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Sie hatte lange genug auf der Parkbank an der Straße gesessen, um ein paar gezielte Internetrecherchen durchzuführen, und diese hatten ihr eine Adresse ausgespuckt, die, dessen war sie sich einigermaßen sicher, zu den Terminen in ihrer Jugend passte, die Dr. Halloran ihr freundlicherweise in seinem eigenen Haus gewährt hatte. Sie hatte auch eine Telefonnummer gefunden, die aber nicht mit der im Tagebuch übereinstimmte. Sie hatte befunden, dass solch eine heikle Angelegenheit besser von Angesicht zu Angesicht besprochen werden sollte, und so hatte sie ganz auf unangenehme Telefonanrufe verzichtet und sich ein Taxi bestellt, das sie in die Laurel Street brachte.

Es gab nur ein Problem.

Ihre Internetrecherchen hatten die Existenz und den mutmaßlichen Verbleib eines Herrn Marcus Halloran ans Licht gebracht, doch so intensiv sie auch nachforschte, sie fand nicht einen einzigen Eintrag im Großraum von Montpelier, bei dem ein »Dr.« vor seinem Namen auftauchte. Sie war so sorgsam vorgegangen, wie es die ihr zur Verfügung stehenden Werkzeuge erlaubten, und hatte sich sogar durch 30 Jahre alte medizinische Verzeichnisse für Psychotherapeuten aus der Gegend gewühlt und nach dem Namen in den einschlägigen Literaturverzeichnissen gesucht, konnte aber keinen Hinweis darauf finden, dass es einen Doktor der Medizin oder auch nur einen Doktor eines anderen Fachs namens Marcus Halloran je gegeben hatte. Auch einen Beleg für eine Praxis – wenigstens eine legale – in Indiana fand sie nicht. Dies ließ sie mehr als nur ein bisschen ratlos zurück.

Vielleicht gab es dafür eine einleuchtende Erklärung. Es war schon lange her, dass sie seine Patientin gewesen war; vielleicht hatte Halloran sich aus der Medizin zurückgezogen. Es war auch möglich, dass er eine Privatpraxis betrieb und keine Ahnung von moderner Technik hatte und darum nicht wie andere Mediziner eine eigene Webseite oder sonstige Onlinepräsenz besaß.

Andererseits war es durchaus möglich, dass »Dr. Halloran« nur eine weitere Lüge war, die nun darauf wartete, ihr ins Gesicht zu blicken.

Sie wurde mit jeder Kurve, die das Taxi nahm, immer aufgewühlter. Sie versuchte, nicht über diese neue Entwicklung nachzudenken und sich einzureden, dass es nichts bedeutete, doch als der Taxifahrer sie einen halben Kilometer vor ihrem eigentlichen Ziel aussteigen ließ, machten sich ernsthafte Zweifel an ihrem Vorhaben in ihr breit. Sie dankte dem Taxifahrer, bezahlte ihn und lief wie benommen los.

In der feuchten Luft lag etwas, das weder warm noch kalt, sondern vieldeutiger war, und der Wind, der nur selten kam, trug den Geruch von triefnassen Kiefernnadeln und den Gestank von frisch ausgelegtem Mulch zu ihr herüber. Als sie sich zurechtgefunden hatte, lief sie fast taumelnd die Straße entlang, um nach dem Haus des Doktors zu suchen. Sie hoffte so sehr, dass er zu Hause war, dass er sich freute, sie zu sehen, und dass er ihr etwas Positives mit auf den Weg geben würde, etwas, woran sie sich in diesem Moment, in dem alles von Finsternis durchtränkt war, klammern konnte.

Halloran lebte in einem bescheidenen kleinen Haus am anderen Ende der Laurel Street; ein Ziegelsteinhaus mit einem großen Panoramafenster und einer kleinen Verandatreppe aus Beton. Sie betrachtete das Gebäude aus der Ferne und suchte sein Äußeres eingehend nach Anzeichen von Leben ab. Es war ein völlig unscheinbares Haus, das sich ganz natürlich in das Vorstadtbild einfügte, doch als Sadie ihm näher kam, sah sie, dass seine Regenrinnen etwas schief am Dach hingen und dass das Geländer rechts an der Betontreppe von einem orangefarbenen Rost überzogen war. Auf der schmalen Auffahrt stand kein Wagen und wenn das taufeuchte Unkraut, das aus den Ritzen zwischen dem Schotter wucherte, ein Hinweis war, dann hatte schon lange kein Fahrzeug mehr darauf geparkt.

Doch das bedeutete nicht, dass es hier keine Anzeichen von Leben gab. Auch wenn sie rar gesät waren, kamen ihr gewisse Dinge ins Blickfeld, die darauf schließen ließen, dass hier jemand wohnte. Weiße Spitzengardinen, die vom Staub und Sonnenlicht gelb gefärbt worden waren, hingen noch immer in dem großen Fenster vorn, und eine blaue Plastiktüte, in der allem Anschein nach eine Tageszeitung steckte, lag nur ein paar Zentimeter neben dem Hauszugang, wo ein Zeitungsjunge sie vor ein paar Stunden erst hingeworfen haben musste. Das Haus verfügte über einen schiefen Kaminschornstein und die Ränder der oberen Ziegel waren schwarz von dem Ruß von frischen Feuern.

Sadie schritt die Auffahrt hinauf und ließ alles auf sich wirken. Sie hatte dieses Haus vielleicht fünfmal oder öfter für ihre Behandlungen besucht, doch das war mehr als zehn Jahre her, und obwohl sie wirklich genau hinsah, erkannte sie nichts, was ihr vertraut vorkam. Weder erkannte sie die struppige Weide, die hinter dem Haus über das Dach ragte, noch die hübschen weißen Ziegel, die die Haustür umgaben. Die Tür war ein rot glänzendes Ding mit einem Türknauf aus Messing und die Wetterschutztür davor hatte einen feinen Riss in der oberen linken Ecke, wo immer wieder gegen ihren vom Wetter verzogenen Rahmen geschlagen worden war. Das Gras war weder lang noch kurz, und die Ringelblumen, die in einem Blumenkasten neben der Treppe standen, blühten nicht, waren aber auch nicht verwelkt. Alles hier, bis ins letzte Detail, war ihr völlig fremd.

Sie hatte keine Ahnung, wie sie empfangen werden würde. Seit ihrem letzten Treffen vor zehn Jahren hatte sie kaum an den Mann gedacht – so wenig, dass sie sich nicht einmal sicher war, ob sie sein Gesicht wiedererkennen würde. So wie es um ihr Glück bestellt war, würde ihr die Person, die ihr die Tür öffnete, genauso nichtssagend und sonderbar erscheinen wie dieses kleine Haus. Dennoch ging sie mit festem Schritt zur Haustür und drückte, nachdem sie ihre Bluse geglättet und sich eine Locke hinter ihr Ohr geschoben hatte, auf die Klingel.

Sie erhielt keine unmittelbare Antwort. Sie blieb an der Treppe stehen, hielt den Atem an und lauschte dem vorstädtischen Surren der langsam fahrenden Autos. Der immergrüne Busch zu ihrer Rechten raschelte, als ein Streifenhörnchen hindurchhuschte. Dann rührte sich auch der Vorhang in dem Fenster, als hätte jemand ihn vorsichtig beiseitegeschoben, um einen Blick nach draußen zu werfen.

Sie überlegte gerade, ein zweites Mal die Klingel zu betätigen oder kräftig zu klopfen, als eine gedämpfte Stimme von der anderen Seite der kirschroten Tür an ihr Ohr drang. »Es ist offen.«

Diese Stimme war leise gewesen – sehr leise – und, so schien es ihr, kraftlos. Sie stand regungslos da und fragte sich, ob diese drei Worte eine Einladung darstellten und, wenn ja, an wen sie gerichtet waren. Es war nicht ausgeschlossen, dass der Bewohner dieses Hauses Besuch erwartete und deswegen die Tür nicht abgeschlossen hatte; aber es erschien ihr unmöglich, dass der Hausbesitzer ausgerechnet Sadie, die die Geister der Vergangenheit aufwecken wollte, vor seiner Tür erwartet hatte. Es war nicht abzusehen, ob die Person, die sie hereingebeten hatte, überhaupt Halloran war. Ihre Erinnerung an den Mann war mehr als verschwommen, aber wenn die Jahre ihrem Gedächtnis nicht einen schlimmen Streich gespielt hatten, dann glaubte sie nicht, ihn jemals mit solch einer leisen, müden Stimme sprechen gehört zu haben.

Doch sie wartete nicht mehr auf eine Klarstellung oder auf eine weitere Einladung. Sie streifte ihre Befangenheit ab und stieß die Tür auf, ohne sich anzukündigen. Als die alten Scharniere quietschend ihren Dienst getan hatten und der verschnörkelte Türknauf in ihrer Hand klapperte, trat sie ein und fand sich in einem kleinen Wohnzimmer wieder, wo ein dicker Teppich lag und die Luft vor Wärme und altem Tabakrauch ganz säuerlich geworden war. Ganz bedächtig, um ja keinen Lärm zu machen, drückte sie die rote Tür hinter sich zu und blieb auf der schwarzen Eingangsmatte stehen.

Alles, was sie in der stickigen Atmosphäre wahrnahm, war ihr eigener erschöpfter Atem. Das Innere des Hauses war größtenteils schmucklos. In einer Ecke stand ein elegantes Buffet, in dessen Mahagonitafeln filigrane Muster geschnitzt worden waren. Daneben befanden sich ein kleines Sofa, auf dem ein Stapel aus den Zeitungen, so schien es, der letzten zehn Jahre lag, und ein abgewetzter Fernsehsessel, dessen aufgerissene Nähte ein gelbliches Füllmaterial offenbarten. Zwischen den Sitzmöbeln stand ein zerkratzter Couchtisch und an der Wand gegenüber vom Sofa hing – schief – ein billiger Nachdruck einer trostlosen Landschaft von Grimshaw. Die staubige Fensterbank des Panoramafensters beherbergte zahlreiche gläserne Weihnachtskugeln. An der östlichsten Wand des Raumes war nichts weiter als ein einfacher Kaminsims, unter dem sich eine verrußte Feuerstelle mit ein paar dürftigen Zweigen darin befand. Sonst gab es hier nichts, das Beachtung verdiente.

Zwei Wege standen ihr offen; der erste, der geradeaus ging, schien zu einer Küche zu führen, deren Zustand sich kaum von dem der Stube unterschied: verstaubt und kaum bewohnt. Der andere Weg, der einen Schlenker nach links verlangte, führte in einen düsteren Flur, in dem sich vier oder fünf Türen zu befinden schienen. Sadie begab sich an den Rand dieses Flures, um sie zu zählen. Es waren tatsächlich fünf Türen, und zwei von ihnen waren geschlossen.

Sie warf einen verstohlenen Blick in die Küche, fand aber keine Spur des Hausbesitzers – keine Spur der Person, die sie hereingebeten hatte – und sie fing an sich zu fragen, ob sie überhaupt eine Stimme gehört hatte. Sie dachte daran, etwas zu sagen, sich bemerkbar zu machen, doch in diesem Augenblick war die Stille einfach zu schwer, um sie zu durchbrechen. Außerdem fühlte sich ihre Zunge wie erlahmt an und schien unfähig, etwas Sinnhaftes hervorzubringen.

Dann richtete sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf diesen schmalen Flur. Die Fußböden auf beiden Seiten waren mit alten Büchern und noch mehr Zeitungen übersät. Sie machte einen bedächtigen Schritt in den Korridor hinein, wobei sie sich mit einer Hand an der Strukturtapete abstützte. Doch sie zog ihre Finger sofort wieder zurück.

Die Wände waren eigentümlich gekennzeichnet. Je tiefer sie in den Flur hineinführten, desto dunkler wurde ihre Farbe. Die Abstufung der Farbe verlief von einem Zentimeter zum nächsten so graduell, von einem rußigen Schwarz zu einem blassen Gelb und allem Möglichen dazwischen, dass es fast aussah wie irgendein natürlicher Vorgang, der sich schon seit langer Zeit vollzog. Diese Verfärbung, folgerte Sadie schnell, rührte von den vielen, vielen Jahren, in denen Rauch durch den Flur gezogen war – und wie zur Bestätigung waberte ein schwarzer, stark riechender Rauch aus einer der offenen Türen weiter hinten genau in ihre Richtung. Er roch streng nach Tabak, doch die Wände und der Teppich waren so mit dem Aroma durchtränkt, dass es sie fast überwältigte.

Diese Rauchkringel waren ihr Wegweiser, als sie den Flur entlangging und die offene Tür wählte, aus der sie kamen. Sie blieb davor stehen und fand sich vor der Schwelle zu einer absteigenden Treppe wieder – der Eingang zu einem Keller. Rauch stieg aus den schmalen Tiefen dieses Raumes und klebte sich wie Nebel an die Treppe und die unfertige Decke. Dort unten schien es kein Licht zu geben, abgesehen von dem dürftigen natürlichen Licht, das durch die kleinen, tief liegenden Fenster oben in den Wänden fiel, und einem schwachen orangefarbenen Leuchten wie von ein paar Kerzen oder einer alten Schreibtischlampe, die ganz hinten in der Ecke des Treppenhauses standen.

Sadie zögerte und blickte den Flur zu beiden Seiten entlang. Sie fragte sich, ob der Hausbesitzer wollte, dass sie diese Treppe nach unten ging, oder ob sie in einem der anderen Räume nach ihm suchen sollte. Genau in diesem Augenblick rief dieselbe Stimme wie vorhin noch einmal nach ihr – und sie kam von unten, mit einer Plötzlichkeit und Tiefe, die sie erschreckte.

»Ich habe geträumt, dass du kommst«, sagte der Mann im Keller. Die Äußerung war rau und trocken, als hätte der Sprecher seine Lippen und seine Kehle schon lange nicht mehr zum Reden benutzt. Er räusperte sich in einer offenkundigen Erwartungshaltung.

Sadie fiel keine vernünftige Erwiderung ein und sie blieb oben im Flur stehen. Nicht nur die Eigenart der Stimme, sondern auch der Inhalt ihrer heiseren Botschaft verunsicherte sie mehr als nur ein bisschen. Sadie stand angespannt schweigend zwischen den wadenhohen Stapeln aus Taschenbüchern und Zeitungen.

Der Sprecher unten im Keller plapperte weiter. Ein schwerfälliges Glucksen durchzog die Pausen in seinem Vortrag und verlieh ihm einen Hauch von Spott und Anklage. »Ja, du hast mich schon richtig verstanden. Ich habe geträumt, dass du kommst. Ich habe zugesehen, wie du die Straße entlangläufst und meinen kleinen dunklen Flur betrittst – tausendmal. Schon bald steckst du deinen Kopf hier herein – und ziehst ihn wieder zurück, als wärst du überrascht. Und dann bittest du mich, dir von deiner Mutter zu erzählen …«

Sadie schauderte und tat genau das, was er vorhergesagt hatte, indem sie mit wackligen Knien die Treppe hinunterging. Sie erreichte den von Spinnweben überzogenen und mit Rauch gefüllten Keller. Die zahlreichen Schatten hier unten ließen die Abmaße des Raumes rätselhaft und trügerisch erscheinen. Man musste nur die letzte Treppenstufe verlassen, um die Bücherhaufen zu bemerken, die überall auf dem kalten Betonboden verteilt lagen. Ihre Seiten und Einbände waren von dem Rauch und der Feuchtigkeit ganz schwarz geworden. Ganz hinten rechts in der Ecke, halb versteckt von einem verbeulten Wasserkessel, einer Ofeneinheit sowie zahlreichen, mit Staub bedeckten Rohren und auf einem Stuhl mit hoher Rückenlehne saß der Mann, der sie gerufen hatte, und rekelte sich im Schatten.

Als sie seine Silhouette erblickte, zuckte sie erschrocken zusammen, auch wenn sie sich mit aller Kraft dagegen wehrte. Die Handvoll Kerzen, die auf dem nackten Holz seines Schreibtisches standen, schienen geeigneter zu sein, die Papierstapel, die auf der Oberfläche lagen, zu entzünden, als das im Schatten versteckte Gesicht ihres Besitzers zur Gänze zu enthüllen. Doch trotz der erdrückenden Finsternis konnte sie ein paar Details erkennen – und auch er, dessen Augen offenkundig an das Dunkel gewöhnt waren, betrachtete sie eingehend hinter seiner dick umrandeten Brille, in deren Gläsern sich hin und wieder der Schein der Kerzen spiegelte.

Der Rauch stieg aus dem Ende einer Pfeife, die der Mann fest mit seinen Zähnen hielt, und nach der schieren Menge zu urteilen musste er das Ding pausenlos angezündet haben. Der Kopf der Pfeife leuchtete mit jedem seiner langsamen Atemzüge orange auf und sein hageres Gesicht, das in diesen zuckenden Lichtblitzen kaum zu sehen war, war in einen grauen Stoppelbart gekleidet und teilweise von schmierigen Strähnen aus silbergrauem Haar verdeckt. Er trug ein von Ruß verschmutztes Anzughemd – doch sonst gab es nichts an ihm, das eindeutig zu erkennen war.

»Sind Sie … Dr. Halloran?«, wagte sie zu fragen und machte einen Schritt auf ihn zu. Sie stieß mit einem Fuß gegen einen Bücherstapel und der ganze instabile Stoß begann wie Gelee zu wackeln. Unter einer Schicht aus Dreck konnte sie etwas von dem Umschlag des obersten Buches erkennen. Dieses Buch – und wahrscheinlich auch alle anderen – schien sich nur um eine Sache zu drehen: das Okkulte.

Aus dem Schatten drang ein leises, stetes Kichern, das von dem aufblitzenden Orange der Pfeife begleitet wurde. »Doktor? So hat mich schon lange niemand mehr genannt. Diese Rolle habe ich bereits vor vielen Jahren abgelegt, aber es ist immer wieder aufregend, wenn sich jemand an eine alte Darbietung erinnert.«

»Das heißt, Sie waren damals kein Arzt?«, fragte sie herausfordernd. »Sie waren … kein Therapeut? Sie waren ein Hochstapler, stimmt’s?«

Halloran nahm einen tiefen Zug. »Ich bin in meinem Leben viel gewesen, Miss Young, aber ein ausgemachter Schwindler war ich nie.« Sein Tonfall nahm einen härteren Zug an. »Als sie dich zu mir gebracht haben, war ein richtiger Arzt das Letzte, was du brauchtest. Nein, du brauchtest jemanden mit meinen Fähigkeiten und mit meinem Wissen. Wenigstens habe ich das immer geglaubt …«

Ihre Augen tränten, als der Rauch an ihnen vorüberzog. »Ach ja? Was hat sich geändert? Was glauben Sie denn jetzt?«

Sie hörte, wie sich seine Zähne in unverhohlener Feindseligkeit um den Pfeifenstiel schlossen. »Ich denke, du bist ein aussichtsloser Fall.«

Ihr Magen verkrampfte sich bei diesen Worten und ihr finsterer Blick verzerrte die feinen Linien um ihren Mund. »Wenn Sie kein Arzt sind, was sind Sie dann? Was haben Sie mit mir angestellt? Warum haben meine Großeltern mich zu Ihnen gebracht?« Zu guter Letzt fügte sie ihrer Kette von Fragen hinzu: »Warum steht Ihr Name im Tagebuch meines Vaters?«

Er stieß ein sarkastisches Lachen aus. »Das ist alles, was du wissen willst?« Er schüttelte leicht den Kopf. »Wie soll ich dir das Ganze verständlich machen, wenn du dich nur für dein eigenes Kapitel in der Geschichte interessierst?«

»Was soll das heißen?«

»Das soll heißen, dass diese ganze Sache größer ist als du oder irgendjemand von uns.« Der schwelende Tabak glühte grell. »Und jetzt stehen wir kurz vor dem Höhepunkt. Wir befinden uns auf den letzten Seiten – und nähern uns dem Nachwort, um es mal so zu sagen.«

»Genug jetzt«, rief sie. Die Wut hatte sie gepackt und sie stand mit geballten Fäusten in der Mitte des Raumes. »Was ist mit mir geschehen? Ich verdiene die Wahrheit. Erzählen Sie mir alles.«

»Alles, was ich weiß?«, fragte Halloran spöttisch. Er streckte seine skelettartige Hand aus und deutete mit einem Wink auf die Haufen aus zerfallenden Büchern, die überall um ihn herum aufgestapelt waren. »Tja, das hier ist alles, was ich weiß! Fang an zu lesen!« Er kicherte finster und lehnte sich auf seinem quietschenden Stuhl zurück. »Aber ich schätze, dir wäre die gekürzte Fassung lieber, stimmt’s?« Er nahm einen tiefen Zug der vernebelten Luft und sprach leise und mit einem fast schon dramatischen Tonfall weiter. »Sag mir, Sadie, glaubst du an das Böse?«

Sie erschauderte am ganzen Körper, als diese finstere Gestalt sie so vertraut ansprach, und nickte.

»Natürlich tust du das. Du wirst schon fast dein ganzes Leben lang davon verfolgt. Aber weißt du, dass es dort draußen Menschen gibt, die es nicht tun? Für sie ist jedes Unglück und alles Schlechte nur ein Zufall – eine Laune des Universums, das sich nicht um uns schert. Und sie beharren auf ihrem Unglauben, obwohl es genügend historische Beweise gibt. Zum Beispiel … Ich schätze, du hast von den verschiedenen Formen von Hexenprozessen gehört, die in der Vergangenheit überall auf der Welt abgehalten wurden. Was hältst du davon?«

Sie dachte einen Moment lang über die Frage nach, bevor sie antwortete. »Nun, die waren zum großen Teil ein Schwindel, angefacht von Paranoia. Unschuldige Menschen, hauptsächlich Frauen, wurden wegen falscher Aussagen oder Bagatellen zum Tode verurteilt …«

Hallorans Antwort wurde von einer Wolke aus frischem Rauch getragen. »Ja, in einigen Fällen wurden Fehler gemacht. Aber woher kam diese Paranoia? Sie kommt von einem angeborenen Verständnis, dass solche Dinge am Rande der alltäglichen menschlichen Erfahrung wirklich existieren. Der Mensch hat gelernt, sich vor der Dunkelheit zu fürchten, weil er wusste, was darin auf ihn lauerte – und damit meine ich nicht nur Bären und Wölfe.« Er lächelte schief. »Oder was ist mit der Satanspanik, hm? Hast du dazu auch eine Meinung? Vielleicht glaubst du genau wie der Rest der Welt, dass das auch nur ein Schwindel war? Eine reißerische, von Moral getriebene Kopflosigkeit?«

Sie wollte gerade nicken, zuckte aber erschrocken zusammen, als er mit seiner knochigen Faust auf den Schreibtisch schlug und die Kerzen zum Flackern brachte.

»Es war keine Lüge. Wenn überhaupt, dann war die Wahrheit viel schlimmer als das, was berichtet wurde. Wir sehen gerade in den Nachrichten, wie alles häppchenweise ans Licht kommt. Die Welt, wie wir sie kennen, wird von einer Handvoll Auserwählter mit völlig verdorbenen Sitten gelenkt. Doch der Mensch wird sich an jede Lüge klammern, um nicht über die dunkle Seite unserer Existenz nachdenken zu müssen, obwohl er ganz genau weiß, dass sie existiert! Er wird sie verleugnen, bis sie kommt und ihm direkt ins Gesicht blickt – und wenn sie wieder geht, ist er so dreist und versucht sich einzureden, dass alles nichts weiter als eine Wahnvorstellung war. Doch ein paar von uns … Nun, wir können uns den Luxus der Unwissenheit nicht leisten, nicht wahr?

Und damit nahm mein Interesse an diesen Dingen, dem Okkulten, seinen Anfang. Über viele Jahre hinweg, lange vor deiner Geburt, habe ich mir die finsteren Geschichten und Werke von längst verstorbenen Philosophen angeeignet, das Geraune von Sektenanhängern und Ausgegrenzten, nur um meine Neugier zu befriedigen. Das war der Grund, warum dein Vater – mein alter College-Freund – mich einbezogen hat, als er diese Frau kennenlernte. Er hoffte, dass ich ihm behilflich sein könnte, dass mein beeindruckendes Wissen über das Unaussprechliche und das Geheimnisvolle seinen Kampf gewinnen würde – und es gab eine Zeit, zu der ich stolz darauf war, an diesem Trugbild teilzuhaben.

Doch wenn man sich lange genug mit diesen finsteren Kräften beschäftigt, dann färben sie auf einen ab, Sadie. Diese düsteren Zeitalter, in denen Hexen ihr teuflisches Handwerk praktizierten und die nur noch in einer fernen Erinnerung existieren? Ich habe alles über sie gelesen – und mehr als das! Ich habe ihre dunklen Träume geträumt, Träume, die von derselben schwarzen Hand geschrieben wurden, die auch ihre blasphemischen Riten verfasst hat, als die Welt noch jung war. Mein Verstand wurde zu einem Sammelraum für dieses lange verloren geglaubte Wissen, für diese außergewöhnlichen Vorstellungen, die alle von demselben unsichtbaren Faden zusammengehalten werden – und dieser Faden, das begriff ich schnell, gehörte zum Mantel des Teufels höchstpersönlich.

Weit ist das Tor. Je mehr man sich mit dem Tun des Bösen befasst, desto schneller nähert man sich der Schwelle zur Gefahr. Meine Nachforschungen, ganz egal wie gut gemeint sie einmal waren, haben nichts als Verderben mit sich gebracht. Ich wünschte, ich hätte meine Arbeit nie begonnen – und ich hoffe, dass ich nie wieder auch nur ein Jota von den verbotenen Dingen erfahren werde. Ich distanziere mich von jedem einzelnen Wort, das ich gelesen habe«, murmelte er und deutete abwinkend auf den Haufen Bücher. »Aber früher waren wir noch jung, dein Vater und ich … und wir glaubten, dass dieser Prozess, dieser Zerfall sich aufhalten ließ. Stattdessen hat mein unaufhörliches Streben nach dem finsteren Wissen mich nur mit der Einsicht gestraft, dass das Böse unausweichlich ist. Alles, was es mir eingebracht hat, ist dieser Logenplatz bei dem apokalyptischen Spektakel, für das ich zu machtlos bin, um es zu verhindern oder auch nur zu beeinflussen.«

»Dann waren Sie also ein Freund meines Vaters?«

Er nickte. »Wir waren Zimmergenossen im College … richtige Kameraden.« Die Pfeife wanderte von der linken Seite seines Mundes zur rechten. »Ich habe ihn eine Weile nach unserem Abschluss wieder getroffen. Er sagte mir, er habe ein Mädchen kennengelernt, für das er schwärmt, aber …«

Sie hing ihm so fest an den Lippen, dass sie fast gestolpert wäre, als er verstummte. »Aber was?«

»Sie benahm sich etwas seltsam«, fuhr Halloran fort. »Er bekam so eine Ahnung, dass sie in irgendwelche New-Age-Sachen verstrickt war, doch sie sprach nie mit ihm darüber. Und so haben wir begonnen, über sie zu reden – Sophia.«

Sophia war der Name ihrer Mutter gewesen, auch wenn sie ihn selbst kaum benutzte. Während ihrer Kindheit war der Name nur äußerst selten gefallen, und wenn, dann immer nur mit einer gewissen Ehrfurcht, die sie als befremdlich wahrgenommen hatte. Diesen Namen nun aus Hallorans Mund zu hören, in dieser verrauchten Umgebung, bereitete ihr eine Gänsehaut.

»Ich habe zugestimmt, es mir näher anzusehen. Schließlich wollte ich nicht, dass mein alter Kumpel sich mit einer Verrückten einließ. Ich wollte nicht, dass irgend so ein Hexenmädchen ihn mit einem Fluch belegte, und so hat er mich mit Informationen versorgt und ich habe das getan, was ich am besten kann – ich habe recherchiert. Weißt du, da war etwas an Sophia, das seltsam war – sie hatte keine Vergangenheit. Sie war anders als andere Mädchen vom College. Ihr Name stand nicht im Telefonbuch und sie war in keinem Verzeichnis der Universität zu finden. Klar, damals gab es noch kein Internet, aber jede Quelle, die mir zur Verfügung stand, deutete darauf hin, dass sie einfach aus dem Nichts aufgetaucht war.

Sie behauptete, in einem alten, feuchten Herrenhaus in schöner Hanglage von Tiffin zu wohnen, zusammen mit ihrem Vater. Dort hatte Arnold, dein Vater, sie zum ersten Mal getroffen. Weißt du, das Haus hatte verlassen ausgesehen, doch als er durch die Fenster blickte, sah er das wunderschöne Gesicht deiner Mutter und rief sie zu sich herunter. Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte.«

Wenn sie ihren Vater gedrängt hatte, ihr von seiner ersten Begegnung mit ihrer Mutter zu erzählen, war er nie so sehr ins Detail gegangen. Er hatte ganz im Gegenteil so wenig wie möglich erzählt und stattdessen von ihrer Schönheit und ihrem gemeinsamen Glück geschwärmt. Er hatte nie ein Herrenhaus erwähnt und, wenn sie es sich recht überlegte, auch nichts vom Vater ihrer Mutter. Fragen bezüglich der Eltern ihrer Mutter hatte er immer mit der Behauptung abgetan, dass sie gestorben waren, bevor er die Gelegenheit hatte, sie kennenzulernen.

»Dein Vater war ganz verrückt nach diesem Mädchen. Und ich kann es ihm nicht verdenken. Sie war wirklich hübsch.« Halloran hielt inne und schien ein paar Augenblicke lang in seine Gedanken zu versinken. »Aber sie war auch sonderbar. Hat nachts eigenartige Dinge getrieben und tat immer so geheimnisvoll. Arnold besuchte sie immer wieder und fuhr bei jeder Gelegenheit zu dem alten Herrenhaus hinaus. Und man mag es kaum glauben …« Er kicherte. »Nach ein paar dieser Besuche war sie, nun ja, schwanger.« Er deutete mit einem knochigen Finger auf Sadie. »Dein Vater war ein guter Mann und sehr traditionsgebunden. Er wollte das Richtige tun und sie heiraten. Aber davon wollte sie nichts wissen. Ihr Desinteresse, so vermutete er, hatte mit ihrem Glauben zu tun, was immer der auch war. Immer wieder versuchte er, sie vor den Traualtar zu zerren, aber er schaffte es kaum, sie zu einem Entbindungsarzt zu bekommen.

Nachdem sie schwanger geworden war, verhielt sie sich noch seltsamer als zuvor. Manchmal fuhr dein Vater spätabends zu ihr hinaus, um sie zu überraschen, doch sie war nicht da. Irgendwann nach Mitternacht kehrte sie zum Haus zurück, doch sie erzählte ihm nicht, wo sie gewesen war. Er wollte, dass sie zu ihm in die Stadt zog, aber sie winkte nur ab. Das Haus war ihr zu wichtig, behauptete sie, und ihr Vater brauche sie.

Vielleicht verstehst du schon jetzt, dass Sophia keine gewöhnliche Frau war und dass ihr eigenartiges Verhalten auf etwas hindeutete, das weitaus unheilvoller war. Tja, das glaubte ich auch, je intensiver ich mich mit der Angelegenheit befasste. Zuerst einmal war das Haus verlassen. Jahrelang war dafür keine Grundsteuer bezahlt worden und dein Vater hat selbst zugegeben, dass es dort keinen elektrischen Strom und kein fließendes Wasser gab. Die letzte bekannte Person, die es besaß, war ein Italiener, ein Mann namens Alessio Sinistrari.«

Der Name spukte mit einigem Gewicht durch Sadies Kopf. Sinistrari … Ich glaube, den Namen habe ich schon einmal gehört. Aber da ihr nicht einfiel, woher sie ihn kannte, schob sie den Gedanken erst einmal beiseite und hörte weiter zu.

»Nun, dieser Mann, ein Gelehrter von großem Renommee … er war wirklich außergewöhnlich. Zuerst vermutete ich, dass Sophia seine Tochter sein könnte, aber das hat sich nicht bestätigt. Sinistrari war schon ziemlich alt, als er das Haus in den späten 1920ern bezog. Und außerdem war er gelähmt und hatte schon damals in Italien in einem Rollstuhl gesessen. Und wenn sie darauf angesprochen wurde, hat deine Mutter nie den Nachnamen Sinistrari genannt. Sie nannte sich eine Winslow. Sophia Winslow. Doch es dauerte nicht lange, bis ich begriff, dass ihr Aufenthalt in Sinistraris altem Haus kein Zufall war.«

»Meinetwegen«, unterbrach Sadie ihn, »aber was ist danach geschehen? Meine Mutter wurde schwanger … und was dann? Mir wurde gesagt, sie sei bei meiner Geburt ums Leben gekommen, aber …«

»Aber das war eine Lüge, nicht wahr?«, antwortete Halloran mit einem wissenden Nicken. »Nein, deine Mutter ist nicht nach der Geburt verstorben. Ich wünschte, es wäre so, dass solch ein böses Wesen sterben würde, wie du und ich es müssen! Hier ist, was wirklich geschah: Als sie aus dem Krankenhaus entlassen wurde, bestand sie darauf, mit dir zusammen in das alte Haus zurückzukehren. Dein Vater hat getobt, genau wie seine Eltern, doch sie hat sich nicht davon abbringen lassen. Und nur einen Tag oder zwei, nachdem sie das Krankenhaus verlassen hatte, verschwand deine Mutter mit dir.«

»Sie verschwand?« Dies weckte eine Erinnerung in Sadie, auch wenn sie sie nicht sofort festmachen konnte.

»Ja, das tat sie.«

Plötzlich fiel Sadie wieder ein, warum ihr diese Geschichte so bekannt vorkam. »Einen Augenblick mal … Meine Mutter hat mich zur Welt gebracht und ist dann von einem Tag auf den anderen mit mir verschwunden? Ich … Ich habe so etwas schon einmal gehört. Im Tagebuch meines Vaters waren diese Zeitungsausschnitte – alte Berichte aus dem ganzen Staat – von Frauen, die mit ihren Babys verschwunden waren. Ein paar davon stammten aus den 40ern, den 60ern und sogar noch aus den 80ern.«

Halloran hob seine Finger und wackelte mit ihnen. »Wessen Hände, glaubst du, meine Liebe, haben diese Artikel ausgeschnitten? Ich bin auf viele beunruhigende Parallelen zu dem Fall deiner Mutter und zu denen dieser anderen Frauen gestoßen. Ich konnte die Gemeinsamkeiten nicht ignorieren. In Wahrheit war es nicht das erste Mal, dass deine Mutter mit einem Säugling verschwunden war. Ganz zu Anfang hatte sie es unter dem Namen Evelyn Renfield gemacht. Beim nächsten Mal nannte sie sich Nora Tellier und dann, ein paar Jahre später, Stephanie Marsh. Dieses Mal hatte sie eben den Namen Sophia Winslow angenommen. Aber das waren alles nur Pseudonyme – Decknamen für etwas, das kein menschlicher Mund jemals aussprechen kann.«

»Ich habe diese Berichte gelesen«, sagte Sadie, »aber das ist unmöglich. Meine Mutter kann nicht für all diese verschwundenen Kinder verantwortlich sein. Diese Frauen können nicht alle sie gewesen sein – die Vorfälle liegen Jahrzehnte auseinander.«

»Wenn wir über eine normale Frau sprächen, wäre ich vielleicht genauso skeptisch«, entgegnete er.

Zitternd verlangte Sadie nach weiteren Informationen. »Was ist danach geschehen? Wie hat mein Vater mich gefunden?«

»Das lag einzig und allein an dem Haus, in dem sie wohnte. Ich konnte Sinistrari einfach nicht aus meinem Kopf bekommen und ich wusste, dass er mit der Geschichte zu tun hatte, die sich im Rainier Asylum in den späten 1920ern zugetragen hatte. Ich nehme an, du bist mit dem Schlamassel vertraut?«

Sie nickte ernst.

»Dein Vater und ich sind das Risiko eingegangen und haben dem Sanatorium einen Besuch abgestattet. Und die Dinge, die wir dort gesehen haben …« Halloran biss auf seine Pfeife und zeigte zum ersten Mal, seit sie über diese schreckliche Angelegenheit sprachen, Anzeichen echter Furcht. Die Augen hinter den Brillengläsern wurden größer und seine Stimme wurde heiserer und begann zu zittern. »Wir haben sie in der Kanalisation gefunden, unter dem Kellergeschoss. Wir sind den Geräuschen deines Geschreis gefolgt. Wir waren nicht die Einzigen dort … Weiter oben waren wir von einem riesigen Ding verfolgt worden und unten hatte deine Mutter ein paar Freunde um sich geschart. Es gab einen Altar in diesem Raum, und sie schienen sich auf etwas vorzubereiten … etwas, das sie an dieser Stelle schon oft getan hatten … etwas, das dich betraf.«

»S-sie wollten mich auf dem Altar opfern?«, fragte Sadie erschrocken.

Zu ihrer Überraschung schüttelte Halloran den Kopf. »Nein.« Er schluckte schwer. »Sie … deine Mutter, meine ich … sie wollte dich essen

Ein tiefes Schweigen machte sich zwischen den beiden breit. Sadie wusste nicht, ob sie über seine Äußerung lachen oder sich übergeben sollte, doch schließlich stieß sie nur ein angewidertes »Wie bitte?« aus.

Der Mann beantwortete ihre Frage mit einer eigenen Frage. »Woher, glaubst du, kommen all die alten Märchen, in denen Hexen kleine Kinder verspeisen, hm? Lass dir gesagt sein, dass in diesen alten Mythen immer ein Funke Wahrheit steckt. Solche Sachen hören nicht auf, wahr zu sein, nur weil anständige Menschen nicht über sie sprechen wollen. Weißt du, diese Teufel in dem Sanatorium wollten Leid erzeugen – durch Schmerz. Kannst du dir etwas vorstellen, das noch leidvoller, noch böser als das ist? Die Beziehung einer Mutter zu ihrem Kind zu zerstören – etwas, das immer rein und von Liebe erfüllt sein sollte – war das wirksamste Ritual dieser Sekte, und die Macht, die es mit sich brachte, war unvorstellbar.

Die Griechen und die Römer – sie liebten die Idee, die hinter dem Kronismus steckt. Man muss sich doch nur die Geschichten des Saturn anschauen, der seine eigenen Kinder verschlang, um eine mythologische Quelle zu finden, die tief in der antiken Psyche verankert ist. Und dieser uralte finstere Glaube entspringt derselben verfluchten Tradition. Ein Kind, genährt von dem Blut der Leidenden, wird als Opfer dargereicht – und von der dämonischen Hexe verspeist. Die Dekonstruktion des Mutterinstinkts ermöglicht ein kraftvolles Ritual …«

Sadie fühlte sich benommen und schaffte es kaum, ihre Balance zu halten. Sie hustete durch den Rauch und streckte eine Hand nach einem der Bücherstapel aus, um sich daran festzuhalten. »Das … Das ist einfach nur Wahnsinn. Das kann unmöglich stimmen.«

»Aber so ist es«, sagte er ausdruckslos. Dein Vater und ich schafften es, das Ritual zu sprengen. Wir haben die Teufelsanbeter auseinandergetrieben – ich muss gestehen, dass wir ein paar von ihnen im Kampf getötet haben –, und ich war es, der es geschafft hat, dich zu schnappen und mit dir davonzulaufen. Wir haben uns der widerlichen Hexe entgegengestellt und es geschafft, sie an diesen Ort zu binden, wo sie nichts von dem kostbaren Leid, von dem sie sich nährte, bekommen und – so hofften wir – im Laufe der Jahre eingehen würde. Ich konnte mit dir im Schlepptau entkommen, während dein Vater sie dingfest gemacht hat. Unter dem Boden vor dem Altar befand sich eine kleine Vertiefung, und dort hat er sie hineingeworfen, angekettet und schwer verletzt. Dann hat er die Werkstoffe, die dort herumlagen, benutzt, um eine falsche Wand zu errichten, damit ihre Zelle nicht so leicht zu finden war.«

Ohne die Einzelheiten ihres eigenen Besuchs im Sanatorium preisgegeben zu haben, hatte Halloran ihr einige Fakten genannt, die mit ihrer eigenen Erfahrung übereinstimmten – und die Erkenntnis, dass er nicht log, drehte ihr fast den Magen um.

»Wir hatten gehofft, dass sie sterben würde. Sie konnte nicht auf herkömmlichem Wege getötet werden – sie ist nicht menschlich –, aber indem wir sie von dem Leid anderer Menschen abschnitten, waren wir uns einigermaßen sicher, dass ihre Kraft nachlassen würde, bis sie entweder zugrunde ging oder so schwach wurde, dass wir sie bei einer späteren Attacke vernichten konnten. Wir haben sie dort eingeschlossen, dich von diesem verfluchten Ort weggebracht und uns darangemacht, dich aufzuziehen. Vielleicht hätte unser Plan funktioniert und vielleicht wäre dein Vater noch unter uns, wenn wir auf das vorbereitet gewesen wären, was dann geschah.

Wie ich schon erwähnte, gab es noch andere Sektenmitglieder und dieses Ding in dem Sanatorium. Das gehörnte Untier konnte nicht nach unten in die Kanalisation steigen, warum auch immer, und so konnte es deine Mutter nicht befreien. Jedenfalls nicht direkt. Aber es gab andere, von denen wir befürchteten, dass sie wieder in das Gebäude zurückkehren könnten. Ein paar von ihnen waren uns entwischt – und so habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, den Ort zu überwachen.« Er hielt nachdenklich inne. »Glücklicherweise ist ihnen nie der Gedanke gekommen, in dem Sanatorium nach ihr zu suchen. Sie haben woanders nach ihr gesucht. Wahrscheinlich weil sie glaubten, sie wäre irgendwo untergetaucht. Sie hatten keinen Schimmer, wo wir das Hexenweib gefangen hielten, und eine Weile lang herrschte in jeder Hinsicht Ruhe. Doch dann, als du ein Teenager warst, wurdest du krank.

Das war etwas, womit dein Vater und ich nicht gerechnet hatten. Du wurdest äußerst krank und wärst fast gestorben. Genau genommen, wenn man die medizinische Definition zugrunde legt, warst du sogar kurzzeitig tot. Dein Vater war überglücklich, als sie dich zurückholten, aber ich frage mich, ob er sich nicht vielleicht anders gefühlt hätte, wenn er dich jetzt sehen könnte und wüsste, was dich erwartet. Weißt du, als du gestorben bist, ist sie auf dich aufmerksam geworden.

Dieser kurze Abstecher in den Tod war alles, was deine Mutter brauchte. Sie spürte deine Gegenwart, als sie sich von einer Sphäre in die nächste bewegte – und als deine Mutter sah, dass du zurück in die Welt der Lebenden geholt wurdest, hat sie fast all ihre Energie aufgewendet, um dich zu erreichen. Sie hat dich kenntlich gemacht, damit ihre Anhänger dich finden konnten. Obwohl sie in den Tiefen des Sanatoriums gefangen war, verbrachte sie ihren ewigen Schlaf damit, dir in deinen Träumen Botschaften zu senden – und sie war zuversichtlich, dass einer der Dämonen, deren sie sich bediente, dich letztendlich zu ihr zurückbringen würde, damit sie sich an dir nähren kann, so wie sie es vor all diesen Jahren geplant hatte.

Dein Vater verstand, dass sich etwas geändert hatte, und setzte sich vertraulich mit mir in Verbindung. Ich arbeitete mich in die Sache ein, während er eine Expedition in das Sanatorium vorbereitete. Letztendlich entschloss er sich, allein zurückzugehen, und dort fand er sein Ende. Das gehörnte Ding, das dort durch die Flure wandelt, hat ihn brutal niedergestreckt. Sein Leichnam wurde zum Verwesen auf dem Grundstück zurückgelassen. Als ich den ganzen Tag lang nichts von ihm hörte, bin ich selbst hinausgefahren, um nach ihm zu suchen. Ich war es, der seinen Leichnam fand und deine Großeltern informierte.

Kurz darauf haben dich deine Großeltern zu mir gebracht – so wie dein Vater es wollte. Ich habe jeden nur erdenklichen Kniff angewendet, damit deine Mutter deine Spur verliert. Du erinnerst dich an all die Arbeit, die wir verrichtet haben – Hypnose, Akupunktur, alle Arten von übernatürlichen Anwendungen. Als du schließlich keine Toten mehr gesehen hast, habe ich wirklich geglaubt, dass du geheilt bist und dass wir gewonnen haben! Ich habe dich aus meiner Fürsorge entlassen und du hast dich auf den Weg in eine vielversprechende Zukunft gemacht. Ich war mir sicher, dass die Teufelin, nachdem sie so viel ihrer Kraft dazu benutzt hatte, mit dir in Verbindung zu treten, nun nicht mehr als eine Hülle war. Aber ich muss gestehen, dass ich mich zu sehr davor gefürchtet habe, in das Sanatorium zurückzukehren und es herauszufinden. Vielleicht hätte ich in das Gebäude gehen, nach ihr suchen und probieren sollen, ihren geschwächten Körper zu zerstören. Ob es funktioniert hätte, kann ich nicht sagen. Soweit ich weiß, ist sie wahrhaftig unzerstörbar, sogar in einem völlig geschwächten Zustand. Aber mir fehlte der Mut.

Die Jahre vergingen und ich glaubte, ich würde einen Weg finden, um sie loszuwerden, doch in all meinen Studien stieß ich nur auf Sackgassen und Finsternis. Ich spürte, wie mir die Nachforschungen zusetzten. Ich fühlte mich wie ein Eremit, der sich tiefer und tiefer in seine unheimliche Lektüre vergrub. Und dann, erst kürzlich, sah ich etwas in den Nachrichten, etwas, das mich zugleich lachen und weinen ließ. Ich erkannte, dass all meine Arbeit und die deines Vaters umsonst gewesen war.

Ein junger Farmarbeiter war in der Nähe des Sanatoriums verschwunden. Seltsam, dachte ich. Was könnte dem Kerl zugestoßen sein? Ich habe es mit einem Schulterzucken abgetan, bis ich in jener Nacht einen sehr lebhaften Traum hatte. Einen Traum von deiner Mutter. Sie ist mir erschienen und dann wusste ich es. Ich wusste, dieser Junge hatte sie befreit – und nun wandelte sie wieder auf Erden. Sie war keine Gefangene mehr. Sie war der Zelle entkommen, in der sie seit deiner Geburt eingeschlossen gewesen war. Es war feige von mir, die Sache nicht zu Ende zu bringen, als ich die Gelegenheit dazu hatte, und nun hat uns ein junger Mann unwissentlich alle ins Verderben gestürzt.

Ich habe neulich in den Nachrichten gehört, dass dieser Farmarbeiter, dieser John Ford, wiederaufgetaucht ist!« Er kicherte finster, doch wenn Sadie ihre Augen keinen Streich spielten, liefen ihm Tränen über seine von Bartstoppeln überzogenen Wangen. »Keine Chance, dass er dort unversehrt herausgekommen ist. Nein, das war nicht John Ford, der sich bei der Polizei gemeldet hat … Es war ein Schwindler. Sie war es. Auf diese Weise wird sich niemand mehr Gedanken über das Sanatorium und über die dunkle Geschichte dieses Ortes machen. Pass nur auf, ›Mr. John Ford‹ wird schon bald auf eine lange Reise nach Übersee gehen oder auf eine andere Art ganz plötzlich von der Bildfläche verschwinden. Es ist alles eine Show. Aber ich bin neugierig … Was hat dich zurück auf diesen Pfad geführt? Ich wusste, du würdest eines Tages zu mir kommen und nach Antworten verlangen, aber wieso bist du so tief in diese Angelegenheit verwickelt? War es nur deshalb, weil deine Mutter aus dem Sanatorium fliehen konnte? Oder hatte sich davor schon etwas geändert?«

Sadie fühlte sich nicht in der Lage, ihm eine schlüssige Antwort auf seine Frage zu geben, versuchte aber trotzdem, ihre kürzliche Verstrickung in das Ganze zu erklären, indem sie ihm von ihren Nachforschungen in Beacon Hill und dem Rainier erzählte. Halloran hörte ihr aufmerksam zu, nickte viel und zog dabei kräftig an seiner Pfeife.

Als sie mit ihrem Bericht fertig war, legte er eine Hypothese dar, die ihr durchaus einleuchtend erschien. »Es gibt andere Geister in dieser Welt – Geister, die mit der Sekte, der deine Mutter dient, in Verbindung stehen –, und die Madenmutter hat sich des Mädchens bemächtigt, das sich in das Haus auf Beacon Hill verirrt hat. Dort wurde ihr entsetzliches Leid zugefügt; Leid, mit dem deine Mutter psychisch genährt wurde. Eindringlinge gab es in dem Haus nur selten. Wahrscheinlich hatte es lange darauf gewartet, jemanden zu terrorisieren und die Hexe in dem Sanatorium mit dringend benötigter Nahrung zu versorgen.

Aber als du dich eingemischt hast – als dieser Geist ausgerechnet auf dich getroffen ist –, ist deine Mutter aufmerksam geworden. So ist alles zusammengekommen. Welchen Erfolg meine dürftigen Therapien auch einmal gehabt haben, so ist ihr Einfluss doch verflogen. Irgendwer hätte Beacon Hill aufgesucht und alles wieder ins Rollen gebracht – es war unvermeidlich. Aber dass sie mit dir in Kontakt treten? Je mehr du dich auf dieses arme Mädchen eingelassen hast, desto mehr Energie hat deine Mutter darauf verwendet, dich zu beeinflussen. Darum hattest du wieder diese Träume und darum hast du wieder die lockenden Geister gesehen.

Deine Mutter ist wieder frei, doch ich schätze nicht, dass sie so stark ist, wie sie es einmal war. Sie wird eine Weile im Schatten lauern und sich Menschen wie dieses Farmarbeiters und deiner Freundin Ophelia bedienen. Und wenn sie ihren Durst gestillt hat, wird sie hervorkommen und dich selbst verfolgen. Dann – wenn sie getan hat, was sie schon vor all diesen Jahren tun wollte – wird das Werk der Sekte vollendet sein und die Welt wird in Angst und Schrecken gestürzt.

Es ist nicht abzusehen, wohin sie in der Zwischenzeit gegangen ist, aber wenn ich darauf wetten müsste, würde ich sagen, dass sie sich an einen von zwei Orten zurückgezogen hat. Entweder lauert sie in dem Sanatorium und wartet auf den rechten Augenblick … oder sie ist in das Herrenhaus zurückgekehrt. In jedem Fall wird sie sich daranmachen, die Sache zu Ende zu bringen. Sie wird versuchen, dich zu finden, und wenn sie es geschafft hat, dann wird sie dich verschlingen. Du wirst aber nicht mehr so leicht zu verdauen sein wie früher«, fügte er mit einem Lachen hinzu.

»Was kann ich tun?«, fragte sie. »Es muss etwas geben, das ich tun kann, um sie aufzuhalten und …«

»Ich kann dir nur raten, deine Angelegenheiten zu regeln, Sadie. Es gibt nichts, das du tun kannst. Wenn es etwas gäbe, hätten dein Vater und ich es längst getan.« Er zuckte ein wenig zusammen, als würde ihn etwas mit Schmerz erfüllen. »Wie groß die Chance auch gewesen sein mag, sie niederzustrecken, als sie geschwächt war … ich habe sie vertan. Dass sich solch eine Gelegenheit noch einmal auftut, ist zu unwahrscheinlich, um darauf zu hoffen. Du könntest versuchen, ihr entgegenzutreten, aber damit würdest du ihr vielleicht genau das geben, was sie will.«

Sadie war noch nicht bereit aufzugeben und wollte kein »Nein« als Antwort akzeptieren. Sie stand zitternd in der rauchverhangenen Finsternis da und fragte: »Also, was ist sie? Ist sie ein Dämon? Eine Art böser Geist? Woher ist sie gekommen? Wenn ich weiß, was sie ist, finde ich vielleicht einen Weg, um ihr das Handwerk zu legen – oder sie wenigstens zurückzudrängen.«

Halloran wollte gerade antworten, als die Stille von einem Quietschen der Tür im Erdgeschoss durchbrochen wurde. Als er das hörte, lehnte er sich in seinen Stuhl zurück und nahm einen tiefen Zug von seiner Pfeife. »Weißt du, was sie ist? Sie ist hier «, sagte er, während sein Gesicht völlig hinter einer Rauchwolke verschwand.

Sanfte Schritte tasteten sich über den Boden des Wohnzimmers und wurden in krächzenden Wellen in den Keller gesendet. Sadie konnte sich leicht ausmalen, welchen Weg dieser neue Gast nahm, und sah die zarten Füße vor ihrem geistigen Auge, wie sie über den Teppich hinüber zu dem düsteren Flur huschten. »Das … Das ist sie?«

»Kann schon sein. Und sonst ist es einer ihrer Freunde «, sagte er. »Sagen wir mal, dass ich sonst keine Gesellschaft erwarte.« Er nahm die Pfeife aus seinem Mund, streckte seinen Arm aus und deutete mit ihr an dem Wasserkessel vorbei zu einer Stelle auf der anderen Seite des Raumes. »Schieb diese Kisten und Bücher beiseite – schnell! Dort gibt es eine Treppe und eine Hintertür. Beeil dich.«

Sadie zögerte und suchte in der Finsternis nach einem Hinweis auf diese Tür. Über sich hörte sie Schritte, die langsam den Flur entlanggingen. Mit pochendem Herzen bewegte sie sich durch den Rauch, die Schatten und die Spinnweben hin zur anderen Seite des Raumes, und hinter einem riesigen Berg aus besudelten Büchern und Kisten voller klammer Zeitungen fand sie ein paar Treppenstufen, die hinauf zu einer fensterlosen Metalltür führten. Sadie stieß den Müll beiseite und hastete los, gerade als sie hörte, wie ein Fuß auf die oberste Treppenstufe im Flur traf.

»Versuch dich von ihr fernzuhalten. Geh nicht zurück in das Sanatorium und bleib von dem Herrenhaus weg«, flüsterte Halloran, als sie die Treppe hinaufeilte und den rostigen Türriegel mit einem Grunzen öffnete. »Ich weiß, du würdest dich gern dort umsehen und nachschauen, ob Sinistrari irgendwelche Hinweise zurückgelassen hat, doch das Risiko ist zu groß – und wieder in die Finsternis zu treten wird deine Seele genauso schwarz färben wie meine. Du kannst Feuer nicht mit Feuer bekämpfen und Böses nicht mit Bösem auslöschen. Das hätte ich von Anfang an wissen sollen. Ich hoffe, du kannst mir vergeben …« Er verstummte erschöpft und mürrisch zugleich.

Sie stieß die Tür auf. Sie öffnete sich nach draußen und schlug krachend gegen die Außenwand. Sadie trat hinaus auf den nassen, vernachlässigten Rasen. Sie überlegte, nach Halloran zu rufen und ihn aufzufordern, ihr zu folgen, doch zu ihrer Überraschung schlug die Tür mit einem Knall hinter ihr zu und wurde mit dem Riegel versperrt. Sie hörte, wie seine Stimme mit Nachdruck auf der anderen Seite erklang: »Geh!«

Sadie leistete seiner Anweisung Folge. Immer noch zitternd rannte sie über den Rasen und um die Hausecke und ergriff die Flucht.