KAPITEL DREIUNDZWANZIG

Gideons Arm lag fest um Rosies Schultern, als sie an Evans Tür klingelten. Jorge hing an Gideons Hand, während sich Noah an Rosies Hand klammerte. Niemand konnte daran zweifeln, wo Gideon gerade stand: inmitten einer Familie.

Seiner Familie.

In all den Monaten, in denen er Rosie aus der Ferne beobachtet hatte, erschienen Gideon seine Gefühle für sie immer als ein Verrat an Karmens Erinnerung. Seine Freundin war gut und mutig gewesen, aber er hatte nie wirklich zugelassen, dass seine aufkeimenden Gefühle für sie die Chance gehabt hatten, zwischen ihnen zu wachsen. Vielleicht war es der Ort gewesen, der Krieg, die Kämpfe, die Angst. Vielleicht lag es daran, dass er Angst gehabt hatte, sie zu verlieren. Und dann war sein Albtraum Wirklichkeit geworden.

Er konnte es nie wieder gutmachen, dass es ihm misslungen war, sie vor Schaden zu bewahren, oder dass er seine Kameraden verloren hatte oder dass ihre Familien so viel Schmerz hatten erleiden müssen. Aber er konnte Rosie und Jorge beschützen.

Er wusste in seinem Herzen, dass Karmen ihm zustimmen würde.

Der Duft von frisch gebackenen Keksen wehte ihnen entgegen, als Evan die Tür öffnete. „Danke, dass ihr gekommen seid.“ Er nickte mit dem Kopf in Richtung Küche und lächelte. „Paige hat wieder gebacken.“

Die Mavericks hatten zu einem Treffen gebeten. Nun saßen die Männer in Evans Wohnzimmer und machten sich über einen großen Teller mit Schokokeksen her. Evan hatte Paige bereits über die Situation informiert, weswegen sie die Jungs direkt mit in die Küche nahm, damit die Erwachsenen offen reden konnten, ohne sich Sorgen zu machen, dass sie sie verunsichern würden.

Gideon saß mit Rosie auf der Couch, den Arm um sie gelegt. Er konnte auf den Gesichtern der anderen Mavericks sehen, dass sie die ganze Zeit gewusst hatten, was Rosie und Jorge ihm bedeuteten.

Sie waren sein Ein und Alles .

Sebastian sprach zuerst. „Es hat nicht lange gedauert, die kleinen schmutzigen Geheimnisse deines Ex‘ aufzuspüren. Hier in dieser Mappe ist alles an Beweisen.“

Rosie öffnete sie und rutschte näher an Gideon heran, sodass beide die Informationen lesen konnten, die Rafe Sullivan zusammengetragen hatte. Ihre Augen waren weit aufgerissen, und sie schüttelte den Kopf, als sie alles über die schmutzigen Geschäfte dieses Drecksacks gelesen hatte.

Gideon hielt ihre Hand fest, sicher und liebevoll in seiner, als sie zu den anderen Mavericks aufblickte. „Vielen Dank, dass ihr das gemacht habt, Leute.“ Die leichte Heiserkeit in ihrer Stimme verriet ihre Gefühle.

„Rosie.“ Wills Tonfall war sanft. „Du bist Aris Schwester. Du gehörst zur Familie. Und wir kümmern uns um Familie.“

Die Mavericks waren Pflegebrüder, so wie Ari, Rosie und Chi Pflegeschwestern waren. Sie verstanden besser als jeder andere, dass Verwandtschaft kein Blut brauchte. Liebe verband sie.

Sie blinzelte Tränen weg. „Ich hab euch echt lieb, Jungs.“

Evan lächelte. „Dito. Und wir werden uns um dieses Problem kümmern.“

Daniel nickte. „Mit diesen Informationen können wir ihm so richtig den …“

„Nein, wartet.“ Rosie lehnte sich nach vorne. „Natürlich weiß ich euer Angebot zu schätzen, es mit Archie aufzunehmen. Ich weiß, dass euch allen nur mein Bestes am Herzen liegt. Aber ich muss das machen. Ich muss mich ihm stellen.“ Sie schaute jeden von ihnen der Reihe nach an und wandte sich dann wieder Gideon zu. „Wenn ich das nicht selbst mache, werde ich mich nie wirklich so fühlen, als hätte ich mich von ihm befreit.“

Allein der Gedanke, dass sich Rosie wieder mit Archie treffen würde, brachte Gideons Herz fast zum Stillstand. Der Gedanke gefiel ihm nicht. Nein, er hasste den Gedanken. Hasste den Gedanken, dass sie sich in die Nähe des Kerls begab.

Aber wenn er es nicht zuließ, dass sie mit Archie unter ihren eigenen Bedingungen umging, wenn er sie in Watte packte und von ihr verlangte, die Dinge auf seine Art zu tun, würde sie ihn hassen.

Obwohl es ihm alles abverlangte, zwang er sich dazu, zu nicken. „Du musst dich von ihm befreien, Rosie.“

Sie drückte ihm einen weichen Kuss auf den Mund und zog dann ihr Handy hervor. „Ich werde ihn sofort anrufen und ein weiteres Treffen vereinbaren.“

* * *

Es war kaum eine Überraschung, dass Findley sich über die Aussicht auf ein Wiedersehen mit ihr freute. Offensichtlich glaubte der Mann, dass seine Drohungen vom letzten Treffen Wirkung gezeigt hätten, dass sie bereit war, seinen Forderungen nachzugeben. Ihr Ex war so arrogant, dass er nicht einmal in Erwägung gezogen hatte, dass Rosie etwas für ihn auf Lager haben könnte, das ein kilometerweites Loch in seine Pläne sprengen würde.

Paige war mehr als glücklich, sich noch eine Weile um die Jungs zu kümmern, und Rosie umarmte Jorge fest und innig, bevor sie gingen. Er hatte keinen Zusammenbruch wie am Vorabend. Es war, als wüsste er, dass seine Mutter etwas sehr Wichtiges zu erledigen hatte, das ihm für den Rest seines Lebens Sicherheit geben würde.

Findley hatte sich für ein weiteres Nobelrestaurant in einem weiteren Nobelviertel entschieden, diesmal auf der Santana Row. Auch hier hätten sie das Auto parken lassen können, doch Gideon wollte seinen Schlüssel für eine schnelle Flucht in der eigenen Tasche behalten.

Er wollte nichts weiter tun, als bis zur Besinnungslosigkeit auf das Gesicht des Mannes einprügeln. Rosie las seine Gedanken und hielt ihn mit ihrer Hand auf seiner Wange auf dem Bürgersteig an. „Ich werde da drin nicht allein sein, Gideon.“ Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihren Mund auf seinen zu drücken, en Kuss mit so viel Süße, so viel Gefühl. „Nicht, wenn ich weiß, dass du genau hier sein wirst. Die Tatsache, dass du auf mich warten wirst, gibt mir die Kraft, absolut alles zu erreichen, was ich mir vorgenommen habe.“

Aber du brauchst mich an deiner Seite.

Sein Herz flehte ihn an, die Worte laut auszusprechen, um ihr klar zu machen, dass er sie beschützen und sicherstellen musste , dass sie in Sicherheit war.

Und dennoch kannte er Rosie. Es gab keinerlei Möglichkeit, sie aufzuhalten, wenn sie sich mal etwas in den Kopf gesetzt hatte. Er konnte sie nicht fesseln oder wegziehen. Er konnte ihr nicht befehlen, sich von Findley fernzuhalten. Er konnte auch nicht die Mavericks oder Ari dazu bringen, ihr zu befehlen, nicht zu gehen.

Alles, was er nicht tun konnte, war wie ein schweres Gewicht, dass ihm die Brust eindrückte. Plötzlich konnte er kaum noch atmen.

Dieselben Emotionen hatten ihn an dem Tag überwältigt, an dem Karmen gestorben war, an dem die improvisierte Bombe explodiert und der Schuss des Scharfschützen ertönt war. Hätte er nur einspringen können, um zu verhindern, dass alle verletzt wurden – aber seine Kameraden und Karmen waren genauso entschlossen gewesen wie Rosie. Es gab nichts, was er hätte anders machen können. Nichts anderes als ihre Entscheidungen zu unterstützen.

„Gideon.“ Sie legte beide Hände auf sein Gesicht. „Ich schaffe das. Ich muss das machen.“

Er verstand es, wirklich. Rosie musste dem Monster in ihrem Leben entgegentreten. Sie musste ihren Sohn schützen.

Genau die Art und Weise, wie Karmen das gesicherte Gelände hatte verlassen müssen, um ihre Arbeit zu erledigen, um Soldatin zu sein, um ihrem Team zu helfen.

„Bitte vertrau mir, Gideon.“

Er wollte ihr vertrauen. Er wusste, dass er ihr vertrauen musste.

Aber wie konnte er sie ganz allein in eine solch gefährliche Situation gehen lassen? Was, wenn etwas schiefging?

Das würde er sich nie und nimmer verzeihen.

„Gideon.“ Rosie murmelte wieder seinen Namen, diesmal gegen seine Wange, und plötzlich klopfte sein Herz heftig, weil er nichts ungesagt lassen konnte. Nicht schon wieder. Nie wieder.

Er zog sie zu sich heran und hielt sie fest an sich gedrückt. „Ich habe Angst, dich da reingehen zu lassen ohne mich. Aber ich weiß auch, dass ich dir vertrauen muss, dass du das auf deine Art und Weise regeln musst. Unter deinen eigenen Bedingungen.“ Gideon hasste die Vorstellung, dass Rosie Archie wieder gegenübersitzen, mit ihm sprechen, sich seine Lügen anhören und sogar die gleiche Luft wie er atmen würde. Aber er verstand, warum sie es tun musste. Und er stand hinter ihr und unterstützte sie bei jedem Schritt, während sie sich aufmachte, den Bastard zu neutralisieren. Er lehnte seine Stirn gegen ihre. Er hatte Karmen verloren, ohne jemals zugegeben oder ihr gesagt zu haben, was in seinem Herzen war. Er würde Rosie nicht gehen lassen, ohne die Tiefe seiner Gefühle für sie auszudrücken. „Ich liebe dich. Und ich werde hier auf dich warten, direkt vor der Tür. Ich werde immer für dich da sein. Also, zieh es durch. Und dann kommst du sicher und gesund zu mir zurück.“

„Oh, Gideon. Ich liebe dich auch.“ Tränen strömten in ihre Stimme. „So, so sehr.“

Die Freude umschloss sein Herz, sein ganzes Wesen, die Teile, die so lange in Dunkelheit gehüllt gewesen waren.

Dann richtete Rosie sich auf, stärker und überzeugter als sie es noch kurz zuvor gewesen war. „Okay, es ist Zeit, ihn zu Fall zu bringen.“

Er streckte seinen Daumen hoch. Aber obwohl er ihr vertraute, dass sie das Richtige tun würde, war es der härteste Kampf, den er je hatte antreten müssen: Er musste zusehen, wie sie ging, und sich zwingen, sie gehen zu lassen, ohne ihr hinterherzulaufen, um sie um jeden Preis zu beschützen.