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Ein paar Stunden zuvor hatte Sadie Halloran einen Besuch abgestattet, der von einem unwillkommenen Besucher abrupt beendet worden war. Auf ihrer Flucht hatte sie keinen Gedanken daran verschwendet, einen Blick zurückzuwerfen, sondern war nur um ihr eigenes Überleben besorgt gewesen. Doch jetzt, während sie auf ihrem Fernseher zusah, wie die Flammen immer höher schlugen und das malerische eingeschossige Haus bis auf die Grundmauern niederbrannte, überkam sie ein tiefes Schuldgefühl. Der Nachthimmel wurde von der gewaltigen Feuersbrunst in ein noch tieferes Schwarz getaucht und die Feuerwehrleute vor Ort fanden kein Mittel, um die Flammen zu bändigen. Das Haus spuckte den Rauch aus wie ein lachender Mund. Hatte Halloran es rechtzeitig hinaus geschafft? Und wer hatte ihm überhaupt einen Besuch abgestattet? War sie es gewesen … oder jemand anderes? Als sie auseinandergegangen waren, hatte Halloran nur eines mit Sicherheit gewusst: Der Eindringling führte etwas Schlimmes im Schilde. Er hatte dafür gesorgt, dass sie rechtzeitig verschwinden konnte, doch ob ihm dieselbe glückliche Flucht gelungen war, blieb abzuwarten. Nun, da sie Bilder der Katastrophe auf ihrem Fernseher sah, konnte sie nicht umhin, es zu bezweifeln.
Die Heftigkeit des Feuers und der dichte Rauch weckten eine noch frische Erinnerung in ihr: die Schnitzereien auf dem Altar, den sie in der Geheimkammer im Rainier Asylum entdeckt hatte. Dieses in Stein gemeißelte Bild der Hölle – mit den vielen Unschuldigen, die in einem Flammenmeer umkamen, und diesem großen gehörnten Ding, das sich von ihren Qualen nährte – würde sie nie mehr loslassen. Dieser Vorfall rief ihr außerdem den Fall in Teramo ins Gedächtnis zurück, über den sie gerade erst gelesen hatte. Dort war Sinistraris Fabrik in Brand geraten und die Menschen darin waren qualvoll in der Feuersbrunst verendet, von der einige Leute glaubten, sie sei zum Zweck einer teuflischen Opfergabe entfacht worden.
Angewidert wandte sie ihren Blick ab und ging in die Küche, wo sie sich ein Glas Wasser einschenkte und in einem Zug leerte, um einen Brechreiz zu unterdrücken. Es gelang ihr nicht, ihre Nerven zu beruhigen, und das kalte Wasser drehte ihr den Magen nur noch mehr um. Ein scharfer Donnerschlag erschreckte sie so sehr, dass das Glas aus ihrer Hand rutschte, bevor sie es wieder auf den Küchentresen stellen konnte, und auf dem Boden zerschellte. Sie machte einen Schritt zurück, wobei sie aufpasste, nicht in den Scherbenhaufen zu treten, und hockte sich hin, um die schärfsten der Glasstücke aufzusammeln, nur um dabei den Handabdruck auf ihrem Arm zu erspähen. In ihrem derzeitigen Zustand machte sie der Anblick benommen, und so plumpste sie zitternd auf ihren Hintern.
Halloran hat fast sein ganzes Leben damit verbracht, diese Dinge zu studieren und deinem Dad zu helfen, ihnen ein Ende zu bereiten, doch auch er konnte sie nicht aufhalten. Heute hat sie sich ihn geholt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis …
Sie keuchte, als wollte sie die unausgesprochenen Worte wieder hinunterwürgen, und schleppte sich halb kriechend zu ihrem Papasansessel zurück. Den Scherbenhaufen ließ sie auf dem Linoleumboden liegen. Als sie auf dem Sessel hockte, wickelte sie sich in eine Decke ein und starrte mit Tränen in den Augen auf die Lampe, die daneben stand. Die Birne verdunkelte sich ein wenig, als ein Blitzschlag ihr Fenster erhellte. Der Wind heulte in einem sonderbar gedämpften Ton auf – ein Ton, so klang es wenigstens in ihren erschrockenen Ohren, wie ein tiefes Brummen. Er ließ das ganze Gebäude erzittern, sodass sie ihn durch den Boden spüren konnte, und erinnerte sie ein wenig an Hallorans Lachen.
Sie wird versuchen, dich zu finden, und wenn sie es tut, dann wird sie dich verschlingen, hatte er sie mit dem Kichern eines Mannes gewarnt, der jede Möglichkeit ausgeschöpft und sich mit dem Unausweichlichen abgefunden hatte. Noch einmal kehrten ihre Gedanken zu dem widerlichen Ding zurück, das die Haut ihrer Mutter trug und sich von dem Leid anderer ernährte, und ihr Herz fühlte sich an, als würde es meutern wollen. Gedankenverloren griff sie nach dem alten Tagebuch ihres Vaters, schlug den Einband auf und blätterte sich durch die ersten Seiten, als würde sie erwarten, in seiner Handschrift eine Abhilfe für ihren Kummer zu finden.
Mehrere Seiten waren herausgerissen worden und viele andere, so wie die, auf der Hallorans Name und Nummer standen, zeigten nur kryptisches Geschreibsel. Doch fast in der Mitte des Buches stieß sie auf etwas, das wie eine Reihe von Tagebucheinträgen aussah. Davon waren ganze Abschnitte herausgetrennt worden, und die, die noch übrig geblieben waren, schienen wegen der fehlenden Seiten häufig zusammenhanglos zu sein. Keiner der Einträge war datiert und der allererste, gerade eine halbe Seite lang, machte auf sie einen völlig banalen Eindruck.
Was für ein Spiel! Habe heute Abend ordentlich Reibach gemacht, nachdem die Tigers die Reds mit 4:1 abgefertigt haben. Und Marcus hat alles auf Cincinnati gesetzt! Er musste für die Drinks bezahlen und ich habe mich nicht lumpen lassen und ein paar mehr bestellt. Der arme Kerl hatte es wirklich nicht leicht – er ist beim Zapfenstreich auch noch von der Kellnerin abserviert worden.
Auch wenn sie verängstigt war, konnte sie nicht umhin, über diesen kurzen Eintrag die Stirn zu runzeln. Sie hatte die Worte in der Stimme ihres Vaters gelesen und konnte sich nicht vorstellen, dass er solch ein kindisches Zeug verfassen würde. Auch wenn er sich ihr gegenüber immer warm und gütig verhalten hatte, so war er sonst immer eher stoisch aufgetreten. Doch dieser Tagebucheintrag las sich, als hätte ihn ein Mädchen im Teenageralter geschrieben. Die Vorstellung, dass ihr Vater jemals solche Sachen aufgeschrieben oder ein »normales« Leben geführt hatte, erschien ihr eigenartig. Dad war nur ein junger Mann, der mit seinem Freund einmal auf ein Spiel gewettet hat. Aber dann hat sich alles geändert …
Sie blätterte vorbei an den Überresten von ein paar herausgetrennten Seiten zum nächsten Eintrag und sah, dass der Anfang fehlte. Doch dieser Text fesselte ihre Aufmerksamkeit sofort.
Ich habe noch nie jemanden wie sie getroffen. Sie meidet Gesellschaft und redet nicht viel, aber ihr Lächeln ist einfach hinreißend. Ihr Name ist Sophia. Ich habe noch nie eine »Sophia« gekannt. Klingt wunderschön, finde ich.
Ihr stockte der Atem, als sie begriff, was sie dort las. Er … Er schreibt hier drin über Mom …
Sie blätterte um und las begierig weiter, während der Regen in Strömen fiel.