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»Sie sprechen mit deiner Stimme, sie sehen mit deinen Augen. Sie sind hier gefangen, auf dass sie sterben …«
Rachel rührte sich, als sie aus ihrem komatösen Schlaf erwachte. Etwas Grobes lag über ihren Augen und versperrte ihr den Blick. Eine schreckliche Starre hatte jedes ihrer Gelenke gepackt. Sie konnte sich kaum bewegen, so kalt und träge war ihr Körper, und obwohl sie versuchte die Ohren zu spitzen, um nach der Stimme zu lauschen – es war die eines älteren Mannes –, dämmerte sie immer wieder weg und verpasste das meiste. Die Luft war warm und dick, schaffte es aber nicht, ihre eiskalte Haut aufzutauen.
»… sie sind gut gesichert. Nichts verlässt dieses Haus ohne meine Erlaubnis … Nicht einmal die Vögel finden einen Weg ins Freie …« Sie versuchte sich freizustrampeln, zuerst noch geschwächt, dann kräftig genug, um die Aufmerksamkeit ihres Kidnappers auf sich zu ziehen. Ihre Arme, so fand sie schnell heraus, waren nicht einfach nur erlahmt – sie waren gefesselt. Kaum hatte sie es erkannt, drang etwas an ihre Ohren, das sie verwirrt herumfahren ließ.
Eine wimmernde, ihr vertraute Stimme.
Dan? Ist Dan etwas zugestoßen? Das waren ihre ersten schlüssigen Gedanken, und sie atmete tief durch und stemmte ihre Handgelenke gegen das stramme, dünne Seil, das sie fixierte. Sie spürte den harten Sitz unter sich und roch eine seltsame Mischung aus Feuerholz und Fäulnis, doch sosehr sie sich auch mühte, sie schaffte es nicht, an ihr Gesicht zu gelangen und die Augenbinde herunterzureißen. Ihre Hände waren jeweils mit einem eigenen Seil an die Stuhlbeine gebunden worden, so schien es, was ihre Reichweite stark einschränkte.
»W-wo bin ich?«, brachte sie krächzend hervor, als alles andere in dem Raum verstummt war. »Wer ist da?«
Sie bekam keine Antwort, doch die Luft war mit der Anwesenheit von anderen gefüllt, und sie wusste, dass sie beobachtet wurde.
Rachel neigte den Kopf zur Seite und zuckte die Schulter in dem Versuch, die Augenbinde von ihrem Gesicht zu schieben. Es gelang ihr, sie ein wenig herunter auf ihre Wange zu zupfen, was es ihr ermöglichte, mit dem rechten Auge gerade so über die Kante des groben dunklen Materials zu spähen.
Doch der Anblick – als ihre Augen sich schließlich an die trübe Dunkelheit gewöhnt hatten – verdutzte sie.
Sie befand sich in einem Raum, in dem es kein natürliches Licht gab – ein Raum, so schien es ihr, der vom Set irgendeines Fantasy-Actionfilms stammte: Böden und Wände aus Stein, zahlreiche Regale, die mit geheimnisvollen, in Leder gebundenen Büchern gefüllt waren, und ein Kamin, der ein paar Meter von ihr entfernt unheimlich loderte. Es sah aus und fühlte sich an wie in einem Verlies.
Ihr gegenüber, die Hände hinter dem Rücken gefesselt, saß Dan. Sein Kopf neigte sich schlaff von einer Seite zur anderen. Ein Faden aus frischem Blut zog sich an seinem Kinn herunter. Er atmete schwer, war schweißgebadet und stieß hin und wieder panische Geräusche wie ein getretener Hund aus.
Der ältere Mann, den sie vor ein paar Momenten noch gehört hatte, war nirgends zu sehen – dabei hatte sie nicht gemerkt, dass er aus dem Raum gegangen war.
Sie blickte links an Dan vorbei und sah einen leeren Rollstuhl, der neben dem Kamin stand. Direkt vor dem Kamin, auf dem Boden sitzend und die Hände zum Feuer ausgestreckt, als würde sie seine Wärme genießen, war eine Frau – sehr blass und in Weiß gekleidet.
Und plötzlich fiel Rachel alles wieder ein.
Sie hatten das Haus betreten. Sie waren getrennt worden. Die Frau hatte sie aus dem Dunkeln verfolgt, und sie hatte sich niedergekauert und das Bewusstsein verloren.
Dan setzte sich schlagartig auf, als er einen Hustenanfall bekam, und spuckte einen Mundvoll dunkles Blut auf den dünnen Teppich. Während er sich mühte, wieder zu Atem zu kommen, sah er Rachel an, mit leeren Augen, pumpender Brust und herunterhängendem Kiefer. Seine Lippen waren geöffnet und sie konnte sehen, dass er verletzt war – er blutete stark aus dem Mund oder der Kehle –, doch es war zu finster, um zu erkennen, wie seine Verletzung aussah.
Die Frau stand plötzlich auf. Sie bewegte sich mit einer unglaublichen Anmut und erhob sich, ohne sich sichtbar anzustrengen, mit einer einzigen Bewegung. Dann schritt sie lautlos an Dan heran. Er reagierte nicht auf die Anwesenheit der Frau. Es war, als wäre er wie weggetreten und von seinen Schmerzen überwältigt.
Es war eigenartig, in solch einer Situation darüber nachzudenken, aber die blasse Frau, das musste Rachel zugeben, sah bildhübsch aus. Ihre schneeweiße Haut war makellos und ihr glattes schwarzes Haar reichte ihr bis auf ihren Rücken hinunter. Ihre Ohren waren leicht gespitzt und ihre Gesichtszüge – was vielleicht auch an dem sanften Schein des Feuers lag – so zart wie die einer Puppe. Rachels Herz hatte aus lauter Angst einen Satz gemacht, als sie die Frau dort stehen sah, doch als sie ihr Gesicht das erste Mal erblickte, ertappte sie sich dabei, seine unglaubliche Schönheit zu bestaunen.
»W-wo sind wir?«, keuchte Rachel. Sie rümpfte die Nase und die Augenbinde rutschte noch ein wenig weiter an ihrem Gesicht herunter.
Die Frau antwortete ihr nicht. Stattdessen baute sie sich vor Dan auf, legte ihre Hand sanft auf sein Kinn, beugte sich vor und drückte ihm einen festen Kuss auf seine blutverschmierten Lippen.
Rachel erschrak und spürte dann eine erste Regung von Wut in sich aufkeimen. »W-was tun Sie denn da?«
Die Frau rührte sich nicht. Eigentlich blieb sie genau dort stehen, wo sie war, als hätte sie ihren Mund an dem von Dan verankert.
Dan reagierte allerdings heftig auf ihren Kuss. Seine Beine, die bis vor einem Augenblick noch schlaff hinabhingen, streckten sich und seine Fersen pressten sich gegen den Steinboden, als würde er große Schmerzen verspüren. Seine gefesselten Hände verkrampften und seine Finger klammerten sich an das Holz seines Stuhls. Seine leeren Augen wurden immer größer und waren von nackter Angst erfüllt.
»Hey!«, rief Rachel und stampfte mit den Füßen auf. »Lassen Sie ihn in Ruhe!«
Es vergingen noch ein paar Sekunden, dann ließ die Frau von Dan ab. Sie richtete sich auf und kehrte zurück an ihren Platz vor dem Feuer, wo sie sich wieder wortlos wärmte, als wäre nichts geschehen.
Rachel schaute auf ihren Freund, der sich keuchend nach vorn lehnte. Seine roten Lippen zitterten.
»Geht’s … Geht’s dir gut?«, fragte sie ihn und zerrte an ihren Fesseln. Sie drehte sich um und blickte über ihre Schulter, fand aber nichts als Finsternis. Sie betrachtete den Boden vor ihren Füßen, in der Hoffnung, dort etwas zu finden, was ihnen zur Flucht verhelfen würde. Dann sah sie hinüber zu der blassen Frau, die, dem Feuer zugewandt und in der Wärme schwelgend, zu sprechen begonnen hatte.
»Sag mir, hast du dich schön ausgeruht?«
Das machte Rachel wütend. »Was ist denn das für eine Frage? Lassen Sie uns gehen! Warum tun Sie uns das an?« Sie schaukelte nach vorn und kippte fast mit dem Stuhl zu Boden. »Lassen Sie uns frei!«
Als die Frau antwortete, geschah etwas Seltsames, etwas, das Rachel verdutzte und verstummen ließ. »Bald schon wirst du wieder schlafen …«
Während sie sich erregt auf ihrem Stuhl gekrümmt und gewunden hatte, hatte sie das Gesicht der Frau von der Seite sehen können – und hatte gemerkt, dass ihre Lippen sich nicht bewegten. Es war, als wäre die Stimme aus dem Nichts gekommen oder direkt in ihr Gehirn übertragen worden. Sie blickte Dan mit flehenden Augen an und fragte: »Was hat sie nur mit uns vor?«
Zu ihrem Entsetzen blickte Dan zu ihr auf und zeigte ihr ein verträumtes rot gefärbtes Lächeln. »Diesmal«, antwortete er – nicht mit seiner Stimme, sondern mit der der Frau – »wirst du schlafen und nie wieder aus deinem Albtraum erwachen.« Seine Augen funkelten im Schein des Feuers mit einer Boshaftigkeit, die sie noch nie in ihnen gesehen hatte.
Sie blickte zurück zu dem Kamin. Die blasse Frau war nicht mehr zu sehen. Kaum hatte sie begriffen, dass die Frau verschwunden war, wurde sie plötzlich von hinten gepackt. Zwei kalte, blasse Hände legten sich über ihre Augen.
Obwohl ihre Augen bedeckt waren, begann sie Dinge zu sehen, als wären sie weit geöffnet.
Es waren schreckliche Dinge, Szenen voller Feuer und Zerfall, Szenen des Leidens und der Verdorbenheit.
Als die Hände wieder von ihr abließen und sie die Augen öffnen konnte, sah sie nicht mehr den düsteren Raum aus Stein, die Bücherregale, den Kamin oder Dan.
Das höllische Bild blieb ihr erhalten, ganz egal wie oft sie blinzelte, und wurde immer intensiver.
Sie stieß einen Schrei aus. Ihre Stimme war nur eine in einem von Qualen erfüllten Chor.