15

Und so fanden sie sich eingesperrt in dem schaurigen Herrenhaus wieder und es schien ihnen unmöglich, dass die Luft an einem Ort, der völlig der Natur und sich selbst überlassen war, dermaßen stickig sein konnte – eine Luft, die so dick war, dass man sie schlürfen anstatt atmen musste. Die starre Atmosphäre, die hier herrschte, ließ sich nur mit äußerster Vorsicht durchschreiten. Hinter der frischen Stille simmerte eine wachsende Furcht. Innerhalb von wenigen Augenblicken hatte sich diese achtsame Erkundung in einen wahren Albtraum verwandelt.

Alles, was sie sahen, war mal mehr, mal weniger von einem reichhaltigen Schrecken durchzogen. Von der schmutzigsten Zimmerecke bis hin zu dem orangegelben Schein, der aus dem Wohnzimmer zu ihnen herüberdrang, schien alles vom schwärzesten aller Verderben geprägt zu sein.

Sie waren jetzt wie die Vögel, die beiden, und der langsame, aber stete Fluss der Panik ließ sie von einem Raum in den nächsten hasten, um nach einer Fluchtmöglichkeit zu suchen, die es nicht gab. Wenn das Schicksal für sie nicht etwas anderes vorgesehen hatte als für diese armen Kreaturen, blieb ihnen nur noch die Wahl, in welchem Winkel dieses verfluchten Hauses sie sterben wollten.

Sadies Herz pochte auch dann noch laut in ihrer Brust, als die letzten Flügelschläge verstummten und nur noch das Knacken des Kaminfeuers die Stille durchbrach. Weiter hinten, in einem der tiefer im Haus liegenden Räume, glaubte sie etwas Tageslicht zu erkennen. Wahrscheinlich drang es durch das zerbrochene, von Ranken umschlungene Fenster herein, auf das sie vorhin gestoßen waren. »Vielleicht finden wir dort hinten eine andere Tür …« Sie seufzte und ließ ihren Blick in Erwartung eines neuen Angriffs umherschweifen. »Was, glaubst du, war das für ein Ding?«

Er dachte über die Frage nach, während er die Länge eines schmalen Flurs auslotete und darin mit seinem Licht eine Treppe entdeckte. »Es war kein Geist – wenigstens kein herkömmlicher. Ich konnte es sehen. Aber als ich es traf, verschwand es. Ich weiß auch nicht, was es war, aber …« Der Staub stieg ihm in die Nase und er mühte sich, ein Niesen zu unterdrücken. »Dies ist Sinistraris Haus. Wenn er mit dem Okkulten vertraut genug war, um einen Dämon in diese Welt zu bringen, schätze ich, dass eine Schreckensvision wie die nicht außerhalb seiner Möglichkeiten liegt. Ich wünschte, dein Kumpel Halloran wäre hier. Vielleicht könnte er uns erzählen, was das war.«

Sie nickte. »Gut möglich, dass es auch das Haus ist, das uns Streiche spielt. So wie das Sanatorium es getan hat.«

August hielt die Taschenlampe so fest in seiner Faust, dass der geriffelte Griff einen Abdruck auf seiner Handfläche und seinen Fingern hinterließ. »Tja, was immer es auch war, wir können mit Sicherheit behaupten, dass wir ohne Paddel einen Fluss hinuntertreiben. Was machen wir als Nächstes?«, fragte er. »Wenn Sinistraris Forschungen oder irgendwelche Hinweise auf seine Arbeiten hier sein sollten, wo können wir sie finden?«

»Schwer zu sagen. Wenn ich mir diesen Ort anschaue, fällt es mir schwer zu glauben, dass so etwas hier erhalten geblieben ist. Alles zerfällt und verrottet. Womöglich sind wir ganz umsonst in eine Falle getappt …« Sie schloss die Arme um sich und murmelte: »Lass uns nachschauen, was wir dort finden.« Dann ging sie den Weg voran in die Kammer, die gleich neben der finsteren Diele lag.

Es war ein unscheinbarer Raum, völlig unmöbliert und schwarz wie die Nacht. Undichte Stellen in der Decke hatten das ganze Zimmer befallen und die Wände aus staubigem Putz mit einer fauligen Farbpalette überzogen. Ein Knoten aus schwarzen Beinen, seit vielen Jahrzehnten von Spinnweben verkrustet, zuckte in einer Ecke und in einer anderen war das Mauerwerk so weit zerbröckelt, dass darin schiefe Stützbalken zu sehen waren. Ihre Schritte rüttelten etwas auf, und dieses Etwas huschte geräuschvoll durch die Schächte im Unterboden, bis es nicht mehr zu hören war.

Dieser kleine Raum führte aber noch zu anderen, und ihnen gleich gegenüber schien eine verwahrloste Küche zu liegen. Von dort kam das spärliche Tageslicht, das sie vorhin entdeckt hatten, doch es war so schwach – kaum mehr als ein paar Sonnenstrahlen, die durch die verflochtenen Finger der Bäume drangen –, dass es so gut wie gar nichts im Inneren erhellte. Als ihre behutsamen Schritte sie in die Küche gebracht hatten, war es nur das langsame Schwenken von Augusts Taschenlampe, das es ihnen möglich machte, den Raum näher zu begutachten.

Das Fenster, so entdeckten sie, war von außen mit einem Wildwuchs aus Holz versperrt und nur winzige Nadelöhre in dieser pflanzlichen Kruste ließen einen Hauch von Tageslicht herein. Dieses Haus war genau wie jeder andere Organismus: Von Fremdkörpern befallen hatte es sich völlig eingeschlossen, um in ein heißes Fieber zu verfallen, bis es sie wieder losgeworden war. Ob es ihnen gelingen würde, sich den Abwehrkräften des Hauses zu widersetzen, blieb abzuwarten, doch die List, mit der es auf ihre Anwesenheit reagiert hatte, ließ ein Empfindungsvermögen erahnen, über das keine leblose Sache verfügen sollte.

Es waren die freiliegenden Rohrleitungen und die bröckelnden Arbeitsplatten, die sie wissen ließen, dass dieser Raum einmal als Küche gedient hatte. Dies waren die einzigen Hinweise, denn alles andere war schon zu einem staubigen Trümmerhaufen verkommen. Ein guter Teil der Zimmerdecke war heruntergefallen und offenbarte hier und dort Lücken zwischen dem ersten und dem zweiten Geschoss, durch die Personen, die unbedacht durch letzteres schritten, bestimmt stürzen würden. Wie lange schon war dieses Gebäude in diesem fürchterlichen Zustand? Bestimmt, so dachte Sadie, hatte es besser ausgesehen, als ihr Vater es zum ersten Mal erblickt hatte.

Die Küche verzweigte sich nach links und nach rechts in zwei weitere Räume – links ein beengter Hauswirtschaftsraum, in dem nichts weiter als ein verbogenes Waschbecken hing, und rechts ein Zimmer, das sich nur als eine kleine Bibliothek bezeichnen ließ. Es war diese Bibliothek, in der drei schmale Wände mit deckenhohen, nur mit Spinnweben behangenen Bücherregalen vollgestellt waren, die ihre Aufmerksamkeit erregte. 100 oder vielleicht 200 Bücher hatten womöglich einmal auf diesen Regalböden aus edlem Holz gestanden, doch nun waren sie leer – genau wie der einsame kleine Schreibtisch mit seiner staubbedeckten Oberfläche und den verzogenen Metallbeinen am anderen Ende des Raumes. Sie standen in dieser düsteren Kammer und spähten mit ihrem Taschenlampenlicht in die von Schimmel befallenen Ecken und Winkel.

»Ob dies Sinistraris Bibliothek war?«, fragte Sadie.

August nickte halbherzig. »Ich schätze, schon. Hier hat er wohl seine Nachforschungen angestellt und sich mit den dunklen Künsten vertraut gemacht.« Mit einem leichten Stirnrunzeln fügte er hinzu: »Aber von Raumgestaltung hatte er augenscheinlich keine Ahnung.«

Das Fehlen jeglicher Möbel im ganzen Haus erstaunte sie. Sicher, es war viele Jahre her, dass dieser Ort wirklich bewohnt war, doch was war mit Sinistraris Besitztümern geschehen? Und mit denen ihrer Mutter? So ramponiert und verwahrlost das Gebäude auch war, schien es doch von einer unsichtbaren Hand beherrscht und all seines Inhalts beraubt worden zu sein, als sollten so die Identitäten seiner ehemaligen Besitzer geschützt werden. Vielleicht waren die langen Arme der von Sinistrari angeführten Sekte hierfür verantwortlich – oder aber Landstreicher hatten das wenige Wertvolle mitgenommen, das sich im Haus befunden hatte.

»Wenn dies sein Arbeitszimmer war, dann ist nichts mehr hier, das für uns von Nutzen sein könnte«, murmelte August und rieb sich über die Stirn. »Vielleicht gibt es hier unten noch etwas zu entdecken. Sonst konzentrieren wir uns auf den ersten Stock, auch wenn mir nicht gefällt, wie die Decken aussehen. Sie scheinen nicht gerade stabil zu sein und der Unterboden sieht aus, als wäre er an einigen Stellen schon äußerst morsch. Vielleicht«, fuhr er leise fort, »sollten wir die ganze Sache vergessen und uns darauf konzentrieren, von hier zu verschwinden, solange uns dazu noch die Zeit bleibt.«

»Du willst also versuchen auszubrechen?«, fragte Sadie. Der Gedanke war ihr auch schon gekommen, doch als sie sich an Augusts Versuch, die Tür zu öffnen, erinnerte, erschien ihr das Vorhaben völlig sinnlos. Die dunklen Mächte, die über dieses Haus herrschten, würden sie nicht so einfach gehen lassen. »Lass uns weitersuchen. Wenn wir alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft haben, können wir immer noch versuchen, die Tür einzutreten.«

Er nickte geschlagen und trat aus der Bibliothek. »Okay, dann lass uns nachsehen, was uns bei der Treppe erwartet.«

Sadie blieb ein paar Schritte hinter ihm, betrachtete noch einmal die Ruinen der Küche und staunte über die Löcher in der Decke. Sie lief den Weg zurück, den sie hergekommen waren, und überließ es August, den Zustand der Treppe zu überprüfen, während sie den trüben Flur erkundete, der das Treppenhaus mit der Diele verband. Dort stieß sie auf etwas, das sie vorhin übersehen hatten – eine kleine Tür. Ein Abstellraum? Die Tür war fest verschlossen und die Spinnweben, die an den Zargen hingen, sagten ihr, dass sie schon seit Ewigkeiten nicht mehr geöffnet worden war.

Sie wollte schon die Tür links liegen lassen und hinüber zu August zur Treppe gehen, als ein Geräusch – ein klammheimliches Scharren – sie innehalten ließ. Das Geräusch, das aus dem verschlossenen Abstellraum kam, hörte sich nicht wie das einer Maus oder eines anderen Tieres an. Es war eher ein verhaltenes Knarzen des Bodens, als würde etwas Größeres darauf sein Gewicht verlagern. Mehr als nur ein bisschen nervös legte Sadie ein Ohr an die Tür und fragte sich, was sich dahinter verbergen konnte.

Und dann hörte sie die Stimme.

Es war eine sanfte, gurrende Stimme, die kaum als eine männliche zu erkennen war. »Du solltest die Tür öffnen.«

Sie hielt den Atem an und erstarrte vor Angst.

»Ich denke, du solltest die Tür öffnen«, fuhr der versteckte Redner fort. Die geisterhafte Stimme war zur selben Zeit rauchig und belustigt – und auch eindringlicher als beim ersten Mal.

Sadie war zu sprachlos, um etwas zu entgegnen, fing aber an, ihren Kopf in stiller Ablehnung zu schütteln.

»ÖFFNE DIE TÜR«, ertönte die Stimme. Die Äußerung war noch immer kaum mehr als ein Flüstern, erklang aber so nahe an der Tür, dass das Holz vibrierte.

Sie sah, wie der Türknauf anfing zu zittern und wie der Mechanismus sich zu drehen begann. Instinktiv griff sie nach dem Knauf, packte ihn und drehte ihn fest in die entgegengesetzte Richtung, um die Tür verschlossen zu halten.

»ÖFFNE DIE TÜR. ÖFFNE SIE! ÖFFNE SIE!«

Sadie stemmte ihre Schulter gegen das Türblatt, als es plötzlich erbebte. Der Messingknauf wackelte in ihrer Hand, während sie ihn drehte.

August, der von der Treppe hergelaufen kam, sah sie verwundert an. »Hey, was ist los?«, fragte er.

Kaum hatte er seine Frage vollendet, hörte die Tür auf zu beben. Sadie atmete mit zitternden Knien durch und blickte ihn, ohne ihre Hand von dem Knauf zu nehmen, mit großen Augen an. »Da … Da ist jemand drin. Ich habe ihn gehört – und er hat gerade versucht herauszukommen.«

August nickte, machte einen schleichenden Schritt zur Tür und hob die Taschenlampe wie einen Knüppel. Langsam schob er sich vor sie und griff den Türknauf. Dann, nachdem Sadie ein paar Schritte zurück gemacht hatte, riss er die staubbedeckte Tür auf und machte sich bereit, dem Jemand dahinter den Schädel einzuschlagen.

Staubpartikel füllten die Luft, als sich die lange verschlossene Tür öffnete, aber sonst kam nichts aus dem Raum, der, wie sie nun erkannten, eine kleine Besenkammer war. Spinnen hatten sich darin breitgemacht, doch sonst war sie leer. Er drehte sich wieder zu ihr um und zog eine Augenbraue hoch. »Bist du dir sicher, dass du hier drin etwas gehört hast?«

Sadie blickte einen Moment lang in die Kammer und nickte gedankenverloren. »J-ja, es war dadrin. Ich bin mir ganz sicher.«

August zuckte mit den Schultern, schloss die Tür wieder und deutete zur Treppe. »Tja, jedenfalls sieht die Treppe ziemlich mitgenommen aus. Ich traue ihr nicht. Ich glaube, wir sollten uns besser an das Erdgeschoss halten. Keine Ahnung, was alles passieren kann, wenn wir dort oben herumstapfen.«

»Ich verstehe …« Sadie lief den Rest des Flurs entlang, um sich selbst ein Bild von der Treppe zu machen. Die Stufen zerbröckelten schon an mehreren Stellen und die, die noch heil waren, waren ziemlich verbogen. Sie stimmte seiner Einschätzung zu. Es würde kein gutes Ende nehmen, wenn sie nach oben gingen. Als sie einen kurzen Blick in den ersten Stock warf, sah sie etwas – nur für einen Moment –, das ihr durch Mark und Bein ging und ihr einen Schauer über den Rücken jagte.

Augen – starrende Augen – hatten sich von dieser dunklen Ecke dort oben auf sie gerichtet. Sie hatte sie gesehen, genau wie die Umrisse einer Gestalt, die schnell davongekrabbelt war. Die Silhouette war geräuschlos verschwunden und hatte sich so gewandt wie ein Spinnenläufer auf ihren Händen und Füßen bewegt. Sadie hatte keinen guten Blick auf die Gestalt gehabt, doch es hatte genügt, um sie völlig aufzuwühlen.

»Alles klar bei dir?«, fragte August, der innehielt und den Bildsucher seiner Kamera betrachtete. »Ich dachte, ich hätte einen kleinen Impuls empfangen, aber das Bild hat sich wieder beruhigt.«

»Äh … ja«, antwortete sie.

August glaubte ihr nicht so recht und warf noch einen Blick nach oben. Dann senkte er die Kamera und deutete mit einem Nicken zurück zur Diele. »Nun, dann lass uns weitersuchen, okay? Vielleicht gibt es einen Keller. Vielleicht ist auch etwas in dem Wohnzimmer, wo das Feuer brennt.« Er lief den Flur hinunter und sie folgte ihm mit weichen Knien und wie in Trance.