16
Vielleicht war das Wohnzimmer früher einmal einladend gewesen.
Sie stellte sich vor, dass in der Mitte des Raumes, wo es jetzt nur staubbedeckte und verbogene Holzdielen gab, ein wunderschöner Teppich lag. Die Couch war vielleicht frei von Schimmel und ein schöner Platz gewesen, um sich vor das Feuer zu kuscheln, mit einem guten Buch, von denen nicht wenige in den beiden Regalen standen, die genauso in die Wand eingelassen waren wie die in Sinistraris altem Arbeitszimmer.
Aber hier gab es keinen Teppich und keinen schmückenden Krimskrams. Beim Eintreten mussten sie darauf achten, nicht gegen das triefende Wirrwarr aus Schnäbeln und Federn gleich hinter der Türschwelle zu stoßen. Das Feuer, ein kleiner Haufen, der nur eine substanzlose Wärme abwarf, bot ihnen genug Licht, um die faulig riechenden Ecken und Winkel des Raumes zu erleuchten. Sie hielten vor dem Kamin inne und beäugten das gerahmte Bild, das darüber hing.
»Glaubst du, der alte Sinistrari war ein Kunstsammler?«, fragte August, als die Stille zu schwer für ihn wurde. Sadie ließ ihren Blick über die Leinwand schweifen. Es war ein rechteckiges Werk, das in einem schäbigen, ungefähr einen Meter breiten und einen halben Meter hohen Rahmen steckte und etwas zeigte, das sie nur als eine fantasielose Landschaft beschreiben konnte. Wäre das Gemälde nicht von einer jahrzehntealten Schicht aus Ruß und Staub bedeckt gewesen, hätte es womöglich eine gewisse Schönheit innegehabt oder einen anderen, jetzt nicht mehr erkennbaren Aspekt der Arbeit des Künstlers gezeigt. Doch so, wie es jetzt dort hing, war es völlig nichtssagend. Es war ein Bild von einer flachen Hügellandschaft, das wahrscheinlich an einem Nachmittag von einem Anfänger nach zu vielen Gläsern Wein und mit einer viel zu ungeschickten Hand angefertigt worden war. »Wenn er einer war«, entgegnete Sadie schließlich, »hatte er überhaupt keinen Geschmack.«
August betrachtete das Bild noch ein wenig genauer und deutete auf einen kleinen verschmierten Schnörkel in der unteren rechten Ecke. »Wenn ich mich nicht irre, dann sind das die Initialen des Künstlers. ›A. S.‹ steht dort.« Er zog eine Augenbraue hoch. »Was sagt man dazu? Unser Freund Sinistrari war ein richtiges Universaltalent. Nachts beschwört er kannibalistische Hexenweiber herauf, aber am Nachmittag arbeitet er an schlechten Bob-Ross-Imitaten.«
Das brachte ihm ein Kichern von ihr ein und ihr fiel auf, dass ihre kurze Unterhaltung das einzige Geräusch gewesen war, das sie seit geraumer Zeit gehört hatten. Nichts hatte gerumpelt oder geknarzt und es hatten sich keine körperlosen Stimmen mehr gemeldet. Hätte sie nicht dieses Feuer gesehen, das gleich vor ihr in dem Kamin loderte, und wäre sie nicht von dieser schrecklichen, in Gewebe eingewickelten Gestalt bedroht worden und hätte sie nicht das lockende Flüstern dieses anderen Phantoms gehört, sie hätte glatt geglaubt, dass das Haus völlig leer wäre.
Doch dieses Haus, das sich wie eine Schlange zwischen den Kiefern versteckt hielt, war über die Jahre vieles gewesen – aber niemals leer.
»Wenn wir nicht nach oben gehen, was können wir dann überhaupt noch tun?«, fragte Sadie. »Dass wir Sinistraris Unterlagen gut erhalten vorfinden, war doch sowieso nur eine vage Hoffnung. Bevor wir hergekommen sind, hatte ich keine klare Vorstellung davon, was wir eigentlich suchen, aber nun, wo wir mittendrin stehen, glaube ich nicht, dass es hier überhaupt etwas zu finden gibt. Das Haus ist leer.« Sie deutete auf die Buchregale im Zimmer. »Die Bücher und Unterlagen sind, wenn sie nicht irgendwo versteckt wurden, schon längst zerfallen, und bis jetzt hat mein Vater in seinem Tagebuch nichts von einer Bibliothek erwähnt. Wahrscheinlich hatte er nicht viele Möglichkeiten, sich gründlich in dem Haus umzusehen, aber …«
»Wir können noch einen Rundgang machen«, schlug August vor, während er die Kamera durch das Wohnzimmer schwenkte. »Hier unten sind wir eigentlich überall gewesen, aber vielleicht haben wir etwas übersehen, eine Tür oder einen Kriechkeller oder so etwas.«
»Ein Kriechkeller?« Sadie blickte finster drein. »Vielleicht gibt es ein Kellergeschoss, aber wenn es einen Kriechkeller gibt, werde ich dir gern den Vortritt lassen.«
August hielt inne und verengte die Augen. »Weißt du, hier fehlt noch etwas. Etwas, von dem ich geglaubt hatte, dass wir es massenhaft finden würden.«
»Was denn?«, fragte sie.
»Geister.« Sein Blick blieb auf dem Bildsucher, während er sprach. »Das Sanatorium war voll davon, richtig? Diese schrecklichen Gespenster, die dich verschleppen wollten?« Er deutete auf den Handabdruck auf ihrem Unterarm, als würde sie sich nicht mehr daran erinnern. »Warum sind hier keine?«
Sadie dachte darüber nach. »Vielleicht liegt’s daran, dass dieses Haus anders ist. Die Sekte hat im Sanatorium Menschen umgebracht. Aber hier ist so etwas womöglich nie geschehen. Sinistrari lebte hier und …«
Ein schneidendes Geräusch unterbrach sie und ließ sie erbleichen: ein schrilles Heulen, keuchend und heiser.
Es war der Schrei eines Säuglings.
»Was ist los?«, fragte August, als er die nackte Angst in ihrer Miene bemerkte. Es schien, als könnte er die schrillen Schreie nicht hören, die noch immer die Luft erfüllten. Doch das Flackern des Bildsuchers gab ihm schnell einen Hinweis. »Ist etwas hier? Habe ich mich etwa zu früh gefreut?«
Sadie nickte. »H-hörst du’s denn nicht?«
Er eilte in die Essecke und schwenkte die Kamera durch den düsteren Raum. »Nein. Was ist es?«
»Ein B-Baby«, stammelte sie. »Es schreit.«
Das Heulen wurde immer lauter und von einem scharfen Geruch begleitet, ein Geruch, der zugleich süß und faul war und ihr fast den Magen umdrehte. Speichel sammelte sich in ihrem Mund.
Es war der Geruch von rohem Fleisch, das in der Sonne liegen gelassen worden war. Das Feuer flackerte noch immer, doch wegen des widerlichen Gestanks, der gerade in der Luft lag, konnte sie sein holziges Aroma nicht mehr wahrnehmen.
August, so schien es, bemerkte auch diesen sensorischen Reiz nicht und hastete in die Diele. »Woher, glaubst du, kommt es?« Der Bildsucher flackerte einen Moment lang, als er wieder zurück zum Treppenhaus lief.
»August, warte!«, rief Sadie. »H-hau nicht einfach so ohne mich ab!« Ihre Sinne waren überlastet, trotzdem wusste sie, dass es nicht klug war, wenn sie sich trennten, und so lief sie selbst ins Esszimmer, um nach ihm zu sehen. Doch schon nach ein paar Schritten rumorte es in ihrem Magen und sie blieb abrupt stehen.
Der Haufen aus toten Vögeln auf dem Boden begann sich zu bewegen.
Die zähe Suppe aus Federn, Fliegen und starren schwarzen Augen zuckte und aus ihrem Inneren stieg zusehends eine finstere, sich windende Gestalt empor. Sie hatte die Form eines Säuglings, dessen winzige Gliedmaßen zornig um sich schlugen. Der Hügel aus fauligem Fleisch zuckte immer heftiger und die Ansammlung aus feinen vogelartigen Knochen und Rabenfedern setzte sich zu etwas zusammen, das beinahe menschenähnlich war.
Eine skelettartige Hand, die sich aus den Flügeln einer Trauertaube und ihrem herabhängenden Fleisch bildete, griff nach dem sich windenden Säugling. Das gefederte Ding begann mit seinem schnabelförmigen, von starren toten Augen durchsetzten Gesicht auf das heulende Kind einzuhacken und es dann wie ein Pelikan mit seinem sehnigen Schlund hinunterzuwürgen. Diese albtraumhafte Szene spielte sich innerhalb weniger Sekunden ab, und als das Kind verschlungen war und seine Schreie verstummten, richtete der Aasfresser seine zahlreichen Augen auf Sadie und rief ihren Namen mit einer tiefen, gurrenden Stimme. »Sadie … Sadie … Sadie …«
Ihre Beine gaben nach und sie landete mit einem dumpfen Knall auf dem Boden. Sitzend schob sie sich nach hinten, als sich die gefederte Erscheinung erhob und auf allen vieren in ihre Richtung kroch. Knochige, in fauliges Fleisch gekleidete Hände klatschten auf die uralten Holzdielen, und die Gestalt, die mit einer tiefen, weiblichen Stimme sprach, schien sie mit ihren zahllosen, überall auf ihrem provisorischen Körper verteilten schwarzen Augen anzuglotzen. Sie rief ihren Namen in einem spielerischen Singsang.
»Sadie … Sadie … Sadie …«
Auch wenn sie zu Tode verängstigt war, so wusste sie doch, dass diese Stimme ihrer Mutter gehörte. Sie hatte sie zwar nach ihren ersten paar Tagen auf der Erde nicht mehr gehört, aber als dieser widerliche Golem nach ihr rief, bemerkte sie eine geheimnisvolle Eigenschaft daran – eine Note, die sie von den Stimmen anderer Frauen unterschied. So wie ein Vogelbaby den Gesang seiner Mutter erkannte, spürte auch Sadie eine mütterliche Vertrautheit in dem Tonfall dieser Kreatur.
Die Masse taumelte weiter. Sie griff nach ihr und spuckte ohne Unterlass ihren Namen aus. Sadie war zurück an den Kamin gezwungen worden, wo sie entweder dieses schreckliche Ding in ihre Arme schließen oder aber ins Feuer kriechen musste, um ihm zu entkommen. Stattdessen stieß sie sich nach rechts ab, wobei sich Splitter des Holzbodens in ihre Finger schoben, und machte einen Satz in Richtung Esszimmer. Nur knapp entkam sie den deformierten fauligen Händen.
Verrückt vor Angst sprang Sadie auf die Füße und rannte durch das finstere Haus, um so viel Abstand wie möglich zwischen sich und dieses Ding zu bringen. Sie stürmte durch die Diele hinein in die dahinterliegende Kammer, bevor sie an der Küche vorbei in das dunkle Kabuff huschte, das einmal Sinistraris Bibliothek gewesen war. Sie konnte kaum etwas sehen. Nur die Risse in der Zimmerdecke ließen schmale Lichtstreifen aus dem oberen Stockwerk herein. Sie setzte sich auf den Boden, kauerte sich gegen eines der Regale und zog die Knie an die Brust. »August! August!«, rief sie.
Während Sadie so zitternd dahockte, bemerkte sie etwas Sonderbares an dem kleinen Raum, etwas, das sie bei ihrem ersten Aufenthalt hier nicht registriert hatte. Ein unnatürlich heißer Strom zog sich durch die ansonsten lauwarme Luft, als würde er durch einen Lüftungsschacht oder einen Spalt im Mauerwerk fließen. Obwohl sie keinen Schimmer hatte, woher dieser warme Luftzug kam, spürte sie während der nächsten Augenblicke, wie er ihr immer wieder über ihre Gänsehaut strich.
Bevor sie die Quelle dieser Hitze ausfindig machen konnte, wurde sie von schweren Schritten abgelenkt, die gleich vor der Kammer auftauchten. Irgendwer kam immer näher. Sie senkte den Kopf, um sich so klein wie möglich zu machen, und wünschte sich, sie könnte in einem Spalt im Fußboden verschwinden. Aus der düsteren Küche breitete sich ein langer menschlicher Schatten über die Wände aus, als eine Gestalt um die Ecke kam und das Arbeitszimmer betrat.
Gott sei Dank war es August. Das Licht seiner Kamera blendete sie fast, als er es benutzte, um sich in dem Zimmer umzusehen. »Hey, ist alles klar?«
Sadie stieß ein langes Seufzen aus und nickte nur. Sie machte keine Anstalten aufzustehen.
»Was ist passiert? Ich habe dich rennen gehört, aber …« Er drehte sich um und blickte einen Augenblick lang in die Tiefen der Küche, als würde er erwarten, dort etwas zu finden.
Da sie wusste, dass er die Erscheinung weder sehen noch hören konnte, schüttelte sie nur den Kopf. Sie wartete ein paar Augenblicke darauf, dass sich das grauenhafte Phantom ihr zeigte, doch es schien das Interesse verloren zu haben. Wahrscheinlich war es nur eine Halluzination gewesen, irgendein Streich, den das Haus ihr gespielt hatte. Was immer es auch war, es kehrte nicht zurück. »Ist schon gut. Das Haus will mich nur ärgern.« Wieder spürte sie die rätselhafte Wärme auf ihrer Haut. Der Temperaturunterschied zwischen dieser Hitze und der Raumluft war so groß, dass sie innehielt und die Hände ausstreckte, um danach zu suchen. »August, spürst du es?«, flüsterte sie.
Er stand in der Tür und schüttelte den Kopf. »Was denn spüren?«
Schon wieder streifte ein warmer Hauch ihre feuchtkalte Haut. »Hier drüben ist es warm. Von irgendwo kommt warme Luft her …« Sie blickte zur fleckigen Decke hinauf und zu den leeren Regalen hinüber. Ihr Blick wanderte über den Schreibtisch und den Fußboden, doch sie konnte die Quelle dieser geisterhaften Wärme nicht ausfindig machen. »Ich meine es ernst. Hier drüben ist es ganz warm.« Sie stand auf, machte die paar Schritte zu ihm hinüber, packte ihn beim Arm und zerrte ihn zurück zu dem Regal, wobei sie mit Schrecken darauf wartete, dass sich das faulige Phantom noch einmal zeigte.
August streckte seine offene Handfläche aus und hob und senkte den Arm mit gerunzelter Stirn durch die Luft. »Hm …«, murmelte er nach mehreren Sekunden. »Ja, ich weiß, was du meinst. Hier drinnen zieht’s. Von draußen kommt Luft herein. Kein Wunder, bei all den Schäden an den Wänden.«
»Nein«, entgegnete sie, »es ist keine frische Luft.« Sie beugte sich vor, schnupperte ein paarmal und streckte ihre Arme aus, um die Richtung zu finden, aus der der Luftstrom kam. »Es riecht nicht frisch. Es riecht, als würde etwas brennen.«
Er zuckte mit den Schultern. »Ja, könnte das Feuer sein. Der Kamin ist gleich hinter dieser Wand … jedenfalls ganz in der Nähe. Würde mich nicht wundern, wenn man ihn durch die Risse in den Wänden riechen könnte.«
Diese Erklärung genügte Sadie nicht. »Auf keinen Fall. Der Kamin ist auf der anderen Seite vom Erdgeschoss, noch jenseits der Diele. Das ist nicht gerade auf der anderen Seite dieses Raumes. Diese Hitze muss von irgendwo anders herkommen.« Sie fuhr mit den Fingern über die staubbedeckten Regale und strich über die Kerben und Linien im Holz. »Könnte es etwas hinter dieser Wand sein?«
August lächelte kurz. »Was, eine Geheimtür oder so was?« Sein Lächeln verschwand unverzüglich wieder. »Nein, natürlich nicht. Dies ist kein Samstagmorgen-Cartoon, Sadie.«
Sie antwortete nicht und inspizierte stattdessen die Fugen zwischen den Regalen. Die Wärme schien aus ein paar einzelnen Stellen zu dringen, wo das uralte Mobiliar die Wand berührte, doch das Regal rührte sich nicht, als sie daran zog. »Es könnte doch sein, dass … Hilf mir bitte. Klopf doch mal daran, ja? Ich habe das Gefühl, dahinter ist etwas.«
August seufzte und stellte seinen Rucksack ab. Er senkte seine Taschenlampe und begann mit hochgezogener Augenbraue gegen die Holzverkleidung zu klopfen. »Das ist reine Zeitverschwendung! Was soll denn hier …?«
»Hilf mir einfach beim Suchen!« Sadie setzte sich auf die Knie und zerrte an den unteren Regalböden. Das Holz war voller Staub und Spinnweben. Zuerst zeigte ihr Zerren an den ersten paar Böden keine Wirkung, doch als sie gegen das unterste der Regale und seine Rückseite drückte, bewegte es sich unvermittelt nach hinten. »Warte mal. Was ist das?«, fragte sie laut und drückte noch fester zu. Zu ihrer Überraschung begann sich die Holztafel zu verschieben.
Das Holz war leicht warm, als sie es berührte, ganz so, als hätte gerade erst eine andere Hand dagegengedrückt. Sie nahm die Wärme in sich auf und verpasste der Holzverkleidung einen Stoß.
Mit einem grellen Knirschen schwang die Holzverkleidung nach innen und die ganze Vorrichtung begann zu ächzen. Ein blasses orangefarbenes Flackern strömte aus dieser neuen Öffnung und tanzte über den tiefschwarzen Boden, auf dem sie gerade standen. Jetzt strömte noch mehr der wohligen Wärme ungehindert in den Raum.
»Was um alles in der Welt …?«, fragte August ungläubig. »Hast du gerade etwas zerbrochen, oder sollte das so passieren?«
»Ich … Ich glaube, es ist wirklich ein versteckter Zugang zu einem anderen Raum.«
»Und?«, fragte er. »Wohin führt er?«
Sadie legte sich auf den Boden und kroch vorwärts, bis ihr Kopf und ihre Schultern zwischen den Regalböden steckten und sie einen Blick hindurchwerfen konnte, doch für das, was dahinter lag, fand sie keine Worte.