21

Im Wald beschlich einen die Ahnung, dass etwas auf einen lauerte, was man nicht sehen konnte. Da waren Käfer, schlammbraune, starre Kröten, Pilze in eigenartigen und scheinbar willkürlichen Formen, der süße Geruch von Fäulnis und eine unerklärliche Feuchtigkeit. Man fühlte sich klein, wie eines von vielen Lebewesen und das unwichtigste noch dazu.

Nicht auszuschließen, dass im Wald etwas mit ihnen passiert war. Vielleicht passierte es gerade jetzt. Jahrhundertelang hatte es kein Wort für die Tumore gegeben, die tief in der Lunge knospten, wild wuchernde, wunderschöne Gebilde, die blühenden Pflanzen gleich an den unmöglichsten Stellen Wurzeln schlugen. Dass man keinen Begriff dafür hatte, änderte nichts; der Mensch starb durch Ertrinken, während sich in seinen Lungenbläschen die Flüssigkeit staute.

Rose meinte, Blicke auf sich zu spüren; andererseits spielte sie oft, sie würde beobachtet. Sie sah sich selbst durch die Handykamera. Weil sie noch jung war, wusste sie nicht, dass jeder sich so sah, als Hauptfigur einer Geschichte und nicht als einen von buchstäblich Milliarden Menschen, deren Lungen sich langsam mit Salzwasser füllten.

Das Licht im Wald war anders. Die Bäume standen ihm im Weg. Die Bäume waren lebendig und erhoben sich ringsum wie majestätische Geschöpfe von Tolkien. Die Bäume schauten nur zu, aber sie waren alles andere als gleichgültig. Sie wussten, was los war, denn sie kommunizierten untereinander. Auf die seismischen Erschütterungen der weit entfernten Bomben reagierten sie sehr empfindlich. Viele Kilometer von hier – dort, wo der Ozean über das Land hereinbrach – starben Bäume, obwohl es noch viele Jahre brauchen würde, sie auf albinoweiße Stämme zu reduzieren. Im Gegensatz zu uns hatten die Bäume jede Menge Zeit. Die Mangroven wendeten einen Trick an, sie rafften ihre Wurzeln wie viktorianische Damen die Röcke und nippten am Salz der Erde. Sie würden es überstehen, zusammen mit den Alligatoren, den Ratten, den Kakerlaken und den Schlangen. Vielleicht waren sie ohne uns besser dran. Manchmal ist Selbstmord wirklich eine Erlösung, es gibt kein besseres Wort dafür. Die Krankheit in der Erde, in der Luft und im Wasser war eine raffinierte Erfindung. Da war etwas Bedrohliches im Wald, und Rose konnte es spüren. Ein anderes Kind hätte es Gott genannt. Aber spielte das überhaupt eine Rolle, wenn der Orkan zu einem Ding mutiert war, für das es noch keine Bezeichnung gab? Spielte es eine Rolle, wenn das Stromnetz zusammenbrach wie ein Turm aus Lego? Die Legosteine waren nicht biologisch abbaubar und würden Notre Dame, die Pyramiden von Gizeh und die in der Höhle von Lascaux auf die Wände getupften Farbpigmente überdauern. Eine Nation würde die Verantwortung für den Blackout übernehmen, doch dass er als Kriegshandlung verurteilt wurde, spielte keine Rolle mehr, auch nicht die Frage, ob er nur als Vorwand für die lang erhoffte Vergeltung diente. Wer was über welche Leitungen und Netzwerke befohlen hatte, war nicht mehr zu rekonstruieren. Eine asthmatische Frau namens Deborah starb, nachdem sie sechs Stunden unter dem Hudson River in einem Zug der Linie F festgesessen hatte, und die anderen Passagiere gingen an ihrem Leichnam vorüber und fühlten nichts. Es spielte keine Rolle mehr, dass nach dem Ausfall der Notstromaggregate in den Krankenhäusern von Miami, Atlanta, Charlotte und Annapolis die lebensrettenden Maschinen ihren Dienst versagten. Spielte es eine Rolle, ob der krankhaft fettleibige Enkel des Ewigen Präsidenten tatsächlich eine Rakete abgefeuert hatte, oder reichte nicht vielmehr die Tatsache, dass er es hätte tun können, wenn er wollte?

Die Kinder wussten nicht, dass einiges davon bereits geschehen war. Dass in einem Altersheim der Küstenstadt Port Victory ein Vietnamveteran namens Peter Miller mit dem Gesicht nach unten im kniehohen Wasser trieb. Dass Delta Airlines wegen der Störung der Flugverkehrsüberwachung ein Flugzeug zwischen Dallas und Minneapolis verloren hatte. Dass im unbewohnten Teil von Wyoming eine Pipeline barst und Rohöl ins Erdreich sickerte. An der Kreuzung der 79. Straße und der Amsterdam Avenue wurde ein bekannter Fernsehstar von einem Auto angefahren und starb, weil der Krankenwagen nicht durchkam. Sie konnten nicht wissen, dass die auf dem Land so friedliche Stille in der Stadt bedrohlich wirkte: Lähmende Hitze und Lautlosigkeit verwirrten die Bewohner. Aber Kinder interessieren sich ohnehin für nichts außer sich selbst; vielleicht liegt das einfach in der Natur des Menschen.

In Badekleidung, barfuß und mit unbedecktem Kopf schlichen die Kinder weiter, mit misstrauisch gewölbten Fußsohlen und eingezogenen Zehen. Äste streiften ihre Haut und hinterließen unsichtbare Spuren. Die Krankheit des Planeten war nie ein Geheimnis gewesen, keiner hatte jemals an den Tatsachen gezweifelt, und falls sich etwas verändert hatte (ja, hatte es), nähme ihre Unwissenheit keinen Einfluss darauf. Was immer es auch war, jetzt war es in sie eingedrungen. Die Welt unterlag den Gesetzen der Logik, doch auch die Logik hatte sich weiterentwickelt, und damit mussten sie sich abfinden. Ihr Wissen war nicht unbedingt falsch, aber irrelevant.

»Archie, sieh mal«, flüsterte Rose. Sie hatte ihre Stimme respektvoll gedämpft, als befänden sie sich an einem heiligen Ort. Sie zeigte geradeaus. Eine Lichtung, die in einen gepflegten Rasen überging, ein Dach. Ein Backsteinhaus wie das ihre, ein Pool, ein stabiles Holzgerüst mit Schaukel.

»Ein Haus.« Archie klang nicht einmal spöttisch, er stellte es lediglich fest. Damit hatte er nicht gerechnet. Ruth hatte behauptet, hier draußen gäbe es nichts, aber sie hatten sich weiter hinausgewagt, als Ruth je gegangen war, denn im Gegensatz zu ihr waren sie neugierig auf die Welt. Sie waren hochzufrieden mit ihrer Entdeckung. Anscheinend hatten sie Nachbarn. Archie hatte sein Telefon zum Aufladen in seinem Zimmer gelassen, und nun wünschte er sich, er hätte es mitgenommen. Vielleicht käme er hier ins WLAN .

»Sollen wir näher rangehen?« Rose hatte beschlossen, dass die Kinder der Hauseigentümer schon zu alt für eine Holzschaukel waren. Dass die Regel, nicht mit Fremden zu sprechen, nur in der Großstadt galt.

»Nee, lass uns gehen.« Archie drehte sich um und schlug die Richtung ein, aus der sie hoffentlich gekommen waren. Dass sich die Zecke in die Haut über seinem Knöchel bohrte, spürte er genauso wenig wie die langsame Rotation der Erde. Für ihn lag nichts in der Luft, sie fühlte sich an wie immer.

Sie liefen zurück, nicht langsam, aber auch nicht in Eile. Im Wald verging die Zeit anders. Sie wussten nicht, wie lange sie schon unterwegs waren. Sie wussten ja nicht einmal, was sie erwartet hatten, oder warum es sich so befriedigend anfühlte, einfach durch den Baumschatten zu spazieren und die Luft, die Sonne, die Insekten und den Schweiß auf der Haut zu spüren. Sie ahnten nicht, dass ihr Vater genau in dieser Sekunde an ihnen vorbeifuhr, keinen halben Kilometer entfernt, nur vierhundert Meter, sie hätten hinlaufen und ihn erlösen können. Doch von ihrem Standort aus konnten sie die Straße nicht hören, außerdem dachten sie gerade nicht an ihren Vater oder ihre Mutter. Sie dachten an niemanden.

Während sie liefen, wechselten Archie und Rose kaum ein Wort. Sie schlurften durchs Laub, beide zitterten ein wenig, weil ihr Körper mehr wusste als ihr Verstand. Kinder und sehr alte Menschen haben etwas gemeinsam. Wer gerade erst geboren wurde, hat noch ein Verständnis von der Welt, nur deshalb berichten Kleinkinder ihren verstörten Eltern von Gesprächen mit Geistern. Und die ganz Hochbetagten beginnen irgendwann, sich an diese Erfahrung zu erinnern, können sie aber nur selten artikulieren. Außerdem hört den Hochbetagten sowieso niemand zu.

Die Kinder hatten nicht wirklich Angst. Sie waren ganz ruhig. Eine Veränderung stand ihnen bevor, und nicht nur ihnen. Wie man es nannte, spielte keine Rolle. Hoch oben das Rascheln und Seufzen der Blätter, unten am Boden die Stimmen von Archie und Rose, deren Worte unmöglich zu verstehen waren, denn sie existierten nur zwischen ihnen beiden, waren die Geheimsprache der Jugend. Abgesehen davon war nur das leise Knacken der Bäume zu hören, die ihre Glieder streckten, und das Summen versteckter Insekten. Auch sie würden bald verstummen wie vor einem plötzlichen Sommergewitter, denn die Insekten wussten Bescheid; sie klammerten sich mit aller Kraft an der gefurchten Baumrinde fest und warteten auf das, was da kommen würde.