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Ihre Begutachtung dieser neuen Beweisstücke wäre bei Kerzenlicht geschehen, wenn Sadie sich auf einen Stromausfall vorbereitet hätte, doch da sie keine Kerzen hatte, mussten sie sich mit dem Schein von Augusts Handy und der Taschenlampe begnügen, die er für ihren Ausflug zum Rainier eingepackt hatte.
Während sie in fast vollständiger Dunkelheit lasen und die Fotos betrachteten und der Sturm draußen weiterhin wütete, betrat etwas ihr Wohnzimmer, das Sadie verstörte. Sie kannte jede Ecke dieses Raumes so gut wie in- und auswendig und hatte keinen Grund, sich hier während einer Finsternis zu fürchten. Außerdem war sie niemand, der sich von einem Gewittersturm aus der Fassung bringen ließ. Doch sie spürte, dass sie mit dem Öffnen der Schachtel etwas befreit hatte – dass allein das Anheben des Deckels genügt hatte, um etwas loszulassen, das lange und aus gutem Grund eingesperrt gewesen war. Sie glaubte, dass ihre Sinne für die Dinge, die in der Sphäre des Übernatürlichen vor sich gingen, gut geschärft waren, und doch entzog sich das, was gerade durch dieses dunkle Zimmer kroch, jedem Versuch einer Beschreibung. Es war, so sagte ihr Bauchgefühl, nichts weiter als Paranoia. Doch nicht einmal das genügte, um das nagende Unbehagen zu besänftigen, das sie verspürte, als sie mit dem Inhalt der Schachtel hantierte. Ihre Unruhe war größer, als es die Umstände rechtfertigten, und August, der nervös die Fotos und Zeitungsausschnitte durchsah, schien ihr mulmiges Gefühl zu teilen, während er mit gerunzelter Stirn versuchte, die gefundenen Unterlagen richtig einzuordnen.
Das Zimmer schien in der Dunkelheit tatsächlich immer kleiner zu werden. Der Raum um sie herum schrumpfte und hüllte sie ein, bis nur gerade genug Platz blieb für ihre gekrümmten, in ihre Studien vertieften Körper und die abscheulichen Wahrheiten, die sie dabei entdeckten. Draußen wirbelten die Wolken am Himmel mit solch einer Intensität, dass sich in ihnen immer wieder eine Lücke auftat, durch die der Mond und grell leuchtende Blitze abwechselnd herunterlugten. Der unaufhörliche Regen brachte die Luft zum Erzittern und erfüllte die Atmosphäre mit einer herbstlichen Frische und Nässe.
Die Zeitungsausschnitte, fünf Stück waren es, bildeten eine traurige Sammlung und behandelten, obwohl sie Jahrzehnte auseinanderlagen, ein und dieselbe Sache, nämlich unglückselige Vorfälle derselben Art. Die Berichte, die aus verschiedenen Zeitschriften aus dem Bundesstaat Indiana stammten und mehr als 40 Jahre umspannten, beschrieben fast schon unheimlich ähnliche Fälle von verschwundenen Personen.
Im Fall von Evelyn Renfield aus dem Jahre 1947 sowie in den Fällen von Nora Tellier aus dem Jahre 1962 und Stephanie Marsh aus dem Jahre 1977 wurden junge Mütter kurz nach der Entbindung zusammen mit ihren Säuglingen vermisst. Zu den genannten drei Frauen, die völlig unerwartet mit ihren Neugeborenen verschwanden, kam 1986 noch Candice Kellermeyer hinzu, die genauso wie ihr fünf Tage alter Sohn Jack plötzlich wie vom Erdboden verschluckt war.
Die Umstände in jedem der Fälle stimmten bis auf das Jahr ihres Auftretens auf schaurige Weise überein. Eine Frau, die erst kürzlich nach einer komplikationslosen Geburt aus dem Krankenhaus entlassen worden war, verschwand zusammen mit ihrem Baby und wurde nie wieder gesehen – sehr zur Bestürzung der Öffentlichkeit. Die Beschreibungen der vermissten Personen waren dürftig. Die Frauen schienen alle ein ähnlich gewöhnliches Äußeres zu haben: dunkelhaarig, schlank und durchweg jugendlich. Neben ihrem Alter – Anfang 20 – hatten die Frauen noch eine weitere Eigenschaft gemeinsam: Sie waren alle unverheiratete Mütter.
In jedem Fall wurde verzweifelt versucht, den Verbleib der Mutter und ihres Kindes zu ermitteln. Doch es gab keinen Hinweis darauf, dass sie je gefunden wurden oder dass auch nur irgendwelche Spuren zu ihrem Aufenthaltsort aufgetaucht waren. Niemand wurde für das Verschwinden der Frauen angeklagt, denn sie, so schien es wenigstens, waren aus freien Stücken fortgegangen. Im Fall von Nora Tellier aus dem Jahre 1962 drückte eine befragte Bekannte es so aus: »Es ist, als hätten sie sich in Luft aufgelöst – ohne eine Spur zu hinterlassen.«
Ein übler Geschmack lag Sadie auf der Zunge, während sie las. Wer hatte diese Storys zusammengetragen – und warum? In welcher Verbindung standen sie zu den Fotos und vor allem zum Rainier Asylum und zu Beacon Hill? Während sie über diese Fragen nachdachte, erinnerte sie sich an etwas, das sie und August über die Gewohnheiten der Okkultisten gelesen hatten, die an beiden Orten ansässig gewesen waren. Die verkommenen Riten dieser Verbrecher waren darauf ausgerichtet gewesen, Leid zu erzeugen, und im Sanatorium waren vier Frauen und ihre Neugeborenen auf unerklärliche Weise verschwunden.
Andere Mütter und Kinder waren, lange nachdem das Rainier seine Türen geschlossen hatte, im ganzen Staat verschwunden, und auch wenn es keine eindeutigen Hinweise darauf gab, dass jene tragischen Fälle mit diesem verfluchten Ort und seinen Schrecken zusammenhingen, konnte Sadie nicht umhin, solch einen Zusammenhang anzunehmen angesichts dessen, was sie nun wusste.
Ihre Durchsicht des Tagebuchs selbst war schnell erledigt, denn sie stellte bald fest, dass nicht wenige seiner Seiten herausgerissen worden waren und dass der stark ausgedünnte und knittrige Rest zum größten Teil keinen Inhalt aufwies. Auf einigen Seiten des dünnen, handvernähten Büchleins jedoch fand sie handschriftliche Notizen, die sie innehalten ließen und die sie im Licht der Taschenlampe mit wissenschaftlicher Genauigkeit studierte.
Bevor ihr Verstand überhaupt begann, die enge Schreibschrift zu enträtseln, erinnerte sie der markante Fluss des Geschriebenen an etwas, das sie schon einmal gesehen hatte. Es war die Art, wie das »L« eine unverhältnismäßig große Schleife nach oben machte, als wäre es ein Hasenohr, und wie gewisse Ziffern hingeschmiert worden waren, woran sie erkannte, dass sie schon einmal in dieser Schrift verfasste Worte gelesen hatte – auch wenn das sehr lange her war. »Ich … Ich erkenne diese Handschrift«, sagte sie und war sich dabei fast sicher, obwohl es ihr noch nicht gelang, als sie in den Tiefen ihrer Erinnerungen nachforschte, den Verfasser zu identifizieren. »Ich weiß, ich habe sie schon mal gesehen, aber …«
Der Inhalt der hingekritzelten Nachricht lautete nur: Wenn mir etwas zustößt, verständigt Marcus Halloran, 555–9838.
Auch darin fand sie etwas, das sie wiedererkannte. »Marcus Halloran?« Der Name kam ihr erst nach einem erschrockenen Keuchen über die Lippen.
August beugte sich zu ihr hinüber und nahm die Seite selbst in Augenschein. »Wer ist das?«
Sadie zögerte mit ihrer Antwort und fuhr stattdessen mit einem Finger über die alte Kugelschreiberschrift. »Er war … mein alter Therapeut«, sagte sie schließlich.
»Das war der, zu dem dich deine Großeltern geschickt haben, stimmt’s? Der dir geholfen hat, deine Visionen loszuwerden, nachdem du im Krankenhaus gewesen warst? Nachdem dein Vater gestorben war, meine ich?«
Sie nickte gedankenverloren. Ein Schauder packte sie. »Das stimmt.« Nachdem sie noch einen letzten Blick auf den Namen und die Telefonnummer geworfen hatte, war sich Sadie einer Sache nun völlig sicher. »Und dies … dies ist die Handschrift meines Vaters.«
»Deines Vaters?«
Ihr Kopf schaffte eine Bewegung, die wie ein weiteres Nicken aussah. Wenigstens senkte er sich ein wenig, als ob die Angst und die Verwirrung, die ihn packten, ihn niederdrücken würden. »Ich verstehe das nicht. Wusste mein Vater etwa, dass ihm etwas zustoßen würde … dass er sterben würde? Und warum sollte in solch einem Fall Dr. Halloran verständigt werden?«, überlegte sie laut. »Ich bin erst zu ihm gegangen, als …« Sie verstummte kurz. »Meine Großeltern haben mich erst zu ihm gebracht, lange nachdem mein Vater tot war. Kannte Dr. Halloran meinen Vater etwa?«
Auf diese Frage reagierte August wie ein Resonanzboden und warf ihr jede einleuchtende Erklärung zurück, die ihm einfiel. »Na ja, vielleicht wollte er sicherstellen, dass du Hilfe bekommst, und hat deswegen vor seinem Tod nach einem guten Therapeuten gesucht. Womöglich war er es, der Hallorans Nummer an deine Großeltern weitergegeben hat.« Er hielt inne. »Aber nun, da wir schon beim Thema sind, denke ich, dass wir vielleicht mal mit diesem Herrn über die ganze Sache reden sollten. Glaubst du, dass die Nummer noch aktuell ist?«
»Keine Ahnung.« Noch einmal las sie die Notiz ungläubig. Das zerfledderte Buch in ihrer Hand hatte plötzlich eine Bedeutung bekommen, die sowohl von sentimentaler als auch von unheilvoller Natur war. Kann es wirklich seine Handschrift sein? Was hätte Dad mit dieser Angelegenheit zu tun haben können? Sie spürte das Verlangen, dieser Frage auf den Grund zu gehen, und erhob sich wie in Trance. Sie tastete sich mit der Taschenlampe in der Hand einen Weg durch das Zimmer. Die dunklen Winkel der Wohnung wurden von den bläulichen Blitzen erfüllt, die hin und wieder hinter dem Vorhang aufzuckten.
Als sie in ihrem Zimmer ankam, griff sie unter ihr Bett und holte einen Plastikbehälter hervor, den sie benutzte, um alte Erinnerungsstücke aufzubewahren. Nachdem sie ein paar Minuten darin herumgewühlt hatte, fand sie, wonach sie suchte: eine Karte, die sie zu ihrem 15. Geburtstag von ihrem Vater bekommen hatte. Sie las den Gruß, den er hineingeschrieben hatte, und verglich ihn mit ein paar Tränen in den Augen mit der Handschrift in dem Tagebuch.
Die Muster stimmten überein – nicht dass sie daran einen ernsthaften Zweifel gehabt hatte.
Sie legte die Karte wieder hinein und kehrte zum Sofa zurück. »Es ist seine Handschrift, dessen bin ich mir sicher. Mein Vater muss mit dieser Sache zu tun gehabt haben«, murmelte sie und deutete auf die Fotos auf dem Tisch. »Aber mir gegenüber hat er nie ein Wort darüber verloren. Ich begann, diese Träume zu haben und Dinge zu sehen, und er hat mir nie eine Erklärung dafür gegeben.«
»Wie es scheint, wusste er mehr über das, was vor sich ging, als er durchblicken ließ«, entgegnete August. Mit einem sanften Lächeln fügte er hinzu: »Ich schätze, er wollte dich einfach nur beschützen. Er glaubte, er würde das Problem schon lösen können, ohne dir unnötige Sorgen zu bereiten. Mit einem Teenager über all dieses finstere Zeug zu reden wäre nicht leicht gewesen.«
Sadie war ganz anderer Meinung und begann, die Unterlagen auf dem Tisch zusammenzuraffen. Das Wissen um die Erkundungen, die ihr Vater augenscheinlich über diese Sekte eingeholt hatte, erschütterte sie bis ins Mark. Sie fragte sich, wie viel er gewusst hatte, doch gleichzeitig fürchtete sie sich davor, noch weiter in seine Nachforschungen einzutauchen und ihre Erinnerung an ihn durch seine Verbindung damit zu beschädigen. Dad hat seine Zeit damit verbracht, diesen Kram zu recherchieren, ohne ein Wort darüber zu verlieren. Was hat er mir sonst noch verschwiegen? Wie viel von dem, was mir über mein Leben, meine Herkunft erzählt wurde, kann ich wirklich glauben? Und was wussten meine Großeltern davon?
Sadie warf die Unterlagen zurück in die Schachtel und knallte den Deckel drauf. Sie stellte den Behälter auf ihrem Papasansessel ab und hockte sich dann mit verschränkten Armen auf das Sofa, wo sie dem Regen und dem Gewitterdonner zuhörte. »Für heute habe ich genug«, sagte sie.
August blickte die Schachtel sehnsuchtsvoll an und deutete auf sie. »Macht’s dir was aus, wenn ich einen kurzen Blick hineinwerfe?«
Sie schüttelte den Kopf. »Lieber nicht. Ich möchte jetzt nicht über diesen Kram sprechen.«
»Ja, aber vielleicht sind darin ein paar wertvolle Informationen und …«
»August«, fuhr sie ihm dazwischen, »ich will darüber nicht mit dir diskutieren. Alles, worüber ich in letzter Zeit gesprochen habe, sind Sekten und Morde und Geister. Und jetzt erfahre ich auch noch, dass mein Vater vielleicht die ganze Zeit darin verwickelt war. Ich … Ich habe genug davon. Es ist so viel geschehen, was meine ganze Lebensgeschichte infrage stellt, dass ich noch nicht bereit bin, alles auf den Kopf zu stellen, okay? Ich will eine Pause machen, mich wieder wie ein normaler Mensch fühlen.«
Er schien im Begriff zu sein, sie zu unterbrechen, doch er spürte, wie aufgewühlt sie war, und nickte nur.
»Mir wurde erzählt, meine Mutter sei tot«, fuhr sie fort und rieb sich die Augen. »Doch das stimmte nicht. Jedenfalls war es nicht die ganze Wahrheit. Sie ist immer noch dort draußen und sucht nach mir. Worüber hat mein Dad mich sonst noch belogen?« Sie streckte ihren Arm vor und präsentierte den schwarzen Handabdruck auf ihrer Haut. »Wusste er von diesen Geistern und was sie mir antun können? Warum hat er mich nicht gewarnt? Wenn er von Beacon Hill und dem Sanatorium wusste, warum hat er nicht einfach alles erklärt, anstatt mich zu meinen Großeltern abzuschieben?« Sadie stieß ein zittriges Seufzen aus. »Es fühlt sich an, als wäre mein ganzes Leben eine Lüge, eine erfundene Geschichte, weil es ihm so besser passte.«
»Nun, vielleicht ist die Antwort dort drin«, sagte er und deutete mit einem Nicken zur Schachtel.
»Kann schon sein«, räumte sie ein. »Aber noch bin ich nicht bereit für diese Antwort. Vielleicht wird sie mir nicht gefallen, verstehst du?« Sie lehnte sich zurück und starrte an die dunkle Zimmerdecke.
Plötzlich gingen die Lampen wieder an und tauchten das Zimmer in ein unangenehm grelles Licht.
August blinzelte und stand gähnend vom Sofa auf. »Ich verstehe deinen Standpunkt. Wir können uns mit dem Kram befassen, sobald du dazu bereit bist. Oder wenn es dir wirklich lieber ist, werde ich alles in den Müll werfen. Deine Entscheidung.«
Das Angebot war verlockend, doch den Inhalt der Schachtel einfach zu vernichten erschien ihr sogar in ihrer abgespannten Verfassung ein zu leichtsinniges Vorgehen zu sein. »Nein, lass es hier stehen. Ich … Ich muss meinen Kopf frei kriegen, bevor ich mich weiter damit beschäftige. Ich möchte mich richtig ausschlafen und einen oder zwei Tage lang ein ganz normales Leben führen.« Doch selbst als sie ihre Sehnsüchte aussprach, konnte sie nicht umhin sich zu fragen, ob so etwas angesichts der Umstände überhaupt möglich war. »Vielleicht werde ich mal wieder ein wenig lesen … und versuchen zu vergessen, was heute geschehen ist. Und dann, wenn ich eine Gelegenheit dazu habe …«
»Ich verstehe schon«, sagte August und schnappte sich seinen Rucksack. »Ich schätze, ich sehe dich dann später bei der Arbeit?«
Sie runzelte die Stirn. »Vielleicht nicht«, antwortete sie. »Mir steht der Sinn gerade nicht danach, zur Arbeit zu gehen. Ich denke, ich werde mich ein paar Tage lang krankmelden – nur bis ich wieder auf den Beinen bin.«
Er kicherte nervös und machte sich auf den Weg zur Tür. »Sicher, sicher, aber … wenn du dein Glück zu sehr herausforderst und dir eine ganze Woche nimmst, wird das der Chefin nicht gefallen. Vielleicht solltest du dir eine Freistellung oder so was besorgen. Delores hat es letztes Jahr gemacht, um sich von ihrer OP zu erholen. Dafür brauchst du nur ein ärztliches Attest.« Er grinste und blickte auf die Schachtel. »Vielleicht kannst du ja Dr. Halloran anrufen und ihn um ein Attest bitten«, fuhr er fort. »Dabei könntet ihr euch auch über die gute alte Zeit unterhalten.«
Sie rollte mit den Augen und folgte ihm zur Tür. »Die gute alte Zeit war womöglich gar nicht so gut«, entgegnete sie. »Aber das mit der Freistellung ist keine schlechte Idee. Danke, August.«
Er winkte ihr kurz zu, schlüpfte durch die Tür und stapfte die Treppe hinunter.
Obwohl sie sie nicht einmal berühren wollte, nahm Sadie die Schachtel, trug sie in ihr Zimmer und schob sie unter ihr Bett. Irgendwann einmal, das wusste sie, würde sie die Kraft dazu haben, sie wieder zu öffnen – auch wenn das ihr Leben völlig aus den Angeln heben würde –, doch heute Abend wollte sie nichts lieber als zur Tagesordnung überzugehen. Sie zog die Bettdecke gerade, damit die Schachtel nicht einmal mehr zu sehen war, und tat ihr Bestes, die ganze Sache zu vergessen.