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Es konnte keine Rückkehr zur Normalität geben. Seit dem Moment, in dem sie sich entschieden hatte, die Schachtel zu schließen und unter dem Bett zu verstauen, hatte sie gewusst, dass es zwecklos war. Damit hatte sie nichts weiter bewirkt als ihren eigenen Kummer in die Länge zu ziehen und die Angelegenheit vor sich herzuschieben.
Und dennoch: Eine überwältigende Angst, dass das Vierteljahrhundert ihrer Existenz ein einziger Schwindel gewesen war, hielt sie davon ab, sich wieder in ihre Nachforschungen zu stürzen, und so gab sie ihr Bestes, sich wenigstens eine gewisse Zeit lang dem Alltagstrott hinzugeben. Es war nicht mehr als eine Art Show, die sie abzog, doch selbst Kleinigkeiten, wie sich durch die Fernsehkanäle zu zappen oder ein ausgedehntes Bad zu nehmen, erwiesen sich als eine Wohltat – wenigstens in den seltenen Momenten, in denen es ihr gelang, ihre Gedanken von den grausamen Dingen abzuwenden, die in den letzten Tagen geschehen waren.
Ihre Gemächlichkeit war eine erzwungene und von einer Unruhe durchsetzt, wie man sie verspürte, kurz bevor man in den Krieg zog. Genau so fühlte es sich an. Schon bald würde sie in die Schlacht ziehen müssen, ob es ihr gefiel oder nicht. So zu tun, als ginge sie dies alles nichts an, war nach dem, was sie durchgemacht hatte, einfach unmöglich.
Nachdem August gegangen war, wartete sie darauf, dass das Gewitter etwas schwächer wurde, bevor sie sich ein Bad einließ und sich eine ganze Weile in die Wanne setzte. Sie nutzte die Gelegenheit, ein paar alte Badesalze auszuprobieren, um die ganze Sache noch genüsslicher zu machen. Sie ließ sich einweichen, bis ihre Haut ganz schrumpelig und das Wasser nur noch lauwarm war. Als Sadie aus der Wanne stieg, ging ihr kaum noch etwas durch den Kopf. Eine späte Mahlzeit aus Käse, Kräckern und Salat, auf die ihr knurrender Magen bestand, ließ sich ohne Widerstand von ihr essen, bewirkte aber kaum etwas, außer dass Sadie hin und wieder fürchtete, dass sie ihr wieder die Kehle hochkommen könnte.
Sie schlief – oder versuchte zu schlafen –, und als ihr Wecker am Morgen klingelte, rief sie sofort Marsha, die Bibliotheksdirektorin, an. Das schreckliche Gefühl von Abgeschlagenheit, das ihre Stimme befiel, verlieh ihrer Behauptung, dass sie an diesem Morgen nicht in der Lage sei, zur Arbeit zu kommen, etwas an Substanz, und nach einem Schwall aus vorgefertigten Entschuldigungen wurde ihr ein dienstfreier Tag gewährt. So wie ihr Arbeitszeitplan ausgestaltet war, lag nun – zusammen mit dem heutigen Krankentag – eine dreitägige Auszeit vor ihr.
Den ersten der drei Tage verbrachte sie meistens damit, nach einem Schlaf zu greifen, der mit ihr flirtete, aber nie lange blieb. Nachdem ihr klar geworden war, dass es nichts brachte, noch länger im Bett zu bleiben, stand sie schließlich am Nachmittag auf und zwang sich, eine kleine Schüssel Müsli zu essen. Dann las sie die Schlagzeilen des Tages ohne großes Interesse und antwortete lustlos auf eine SMS von August, in der er sie fragte, ob »alles okay« sei.
»Na klar« war alles, was sie zu antworten imstande war, doch wenn sie etwas weniger mürrisch gewesen wäre, hätte sie ihm womöglich einen halben Roman geschrieben, um darzulegen, dass »alles« so ziemlich das Gegenteil von »okay« war. Sie ließ sich in ihren Stuhl sacken, warf ihr Handy mit einem Klappern auf den Küchentisch und konnte sich ein finsteres Kichern über solch eine alberne Frage nicht verkneifen. Ich? Oh, ich wurde mit einem Fluch belegt, der mich die Toten sehen lässt, und sie verfolgen mich und wollen mich mit einem Dämon zusammenbringen, der die Haut meiner Mutter trägt. Und mein Dad wusste von alledem, hielt es aber nicht für nötig, mir eine Erklärung zu geben oder eine Warnung zukommen zu lassen. Mir geht’s einfach großartig.
Wähle die Nummer. Dir wird’s viel besser gehen, wenn du es hinter dich gebracht hast.
Die Langeweile hatte sie gepackt, und so hatte Sadie ein wenig Detektivarbeit geleistet. Sie hatte eine Handynummer gefunden, die angeblich John Ford gehörte, dem Farmarbeiter, der auf der Gust Berkshire Schweinefarm verschwunden war und den sie – wenigstens hatte sie das geglaubt – in den abgelegensten Kammern im Rainier Asylum angetroffen hatte. Besonders viel Mühe hatte sie sich nicht machen müssen; die Nummer war auf einem seiner Social-Media-Profile versehentlich für jeden sichtbar gewesen. Sie hatte sie sich notiert und die ersten paar Ziffern gewählt, weil sie glaubte, es wäre nett zu wissen, dass er tatsächlich mit dem Leben davongekommen war.
Aber sie konnte sich nicht dazu bewegen, den Anruf zu tätigen.
Was, wenn er es nicht ist? Was, wenn … jemand anderes rangeht? Sie war unten in der Kanalisation des Sanatoriums Johns Geist begegnet und hatte sogar seinen verwitterten Leichnam gefunden. Doch die Luft und die Finsternis in diesem lange verlassenen Irrenhaus hatten ihre Wahrnehmung getrübt, und nun kamen ihr Zweifel über die Dinge, die sie glaubte gesehen zu haben. War sie ihm wirklich begegnet oder war es nichts weiter als ein düsterer Traum gewesen, den sie in diesen elendigen Korridoren gehabt hatte? War ihr Fund seines Leichnams womöglich nur eine Halluzination gewesen? Die Vernunft sagte ihr, dass es so gewesen sein musste, dass sie sich nur geirrt hatte und dass John wohlbehalten wiederaufgetaucht war. So hatten es wenigstens die Nachrichten verlauten lassen. Angeblich hatte er sich bei der Polizei gemeldet und die Suche nach ihm war daraufhin eingestellt worden.
Und dennoch wollte sie es nicht glauben, bis sie seine Stimme mit ihren eigenen Ohren gehört hatte.
Ihr Daumen schwebte über der letzten Ziffer. Eine eisige Furcht schien ihn zu lähmen.
Angenommen du kannst deinen eigenen Augen trauen. Angenommen John ist wirklich tot und du hast mit seinem Geist gesprochen und seine Leiche in dem Sanatorium gefunden … Wer ist dann bei den Behörden aufgetaucht? Wen haben die Nachrichten als »sicher zurückgekehrt« gemeldet, wenn es nicht der echte John Ford war? Ein Hochstapler vielleicht? Wer wird sich am anderen Ende der Leitung melden, wenn du auf ›Anrufen‹ drückst?
Sadie stopfte ihr Handy zurück in ihre Tasche.
Vergiss es.
Sie stand wie in einer Trance vor dem Badezimmerspiegel, beäugte sich mit müdem Blick und verzog den Mund langsam zu einem säuerlichen Grinsen, als ihr das Vertrauen in das Spiegelbild, das sie gerade betrachtete, völlig verloren ging. Nach ein paar Augenblicken schaute Sadie weg. Sie war sich sicher, dass ihre Lippen, die Zornesfalten in die Ecken ihres Mundes warfen, die Anspannung nicht länger aushalten würden.
»Wer bist du überhaupt?«, murmelte sie und sagte es in solch einem vorwurfsvollen Tonfall, dass jemand, der ihr zufällig zuhörte, womöglich geglaubt hätte, sie würde zu einem Einbrecher sprechen. Das weiche schwarze Haar, die leuchtenden Augen, die Ohren, die leicht gespitzt zusammenliefen – all diese Merkmale trug sie schon ihr ganzes Leben mit sich herum, doch in den letzten 24 Stunden hatte sich etwas radikal geändert. Sie konnte sich in diesen Eigenarten nicht wiedererkennen. Jemand anderes hatte sie in den Hintergrund gedrängt.
Sie.
Sadies Mutter hatte gewisse Züge an sie weitergegeben: das weiche dunkle Haar, die Ohren, die Nase. Ihre Augen und ihr Mund waren etwas anders geraten, auch wenn es bei Ersteren nur eine Sache der Farbe und der Intensität war, die die beiden voneinander unterschied. Doch wann immer die Ähnlichkeiten offensichtlich waren, wurde Sadie das unwohle Gefühl nicht los, dass diese Merkmale ihrer Mutter besser standen als ihr, dass ihre eigene Erscheinung nur eine billige Imitation, eine minderwertige Nachbildung des Originals war.
Sie hatte ihre Mutter nie gekannt, und sollte sich in einer mit Spinnweben verhangenen Ecke ihrer Psyche eine handfeste Erinnerung an diese Frau befinden, die sich dort vor den letzten paar Tagen eingenistet hatte, dann war sie von einer ursprünglichen und nicht mehr erkennbaren Art. Wie seltsam es doch war, im Leib einer Frau gereift zu sein und sie später nur als eine völlig Fremde zu kennen. So wie ihr es erzählt worden war, musste ihre Geburt eine Tragödie gewesen sein. Die physischen Komplikationen waren zu traumatisch gewesen und ihre Mutter war verstorben, bevor sie die kleine Sadie auch nur ein einziges Mal an ihrer Brust stillen konnte.
Und vielleicht stimmte das alles sogar – selbst in der dreistesten Lüge steckte oft ein Funke Wahrheit. Ausdrucksstarke Lügen fanden erst auf solchen kleinen Wahrheiten einen festen Halt, und sie hatte kaum Zweifel, dass diese Darstellung der Ereignisse, die ihr Vater ihr im Laufe der Jahre immer mal wieder dargelegt hatte, ihr einen vagen Einblick in die Wirklichkeit bot. Doch diese gelegentlichen Eindrücke, diese Bruchstücke der Wahrheit konnten sie nicht länger beschwichtigen. Sie sehnte sich nach dem großen Ganzen und wollte es in sich aufnehmen wie eine Schlange, die ein Vogelei hinunterschluckt.
Sie verließ das Badezimmer, um etwas anderes als ihr eigenes Gesicht in Augenschein zu nehmen. Sie warf einen Blick durch das Wohnzimmerfenster hinaus in den vom Wind verwüsteten Innenhof, wo immer noch große Wasserlachen standen, die vom Sturm des gestrigen Abends zurückgeblieben waren und auf die nun die Sonne ihr trübes Licht warf. Ihr Blick fand die verstreut herumstehenden Bäume und beobachtete eine Weile lang den Weg ihrer wogenden Blätter, während sie überlegte, ob es wohl sicher wäre, das Apartment zu verlassen.
Innerhalb dieser Wände waren die einzigen Phantome, vor denen sie sich fürchten musste, solche, die ihre Erinnerungen plagten. Doch die Welt dort draußen mit ihren finsteren Ecken und ihren einsamen Winkeln beherbergte diese geisterhaften Wesen, die wahrscheinlich schon in diesem Moment ihre Nasen in den Wind steckten und versuchten, ihre Witterung aufzunehmen. Die Wohnung zu verlassen würde bedeuten, sich einer ganzen Reihe von unvorhersehbaren Variablen auszusetzen und sich in eine Gefahr zu begeben, die sie gerade nicht in ihrem Leben gebrauchen konnte.
Und doch …
Sie lugte den Flur hinunter und ihr Blick schien sich um die Ecke zu wenden und nach der Schachtel zu suchen, die sie unter das Bett geschoben hatte.
Wenn du hierbleibst, dann bist du mit dem Zeug gefangen.
Es war eine sonderbare Stimmung, die sie ergriff, eine Stimmung, die sie beim Kragen packte und zwischen völliger Apathie und ausgelassenem Wahnsinn hin- und herzog, ohne dabei an Kraft zu verlieren. Je mehr sie umhertigerte und sich den Kopf zerbrach, desto finsterer wurden ihre Gedanken – und je finsterer ihre Gedanken wurden, desto bewusster wurde ihr, dass sie einen anderen Kurs einschlagen und sich intensiver mit den Rätseln befassen musste, die wie Wolken über ihrem Leben hingen. Nur so würde sie die Antworten auf ihre Fragen finden. Eine fürchterliche Angst begleitete jeden Anflug ihres Verlangens und ihre Botschaft war immer dieselbe: Sicher, sieh nur in die Schachtel … aber vielleicht wird dir nicht gefallen, was du darin findest. Womöglich ist alles, was du kennst und liebst, auf einer Lüge aufgebaut. Bist du bereit dafür?
Die Antwort auf die letzte Frage blieb ein »Nein«, und so schob sie die Sache weiter vor sich her – und wieder begann der Teufelskreis aus Kopfzerbrechen und Verzagtheit. Sie lief von einem Zimmer ins andere wie eine Gefangene, den Blick nach unten auf den Teppich gerichtet, als würde sie zwischen den Stofffasern nach einer Bestätigung suchen. Sadie musste nur an der Tür zu ihrem Schlafzimmer vorbeikommen, um die Last zu spüren, die die Pappschachtel auf ihr Gemüt legte. Eine Ecke der Schachtel war der Bettdecke entgangen und ragte stur ein paar Zentimeter unter dem Bett hervor.
Als sie kurz davor war, sich die Haare auszuraufen, entschied sie sich schließlich zu gehen. Wenn du bleibst, wirst du den Verstand verlieren. Wenn du jetzt gehst, weg von der Schachtel, kommst du vielleicht ein bisschen runter. Außerdem ist helllichter Tag – am Himmel ist noch jede Menge Sonne. Mit ein bisschen Glück wirst du keinem dieser schrecklichen Unwesen begegnen …
Sie schlüpfte in ihre Schuhe, schnappte sich ihre Handtasche von der Küchenzeile und verließ – nicht ohne eine gewisse Furcht – ihre Wohnung. Sie hatte kein bestimmtes Ziel im Kopf, als sie die Tür hinter sich abschloss und die Treppe hinunterstapfte, doch der Tag war angenehm, und so machte sie sich auf den Weg den Bürgersteig entlang zur Stadt.