17

Sadie starrte in einen schmalen Tunnel. Ausgestattet mit einer absteigenden Treppe aus verschlissenem Stein und erleuchtet von gelben und orangefarbenen Lichtblitzen, die von weiter unten kamen, war dieser Korridor von einer warmen, stechenden Luft erfüllt. Die Stufen gleich hinter dem Durchgang in dem falschen Buchregal waren von Staub bedeckt. Augenscheinlich waren sie schon seit geraumer Zeit nicht mehr benutzt worden, und doch konnte sie von unten ein brennendes Feuer spüren, gleich hinter der Biegung.

Sadie zog sich aus dem Regal zurück und stierte mit großen Augen zu August hinauf. »D-dahinter gibt es einen Tunnel!«, flüsterte sie. »Und eine Treppe, die in einen Keller oder so etwas führt. Da ist Licht … von einem Feuer. Daher kommt die Wärme.«

Ungläubig kniete August sich hin und beugte sich vor, bis eines seiner Ohren fast den Boden berührte. Er blickte eine Zeit lang durch die Öffnung, bevor der Staub ihn niesen ließ. »Also gut, du hast gewonnen«, sagte er, als er sich aufrecht hinsetzte und die Beine verschränkte. »Das ist wirklich ein supergeheimer Gang, der hinunter in einen Keller oder einen Heizungsraum führt. Die Frage ist … warum?«

Sadie hatte keinen Schimmer, was hinter dieser Treppe lag. Sie spürte nur, dass diese Entdeckung von großer Bedeutung war, und machte sich sofort daran, auch die anderen Regalböden beiseitezuschieben, um die Öffnung größer zu machen. »Wir werden schon sehen, was dort unten ist, wenn wir dieses Regal aus dem Weg geräumt haben. Hilf mir mal.« Sie zog und zerrte an verschiedenen Regalböden, um andere Druckpunkte zu finden, doch weder sie noch August fanden weitere Vorrichtungen in der Regalwand, die den Durchgang für sie öffnen würden.

Frustriert trat August mit dem Absatz seines Stiefels auf das Regal ein. Das Holz ächzte kurz. Doch ohne das ganze Ding zu Kleinholz zu machen, sah er keine Möglichkeit, die Öffnung zu vergrößern. »Heißt das etwa, dieser Geheimraum kann nur durch dieses winzige Regalfach betreten werden?«

Sadie ließ sich wieder auf den Boden nieder und kroch zurück zu dem Korridor. Sie schaffte es mit viel Mühe, ihren Kopf und ihre Schultern durch die Öffnung zu zwängen. Es war verdammt eng, doch es schien ihr nicht unmöglich, durch das schmale Loch zu kriechen, wenn sie ihre Arme vorstreckte und auf ihrem Bauch hindurchkroch. Sie packte die Kante der ersten Treppenstufe und zog sich durch die Öffnung. »Ich hab’s geschafft!«, flüsterte sie, als sie sich umdrehte und ihn von der anderen Seite des Lochs anblickte. »Wahrscheinlich gibt es eine Vorrichtung, die das ganze Regal öffnet, aber das Ding ist alt. Vielleicht funktioniert der Mechanismus nicht mehr. Versuch einfach durchzukriechen, so wie ich es gemacht habe. Es ist verdammt eng, aber wenn du ausatmest, sobald du halb durch bist, solltest du es schaffen.«

»Das würde ich ja gern, aber ich werde es niemals da hindurch schaffen.« August lag schon wieder auf dem Boden und lehnte mit dem Kinn auf dem staubigen Regalboden. »Ich werde lieber versuchen das Ding einzuschlagen, okay?«

»Nein!«, warnte sie und warf einen Blick hinunter in die vom Licht des Feuers gesprenkelte Finsternis. »Kriech einfach durch.«

Mit einem Seufzen schob August seine Kamera in die Öffnung. Dann breitete er sich auf dem Boden aus und machte sich daran, durch das Loch zu kriechen. Er streckte seine Arme aus und schlängelte sich langsam vorwärts, doch ganz egal wie sehr er sich auch wand und krümmte, er schaffte es nicht, seine Schultern hindurchzubekommen. »Keine Chance.« Er zog sich wieder zurück und zupfte sich Spinnweben aus seinem Haar. »Es passt nicht. Falls du meine Schultern nicht wieder einrenken kannst, nachdem ich sie mir ausgekugelt habe, schaffe ich es nicht hindurch.«

»Versuch es noch einmal«, flehte Sadie.

Er warf ihr einen bösen Blick durch die Öffnung zu. »Ich sag dir, es geht nicht! Es ist zu eng! Ich bleibe eher darin stecken und ersticke, als dass ich mich hindurchquetschen kann.« Er schauderte. »Hier … nimm das.« August wühlte in seinem Rucksack und reichte ihr seine Taschenlampe.

»Aber … was wirst du zum Sehen benutzen?«, fragte sie.

Er senkte seine Handycam und blendete sie mit ihrem Licht. »Ich benutze meine treue Begleiterin. Beeil du dich und sieh dich dort unten um. Lass mich wissen, wenn du etwas Interessantes findest. Ich werde hierbleiben und … Wache halten, schätze ich. Und wenn es da unten brenzlig wird, aus welchem Grund auch immer, dann komm schnell wieder zurück, okay?« Sein Blick war vor lauter Sorge ganz hart. »Wenn ich ehrlich sein soll, dann wartet dort unten nichts, das auch nur im Entferntesten gut ist. Vielleicht sollten wir uns lieber über Tage aufhalten, okay?«

Die warme Luft strich um ihre Fersen wie der Atem eines Tieres, das unten in der Finsternis verborgen war. »Begeisterung« war nicht das richtige Wort. In diesem Augenblick war Sadie von einem Gefühl großer Erwartung erfüllt – dem Gefühl, dass sie, nachdem sie so lange ziellos durch das Herrenhaus gestolpert waren, endlich etwas von Bedeutung gefunden hatten. Sie wollte nicht nach unten gehen, aber es war ihr einfach unmöglich, diese Treppe zu ignorieren und das Kellergeschoss unerforscht hinter sich zu lassen. »Ich werde mich beeilen! Versprochen!« Sadie wagte einen kleinen Blick die ersten Stufen hinab und schwenkte die Taschenlampe umher. »Wenn etwas passiert, werde ich sofort wiederkommen.«

August war augenscheinlich weniger von dieser Vorgehensweise angetan als sie. Doch er nickte fest, während er mit den Zähnen knirschte und nervös an dem Griff seiner Kamera herumspielte. Dann setzte er sich leise auf den Boden. »Wie ich schon sagte … ich werde Wache halten. Sei einfach nur vorsichtig dort unten, okay?«

»Das werde ich.« Sie richtete sich auf, klopfte sich den Staub von der Kleidung und machte sich mit der Taschenlampe in der Hand auf den Weg nach unten. Sie schritt die Stufen so leise wie möglich hinab, damit kein Echo durch den engen Korridor hallte, und vor jedem Schritt betrachtete sie die Steintreppe vor ihr gründlich, um nicht über leicht zu übersehende Hindernisse zu stolpern. Die steinernen Stufen waren jedoch alle frei und sie schritt sie ohne Zwischenfall hinunter.

Der ganze Korridor war aus Stein und sah aus, als wäre er in einen Felsen gemeißelt worden. Sie hielt inne und strich mit den Fingern über die schieferfarbenen Wände. Der Pfad führte sie in einem flachen Winkel nach unten und drehte sich wie eine Schraube in die Erde, bis sie gut 20 Stufen später das Ende der Treppe erreichte und sich in einer Kammer mit hoher Decke wiederfand. Das einzige Licht darin schlug flackernd zwischen den Gittern eines alten Ofens hervor, der ganz hinten links in der Ecke stand.

Wärme durchdrang die Kammer dank des knisternden Feuers, und trotzdem packten sie kalte Schauer, als sie die Gänze des Raumes von dem schmalen Korridor aus betrachtete. Die Böden und Mauern waren aus demselben Stein gemacht, der sie hergebracht hatte, auch wenn die Wände wegen der riesigen hölzernen Buchregale, die den Raum säumten, schwer zu sehen waren. Die kleinen freien Stellen der Wände waren mit gerahmten Bildern behängt – und selbst aus dieser Entfernung konnte Sadie erkennen, dass ihre Motive durchweg abstoßend waren.

Auf der anderen Seite der Kammer hing ein schludriges Gemälde in einem Goldrahmen, das sie aus dem verschwommenen Dunkel anstierte. Es zeigte eine sehnige, zusammengesackte Gestalt in der Tradition von Goyas Saturn – und auch ein Kind war darauf zu sehen, doch sein schlaffer blasser Körper war fein säuberlich zwischen der skizzenhaften Faust der monströsen Kreatur und deren triefendem Mund aufgeteilt worden. Dieser gebeugte Kannibale – nackt und mit einem grauen Haarschopf – war fast lebensgroß gemalt worden und verfügte über eine schauderhafte Kinese, die eine echte Bewegung andeutete – Leben . Das Weiße in seinen großen Augen funkelte fast triumphierend durch die Dunkelheit, und die roten Striche, die sein Kinn und seinen nackten Oberkörper zierten, schimmerten selbst in dieser lichtarmen Umgebung wie frisch vergossenes Blut.

Das nächste Bild, das Sadie entdeckte – ein kleineres Werk, das in der Spalte zwischen zwei vollgepackten Buchregalen hing –, war kein Gemälde, sondern eine Fotografie – und sie hatte es schon einmal gesehen. Der Druck, der dort hing, war ein Gruppenbild, das auf dem Gelände des Rainier Asylum aufgenommen worden war. Es war genau dasselbe Foto, das sie im Tagebuch ihres Vaters gefunden hatte. Der staubige Rahmen hatte dafür gesorgt, dass dieser Abzug in einem besseren Zustand war als die abgewetzte Version, die sie besaß, doch die Porträtierten und der Hintergrund waren identisch.

Augenscheinlich stand Sadie in einer gut versteckten Bibliothek. Sie löste ihren Blick von dem grotesken Gemälde und der uralten Fotografie und betrachtete die Regale, die sie umgaben. Sie staunte über die zahllosen in Leinen gebundenen Bücher, die sich darin stapelten. Der Raum oben, in dem August auf sie wartete, war nichts weiter als eine Attrappe – dies hier war wirklich Sinistraris Arbeitszimmer und die wahre Stätte seiner abscheulichen Forschungen.

Nach einem Moment trat sie weiter in den Raum hinein. Das Licht ihrer Taschenlampe erleuchtete die steinerne Decke, an der alle paar Meter kleine Kronleuchter aus Schmiedeeisen hingen. Die Kerzen darin waren vollständig von den Spinnweben vieler Jahre verhüllt. Hier und dort hingen Wandleuchter, in denen früher einmal Kerzen oder Fackeln ihren Dienst getan hatten, was nur ihren Eindruck verstärkte, dass sie gerade eine mittelalterliche Kammer wie aus einem von Augusts historischen Hörbüchern betreten hatte.

Die große Mitte des Raumes war bis auf einen abgewetzten Teppich, der auf dem Boden lag, völlig leer. Dieses faserige rötliche Ding war schon so lange nicht mehr bewegt worden, dass es schien, als wäre es mit dem Stein verschmolzen. Ganz rechts außen, zwischen zwei Buchregalen, stand ein ansehnlicher Holzschreibtisch und dahinter ein Lederstuhl mit hoher Rückenlehne und prachtvollen handgeschnitzten Armstützen. Aber diese Merkmale fesselten ihre Aufmerksamkeit nur kurz, denn das Flackern der Flammen in dem Ofen zog schon bald ihre Blicke an.

Sadie hatte sich während ihres kurzen Aufenthalts in diesem Raum allein gewähnt und bisher hatte sie nirgendwo einen heimlichen Beobachter entdecken können, auch wenn sie noch nicht alle Schatten hier unten erkundet hatte. Die Existenz dieses Feuers deutete jedoch darauf hin, dass jemand erst kürzlich hier gewesen sein musste. Hatte ihre Mutter dieses Feuer und das in dem Kamin oben entzündet – oder war es jemand anderes gewesen? Und warum hatten sie sich an solch einem wohltemperierten Tag überhaupt diese Mühe gemacht? Waren die Flammen nichts weiter als eine Illusion? Nein, das konnte nicht sein. Als sie ein paar Schritte auf den Ofen zuging, spürte sie die Wärme, die hinter seinem glühend heißen Gitter hervorquoll. Außerdem roch sie den Rauch. Das Feuer war echt, dessen war sie sich sicher.

Sadie war bis auf drei Meter an den riesigen Ofen herangekommen, als sie etwas sah, das regungslos an seiner linken Seite stand. Von ihrer Position aus war nicht zu erkennen, was es war – dafür reichte das Licht der Flammen nicht –, doch sie blieb stehen, hob ihre Taschenlampe und wartete darauf, dass ihre Augen das Bild zusammensetzten, bevor sie weiterlaufen wollte.

In der Ecke, die dem Ofen am nächsten war, entdeckte sie einen von Rost befleckten Rollstuhl mit einer durchhängenden Rückenlehne.

Und darin saß ein in sich zusammengesackter Körper.

Sie reagierte erschrocken auf den Fund, taumelte ein paar Schritte zurück und ließ die stille Gestalt einen Augenblick lang in die Finsternis eingetaucht sitzen. Als sie ihre Taschenlampe ein zweites Mal hob, fürchtete sie, dass die Gestalt dastehen würde, bereit, sich auf sie zu stürzen, doch auch mit ihrem nächsten Blick vernahm sie keine Bewegung. Die Gestalt hockte unverändert in dem Stuhl.

Sie hatte eine Leiche gefunden – und diese war, so schien es, ziemlich alt. Der Körper war nach vorn gebeugt und lehnte mit dem Gesicht an der Steinwand. Seine ganze Haut war ausgetrocknet und braun und bis auf die Knochen geschrumpft. Dieser Kadaver war allem Anschein nach schon sehr lange hier – viele, viele Jahre. Der Rollstuhl – es war derselbe, den sie oben gesehen hatte, da war sie sich sicher – parkte genau neben dem Ofen, als hätte die Gestalt absichtlich dort angehalten, um das Feuer anzufachen. Sie behielt die Leiche ein paar atemlose Augenblicke genau im Blick, aber kein einziges der weißen Haare auf ihrem vertrockneten Schädel bewegte sich.

Die normale, gesunde Reaktion auf solch einen Fund wären Schrecken und Ekel gewesen, doch Sadie stieß stattdessen ein erleichtertes Seufzen aus. Sieht aus wie ein Allerweltsleichnam, und er ist schon eine ganze Weile hier. Ich schätze, ich muss mir keine Sorgen machen, dass er mich anspringen wird. Mit vorsichtigen Schritten näherte sie sich dem Körper und betrachtete ihn eingehender. Knochige Fäuste klammerten sich an die Armlehnen des Rollstuhls und einige seiner Körperteile – Ohren, Finger – waren über die Zeit verdorrt und zerbröselt. Dieser Leichnam hockte hier wahrscheinlich schon seit Jahrzehnten …

»Sinistrari«, murmelte sie.

Dies war also der Leichnam des berühmten Gelehrten und der Person, die diesen teuflischen Kreis losgetreten hatte, der das Rainier Asylum korrumpierte und ihre Mutter in diese Welt gebracht hatte und schlussendlich für Sadies Leben mit all seinem Kummer verantwortlich war. Dieser schrumpelige Leichnam war in der versteckten Bibliothek geblieben, und als Sadie in die Finsternis blickte, die hinter ihr lag, konnte sie nicht umhin sich zu fragen, ob sein Geist noch immer durch diesen Raum wandelte, sich durch diese zerfallenden Bücher blätterte und seine verbotene Forschung fortführte. So wie sie es gehört hatte, war der Mann am Ende blind, taub und bewegungsunfähig gewesen – Leiden, die ihn sonderbarerweise zur selben Zeit befallen hatten, in der die Gräueltat in Teramo geschehen war. Trotzdem hatte er seine letzten Tage in dieser Bibliothek damit zugebracht, sich in seine dunklen Studien zu vertiefen.

Nun, da Sadie in dieser Ecke des Raumes alles gesehen hatte, was sie sehen wollte, machte sie sich auf den Weg zum Schreibtisch, um die Unterlagen, die sich darauf befanden, wenigstens flüchtig durchzusehen. Sie würde niemals alle Bücher querlesen können – es mussten Hunderte Bände sein, die dicht gedrängt auf den Regalen standen –, aber es war durchaus möglich, dass eines von ihnen ein wenig Licht auf die Existenz ihrer Mutter werfen würde – und auf deren wahre Natur.

Sadie nahm den Schreibtisch in Augenschein und wühlte sich durch die Sachen, die darauf schon seit Jahrzehnten Staub ansammelten. Wunderschöne Füllfederhalter, unbeschriebenes Briefpapier von höchster Qualität und andere Dinge füllten die Oberfläche des Tisches. Doch es war in einer der Schubladen, wo sie einen Volltreffer landete. Die Lade ganz oben beherbergte kaum mehr als Staub und ein paar längst verendete Insekten, die durch das Schlüsselloch hereingekrochen waren. Doch die Schublade darunter enthielt etwas, das wesentlich verlockender war: ein zerknittertes Notizbuch voller tintenbefleckter Seiten.

Sie schnappte es sich und machte sich unverzüglich daran, es im Schein der Taschenlampe durchzublättern.

Die handschriftlichen Notizen waren kaum zu entziffern und, so schien es, stellenweise willkürlich niedergeschrieben worden. Sinistraris gefeierte Bücher über volkstümliche und anthropologische Themen waren in Englisch veröffentlicht worden und sie hatten ihm in akademischen Kreisen auf der ganzen Welt Lob und Anerkennung eingebracht. Hier fand sie jedoch nur wenig in ihrer Muttersprache. Stattdessen stieß sie immer wieder auf lateinische Begriffe – besonders stach ihr die Überschrift auf der allerersten Seite ins Auge.

Diese erste, in Tinte gekritzelte Betreffzeile enthielt nur ein einziges Wort: Diabolus.

Sadie konnte kein Latein, doch ihr etymologisches Wissen reichte aus, um den Kern zu verstehen.

Diabolisch. Dämonisch. Dämon.

Sie blätterte weiter und fand von Hand gezeichnete Diagramme, die zwar nachlässig, aber auch unglaublich detailliert gezeichnet waren. Enge Trauben aus hingeschmierter Handschrift waren bestimmten Linien und Kreisen beigefügt worden, die sich innerhalb von vielschichtigen Zeichnungen befanden. Sie ähnelten, so fand Sadie, den Einträgen in alten alchemistischen Texten. Die Skizzen bestanden aus scharfen Winkeln und miteinander verflochtenen Ringen. Da ihr Wissen auf diesem Gebiet so gut wie nicht vorhanden war, konnte sie die Beziehung zwischen diesen einzelnen Ebenen nicht einmal erahnen. Doch die Notizen selbst lieferten, wenn man sie zergliederte, gewisse finstere Hinweise.

»Frischer Körperspender« war der erste Begriff in der Reihe, den sie verstand, und dieser spezielle Ausdruck erinnerte sie an okkulte Handlungen, mit denen sie ihre ganz eigenen Erfahrungen gesammelt hatte. Sie dachte an den Fall des Wachsamen Tom, bei dem die Sekte einen frischen Leichnam entwendet und als Hülle benutzt hatte. Sadie wendete das Notizbuch in ihrer Hand, während ihr Blick den Linien des innersten Kreises folgte, und sprach die lateinische Inschrift in seiner Mitte laut aus. »Diabolus.«

Aus dem tiefen Schatten in ihrem Rücken erklang ein leises, kehliges Kichern.

Erschrocken wirbelte sie herum und richtete das Licht der Taschenlampe in die Finsternis. Sie enthüllte keine andere Gegenwart als die des ausgedörrten Leichnams, der noch immer in dem Rollstuhl in der Nähe des Ofens hockte, auch wenn ihr Licht auf diese Entfernung kaum die rostigen Räder des Gefährts erreichte. Doch als das Kichern erneut ertönte, war sie sich schnell sicher, dass es der Leichnam war, der dort lachte.

»Du verstehst jetzt, ja?«, erklang eine Stimme in der Dunkelheit. Sie war tief und männlich und hatte einen schwachen europäischen Akzent.

»S-Sinistrari?«, brachte sie hervor, traute sich aber nicht, sich auch nur einen Millimeter zu bewegen.

Der Kadaver antwortete nicht, stieß aber noch ein kehliges Lachen aus.

»W-was soll das alles heißen?«, fragte sie und schüttelte das Notizbuch in ihrer Hand. »Was ist Diabolus? «

Obwohl die Gestalt sich nicht rührte, konnte man hören, wie sie laut seufzte. »Es ist ein großer schwarzer Baum, mit Blut begossen und von Leid genährt, der sich zum Himmel streckt, und du bist die Frucht, die er hervorgebracht hat.«

»Also meine Mutter?« Sadie machte einen kleinen Schritt nach links, um sich der Tür ein Stück zu nähern. »Was ist sie? Ein Dämon? Eine Hexe?« Das Licht senkte sich und einen Moment lang verlor sie den Leichnam aus ihrem Blick. Als sie ihn wiedergefunden hatte, sah sie, dass er sich immer noch nicht bewegt hatte.

»Ich habe es in Teramo herbeigerufen« , erklang Sinistraris eindringliche Stimme, »und ich habe mich selbst als seine Hülle hingegeben. Es hat mir das Augenlicht genommen, damit ich nur das sehen konnte, was es mich sehen lassen wollte. Ich ertaubte und hörte nichts mehr außer seiner Stimme in mir. Das bisschen Leben, das ich noch hatte, widmete ich voll und ganz der Aufgabe, seinen Willen auszuführen. Ich habe es mit mir nach Übersee gebracht und ließ mich hier nieder, wo niemand meinen Namen kannte. Als ich andere für die Sache gewonnen hatte, machte ich mich daran, die nötigen Rohstoffe zu sammeln. So wie es die schwarze Hand aus einem anderen Zeitalter niedergeschrieben hat, reifte der Diabolus für drei Monate, drei Wochen und drei Tage. In der mondhellen Nacht, in der er in die Welt gekommen ist, fehlten ihm der Atem und ein Puls. Um seine Existenz zu vervollständigen, brauchte es sieben Zyklen der Geburt und der Speisung, die angemessen vorbereitet werden mussten, und einen Geist, der für gewisse kosmische Phänomene offen war. Du wurdest während dieser seltenen Phase empfangen – du bist das siebte und letzte Opfer.«

»Also«, begann Sadie, ohne die Tränen in ihren Augen zu bemerken, »das ist es dann? Das ist alles, wofür ich am Leben bin? Ich bin nur die Nahrung für diesen Albtraum, den Sie erschaffen haben? Auf mehr laufen diese letzten 25 Jahre nicht hinaus?«

Der im Schatten versteckte Kadaver schien ihrem Selbstmitleid mit einem Schnalzen seiner Zunge zu begegnen. »Nein, überhaupt nicht«, gurrte er. »Deine Berufung ist viel höher als meine oder die der anderen. Dein Leben ist das Streichholz, das die Welt entflammen wird.« Der Leichenfledderer kicherte. »Um ehrlich zu sein, Fräulein, solltest du nicht einmal ein einziges Jahr auf dieser Erde verweilen – und ganz bestimmt nicht 25!«

Sadie zuckte beim Klang seines Lachens zusammen und machte noch ein paar Schritte zum Ausgang, ohne ihren Blick von seiner gekrümmt dasitzenden Gestalt abzuwenden. »Erwarten Sie vielleicht, dass ich einfach so aufgebe? Dass ich geradewegs in Ihre Arme laufe?« Sie schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, aber deswegen bin ich nicht hergekommen. Ich bin gekommen, um dieser ganzen Sache, die Sie angestoßen haben, ein Ende zu bereiten … und um den Tod noch ein bisschen hinauszuschieben, wenn es möglich ist.«

Der Kadaver stieß ein knurrendes Lachen aus. »Gewiss, der letzte Zyklus wird noch nicht durchgeführt. Zuerst müssen ein paar Vorbereitungen getroffen werden …«

»Ach ja? Welche denn?«, fragte sie herausfordernd. Sie stand nun mit dem Rücken zu der schmalen Tür und tastete mit dem Fuß nach der untersten Treppenstufe.

»Dein Leid muss ungeahnte Höhen erklimmen«, antwortete er langsam. »Wenn du den Diabolus nähren sollst, muss dir jedes Glücksgefühl genommen werden – alles, was dir lieb und teuer ist. Ich denke, der junge Mann dort oben wird diesem Zwecke dienen können.«

Sadie erbleichte. Sie wirbelte herum und stierte in den dunklen Korridor, der zurück nach oben in das Erdgeschoss des Hauses und den Geheimgang führte. »L-lassen Sie ihn aus der Sache raus!«, verlangte sie. Dann drehte sie sich wieder zu dem Leichnam um, knirschte mit den Zähnen und zog sich langsam in den Korridor zurück. »Lassen Sie ihn in Ruhe!«

Doch die Gestalt war mitsamt ihrem Rollstuhl verschwunden.

Sinistraris tiefes, harsches Lachen hallte von oben durch das enge Treppenhaus zu ihr herunter.

Völlig kopflos vor Panik hastete Sadie die Stufen hinauf und schlug immer wieder gegen die Wände. »August!«, rief sie keuchend. »Lauf! Verschwinde sofort!« Sie mühte sich ganz nach oben und schmiss sich dann auf den Boden, um auf dem Bauch durch die kleine Öffnung zu kriechen. »August, lauf!«

Doch etwas versperrte ihr den Weg in den kleinen Raum.

Sie konnte August nicht mehr sehen, dafür aber die rostigen Räder von Sinistraris Rollstuhl und seine beiden zerfallenden Füße, die gleich auf der anderen Seite des Regals zu erkennen waren. »Na, na, benimm dich. Deine Mutter ist schon fast zu Hause …«, sagte er mit einem krächzenden Lachen.