KAPITEL SIEBEN

Gideon erholte sich gerade von dem weltbewegenden Schock, Rosie in seinen Armen gehalten zu haben – und von dem Schock, dass sie gesagt hatte, dass sie so gerne mit ihm tanzte – als ihm klar wurde, dass sie beim Abendessen neben ihm sitzen würde.

Matt, Ari, Noah, Bob und Susan saßen gemeinsam am Haupttisch, der mit drei Lego-Robotern und Blumen dekoriert war. Jorge hatte so lange gebettelt, bei Noah sitzen zu dürfen, weswegen sie noch einen zusätzlichen Stuhl für ihn an den Tisch gestellt hatten. Und ob es nun geplant, ein Zufall oder göttliche Fügung war: Rosie befand sich nun wenige Zentimeter entfernt von Gideon. Schon wieder.

Nach ihrem Tanz konnte er einfach nicht atmen. Nicht, ohne ihren süßen, sinnlichen Duft zu riechen. Das reichte aus, um ihn in die Knie zu zwingen … oder noch schlimmer, ihn dazu zu bringen sie zu küssen und zwar so, wie er es schon so verdammt lang wollte.

Zum Glück schien Rosie seine rasenden Gedanken nicht zu bemerken, als sie auf die Vielzahl an Gabeln vor ihnen wies. „Hätte ich während meiner Zeit im College nicht als Kellnerin gearbeitet, wüsste ich nicht, welche ich für was benutzen sollte.“ Egal was sie sagte, ihre Stimme war wie Musik, wie Sternenstaub, der auf ihn fiel. „Ich fand das immer einen zu großen Aufwand beim Abspülen. Die meisten Leute wären mit einer einzigen Gabel für alles zufrieden gewesen.“

Bob Spencer rettete ihn davor, antworten zu müssen, indem er aufstand und die Willkommensrede hielt. Bob war Mitte fünfzig und hatte schon fast sein gesamtes Haar verloren, dennoch war er fit. Als er noch arbeitete, war er in der Gepäckabfertigung am internationalen Flughafen von Chicago tätig gewesen. Er hatte sich zwar den Rücken verletzt, aber dennoch waren ihm die Muskeln geblieben, die er sich durch das tägliche Heben und Bewegen von Gepäck antrainiert hatte.

Die Mavericks hatten dafür gesorgt, dass Susan und Bob jetzt ein gutes Leben führten. Sie wollten sich bei den Spencers dafür revanchieren, was sie alles für sie getan hatten, auch wenn es ganz klar war, dass die beiden keine Rückzahlung erwarteten. Sie waren gute Menschen. Die Art von Menschen, die Gideon und seine Mutter vor all diesen Jahren für Ari hätten sein sollen.

„Freunde, Roboter, Landsleute“, begann Bob und alle lachten über seine Shakespeare-Andeutung. „Danke, dass ihr alle gekommen seid, um die Hochzeit unseres Sohnes Matt mit Ariana zu feiern, die wir schon längst als unsere eigene Tochter sehen.“

Gideon schätzte nicht nur, dass Susan und Bob Ari mit offenen Herzen und Armen aufgenommen hatten, sondern auch das Bob Matt als seinen Sohn bezeichnete, statt als Pflegekind oder Adoptivsohn. Genauso war es auch in der Hitze der Wüste gewesen. Die Verbindungen entstanden aus dem gemeinsamen Dienst, aus den Tränen, die niemand je vergoss, aus dem vergossenen Blut für die Rettung der Kameraden und nicht einfach aufgrund von Blut, das durch die Adern floss.

„Ich hatte mir eine ganze Menge schlechte Witze ausgedacht, aber meine Göttergattin …“, Bob zwinkerte Susan zu, „… sagte mir, ich solle es kurz und knapp halten. Ich habe ihr versprochen, mein Bestes zu geben.“ Er grinste in die Runde. „Meine Söhne und meine Tochter würden euch vermutlich nur zu gerne sagen, dass kurz und knapp nie wirklich die Stärke ihres Dads war.“

„Ist er nicht wunderbar?“ Rosie lehnte sich näher zu ihm, um zu flüstern … und Gideon konnte sich kaum davon abhalten, sie direkt in seine Arme zu ziehen.

Wie zum Teufel würde er dieses Abendessen überstehen, ohne seinen niederen Instinkten zum Opfer zu fallen?

„Das Glück hat es wirklich gut mit uns gemeint an dem Tag, an dem Ari sich bereit erklärt hat, Noahs Nanny zu werden“, fuhr Bob fort. „Sie überschüttete Noah nicht nur mit all der Liebe dieser Welt, sondern liebte auch unseren Matt mit ihrem ganzen Herzen. So wie wir sie aus ganzem Herzen lieben.“

Ari wischte sich die Tränen aus den Augen, als Bob seine Arme ausbreitete und sagte: „Komm her, mein liebes Mädchen, und umarme mich.“ Ari stand auf und warf sich in seine Arme. Dabei sprachen sie so leise zueinander, dass das Mikrofon die Worte nicht weitertrug.

Mit seinem Arm um Ari gelegt, nahm Bob sein Glas. „Ich möchte gerne auf diese fantastische neue Familie anstoßen. Susan und ich könnten nicht glücklicher sein. Auf die ewige Liebe.“

Alle hoben ihre Gläser und gaben zurück: „Auf die ewige Liebe!“

Gideon wandte sich an Paige zu seiner Rechten, die mit ihrem Wasserglas anstieß. Dann hielt Rosie ihm ihr Glas entgegen und als das Kristallglas klang, lächelte sie. „Das war die perfekte Rede, nicht wahr?“

„Perfekt“, stimmte er zu. Aber er meinte damit nicht nur die Rede, sondern auch sie . Rosie war auf perfekte Weise wunderschön, lieb, gütig und mitfühlend.

Nur die Kellnerin, die sich zwischen sie lehnte, um die Salatteller abzuräumen und die Hauptspeise aufzutischen, konnte ihn davon abhalten, Rosie an sich zu ziehen und den Champagner auf ihren Lippen zu kosten.

Er hatte Steak gewählt, Rosie den Lachs. Sie gab ein leises, genießerisches Stöhnen von sich, als sie den ersten Bissen genommen hatte. „Das musst du probieren.“ Sie hielt ihm eine Gabel voll Lachs entgegen.

Sie konnte keinesfalls wissen, wie hart er daran arbeitete, sich zurückzuhalten, nicht sie zu verzehren, wo sie so nah bei ihm war und so gut roch und er sich sicher war, dass sie noch besser schmecken würde. Wenn sie wüsste, was für eine Wirkung sie auf ihn hatte und wie wenig Willenskraft ihm blieb, dann würde sie die Beine in die Hand nehmen und sich davonmachen. Und sie würde sicherlich nicht so liebevoll mit ihm umgehen. So liebevoll, wie sie mit ihren engsten Freunden umging.

Er wappnete sich, lehnte sich zu ihr hinüber, schloss seine Augen, atmete sie ein und ließ sie ihn den Bissen Lachs füttern. Er genoss ihn, so wie er sie genießen würde, wenn er nur könnte.

„Gut?“, fragte sie.

„Gut.“ Er fürchtete, seine Stimme würde versagen, wenn er mehr als ein Wort von sich gab.

„Steak“, sagte sie mit diesem wunderschönen Funkeln in den Augen.

„Was?“ Er war zu sehr in ihren Bann gezogen, um zu verstehen.

Sie deutete auf seinen Teller. „Lass mich deins probieren. Nur zum Vergleich.“

Er schnitt ein Stück von seinem Steak und gerade, als er ihr die Gabel reichen wollte, umschloss sie sein Handgelenk mit ihrer Hand und zog ihn näher an sich. Nah genug, um ihren Mund an seine Gabel zu führen. Nah genug, um ihn verrückt zu machen, als das Geräusch des Genusses, das sie von sich gab, ihn direkt in sein Herz traf.

„Das war lecker“, sagte sie. Dann sah sie in seine Augen und lächelte erneut. „Ich bin wirklich froh, dass wir zusammen sitzen. Ich hatte gehofft, dass du mein Dinner-Date sein würdest.“

Moment mal …

Flirtete sie etwa mit ihm?

Diese Idee überstieg seine Vorstellungskraft. Nicht nur, weil Rosie jeden beliebigen Typen bei dieser Hochzeit haben konnte. Sondern auch, weil er sich unendlich angestrengt hatte, um sicher zu gehen, dass sie nicht sehen konnte, wie sehr er sie mochte.

So war er schon lange nicht mehr aus dem Konzept gebracht worden und er war verdammt froh, dass Will Franconi diesen Moment gewählt hatte, um aufzustehen und die Rede des Trauzeugen zu halten.

„Ich kenne diesen großen Quatschkopf da oben …“, Will deutete auf Matt, „… seit wir uns gegenseitig auf dem Spielplatz verprügelt haben.“

Während die Mavericks fröhlich gröhlten, lehnte sich Rosie herüber, um zu flüstern: „Soweit ich weiß war Matt der Kleinste von allen und wurde häufig geärgert. Die Mavericks beschützten ihn. Aber seht ihn euch jetzt an.“

„Wir müssen Ari wirklich dankbar sein, dass sie willens ist, sich Matt und all seinen Robotern anzunehmen“, fuhr Will neckend fort. „Zum Glück“, sagte er mit einem Zwinkern in Noahs Richtung, „hat sie Noah, um ihr dabei zu helfen, dass Matt einen Fuß in der Welt der Menschen behält.“ Dann wurde Wills Ausdruck ernsthaft, auf seinem Gesicht zeichneten sich Gefühle, die von Herzen kamen, ab, als er seinen alten Freund ansah. „Ich liebe dich, Mann. Und ich weiß, du hast die perfekte Frau ausgesucht, um sie zu lieben und von ihr für den Rest deines Lebens zurückgeliebt zu werden.“ Will hielt sein Glas nach oben. Nachdem alle Gäste es ihm gleich getan hatten, sagte er: „Auf die wahre Liebe.“

Alle wiederholten den Trost abgesehen von Gideon, der nur sein Glas hoch hielt, ohne die Worte zu wiederholen. Er war erstaunt, wie einfach es Will fiel, das Wort Liebe zu benutzen.

Er hatte nicht viel Zeit, um darüber nachzudenken, bevor Rosie das Mikrofon in die Hand gedrückt bekam. Sie glättete ihr Kleid, bevor sie aufstand, um ihre Rede zu halten. Sie war wunderschön in Flieder, ihre Schultern nackt ihre Haut unendlich küssbar. Gideon fragte sich kurz, ob sie wohl nervös war …

Bevor ihm wieder einfiel, dass Rosie vor nichts Angst hatte.

„Mein lieber Matt und meine liebe Ari.“ Als sie lächelte, glänzten ihre Augen vor Tränen. „Ich liebe euch beide so sehr. Und ich freue mich so für euch und für Noah.“ Der kleine Junge zappelte auf seinem Stuhl, als sein Name erwähnt wurde. „Ari, du und Chi seid meine Herzensschwestern. Wir haben eine lange, schwere Zeit durchgemacht und das zusammen. Ohne euch hätte ich es nicht bis zu diesem Punkt in meinem Leben geschafft. Und ich hätte auch nicht gewollt, das ohne euch durchzustehen.“

Gideon wusste, was die lange, schwere Zeit in Aris Leben gewesen war. Aber was Rosies schwere Zeit gewesen war, wusste er nicht. Zumindest nicht mehr als die grundlegenden Informationen, dass ihre Eltern früh gestorben waren und sie in einer Pflegefamilie gelandet war. Und obwohl er sich wirklich Mühe gegeben hatte, dass sie nichts über seine Gefühle für sie herausfand, konnte er nicht anders, als alles über sie zu erfahren, was es zu erfahren gab. Was sie zum Lachen brachte. Wovon sie träumte. Wonach sie sich am meisten sehnte. Wie ein perfekter Tag für sie aussah. Und, wie in der Dunkelheit der Nacht, ihr süßes Stöhnen klingen würde, wenn sie es je zuließe, dass er sie so liebte, wie er es sich im Geheimen ausmalte.

„Wir vier – du, ich, Chi und Jorge – waren so lang eine Familie“, fuhr Rosie fort. „Und jetzt haben wir das Glück, Matt und Noah ebenfalls in unserer Familie zu haben. Ich liebe es, wie unsere Familie wächst. Wie wir von Tag zu Tag stärker werden.“

Gideon sah die erste Träne von ihrer Wange kullern, bevor sie sie wegwischte. Er konnte sich plötzlich nicht mehr kontrollieren und gab seinem Instinkt nach, dem Bedürfnis, für sie da zu sein. Und unter dem Tisch, wo es niemand sehen konnte, berührte er Rosies Knie. Gerade lange genug, dass sie merkte, dass er da war, an ihrer Seite, wann immer sie ihn brauchte.

Es war eine fast nicht wahrnehmbare Bewegung, ihr Knie gegen seine Hand. Nur eine kleine streifende Bewegung, die sich genauso absichtlich angefühlt hatte, wie seine Berührung. Dann sagte sie: „Ich werde immer für dich da sein, meine liebe Schwester. Ich werde dich immer lieben. Ich bin so froh, dass du, Matt und Noah euch gefunden habt.“ Dann hob sie ihr Glas. „Auf Ari, Matt und Noah … auf das Glück, eine wunderbar rosige Zukunft … und auf die Liebe!“

Als die Gäste jubelten, applaudierten und ihren Champagner tranken, schickte Ari einen Luftkuss an Rosie. Als Rosie sich hinsetzte und ihr alle am Tisch für ihre gelungene Rede gratulierten, war Gideons größter Wunsch, sein größtes Verlangen, dass er sie auch küssen könnte.