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Sie war in einer Bar gelandet, ausgerechnet, und spülte ihre Probleme mit einem Fusel hinunter, der hochprozentiger war, als sie es gewohnt war. Es war noch früh am Tag, was bedeutete, dass sie und der Barkeeper die kleine Spelunke ganz für sich allein hatten und dass sie aussah wie eine unerschütterliche Alkoholikerin. Das Kinn auf ihre Hand gestützt, wanderte ihr glasiger Blick von einem Ende des riesigen Spiegels hinter der Bar zum anderen, während sie dem blechernen Kofferradio lauschte und dem schleppenden Fluss der Fußgänger auf der anderen Seite des Fensters zusah.
Sadie trank langsam, um sich nicht zu viel zuzumuten. So leichtgewichtig, wie sie war, brauchte es dazu nicht viel, und als der Barkeeper aus dem Hinterzimmer zurückkehrte, um nach ihr zu sehen, bat sie ihn, noch etwas Orangensaft in ihren Screwdriver zu schütten. »Komisch«, sagte er, während er es tat, »normalerweise fragen mich die Leute immer nach mehr Wodka.«
Zu ihrer Überraschung tat es ihr nicht sonderlich gut, hier draußen zu sein. Sie hatte erwartet, dass ihr die Flucht aus der Wohnung einen kräftigen Moralschub verleihen würde, doch die Wahrheit war, dass ihr die Probleme einfach gefolgt waren. Es fühlte sich an, als läge die Pappschachtel samt all den Schrecken, die ihr Inhalt verhieß, wie Blei auf ihren Schultern, während sie an dieser Bar hockte und an ihrem Cocktail nippte. Sie hatte keinen Schimmer, was sie tun würde, sobald ihr Glas leer war. Ihr teilnahmsloser Blick schweifte über die Bürgersteige und suchte in der Einkaufsstraße nach etwas, das ihr Interesse weckte.
Eine Weile genügte es ihr, die Leute zu beobachten. Wie viele Dutzend Passanten sah sie, die sorgenfrei an der Bar vorbeiliefen oder in die Gebäude auf der anderen Straßenseite gingen? Sie beneidete sie um ihre Normalität und wünschte sich, ihr eigenes Leben wäre genauso langweilig und herkömmlich, wie deren Leben auf den ersten Blick zu sein schien. Eine gewisse Verbitterung packte sie und sie fühlte sich, als hätte sie gerade einen tödlichen Befund bekommen, während alle Menschen um sie herum ihre Lebensfreude zur Schau stellten.
Sie sah zu, wie eine Mutter und ihr Kind Hand in Hand über die Straße gingen, wie ein älteres Paar seine Einkaufstüten zu seinem Auto trug und wie ein Gentleman mittleren Alters in einem Anzug müßig an einem Fußgängerübergang darauf wartete, dass die Ampel umsprang.
Aber da war eine Person, die sie entdeckte, als sie gerade den letzten Schluck ihres Drinks nahm, die mehr als alle anderen ihre Aufmerksamkeit auf sich zog und sie mit einem Unbehagen erfüllte, wo sich gerade eben noch eine feuchtfröhliche Wärme ausgebreitet hatte. Dieser spezielle Passant – ein jüngerer Mann, wie es schien – fiel ihr besonders auf, weil er sich nicht rührte. Anscheinend war er aus dem schmalen Gang zwischen zwei Einkaufsläden gekommen und stand nun auf dem Bürgersteig, fast genau gegenüber von dem Fenster, aus dem sie gerade blickte. Die Umtriebigkeit in der Straße ließ nicht nach; Autos fuhren vorbei, Leute liefen umher, doch diese Person bewegte sich nicht und blieb stehen, wo sie war.
Der junge Mann, an dem ihr Blick wie gefesselt hängen blieb, war unscheinbar – er hatte braunes Haar und war in Jeans und ein schlabbriges T-Shirt gekleidet, die übliche Uniform von fast allen Männern im College-Alter –, doch die Intensität, mit der er dastand und über die Straße stierte, machte selbst auf diese Entfernung einen tiefgründigen Eindruck. Er hatte nicht angehalten, um einen Blick auf sein Handy zu werfen oder um sich seinen Schuh zuzubinden oder eine Zigarette zu rauchen. Er stand einfach nur da, die Hände an den Seiten, und starrte mit unbeirrbaren Augen geradeaus.
Sadie fiel auf, dass er aussah wie John Ford, der Farmarbeiter.
Ihre Wangen wurden schlagartig wärmer, als sie bemerkte, dass sie im Zentrum seines Blicks war, doch anstatt geschmeichelt zu sein, löste sein Verhalten eine unerklärliche Furcht in ihr aus. Sadie begegnete dem Blick mit zusammengezogenen Augenbrauen und versuchte, die Bedeutung dahinter zu entschlüsseln. Der Barkeeper trug eine Kiste mit Gläsern in das Hinterzimmer und drehte das Radio ein bisschen weiter auf. Die lückenhafte Übertragung verstummte immer mal wieder, während eine Coverversion von The Girl From Ipanema lief, die den alten Lautsprecher zum Knistern brachte.
Mitten in der ersten Strophe musste das Signal abrupt abgerissen sein, denn ein paar Takte lang ertönte eine andere Übertragung. Sadie bemerkte diesen kurzen Wechsel der Musik schaudernd, denn was dort erklang, kannte sie nur allzu gut.
Womöglich war es ein Ausschnitt aus einem Hörspieldrama oder so etwas in der Art, doch der wehklagende Chor, der aus dem Lautsprecher dröhnte, bereitete ihr eine Gänsehaut, bevor sie überhaupt die Chance hatte, das Gehörte zu verarbeiten. Stöhnen und bitteres Schluchzen strömten aus dem kitschigen Radio und dazu ertönte ein einziger Ruf: »Aiuto!« Sie spitzte die Ohren, als sie die vertrauten Schreie hörte, und sie drehte sich in panischer Angst zu dem Radio um, das plötzlich wieder auf das fröhliche Liedchen zurückschaltete.
Als sie noch einmal durch das Fenster schaute, während sie sich an ihrem Cocktailglas festhielt, war von dem jungen Mann nichts mehr zu sehen – doch sie spürte seinen eindringlichen Blick noch immer. Sie trank den Rest ihres Drinks und bestellte sich einen zweiten – doch sie rührte ihn nicht an. Sie blieb in der Bar, bis das Getränk warm war, und starrte aus dem Fenster. Sie wartete darauf, dass John sich noch einmal zeigte, und fragte sich, ob es für sie sicher war, die Bar zu verlassen.
Müde Füße sind unzuverlässige Wegweiser.
Eine Stunde – und dann noch eine weitere –, in der sie Pfützen umging und durch diese, dann jene Durchgangsstraße schlurfte und durch namenlose Gegenden navigierte, führte sie in einen Bereich der Innenstadt von Montpelier, den sie nur flüchtig kannte. Die größeren Gebäude, die zusammengedrängten Einkaufsläden und die vornehmen Restaurants lagen nun in ihrem Rücken und sie sah sich einem Viertel der Stadt gegenüber, das zur Hälfte Wohngebiet und zur Hälfte Geschäftsgegend war; eine visuell unangenehme Mischung aus ein- und zweigeschossigen Häusern, verteilt inmitten ergrauter Läden wie einem Friseursalon, einem winzigen Postamt, einem Gebrauchtbuchhandel, einer Münzwäscherei und einem Feinkostgeschäft.
Der Weg hierher war wie verschwommen gewesen. Sie hatte mehrere Kilometer zurückgelegt, ziellos, während sie in Erinnerungen schwelgte und diffuse emotionale Regungen empfand. In ihrem verwirrten Kopf war kein Platz für so etwas wie einen Plan oder eine Richtung gewesen. Genauso gut hätte sie sich auf dem Seitenstreifen der Schnellstraße wiederfinden können. Es war nur eine spärliche psychische Verbindung zu ihrer Umgebung gewesen, die ihre willkürliche Exkursion gelenkt hatte, ein träumerisches Halbwissen um die Erkennungszeichen, die sie auf ihrem trägen Fußmarsch erblickt hatte und mit ihrer eigenen Vergangenheit verknüpfen konnte.
So hatte sie der Anblick des Friseursalons zum Beispiel an ihren Vater erinnert.
Einmal, als kleines Mädchen von acht oder neun Jahren, hatte sie ihren Vater in solch einen Friseursalon begleitet, wo ihm der Bart gestutzt und sein typischer Bürstenhaarschnitt nachgeschnitten worden war. Sie hatte zappelnd im Wartebereich gesessen, so wie kleine Mädchen es für gewöhnlich tun, und als der Friseur fertig war, hatte sie ihrem Vater für sein frisches neues Aussehen ein Kompliment ausgesprochen.
Es war nur eine kleine Episode gewesen, vielleicht sogar eine belanglose, wenn man das Gesamtbild betrachtete, doch die Erinnerung daran allein genügte, um sie mit einer überwältigenden Sehnsucht zu erfüllen, die sich schnell in eine nackte Angst verwandelte. Es gelang ihr nicht, die Leichtigkeit dieser Szene zu genießen, weil ihr die Verbindung zu dem kleinen Mädchen, das darin mitwirkte, abhandengekommen war. Das kleine Mädchen in dem Friseurladen, das sich durch Magazine blätterte und vorlaute Fragen stellte, war eine Hochstaplerin gewesen, und sie hatte es nicht einmal gewusst.
Der Anblick eines gelben zweigeschossigen Hauses auf der anderen Straßenseite mit den gedrungenen Kiefern vorn und der Kiesauffahrt erinnerte sie an das Haus, in dem sie bei ihrem Vater aufgewachsen war. Ihre Außenwand war beigefarben gewesen und die Auffahrt aus gesprungenem Asphalt, doch die Ähnlichkeiten waren in diesem Fall viel größer als die Unterschiede, was ihr unheimlich erschien. Sie hatte die Sommertage damit verbracht, auf die tief herabhängenden Bäume zu klettern, die Hände klebrig vom Harz, die Ellbogen und Knie von Rinde zerkratzt. Die wenigen Stellen der Auffahrt, die noch intakt waren, hatte sie als Leinwand für ihre Kreidezeichnungen benutzt, und viele Stunden hatte sie damit zugebracht, in die Gullys zu spähen und nach verlorenen Schätzen Ausschau zu halten.
Ihre Abscheu vor diesen Ähnlichkeiten saß so tief, dass Sadie zu rennen begann, bis ihre Lungen sich zusammenzogen und sie fast keine Luft mehr bekam. Sie fühlte sich wie ein Eindringling in die Erinnerungen dieses kleinen Mädchens, dieser Mogelpackung. Dieses Glücksgefühl war nicht ihres gewesen und sie hatte es nie wirklich verspürt. Es war nichts weiter als eine Illusion gewesen, die den Schrecken ihrer Geburt kaschieren sollte. Wenn das Mädchen gewusst hätte, dass es eine Ausgeburt des Teufels war, wäre es jemals so sorglos und voller Freude gewesen?
Als sie an einem Diner und einem Minimarkt vorbeikam, packten sie der Hunger und der Durst, doch sie schleppte beides unbeachtet mit sich herum und staunte stattdessen über das grünende Buschwerk, das den Eingang zu einem großen öffentlichen Park kennzeichnete. Jeder Ast und jede Blume und jeder Dorn, der in dem leichten Wind erzitterte, brachte mehr von ihrer unechten Kindheit zurück und ließ eine Flut aus beißenden Tränen hervorbrechen, die sie auch nicht aufhalten konnte, wenn sie sich die Augen rieb.
Echte Hobbys hatte ihr Vater kaum gehabt, doch er hatte es immer geliebt, lange Spaziergänge in die Natur zu unternehmen. An freien Schultagen im Frühling, Sommer und Herbst hatten sie die Parks und Gärten Hand in Hand erkundet. Zwischen den Seiten der alten Bücher, die in einer Schachtel mit Andenken unter ihrem Bett lagen, hatten sie Blätter und Blumen gepresst, die sie auf diesen Ausflügen gesammelt hatten – Relikte einer Kindheit, die sie immer als selbstverständlich angesehen hatte.
Doch das war ihr alles genommen worden. Jede Erinnerung und jede Liebenswürdigkeit hatten ihre Bedeutung verloren und trieften nun vor Scheinheiligkeit. Ihr Vater und ihre Großeltern hatten sie großgezogen und behauptet, sie zu lieben, doch nun begann sie sich zu fragen, ob sie es wirklich getan hatten. Was war eine von der Wahrheit losgelöste Liebe wert? So gut gemeint die Verschleierung ihrer Wurzeln auch gewesen sein mochte, hatten sie denn nicht an den enormen Tribut gedacht, den die Wahrheit eines Tages von ihr verlangen würde, und an den unermesslichen Schmerz, den sie darüber verspüren musste?
Die Jahrzehnte der Unaufrichtigkeit hatten Sadie wehgetan, vor allem nun, da sie um ihren Ursprung wusste. Sie war nicht die Tochter eines liebenden jungen Paars, von dem der weibliche Teil während ihrer Geburt so tragisch ums Leben gekommen war. »Sadie Young« war eine Rolle, die ihr eingetrichtert worden war, und nur ein Name, den man dem Ding gegeben hatte, das aus dem Leib eines Dämons geschlüpft war – nichts weiter. Sie hatten sie mit Nahrung, Kleidung und einem Dach über dem Kopf versorgt, und jahrelang hatten sie ihr die teuflischen Wurzeln verheimlicht, von denen sie abstammte, und ihr stattdessen eine herkömmliche Tragödie aufgetischt, die im Vergleich dazu fast schon aufmunternd wirkte.
Sie hätte ein zufriedenes Leben führen und glauben können, dass ihre Mutter eine gute Person gewesen war, die zu früh aus dem Leben gerissen wurde. Doch nun zwängte sich die Wahrheit durch die Nähte dieser lang gehegten Lüge. Ihre Mutter war nie gestorben und war auf eine Weise nicht einmal eine Mutter. Der Mensch, den sie auf alten Fotos so sehnsüchtig als ihre Mutter angesehen hatte, war dieselbe Person, die gemeinsam mit ihren in den Schatten hausenden Phantomen die Jagd auf sie eröffnet hatte; die den Kopf eines Mädchens im Teenageralter so sehr verwirrt hatte, dass es Selbstmordgedanken bekam; die in den unauslöschlichen Feuern der Hölle tanzte und sich mit dem Leid der anderen den Bauch vollschlug.
Als würde sie sich wünschen, von dieser Verbindung befreit zu werden – als würde das Sonnenlicht genügen, um ihr Blut von der Finsternis darin zu reinigen –, entblößte sie ihr Gesicht und ihren Unterarm mit dem schwarzen Handabdruck in der blassen Mittagssonne und ließ sich auf einer Parkbank nieder, wo sie bitterlich weinte.
Abgesehen von dem Monster, das ihre Mutter war, hatte sie keine Familie mehr.
Ihre Großeltern waren schon längst tot; ihr Vater sogar noch länger. Sie hatte in dieser Gegend keine Geschwister, Vettern und Cousinen oder andere lebende Verwandte, von denen sie wusste. Sie hatte ihre Kindheit abgeschottet verbracht, doch erst neulich, als sie in eine Krise geraten war und sich nach einem Menschen an ihrer Seite sehnte, war ihr bewusst geworden, was für ein einsames Dasein sie bis zu diesem Zeitpunkt geführt hatte. Freunde hatte sie nur wenige, und auch die waren in alle Winde verstreut. Ohne August und die Stammkunden, mit denen sie es in der Bücherei zu tun hatte, wären viele ihrer Tage womöglich vergangen, ohne dass sie ein einziges Wort mit irgendjemandem gewechselt hätte.
Es war dieser Moment der Verzweiflung und des Selbstmitleids, der ihre Gedanken zu den kürzlichen Vorfällen zurückkehren ließ und ihr die Bedeutung eines Treffens, vor dem sie bisher zurückgeschreckt war, deutlich vor Augen führte. Brücken zu ihrer Vergangenheit gab es nur verschwindend wenige, doch es war gut möglich, dass sich eine davon gerade vor ihr aufgetan hatte!
Als Teenager hatten ihre Großeltern sie zu einem Arzt namens Halloran gebracht. Er war ein netter, angenehmer Mann gewesen, der ihr eine Reihe von Behandlungen verabreicht hatte, um sie von ihrem rätselhaften Leiden zu befreien. Als er mit seiner Arbeit fertig war, musste sie die Toten nicht mehr sehen, und sie war naiv genug gewesen zu glauben, dass sie ihnen nie wieder begegnen würde. Ihre Erinnerungen an den Doktor waren vage, aber sie hatte ihn als einen guten, geduldigen und fachkundigen Mann im Gedächtnis, und obwohl es sie erschüttert hatte, seinen Namen im Tagebuch ihres Vaters zu finden, gab ihr diese Verbindung ein sonderbar tröstendes Gefühl.
Vielleicht würde Halloran noch wissen, wer sie war, und sich sogar an ihren Vater erinnern. Sie hatte keinen Schimmer, welche Einblicke er ihr in ihre Vergangenheit bieten konnte und welche Antworten er auf die Probleme wusste, die sie gegenwärtig plagten, aber ihr blieb nichts anderes übrig als ihre Hoffnungen an diese Person zu knüpfen, die die einzige vertraute Säule in ihrem immer jämmerlicheren Leben darstellte. Vielleicht würde er ihr sagen, so wie es nur Ärzte und Psychologen konnten, dass alles wieder gut werden würde – und vielleicht würde sie genug Kraft aufbringen können, um ihm zu glauben.
Am Abend zuvor hatte sie ihren Nachforschungen abgeschworen und sich entschlossen, erst dann wieder in ihrer Vergangenheit zu wühlen, wenn sie ein gewisses Maß an innerer Ruhe zurückerlangt hatte. Aber selbst daran war Sadie kläglich gescheitert.