Lilly

Endlich allein. Ich habe Anouk versprechen müssen, nach dem Gang zur Toilette sofort zum Zelt zurückzukommen. Den ganzen Tag schon hängt sie wie ein überbesorgter Babysitter an mir. Ich atme ein paarmal tief ein und werfe einen Blick nach oben. Der Himmel ist blau mit flauschigen weißen Wolkenschlieren. Gestern Abend scheint auf einmal ganz weit weg. Ich bin einfach mit meinem blöden Kopf gegen einen Ast gelaufen, wie Bo sagt. Richtiges Pech. Kann jedem passieren. Aber warum habe ich meine Mutter dann noch nicht angerufen? Weil du dich nicht traust. Weil du Angst hast, dass sie auch spürt, dass etwas nicht stimmt …

Meine Gedanken wandern zum gestrigen Abend zurück. Wieder sehe ich die Gestalt im dichten Regenvorhang. Danach werden meine Erinnerungen verschwommener, als wäre ich mir nicht sicher, ob es wirklich passiert ist oder ob ich es geträumt habe. Mein Name, den ich überall im Wald höre. Das Gefühl, dass jemand hinter mir steht. Und dann dieser schreckliche Schmerz in meinem Kopf. Im nächsten Moment dann Anouk über mir, die mir hochhilft …

Irgendwas stimmt nicht. Aber jedes Mal, wenn ich das verschwommene Bild in meinem Kopf scharf stellen will, wird es schwarz.

Hör auf, Lilly, du machst dich völlig verrückt – falls du das nicht sowieso schon bist.

Ich betrete das Toilettengebäude. Im Vergleich zur Sommerwärme draußen ist es hier eiskalt, und es stinkt säuerlich nach Urin.

Durch den Mund atmend gehe ich zu den Waschbecken, halte meine Handgelenke unter das kalte Wasser und werfe einen Blick in den Spiegel. Ein fremdes Mädchen starrt mich an, leichenblass, mit glanzlosen, tief liegenden Augen. Ich habe sie schon einmal gesehen, gleich nach Emmas Verschwinden. Ich hasse dieses Mädchen. Sie lässt mich Dinge tun, die ich nicht will. Ich habe Angst vor ihr.

Aus der Tasche meiner Shorts ziehe ich die Schachtel mit den Tabletten – der wahre Grund für meinen Toilettengang, aber das wollte ich Anouk nicht erzählen. Ich schüttele die beiden Blister aus der Schachtel. Insgesamt fünfzehn weiße Pillen. Genug, um wahrscheinlich nie mehr aufzuwachen. Es ist ein idiotischer Gedanke. Ich glaube nicht, dass ich mir etwas antun werde. Aber die Vorstellung, dass es möglich wäre, wenn mir alles echt zu viel wird, ist beruhigend. Es gibt immer einen Ausweg …

Auf meiner Armbanduhr sehe ich, dass es Viertel nach zwei ist. Eigentlich muss ich noch eine Stunde warten, bevor ich die nächste Dosis einnehmen darf. Aber das halte ich nicht aus.

Zittrig drücke ich zwei weiße Tabletten aus einem der Blister. «Du darfst maximal eine Tablette nehmen, wenn du eine Panikattacke bekommst.« Ich habe die Worte meines Hausarztes noch genau im Ohr. Sorry, sage ich zu seiner imaginären Stimme und schlucke die Tabletten ohne Wasser hinunter. Ich spüre, wie sie durch die Speiseröhre nach unten rutschen.

Ich warte. Nach etwa zehn Minuten ist es, als würde ich in ein warmes Bad steigen. Meine Muskeln entspannen sich, und mein Kopf wird leer gespült. Ich fühle mich rosig und zufrieden. Alles wird gut. Da bin ich mir plötzlich ganz sicher. Lächelnd gehe ich ins Freie und setze mich auf eine Bank. Das durch die Bäume gefilterte Sonnenlicht ist schwach und weich, engelsgleich. Alles wird gut.

Auf einmal traue ich mich auch, meine Mutter anzurufen. Sie nimmt das Gespräch sofort entgegen, als hätte sie nur darauf gewartet.

»Liebes!«

»Hallo, Mama.«

Meine Worte klingen, als wären sie ganz dick und schwer und kämen kaum voran. Ich stelle mir vor, wie sie in der Telefonverbindung stecken bleiben und meine Mutter nie erreichen. Ich spreche lauter.

»Hallo, hallo, Mama!«

»Geht es dir gut, Liebes? Du klingst so seltsam.«

»Oh, mir geht’s prima.« Das ist mein Ernst, weswegen ich lachen muss. Ein seltsames, wie entferntes Geräusch. »Hör mal, Mama, ich muss dir noch kurz was von gestern Abend erzählen …«

»Ja?« Ich höre, wie die Unruhe in ihre Stimme schleicht.

»Ist nichts passiert, keine Sorge, ich hatte nur einen kleinen Unfall.«

»Oh?«

Ich drücke mir das Handy fester ans Ohr, als könnte ich ihr damit die Unruhe nehmen. »Es ist ein bisschen blöd, aber ich bin gestern Abend mit dem Kopf gegen einen Ast gedonnert.«

Ich lache noch einmal, um zu betonen, wie witzig das doch ist. Ich bin gegen einen Baum gelaufen, haha, wirklich urkomisch!

Meine Mutter kann nicht darüber lachen. »Was? Einen Ast? Warum rufst du mich jetzt erst an?«

»Ich hatte gestern Abend keinen Empfang.« Eine Notlüge.

»Es wird doch wohl irgendwo auf diesem Campingplatz ein normales Telefon geben, das du hättest benutzen können? Ich finde das wirklich …«

»Der Arzt meinte, es sei nur eine kleine Schramme und dass man später nichts mehr davon sehen wird.« Ich bin mir nicht sicher, ob sie mich hört. »Es ist wirklich kaum der Rede wert.«

»Hm. Musste die Wunde genäht werden?«

Ich überlege, ob ich wieder lügen soll, aber das wäre sehr dumm, denn sobald ich wieder zu Hause bin, kann meine Mutter die Stiche in meiner Stirn mit eigenen Augen sehen.

»Ja«, sage ich leise, damit sie es vielleicht nicht verstehen kann.

Meine Mutter atmet scharf ein. »Wie viele Stiche?«

»Fünf«, flüstere ich.

Es bleibt einen Augenblick still, als würde meine Mutter im Kopf bis fünf zählen.

»Lilly, ich finde fünf Stiche nicht gerade ›kaum der Rede wert‹. Ich hole dich ab. Wenn ich jetzt ins Auto steige, bin ich im Laufe der Nacht da.«

Für einen ganz kurzen Moment bekommt mein Selbstvertrauen einen kleinen Riss. Ich spüre, wie sich mein altes Ich hindurchzwängt. Tränen springen mir in die Augen. Aber noch bevor ich anfange zu weinen, nehmen die Tabletten ihre Arbeit wieder auf, und ich verschwinde.

»He, nein, Mama, das ist absolut überflüssig. Die Wunde schmerzt überhaupt nicht. Und es ist superschön hier. Gestern sind wir am Strand gewesen, und wir haben so gelacht.«

Ich höre, wie meine Mutter ihren Atem ausstößt wie ein Ballon, der Luft lässt. Jetzt muss ich durchhalten.

»Und der Campingplatz ist sehr ordentlich und sauber. Mit großzügigen Stellplätzen und einem sehr schönen Wald. Und wir kochen jeden Abend selbst, mit frischen Zutaten. Vielleicht gehen wir noch in ein Museum oder …«

»Okay, hör schon auf, ich hab’s verstanden.« Sie seufzt. »Also gut. Aber ruf mich sofort an, wenn dein Kopf Probleme macht. Ich habe im Radio gehört, dass eine Hitzewelle auf euch zukommt. So eine Wunde kann sich sehr leicht entzünden.«

»Ja, Mama, ich versteh schon. Hör mal, ich muss jetzt auflegen, wir wollen einkaufen gehen«, lüge ich sie an.

»Oh, äh, natürlich.«

»Ich habe dich lieb, Mama.«

»Ich dich auch, meine kleine liebe Lilienblume. Und du rufst wirklich an, wenn was ist, ja?«

»Versprochen.«

Ich beende das Telefonat und habe das merkwürdige Gefühl, einen sehr großen Fehler zu machen.