21
»Warum hat sie uns nicht verfolgt?«, fragte Sadie, den Kopf gegen die Seitenscheibe gelehnt.
August hockte müßig auf dem Fahrersitz, tüftelte an seiner Kamera und blickte hinaus auf das Feld, das nun mit blitzenden blauen und roten Lichtern erfüllt war. »Ich schätze, sie war noch nicht bereit. Vielleicht ist es nicht der richtige Zeitpunkt.«
Sadie sah hinauf in den Abendhimmel und suchte nach der Rauchfahne, die noch immer zwischen den Hügeln emporstieg. Die Feuersbrunst war während der letzten paar Stunden kleiner geworden und die Feuerwehr hatte versucht, die Flammen unter Kontrolle zu bekommen, was nicht einfach gewesen und ihnen auch nicht ganz gelungen war. Aufgrund von Sadies Aussage machten sich die Behörden nun daran, die Leichen aus dem Haus zu bergen. Sie hatten verlangt, dass sie für eine weitere Befragung vor Ort blieb. Sadie fragte sich, ob das Bergungsteam in den Trümmern auf ihre Mutter stoßen würde – und ob sie versuchen würde, sich die Leute zunutze zu machen. »Glaubst du, es ist sicher, wenn sie dort drin herumstöbern? Könnte sie ihnen vielleicht Schaden zufügen?«
August schüttelte den Kopf. »Ich denke, sie haben nichts zu befürchten. Deine Mutter scheint keine Aufmerksamkeit zu mögen, also schätze ich, dass sie sich davongeschlichen hat, als sie die Sirenen hörte. Aber wo sie jetzt steckt?« Er seufzte. »Vielleicht ist sie zum Sanatorium zurückgekehrt …«
Sie verfielen in ein Schweigen und sahen den Feuerwehrleuten zu, die sich in den Hügeln herumtrieben. Da sie sonst nichts zu tun hatte, schaltete Sadie das Innenlicht ein und holte das Tagebuch ihres Vaters hervor. Sie blätterte darin und suchte nach dem letzten Eintrag, den sie gelesen hatte. Als sie die letzten Absätze zur Auffrischung noch einmal überflogen hatte, wollte sie weiterlesen, fand die nächsten Seiten aber leer vor. Sie blätterte sich durch ein Dutzend oder mehr Seiten, die entweder leer oder kaum beschrieben waren, bevor sie einen neuen Eintrag fand. Doch gleich die ersten paar Zeilen kamen ihr anders vor. Die Schrift war noch immer die ihres Vaters, kein Zweifel, aber sie war ordentlicher und gewissenhafter, und als sie einen Blick auf den Inhalt warf, erkannte sie, dass der Text an jemand ganz Bestimmtes gerichtet war.
Sadie, lautete der Anfang, wenn du das hier liest, müssen dir unzählige Fragen durch den Kopf schwirren. Ich weiß, dass du mich für ein Monster halten musst, weil ich dich angelogen habe, und ich kann es dir nicht verdenken. Von Anfang an war ich nicht besonders ehrlich, wenn es um deine Mutter ging. Wenn du dieses Tagebuch in deinen Händen hältst, dann nur, weil mir etwas zugestoßen ist, und ich denke, dass du nun verstehst, warum ich dir nicht die Wahrheit sagen konnte.
Deine Mutter ist nicht von dieser Welt. Sie ist ein Schrecken im wahrsten Sinne des Wortes, und wenn sie die Oberhand gewinnt, wird die ganze Welt in einem Albtraum versinken, aus dem sie nie wieder aufwacht. Vielleicht wäre es einfacher gewesen, wenn ich deine Mutter nie getroffen hätte und du nie geboren worden wärst, aber ich habe dich von dem Augenblick an, als ich dich zum ersten Mal in meinen Armen hielt, geliebt. Du bist die größte Freude, die mir das Leben je geschenkt hat.
Das Leben ist voller Leid. Von der Wiege bis zum Grab müssen wir uns mit Kummer herumschlagen. So ist es nun einmal in dieser Welt. Aber dieses Leid ist fruchtbar – selbst aus den finstersten Ecken können wundervolle Dinge entspringen. Du wurdest in diese Welt gebracht, um Schmerz zu erzeugen und dem Bösen zu dienen – und doch hast du genau das Gegenteil davon gemacht. Du hast nichts als Licht und Freude verbreitet. Die schrecklichen Menschen, die deine Mutter in das Reich der Lebenden geführt haben, benutzen das Leid der anderen für ihren eigenen Vorteil, aber du bist trotz all ihrer Pläne zu einer wunderschönen jungen Frau herangewachsen.
Der richtige Weg ist einfach – schenke ihnen dieses Leid nicht. Gib nicht auf und verrenne dich nicht in deiner Vergangenheit. Das treibt dich nur in die Verzweiflung. Und versuche nicht, sie zu bekämpfen. Dies ist kein Kampf, der mit reiner Muskelkraft gewonnen werden kann. Ich wünschte, Marcus und ich hätten das gewusst, als wir uns auf diese Sache einließen. Lindere das Leid deiner Mitmenschen, wo immer du auch bist. Dann haben diese entsetzlichen Gestalten nichts, wovon sie sich nähren können. Wenn sie aushungern, verschwinden sie wieder in den Schatten wie die Hunde, die sie sind.
All diese Jahre habe ich damit zugebracht, ein Mittel gegen ihre Bösartigkeit zu finden, etwas, um den Albtraum aufzuhalten, den sie und ihre Jünger vor so langer Zeit ins Rollen gebracht haben. Ich hatte ja keine Ahnung, dass die Antwort direkt vor meiner Nase lag, und zwar in Gestalt eines albernen kleinen Mädchens, das ein wenig zu gern in Büchern stöberte. Ich frage mich, was du so machst, Sadie. Ob du wohl wirklich eine Bibliothekarin geworden bist? Ich hoffe es. Der Job würde gut zu dir passen!
Ich habe eine detaillierte Ausarbeitung meiner Nachforschungen auf einer Floppy Disk gespeichert. Darauf solltest du viele Antworten auf deine Fragen finden. Ich hatte kurz darüber nachgedacht, alles handschriftlich festzuhalten, aber dann überlegte ich mir, dass es wohl besser ist, mit der Zeit zu gehen – auch der Langlebigkeit halber. Wenn du weitere Hilfe oder Schutz benötigst, dann wende dich bitte an Marcus Halloran. Er ist ein guter Mann – ein wenig sturköpfig, aber der beste Freund, den ich je hatte.
Niemand kann bestimmen, wie wir auf die Welt kommen, doch so schrecklich die Umstände deiner Geburt auch waren und wie die wahre Natur deiner Mutter auch ist, bitte vergiss nie, dass du geliebt wurdest, Sadie, und dass ich dich auch jetzt noch liebe. Ich hoffe, du kannst mir all die großen und kleinen Lügen vergeben, mit denen ich versuchte, die Wahrheit über deine Geburt geheim zu halten, aber glaube mir, wenn ich dir sage: Dein Vater zu sein war das größte Privileg meines Lebens.
In Liebe,
Dad
Sadie wischte sich ein paar Tränen aus den Augen und blätterte um. Doch zu ihrer Enttäuschung war der Rest des Tagebuchs leer. Sie klappte es zu, hielt es fest in ihrer Hand und atmete tief durch. Es tröstete sie sehr, die posthume Botschaft ihres Vaters zu lesen. Sie genoss es, an seine Liebe erinnert zu werden, und verbrachte ein paar Minuten damit, seine Worte noch einmal zu lesen.
»Was ist los?«, fragte August argwöhnisch, als er die Tränen in ihren Augen sah. »Hast du darin etwas Schlimmes gefunden?«
Sie schüttelte den Kopf. »Eigentlich war es genau das, was ich gebraucht habe.«
Die beiden erschraken, als jemand gegen das Seitenfenster des Autos klopfte. Davor wartete ein Cop mit ernster Miene, die Hände in die Hüften gestemmt. Sadie legte das Tagebuch beiseite und kurbelte hastig die Scheibe runter. »Entschuldigen Sie, Miss, aber ich habe noch ein paar Fragen zu dem, was sich in dem Haus zugetragen hat.«
»Oh, sicher doch. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?«
Der Officer zog ein Notizbuch aus seiner Gesäßtasche und blätterte sich durch eine Reihe von Notizen. »Es ist eine schöne Bescherung dort drin. Auch ohne das Feuer sehen die Leichen, die wir entdeckt haben …« Er hielt inne und verzog angewidert sein unrasiertes Gesicht. »Na ja, was können Sie mir über sie sagen? Kannten Sie sie?«
Sadie erinnerte sich an die beiden Gefangenen des Hauses – das junge Pärchen, das ihre Mutter an das Haus gekettet hatte – und schauderte. »Ich kannte sie nicht, aber ich glaube, der Wagen dort könnte ihnen gehört haben.« Sie deutete zu dem verlassenen Kombi, der gleich hinter ihnen stand.
Der Polizist machte sich ein paar Notizen und nickte. »Ich verstehe. Und der andere?«
Sinistrari, dachte sie. »Ja, da war noch jemand. Der ältere Mann. Ich glaube, sein Leichnam war schon eine lange Zeit in dem Haus – viele, viele Jahre. Es ist der Leichnam des ehemaligen Eigentümers, Alessio Sinistrari.«
Der Cop sah sie verdutzt an. »Ein älterer Mann? Nein, nein, ich rede von jemandem, der jünger ist … ungefähr 1,70 groß, rotes Haar … Mitte 20, würde ich schätzen.«
Jetzt war es Sadie, die verdutzt dreinblickte. »Tut mir leid, was?« Sie grinste ein wenig. »Ich habe keinen Leichnam gesehen, auf den diese Beschreibung passt, aber es klingt fast nach meinem Freund August hier …«
Sie drehte sich zum Fahrersitz um.
Bis auf die Kamera war er leer.