone, erst Bens Handy, dann Landmanns Festnetztelefon, die Melodie klingt dumpf nach draußen, in die freie Fläche, vermengt sich mit dem lauen Wind.
»Moment«, sagt Landmann, und Ben nimmt sein Gespräch entgegen. Lederer.
»Ich noch mal«, sagt er.
»Hallo Ben. Malvi hat angekündigt, die Ermittlergruppe auf zehn auszuweiten. Besprechung ist um halb elf.«
»Okay. Ich komme gleich rein.«
»Bis dann«, sagt Mark Lederer.
»Bis dann.«
Ben steht auf. Lässt seinen Blick über die Wiese zum See wandern. Auf der anderen Seite, in der Ferne, ist ein Lachen zu hören, leise Schreie, Kinder springen ins Wasser. Landmann kehrt zurück.
»Ich hatte gedacht, dass es vielleicht Barbara ist, aber war nur die Bank, die mir mitteilte, dass es sie nicht mehr gibt.«
Ben runzelt die Stirn. Landmann lächelt. »Die fusionieren, alle Daten fürs Online-Banking müssen aktualisiert werden. Ich erhalte neue Zugänge per Post.«
»Ah. Okay«, sagt Ben. »Wie geht es Barbara?«
»Gut. Denke ich. Wir haben für eine Weile nicht gesprochen, manchmal … braucht sie ihre Ruhe.«
»Verstehe«, sagt Ben.
»Die ich ihr als liebender, verständnisvoller Vater natürlich nicht vorenthalte«, sagt Landmann lächelnd.
»Ja«, sagt Ben.
»Marlene ist jetzt … wie alt?«, fragt Landmann.
»Elf«, sagt Ben.
Landmann nickt. »Barbara siebenundzwanzig«, sagt er. »Sie studiert Schauspiel, war sich aber zuletzt nicht sicher, ob sie das fortsetzen möchte.«
Schauspiel, denkt Ben. Der Gedanke zuckt auf, dass er vielleicht vorhin alles so gesehen hat wie Christian. Als er ankam, als ihm alles wie inszeniert erschienen ist, wie ein
»Ja«, sagt Landmann. »Es geht alles schnell. Wenn ich an Barbara denke, sind die Jahre wie … auf einen Kern verdichtet, auf eine einzige Sekunde.«
Ben lässt die Worte einwirken. Nickt.
»Wie geht es Marlene?«, fragt Landmann.
»Gut, denke ich. Sehr gut sogar«, sagt Ben. »Ferien.«
Landmann lacht. »Stimmt.«
Ferien, denkt Ben. Piratenschiff. Jannis. Ein Junge, der andere an seiner Freude teilhaben lassen möchte. Wohin die Meiningers wohl verreisen wollten? In diesem heißen Sommer?
»Ich denke, dass ihr einen Mann sucht, der sehr für sich ist, der wenige Kontakte hat«, sagt Landmann. »Wenn überhaupt, kann ich ihn im Zusammenspiel mit Menschen sehen, die ihn entweder nicht beachten, also gewissermaßen übersehen.«
Ben wartet. Prägt sich unmittelbar jedes von Landmanns Worten ein.
»Oder, wenn er eine engere Bindung pflegt«, sagt Landmann, »müsste es eine Bindung an jemanden sein, der ihn erkennt und aus diesem Wissen heraus dominiert.«
Ben nickt.
»Der Mann, den wir suchen, derjenige, der Jannis und Dawit entführt hat, handelt vermutlich aus dem Gefühl heraus, zu tun, was getan werden muss. Verstehst du? Er wirkt auf mich nicht emotional dabei, er macht es einfach. Er folgt einem einfachen Plan, setzt ihn um. Niemand beachtet ihn,
Landmann schweigt, scheint sich auf das Echo seiner eigenen Worte zu konzentrieren, scheint sie noch einmal, jedes einzelne, auf ihren Gehalt hin zu überprüfen.
»Das sind meine Gedanken dazu«, sagt er schließlich.
Ben nickt. Fragt sich plötzlich, wie es wäre, würde Landmann ihn erkennen, so wie er den Mann erkennt, den sie suchen, den Mann, der einem lieben Bären gleicht.
»Ich hoffe von Herzen, dass einer der neuen Hinweise eine Spur birgt«, sagt Landmann.
Ben nickt. »Ich melde mich, sobald ich etwas Neues habe«, sagt er. »Bis bald.«
Er geht über den Kies zu seinem Wagen, steigt ein. Landmann hebt den Arm zum Gruß, während Ben anfährt und sich entfernt, es ist, als würde er zum zweiten Mal an diesem Vormittag sein Zuhause verlassen, eine ungewisse Zukunft ansteuernd.
Christian betrachtet die Fotos an der Wand. Fotos der Jungen, Jannis, Dawit und Lars. Lars May, der noch da ist, im Hier und Jetzt, bei seinen Eltern, nicht aus der Zeit gefallen, weil er den Tiger nicht angenommen hat, den der Unbekannte ihm kaufen wollte.
Das Licht der Sonne bricht sich Bahn, füllt den großen
Jannis Meininger.
Dawit Gebreselassie.
Lars May.
Und er selbst, Christian. An diesen Jungen denkt er, an den, der er selbst gewesen ist, vor einer Reihe von Jahren. Gemeinsam mit Natalie, die ein Mädchen gewesen ist, alles stand am Anfang, war erst dabei, zu beginnen.
Er hört seine eigene Stimme, lauscht, hört, was er erzählt hat, in der Nacht, eine lange Geschichte, Nadine hat geschwiegen, er hatte den Eindruck, dass sie zuhört, aufmerksam. Er hat erzählt, was er vergessen geglaubt hatte. Erinnerungen haben sich eingestellt, während er gesprochen hat, Bilder sind durchgedrungen, Bilder von Momenten, die wichtig gewesen sind, zu lange verschüttet. Während er gesprochen hat, hat er verstanden, wie wichtig es ist, darüber zu sprechen. Diese Geschichte zu erzählen. Von seinen Eltern, die von ihren beruflichen Reisen zurückkehrten und nicht begriffen haben, was passiert ist. Die ihn gefragt haben, was ihm eigentlich einfalle, wie er dazu komme, ein Mädchen übernachten zu lassen, unter der Woche. Wie das alles überhaupt möglich sei. So als könne er die Frage beantworten.
Was das denn bitte heißen solle, was sei das für eine Information, mit der sie da konfrontiert seien: Ein Mädchen sei verstorben, in ihrem Haus. Und jetzt seien Polizisten im Haus, in ihrem Haus. Was habe sich Christian dabei eigentlich gedacht?
An der Stelle hat er geschwiegen, hat eine Pause eingelegt,
Erst einige Tage später lagen Fakten bereit, zwei Ärzte teilten sie ihm mit. Natalie, deine Freundin, verstorben, an einem Aneurysma. Die Ärzte haben ihn geduzt.
Natalies Eltern. Sprachlosigkeit. Nur einmal noch hat er sie getroffen, zufällig, auf der Straße. Hat sie eigentlich kaum gekannt, aber er glaubt, dass es liebe Menschen gewesen sind. Herzlich, wie Natalie.
Nadine hat geschwiegen und zugehört. Aufmerksam, das war sein Eindruck. Am Ende war das Ende nicht erreicht, es war die Erschöpfung, die Christian veranlasst hat, einen Punkt zu setzen. Hinter einen Satz, an den er sich nicht erinnern kann. Der Satz hat sich zurückgezogen, die Erinnerung ist in der Zeit zurückgereist, und Nadine hat ihre Limonade ausgetrunken.
»Vielleicht bin ich deshalb zur Polizei gegangen«, hat er gesagt.
»Du bist Polizist?«, hat sie gefragt.
Vielleicht ist es so einfach. Er ist zur Polizei gegangen, um irgendwann weiterzuermitteln. Herauszufinden, was die Polizisten nicht herausgefunden haben. Warum jemand stirbt, einfach so, aus einem Grund, der so fremd klingt wie das Wort. Aneurysma.
Um ihn herum wabern Worte, Klänge. Er hebt den Blick. Die Kollegen haben den Raum betreten, stehen in kleinen Gruppen, Malvi redet auf Ben ein, der müde wirkt. Mark Lederer sitzt schon am Tisch, über Unterlagen gebeugt. Einige neue Ermittler sind hinzugekommen. Frauke Weiler, die Kriminaltechnikerin, steht am breiten Fenster, sie telefoniert.
»Okay, elf Uhr, setzen bitte«, ruft Malvi.
Elf Uhr, denkt Christian, während er an den Tisch läuft. Ein Moment nur, hier und jetzt, vorbei.
Er hört zu, aufmerksam, mit geschärften Sinnen. 367 Hinweise. Das ist die Zahl, die Lederer genannt hat. 367 Hinweise sind inzwischen eingegangen, infolge der breitflächigen medialen Positionierung der Ermittlung.
»Die meisten dieser Hinweise betreffen das Verschwinden von Jannis Meininger«, sagt Lederer. »Einige sind aber auch bei den Kollegen in Innsbruck eingegangen, Dawit Gebreselassie betreffend.«
»Okay«, sagt Malvi. Er nickt Lederer zu, fordert ihn auf,
»Ich habe vorsortiert und allen die gesamte Liste, aber auch schon eine Auswahl bereitgelegt, sodass für jedes Team fünfzig bis sechzig Hinweise zur Bearbeitung verbleiben.«
Malvi nickt. Alle schweigen.
»Es ist, meiner Einschätzung nach, nichts dabei, was unmittelbar einen Durchbruch erhoffen lässt, aber natürlich können wir das zunächst nicht wissen.«
Lederer steht auf, beginnt die dunkelblauen Ordner zu verteilen, in denen er die eingegangenen Hinweise abgeheftet hat. Für Momente ist sich Ben ganz sicher, dass doch etwas darin enthalten ist, ein Ort, ein Name, irgendetwas, das sie zu einem Ermittlungserfolg führen wird. Allein deshalb, weil Lederer die Schriftstücke so akkurat zusammengefügt hat. Fast fein. Sauber. Rein. Lederer übergibt das Wort an Malvi, Malvi spricht. Jetzt verliert Ben den Fokus, die Gedanken verschmelzen miteinander, lösen sich auf.
»Ben?«
Das ist Malvis Stimme. Enervierend real, erst hallend, dann ganz trocken, in unmittelbarer Nähe. Er hebt den Blick.
»Also, wie gesagt, wir haben gestern die Anfrage der Redaktion des TV-Formats Schiller erhalten und zugesagt. Ben wird das machen«, sagt Malvi, an die Runde der Ermittler gewandt.
Ben spürt Blicke auf sich ruhen.
»Ich hoffe, dass wir auf diesem Wege dann noch einmal
Löwenanteil, generieren, denkt Ben. Hat Malvi immer so gesprochen? Alle erheben sich, die Gruppe zerfasert, Lederer kommt auf ihn zu, umweht von flimmerndem Sonnenlicht. Er reicht ihm eine Klarsichtfolie, Ben sticht das Logo des TV-Senders ins Auge und daneben auf einem Schwarz-Weiß-Foto das Lächeln der Moderatorin, Inge Schiller.
»Das ist der Ablaufplan, den die Schiller-Redaktion geschickt hat, dein Zug nach Berlin geht um viertel nach eins. Ticket anbei«, sagt Lederer.
Ben nickt. »Danke dir«, sagt er.