19

»Wer sind Sie denn?«, fragte August flüsternd.

Die Gestalt in dem schiefen Holzstuhl erschrak und keuchte einmal, gab ihm sonst aber keine Antwort. Und was für ein erbärmlicher Anblick diese Gestalt doch war – ein abgemagerter Typ, der einen Arm eng um seinen Oberkörper geschlungen hatte und sich die Hand vor das knochenweiße Gesicht hielt. Er trug Jeans und ein T-Shirt, die beide völlig verdreckt waren. Der Großteil seines weißlichen Haars lag auf dem Boden verstreut, sein schuppiger Schädel baumelte entblößt in der stickigen Luft. Diese zitternde Masse aus verdorrten Körperteilen sah aus wie eine Leiche, bewegte sich aber in ihren nervösen, augenscheinlich von schierer Angst ausgelösten Zuckungen genug, um den Eindruck zu vermitteln, dass wenigstens noch etwas Leben in ihr steckte.

August, der noch immer an der Türschwelle stand, schauderte unwillkürlich vor Ekel, als er dieses leidende, auf dem Stuhl kauernde Wesen betrachtete. Er hatte Fotos von Kriegsgefangenen gesehen, die in einer besseren Verfassung waren als dieser knorrige Haufen aus Knochen. »Wer sind Sie?«, fragte er noch einmal. »Was ist Ihnen zugestoßen?«

»August! Bitte beeil dich!«

Es war schrecklich zu hören, wie diese gespenstische Gestalt mit Sadies Stimme sprach. Der nachahmende Ruf hing abstoßend in der Luft und schien keine Verbindung zu der bebenden Gestalt auf dem Stuhl zu haben. Fast hätte er geglaubt, bevor er den Gedanken als irrsinnig abtat, dass die Stimme von irgendwo anders aus dem Raum und nicht aus diesem noch verborgenen Mund kam. Der Mann hielt sich noch immer die Hand vor das Gesicht, als würde schon ein Hauch von Licht genügen, um ihn erblinden zu lassen. Wie lange hatte er schon vor Augusts Ankunft so dagesessen? Wie viele Tage und Nächte hockte er schon wie ein Häufchen Elend in dieser spartanischen Grabkammer? Wie viele Tage des Hungers und des Durstes waren nötig gewesen, um ihn in diesen beklagenswerten Zustand zu versetzen?

»W-wie machen Sie das?« August machte noch einen Schritt zur Seite, wobei er auf die Löcher im Boden achtgab. »Warum sprechen Sie mit ihrer Stimme? Was wollen Sie?«

Die von Adern überzogene Hand, die eng an den sich deutlich abzeichnenden Rippen des Mannes lag, zuckte ein wenig – ein krampfartiges Herbeiwinken. »Ich will, dass du zu mir kommst«, sagte er mit einer anderen Stimme – einer Stimme, die womöglich seine eigene war.

August nahm die Einladung nicht sofort an, sondern wahrte stattdessen einen sicheren Abstand. »Hör zu, Kumpel, ich weiß ja nicht, wer du bist, aber warum holen wir dir nicht Hilfe? Du … Du bleibst einfach, wo du bist … Ich werde zusehen, dass ich hier rauskomme, und wenn ich es geschafft habe, rufe ich einen Krankenwagen und …«

»Nein«, spuckte das Ding auf dem Stuhl. »Dafür ist es zu spät …«

»Was ist passiert?«, fragte August und versuchte etwas einfühlsamer zu klingen. »Sieht aus, als hättest du ganz schön was mitgemacht. Du könntest einen Arzt gebrauchen …«

Die Gestalt zuckte ein paar Augenblicke lang zusammen, bevor sie gespenstisch still dasaß, den Hals nach vorn gebeugt, die Fingerspitzen in die Ecken des verborgenen Gesichts gebohrt. »Hast du gesehen, was mit den Vögeln geschieht?«

August erinnerte sich an das wilde, verwirrende Verhalten der Vögel, das sie gesehen hatten, als sie das Haus betraten, und nickte.

»Sie sucht mich jede Nacht heim. Sie wandelt durch diese Flure, wenn die Sonne untergeht, und ich höre ihre Stimme in meinem Kopf. Sie lässt uns hier, damit wir Wache halten … Aber schon bald wird sie zurückkehren. Ich weiß, du willst weg von hier. Das will ich auch … Aber wir können nicht. Hast du gesehen, was mit den Vögeln geschieht?« Die düstere Gestalt stieß ein schrilles Kichern aus, das ihren geschwächten Körper durchschüttelte. »Sie wusste, dass ihr kommen würdet, und sie hatte recht. Sie hat mir alles darüber erzählt.«

»Wer?«, fragte August und tat so, als würde er es nicht wissen. »Wer hat dir das angetan?«

»Die blasse Frau …«

»Eine blasse Frau, was? Wie ist denn ihr Name? Wie sieht sie aus?« Obwohl er seinen Blick durch den ganzen Raum schweifen ließ, fand er kaum etwas von Interesse. Rechts von ihm gab es einen Wandschrank, dessen verbogene Holztür leicht geöffnet war, aber sonst hatte der Raum nichts zu bieten. Er schwenkte die Kamera in einem weiten Bogen, um seine Umgebung zu untersuchen. Der Bildsucher flackerte auf, als wollte er einen größeren Stimulus ankündigen, blieb aber meist stabil.

»Ich kenne ihren Namen nicht.«

»Ich verstehe …« August blickte die Gestalt abschätzend an und fragte sich, wie er sie aus dem Haus schaffen sollte. Hier nach oben in dieses Zimmer zu gelangen war schon eine gefährliche Angelegenheit gewesen. Mit dem Mann im Schlepptau wieder nach unten zu gehen – ohne durch den Boden zu krachen – erschien ihm nahezu unmöglich. »Wie ist dein Name?«

»Dan«, lautete die müde Antwort. »Mein Name war Dan.« Es war eigentümlich, dass er von seinem Namen in der Vergangenheitsform sprach.

Mit vorgespielter Gelassenheit schlich sich August zur Tür des Wandschranks und sah sich ungezwungen um. Er streckte seine Hand aus, langsam, um den gebrechlichen Mann nicht in unnötige Aufregung zu versetzen, und tastete nach dem spröden Türknauf. »Sag mal, Dan, wie lange bist du schon hier?«, fragte er, doch das lange Schweigen, das folgte, schien darauf hinzudeuten, dass diese arme Kreatur jedes Zeitgefühl verloren hatte. Ganz sachte legte er seine Finger um den Türknauf und öffnete den Wandschrank. Darin bot sich ihm ein Anblick, der ihn verblüffte.

In einer Ecke des schmalen Wandschranks und in ein gelbliches Gewebe gehüllt hockte das Ding, das sie gesehen hatten, als sie in das Haus gekommen waren – die grässliche Gestalt, die sie angegriffen hatte. Unter dem Schleier bedeckten Locken aus strohgelbem Haar den Großteil ihres verwitterten Gesichts. Doch ein schwarzes Auge war noch zu erkennen und es stierte zur Decke hinauf. Die Gestalt war noch immer eine Leiche, aber hin und wieder erzitterten ihre Lippen und das wachsame Auge bewegte sich fast unmerklich. Mit pochendem Herzen machte August einen Schritt zurück und ließ die Tür offen stehen.

Dan seufzte laut.

»Sie hat auch mit dir etwas vor. Ja, du wirst ihr noch von Nutzen sein, genau wie wir es waren. Da bin ich mir sicher.«

»Ja, jede Wette …«, entgegnete August, ohne seinen Blick von der eingehüllten Gestalt abzuwenden. »Ist sie … Ist sie vielleicht deine Freundin?« Er deutete auf den Wandschrank. »Sie sieht aus, als könnte sie auch etwas Hilfe gebrauchen.«

Plötzlich fing der Körper in dem Wandschrank an zu zucken. August hörte, wie er gegen die Wand schlug und wie das sackartige Gewebe auf dem Boden raschelte. Die Frau kippte nach vorn, die Augen verdreht, die Lippen zitternd. Sie sah aus wie ein Fisch an Land und sie robbte langsam aus dem Wandschrank, wobei sie eine dünne Spur im Staub hinterließ.

August taumelte zurück, stürzte hart auf den Boden und fürchtete, nach unten zu krachen. Doch die Dielen hielten sein Gewicht und er hastete auf Händen und Füßen auf den Flur zu. Der Boden ächzte und quietschte unter ihm. Er schaffte es bis zur Türschwelle. Dann wandte er sich keuchend und ganz weiß im Gesicht noch einmal Dan zu.

Die Gestalt auf dem Stuhl starrte ihn an. Dans adrige Hand lag noch immer auf seinem Gesicht, aber er hatte die Finger gespreizt, sodass zwei erschöpfte Augen und ein zahnloser schwarzer Mund zu erkennen waren. Seine spröden Lippen öffneten sich und stießen ein wildes, abgehacktes Lachen aus. »Flieg! Flieg einfach davon!«, erklang eine zerbrechliche Stimme, in der so etwas wie Jubel mitschwang. Er streckte seine skelettartigen Arme aus und flatterte wild mit ihnen, als wäre er ein Vogel.

Gelächter folgte August, als er auf seine Füße sprang und aus dem Zimmer stürmte. Doch als er draußen im Flur ankam, sah er, dass er dort nicht allein war. Ein langer Schatten erwartete ihn bereits wenige Schritte hinter der Türschwelle zu dem verfallenen Zimmer – ein Schatten, den er bis zu der Gestalt in dem Leinengewand zurückverfolgen konnte, die oben an der Treppe Wache stand. Er stierte ungläubig über seine Schulter zurück in das Zimmer und machte einen Schritt rückwärts. »Wie sind Sie denn hierhergekommen? Sie waren doch gerade noch …«

Die schreckliche Gestalt neigte sich zur Seite. Ihr schwarzer Blick bohrte sich durch den Gewebeschleier direkt in ihn hinein.

Sein Herz machte einen Satz, als das Ding einen schlurfenden Schritt in seine Richtung ging. »Immer sachte«, murmelte er und zog sich noch tiefer in den Flur zurück. »B-bleiben Sie einfach dort stehen.« Er hob die Kamera, richtete sie auf die näher kommende Gestalt und hoffte, dass das Licht sie zurückdrängen würde, doch stattdessen entblößte es nur mehr von ihrem grässlichen Äußeren.

Es war auf jeden Fall eine Frau, die unter dem gelblich-weißen Schleier steckte, aber eine, die außergewöhnlich schmächtig war und ein schrecklich eingefallenes Gesicht hatte. Blondes Haar lag wirr und struppig unter dem Gewebe und hätte vielleicht auf eine gewisse Jugendlichkeit hingedeutet, wenn nicht alles andere an der Gestalt in solch einem fürchterlichen Zustand des Verfalls gewesen wäre. Die Haut, die früher einmal hell und straff gewesen sein mochte, hing nun wie zerknittertes braunes Pergament über ihren Knochen. Die Augen, die pechschwarz zu sein schienen, wackelten mit jedem unsteten Schritt in ihren Höhlen. Die Füße, die von blauschwarzen Venen überzogen waren, klatschten laut auf den Boden und die ganze in Leinen eingewickelte Gestalt zitterte von dem Schlagen unsichtbarer Flügel. Der schaurige Golem mühte sich vorwärts und streckte eine ausgemergelte Hand nach ihm aus.

Gibt es noch einen Weg nach unten? Soll ich es wagen, durch eines der Fenster hier oben zu entkommen, oder wird der Sturz zu heftig sein?

Das johlende Lachen, das aus dem Raum erklang, wurde plötzlich von einem anderen Geräusch übertönt, als August sich umdrehte und an das Ende des Flures fliehen wollte.

Es war das Geräusch von berstendem Holz.

Drei Schritte hatte er getan, als eine der Holzdielen unter den Sohlen seiner Stiefel nachgab und ohne Vorwarnung zerbrach – zusammen mit dem zerfallenden Material, das sie umgab. Der Boden, auf dem er stand, stürzte mit einem schrecklichen Ächzen unter ihm ein und er krachte durch eine Wolke aus Staub und Holzsplittern. Ihm blieb gerade noch genug Zeit zu keuchen, bevor er den Halt verlor.

Dann wurde alles schwarz.