13

Manchmal wird man von den Stimmen seiner Kinder geweckt, manchmal von ihrer Anwesenheit. Amanda spürte, wie Roses plumper kleiner Leib zwischen sie und Clay rutschte, dann fühlte sie Roses feuchten Atem zu dicht an ihrem Ohr.

»Mom … Mom!« Eine weiche Hand auf ihrem Arm, sanft, aber unnachgiebig.

Sie setzte sich auf. »Rosie.« Im vergangenen Jahr hatte ihre Tochter erklärt, sie brauche das ie nicht mehr. »Rose.«

»Mom.« Rose hatte der Schlaf gutgetan, und nun war sie hellwach. Rose in voller Blüte. So war das immer schon gewesen, frühmorgens brannte sie vor Tatendrang. Sie schlug die Augen auf und sprang aus dem Bett. (Mrs. Weston, die Nachbarin von unten, hatte ihre beiden Töchter ebenfalls auf hundert Quadratmetern großgezogen, deswegen beschwerte sie sich nie.) Rose verstand nicht, wie ihr Bruder bis elf, zwölf oder eins schlafen konnte. Am Morgen fand sie alles spannend – Gesicht waschen, Kleidung aussuchen, lesen. Rose war begeisterungsfähig, alles schien möglich. Das jüngere Kind lernt, sich durchzusetzen. »Der Fernseher ist kaputt.«

»Schätzchen, so wichtig ist das auch wieder nicht.« Dann fiel es ihr wieder ein. Doch, es war wichtig, das Nationale Warnsystem war angelaufen. Amanda zwang das schlaffe Kissen mit einem Handkantenschlag in Form.

»Ja, da stimmt was nicht.« Sie erinnerte sich an das weiße Rauschen auf den ersten zwei Kanälen, an tanzende Lichtpunkte. Alle anderen waren ganz tot.

Sie hatten vergessen, die Vorhänge zu schließen. Fahles Licht fiel von draußen ein. Es war nicht bewölkt, sondern nur früh. Anscheinend war das Gewitter, mit dem sie alle gerechnet hatten, einfach ausgefallen. Amanda warf einen Blick auf den Radiowecker, der im selben Moment von 7:48 auf 7:49 sprang. Sie hatten also immer noch Strom. Von wegen Blackout. »Schätzchen, ich weiß auch nicht, woran es liegt.«

»Kannst du den Fernseher nicht reparieren?« Rose war gerade noch jung genug, um ihre Eltern für allmächtig zu halten. »Das ist unfair, wir sind im Urlaub, und du hast gesagt, im Urlaub dürfen wir so viel fernsehen und mit dem Handy spielen, wie wir wollen.«

»Daddy schläft. Geh schon mal ins Wohnzimmer, ich komme gleich.«

Rose stampfte davon – ihr normaler Gang –, und Amanda griff zum Handy. Das Display leuchtete erfreut auf, und auch sie freute sich: nicht bloß eine Benachrichtigung, sondern vier. Trotzdem gelang es ihr nicht, mehr zu sehen als die Eilmeldungen. Wenn sie sie antippte, passierte nichts. Da war die Nachricht vom Vortag – »Großflächige Stromausfälle an der Ostküste« und »Wirbelsturm Farrah erreicht Küste von North Carolina«. Dann »Eilmeldung: US -Ostküste meldet Stromausfälle«, und zuletzt ein unvollständiges »Eilmeld«, gefolgt von Buchstabensalat. Hoffentlich funktionierte der Fernseher bald wieder. Radio hörten sie nicht mehr, seit die vierjährige Rosie pausenlos »Ich bin David Greene. Und das sind die NPR -Nachrichten am Morgen« geträllert und der siebenjährige Archie nach Pussy Riot gefragt hatte. Sie hatten ihre Kinder ja vor so vielem bewahrt.

Amanda strich über das Laken und stieß gegen Clays Hintern. »Clay.« Er murmelte etwas, sie rüttelte seine Schulter. »Wach auf. Sieh mal.«

Er hatte Mundgeruch, seine Augen waren verklebt. Amanda hielt ihm das Handy vors Gesicht. Er murmelte etwas Unverständliches.

»Sieh mal!« Sie schüttelte das Handy.

»Ich kann nichts erkennen.« Nach dem Aufwachen war er praktisch blind. Er musste seine Augen zwingen, sich scharf zu stellen. Aber in diesem Fall sah er tatsächlich nichts – das Display war schwarz.

Sie tippte darauf herum. »Warte.«

»Was ist denn?« Er erinnerte sich an den Vorabend, schaffte den Übergang in den Wachzustand aber nicht so schnell. »Anscheinend hat niemand uns ermordet.«

Sie ignorierte ihn. »Die Meldungen!«

Der Bildschirm war leer. »Amanda, da ist nichts.« Nur das Datum und das Hintergrundbild, ein Foto von den Kindern, das sie vor zwei Jahren als Weihnachtskarte verschickt hatten.

»Eben waren sie noch da.« Sie wollte die Last der Informationen mit Clay teilen.

Er gähnte und brauchte dafür unheimlich lange. »Sicher? Was stand denn da?«

»Natürlich bin ich mir sicher.« Wirklich? Amanda betrachtete das Handy. »Wie kann ich die Benachrichtigungen wieder aufrufen? Die App lässt sich nicht öffnen, aber da waren vier Eilmeldungen. Die alte über den Stromausfall, dann eine neue über den Stromausfall und eine über einen Wirbelsturm, und die letzte war unvollständig, da stand nur ›Eilmeldung‹.«

»Eilmeldung was?«

»Keine Ahnung.«

»Die übertreiben es mit den Eilmeldungen. Eilmeldung! Die Freiheitliche Partei übernimmt die Führung bei der Nationalratswahl in Österreich! Eilmeldung, Adam Sandler spricht von seinem besten Film überhaupt! Eilmeldung, Doris Was-weiß-ich, Erfinderin der Eismaschine, stirbt mit neunundneunzig!«

»Nein, wirklich, da waren keine Wörter, nur Buchstaben. Da ist irgendwas schiefgelaufen.«

»Vielleicht liegt es am Netz. Am Mobilfunk. Vielleicht ist der auch gestört. Könnte doch sein, nach einem Stromausfall?« Clay verstand nicht ganz, wie die Welträdchen ineinandergriffen, aber wer verstand das schon?

»Du glaubst, der Mobilfunk ist gestört? Vielleicht liegt es aber auch nur an unserem Standort. Seit wir hier sind, hatte ich immer nur lückenhaften Empfang. Vor dem Supermarkt hat alles funktioniert. Als ich einkaufen war.«

»Wir sind ab vom Schuss. Letztes Jahr war es ähnlich, weißt du noch? Und da war unser Haus nicht mal so abgelegen.«

Oder etwas Furchtbares war passiert, so furchtbar, dass es sogar die New York Times getroffen hatte, dachte Amanda, sagte aber nichts. Sie stieg aus dem Bett, nahm die Wasserflasche vom Nachttisch und trank einen Schluck. Das Wasser hatte Zimmertemperatur und war wenig erfrischend. »Vier Benachrichtigungen. So viele habe ich nicht mal in der Wahlnacht bekommen.« Sie ging ins Bad, setzte sich auf die Klobrille und studierte beim Pinkeln das Display. Vergeblich.

Clay stieg in die Boxershorts vom Vortag und stellte sich an die Glastür. Alle Zeichen hatten auf Sturm gestanden, aber nun schien ein ganz normaler Sommertag anzubrechen. Selbst der Wind hatte sich gelegt. Hätte er genauer hingehört – genauer, als ihm möglich war –, hätte er die Stille als eine Antwort auf den Sturm gedeutet. Er hätte bemerkt, dass die Insekten verstummt waren, und dass kein Vogel zwitscherte. Wenn er aufgepasst hätte, wäre ihm klar geworden, dass sie einen besonderen Moment erlebten, wie wenn der Mond sich vor die Sonne schiebt und einen vorübergehenden Schatten erzeugt, der die Tiere verwirrt.

Amanda kam aus dem Badezimmer und ging am wartenden Clay vorbei. »Ich koche uns einen Kaffee.« Das Handy zog die Tasche ihrer dünnen Baumwollhose nach unten.

Rose saß am Küchentresen vor einer Schüssel Cornflakes. Bis vor Kurzem war das Mädchen noch auf die Hilfe eines Erwachsenen angewiesen gewesen: Schale aus dem Schrank holen, Cornflakes hineingeben, Banane schälen und schneiden, Milch darübergießen. Amanda hatte versucht, geduldig zu bleiben; sie hatte sich bewusst gemacht, wie schnell diese Phase zu Ende gehen würde. Und nun war sie vorbei. Irgendwann hatte sie ihre Kinder zum letzten Mal in den Schlaf gesungen, ihnen zum letzten Mal den Hintern abgewischt, ihren Sohn zum letzten Mal nackt gesehen, so makellos wie am Tag seiner Geburt. Man weiß nie, welches Mal das letzte ist, und wenn man es wüsste, könnte man nicht weiterleben. »Hey, Maus.« Sie löffelte Kaffeepulver in den Filter. Es war ein ganz normaler, ein schöner Tag, oder?

»Darf ich einen Film auf deinem Laptop gucken?«

»Schätzchen, das Internet funktioniert nicht, sonst dürftest du Netflix schauen. Hör mal, ich muss dir etwas …«

»Blöder Urlaub.« Rose wollte es gesagt haben. Es war ungerecht.

»Also, gestern Abend sind Leute hier angekommen, die Washingtons, ihnen gehört das Haus. Sie mussten herkommen, denn es gab …« Was war das richtige Wort? »Es gab ein Problem. Mit ihrem Auto. Und sie waren zufällig in der Nähe, deswegen sind sie hergekommen, obwohl wir das Haus für diese Woche gemietet haben.« Als Mutter oder überhaupt als Mensch musste man in der Lage sein zu lügen. Manchmal hatte man keine Wahl.

»Von wem redest du?« Rose war es jetzt schon egal. Sie wollte Hazel schreiben und fragen, was sie gerade machte. Wahrscheinlich saß Hazel jetzt in diesem Moment vor dem Fernseher.

»Sie hatten eine Autopanne und waren ganz in der Nähe. Sie wussten, dass wir hier sind, aber sie haben sich gedacht, sie schauen trotzdem vorbei und erklären uns alles und …« Das Ganze war gar nicht so schwer zu spielen, die Kinder konnten sich komplexe Sachverhalte ohnehin nicht merken, sie merkten sich ja nicht mal die einfachsten Dinge, außerdem war es ihnen egal. Sie waren so wunderbare Narzissten.

Clay erschien in der Küche, in Boxershorts und mit verklebten Augen. »Ich nehme auch so einen Kaffee.«

Amanda schenkte ihm einen Becher ein. »Ich habe Rose gerade von den Washingtons erzählt.«

»Dad, der Fernseher ist kaputt.« Rose zerrte an seinem Arm. Er würde sich darum kümmern. Er würde ihr helfen.

Clay schüttete sich etwas von dem heißen Kaffee auf die Füße. »Vorsicht, Schätzchen.«

»Hast du vergessen, deine Schale in die Spüle zu stellen?« Amanda hatte ein Buch über effektive Kommunikation mit Kindern gelesen. »Clay, du solltest dir was anziehen. Diese Leute sind hier.« Sie merkte selbst, wie ungehobelt das klang. »Die Washingtons. Sie sind unten.«

»Dad, kannst du ihn reparieren?«

»Warte mal kurz.« Vielleicht hatten sie den Kindern in Sachen Bildschirmzeit zu viel versprochen. Sie hatten die Erlaubnis ausgegeben wie ein Betäubungsmittel. Doch Clay war auch jetzt unfähig, sich gegen Roses Bettelei zu wehren. Schon als Kleinkind hatte sie ihn mit einer ganz besonderen Stimme gerufen. Ein Mädchen braucht seinen Vater. Clay stellte den Kaffee ab, ging ins Wohnzimmer und drückte auf der Fernbedienung herum. Wenn man eine poetische Ader hatte, konnte man den gestörten Empfang als Schnee auf dem Bildschirm interpretieren. »Ja. Sieht so aus, als würde er nicht funktionieren.«

»Kannst du ihn nicht neu starten oder so was? Oder aufs Dach klettern?«

»Niemand klettert aufs Dach«, sagte Amanda.

»Ich werde nicht aufs Dach klettern.« Clay kratzte sich den haarigen, mit Nudeln vollgestopften Bauch. »Außerdem weiß ich ja nicht mal genau, ob das Problem oben auf dem Dach ist oder … oder woanders.« Er machte eine vage Geste, die die ganze Welt einschloss. Wer wollte da den Durchblick behalten? Existierte die Welt überhaupt noch? »Geh doch schon mal raus, ich komme gleich nach. Ich muss nur kurz mit Mom reden.«

Rose hätte lieber ferngesehen, aber eigentlich brauchte sie bloß eine Aufgabe. Sie würde sich mit der Aufmerksamkeit ihres Vaters zufriedengeben. »Kommst du mit?«

»In zwei Minuten.« Er sah an Rose vorbei in den blassgelben, verzagten Morgenhimmel.

»Na schön«, stöhnte Rose im angelernten Tonfall des Teenagers und zog die zwei Wörter dabei maximal in die Länge. Der morgendliche Garten war still. Er war hübsch, doch nicht so interessant wie der Fernseher.

Rose knallte die Terrassentür hinter sich zu, aber eher unabsichtlich. Wo immer Hazel auch war, es war garantiert schöner als hier. Bei ihr ging der Fernseher nie kaputt. Ihre Eltern erlaubten ihr sogar, den Instagram-Account auf »öffentlich« zu setzen. Rose setzte sich auf einen der weißen Gartenstühle aus Metall und starrte in den Wald.

In einiger Entfernung zum Haus wuchs das Gras nur noch in Büscheln, dann ging es in einen Streifen aus Erde, Laub und Unkraut über, und dahinter begann der Wald, oder die Wildnis oder was auch immer. Zwischen den Bäumen stand ein Reh, mit teilweise von den Stämmen verdecktem Gehörn und argwöhnischer, leicht gelangweilter Miene. Es beobachtete Rose aus dunklen, seltsam menschlichen Augen.

»Ein Reh!«, wollte sie rufen, aber sie war allein. Sie drehte sich um und sah ihre Eltern, die diskutierend im Wohnzimmer standen. Ohne Aufsicht durfte sie nicht in den Pool, doch da wollte sie auch gar nicht hin. Sie stieg die wenigen Stufen aufs feuchte Gras hinunter. Das Reh schaute mäßig interessiert zu. Auf den ersten Blick hatte sie gar nicht bemerkt, dass daneben ein zweites Reh stand – nein, noch mehr! Fünf Rehe, sieben Rehe. Jedes Mal, wenn Rose die Augen scharf stellte, entdeckte sie ein weiteres. Dutzende Rehe. Von einem höheren Punkt aus hätte sie Hunderte gesehen, über tausend oder sogar noch mehr. Sie wollte ins Haus rennen und ihren Eltern davon berichten, gleichzeitig wollte sie einfach nur dastehen und hinsehen.