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Ein Blitzschlag zuckte über den sturmschwarzen Himmel und die Lichter in Sadies Wohnung verdunkelten sich einen Augenblick lang. Der Blitz war so grell und der Donnerschlag, der ihm folgte, so intensiv, dass August aus dem Schlaf schreckte und sich mit trüben Augen im Zimmer umsah.
Das Trommelfeuer aus Regentropfen, das auf die Fensterscheiben niederging, klang wie ein Kugellager, und die heftigen Windstöße, die an dem Gebäude entlangfegten, schienen stark genug zu sein, um es aus seinem Fundament zu heben. Es war schon ziemlich lange her, dass Montpelier einen Sturm von solch einer Hemmungslosigkeit erlebt hatte.
»Was ist los?«, stöhnte er und sah gähnend zum Fenster hinüber. Dann, als er die Schachtel erblickte, setzte er sich langsam auf. »Ist das …?«
»Die Schachtel aus dem alten Haus meiner Großeltern«, antwortete sie.
»Was ist drin?« Er wischte sich über die Augen und schob sich an das andere Ende des Sofas, um hineinschauen zu können.
Die knappen Abmessungen der Schachtel wurden nicht zur Gänze von ihrem Inhalt ausgefüllt. Darin befand sich weniger, als Sadie angesichts des Gewichts vermutet hatte. Dieser Widerspruch hätte einen leicht glauben machen können, dass das Gewicht nicht von den Sachen in der Schachtel herrührte, sondern von einer tiefgreifenden psychischen Schwere, die sie durchdrang.
Sadie machte sich daran, die Schachtel zu entleeren und ihren Inhalt auf dem Beistelltisch auszubreiten. Alles in allem befanden sich nur drei Sachen darin: ein vergilbtes ledergebundenes Tagebuch, dessen Seiten mit, so schien es, Fotografien und Zeitungsausschnitten vollgestopft waren, eine Aktenmappe und eine einzelne Floppy Disk. Eine genaue Betrachtung der drei Gegenstände verriet wenigstens von außen nichts über ihre Herkunft und sie gaben auch keinen Hinweis auf ihren Besitzer.
Sie trug die Sachen hinüber zum Sofa, setzte sich zu ihm und kämmte sich eine Locke ihres Haars hinter das Ohr. »Sieht aus, als wäre das alles«, sagte sie.
August beäugte die Floppy Disk, nahm sie von dem Stapel und spielte an der Metallabdeckung herum. »So eine hab ich seit Jahren nicht mehr gesehen«, sagte er. »Ich frage mich, was drauf ist.«
Sadie legte die Aktenmappe fürs Erste beiseite und konzentrierte sich auf das ledergebundene Tagebuch. Es wurde von einem eng anliegenden Gummiband zusammengehalten, das über die Jahre der Lagerung brüchig geworden war. Vorsichtig schob sie einen Finger darunter, und als sie versuchte, es behutsam abzuziehen, zerbröckelte es plötzlich in ihrer Hand. Als sie die Gummireste von ihrem Schoß gewischt hatte, schlug sie den Umschlag auf und suchte nach irgendeinem Hinweis auf den Besitzer des Buches.
Davon gab es aber keinen – die Innenseite des Umschlags war leer, wenn man einmal von der Vergilbung absah, die dafür bekannt war, altes Papier heimzusuchen. Als sie das kleine Buch öffnete, wirbelte ein Hauch von Staub von seinen Seiten, und dieses Erdige weckte in ihr Erinnerungen an die Gerüche von lange verlassenen Orten, deren Aromen sie nur allzu gut kannte. Mit großer Sorgfalt begann sie, sich durch das dünne Büchlein zu blättern, doch schon als sie die ersten Seiten umschlug, rutschten Sachen zwischen ihnen heraus.
Fotografien und Zeitungsartikel, die alle viel älter aussahen als das Buch, das sie beherbergte, glitten hinunter in ihren Schoß. Sie schüttelte das Tagebuch ein wenig, damit auch die restlichen Sachen herausfielen, und begann, das Durcheinander zu einem ordentlichen Haufen zusammenzuschieben. »Was ist das alles?«, murmelte sie, legte das Tagebuch beiseite und entschied sich, zuerst einmal seinen verschütteten Inhalt zu betrachten.
August zog den Couchtisch etwas näher heran, damit sie die Sachen darauf ausbreiten konnte. »Schwarz-Weiß-Bilder … und ein paar alte Zeitungsschnipsel. Ich schätze, dabei handelt es sich nicht um Rezepte, die aus den Ratgeber-Rubriken ausgeschnitten wurden, oder?«
Sadie breitete sie in ordentlichen Reihen aus: die Zeitungsartikel links, die Fotos rechts – und als sie die Fotos auf dem Tisch verteilte, erkannte sie einige ihrer Motive und erschrak.
Unter den alten und verknickten Fotos befand sich ein Schwarz-Weiß-Abzug vom Rainier Asylum. Sadie drückte das Foto mit tauben Fingern auf dem Tisch flach und beugte sich darüber, um es eingehend zu betrachten. Jede Hoffnung, dass der Inhalt der Schachtel nichts mit ihren Erkundungen zu tun hatte, wurde mit dem Fund dieses Fotos jäh zerstört – ganz besonders als sie weiter hinten in dem Stapel einen ähnlichen Abzug fand, der nichts Geringeres als das Haus auf Beacon Hill zeigte.
Ein Blitz teilte den Himmel in zwei Hälften und noch einmal verdunkelten sich die Lampen. Die Glühbirnen flackerten in ihren Fassungen, als stünden sie kurz davor durchzubrennen, nur um dann wieder aufzuleuchten, als ein Donnerschlag das Gebäude erzittern ließ. Sie spürte das Sturmgepolter bis tief in ihre Knochen, und auch als das Gewitter wieder nachließ, zitterte sie am ganzen Körper und bekam eine Gänsehaut.
August blickte aufmerksam von einer Aufnahme zur anderen.
»Wir haben also Beacon Hill und das Rainier Asylum?« Er deutete auf die anderen Fotos in ihrer Hand. »Sieht aus, als hätte jemand eine Sammlung angelegt … als hätte jemand dieselben Nachforschungen angestellt wie wir. Soll das etwa ein Sammelalbum für Geisterhäuser oder so was in der Art sein? Was ist auf den anderen Bildern zu sehen?«
»Ich habe fast Angst davor nachzuschauen«, gab sie zu. Eines nach dem anderen legte sie die verbleibenden Fotos auf den Tisch.
Bevor sie auch nur die Gelegenheit hatte, die ausgebreiteten Fotos und Zeitungsausschnitte in Ruhe zu betrachten, kehrte der Blitz noch einmal krachend zurück. Und dieses Mal schlug er so nahe und mit solch einer Wucht zu, dass er schließlich doch die überlasteten Lampen in die Knie zwang und die Glühbirnen zum Erlöschen brachte.
Der ganze Apartmentblock fiel mit einem leisen, mechanischen Röcheln in einen tiefen Schatten.