9

»Gib mir einen Moment«, sagte Cardenia zu Marce. Die beiden waren im Privatbüro der Imperatox, wo sie sich, wie Marce plötzlich wieder einfiel, zum ersten Mal getroffen hatten, und zwar vor gar nicht allzu langer Zeit. Jetzt und hier waren sie für einen kleinen Moment miteinander allein, im kurzen Interregnum, nachdem Cardenias Assistenten das Büro verlassen hatten und bevor sie zurückkehren würden, mit der nächsten Verabredung der Imperatox im Schlepptau.

Marce nickte. »Wechselst du in deine Rolle?«

»Das ist keine Rolle, das bin ich«, erwiderte Cardenia. »Und ja. Jetzt sei still.«

Marce grinste und beobachtete, wie Cardenia die Augen schloss, tief durchatmete und ihre Verwandlung in Imperatox Grayland II. vollzog. Von außen betrachtet war es gar keine große Veränderung – die Wirbelsäule etwas gerader und ein bestimmter Gesichtsausdruck –, doch inzwischen hatte Marce es oft genug erlebt, um zu verstehen, dass die Verwandlung größtenteils innerlich stattfand, ein Wechsel der Perspektive vom »privaten Ich« zum »imperialen Wir«.

Als Marce die Imperatox gerade erst kennengelernt hatte – also während der Phase, in der sie sich angefreundet hatten, aber noch kein Liebespaar geworden waren –, hatte er sich ein wenig über die Verwandlung amüsiert. Nun erkannte er, wie notwendig sie war, nicht nur damit Cardenia für sich selbst den Unterschied zwischen ihrer privaten Person und ihrer öffentlichen Rolle definierte, sondern auch für alle anderen, mit denen sie zu tun hatte. Es war einfach, Cardenia Wu-Patrick zu ignorieren, die junge Frau, die zufällig in eine Position geraten war, die sie nicht gewollt hatte und auf die sie nie vorbereitet worden war. Doch es war weitaus schwieriger, Imperatox Grayland II. zu ignorieren.

Das heißt, jetzt ist es schwieriger, stellte Marce richtig. Es hatte eine Weile gedauert und die Verhaftung eines Drittels der herrschenden Klasse der Interdependenz erfordert. Aber Grayland hatte es geschafft. Marce lächelte still in sich hinein. Er war ziemlich stolz auf seine Freundin.

Grayland bemerkte das lächelnd. »Was ist?«

»Ich werde es Euch später erklären, Euer Majestät«, antwortete Marce. Wenn Cardenia im Grayland-Modus war, achtete er darauf, sie mit der gleichen Höflichkeit zu behandeln wie alle anderen am Hof. Vielleicht hatten frühere imperiale Liebhaber ihre Position genutzt, sich leger und respektlos zu verhalten, aber so war Marce nicht. Er war sich gar nicht sicher, ob er überhaupt respektlos sein konnte, wenn er es denn versuchen würde.

Grayland nickte und deutete auf die Tür. »Die beiden werden nicht von dem begeistert sein, worum wir sie bitten werden«, sagte sie. Marce war klar, dass sich ihr »Wir« nicht auf sie und ihn bezog, sondern allein auf Grayland. Marce war Teil ihres Stabs.

»Ihr verlangt eine Menge von ihnen«, sagte er.

»Ja, schon klar«, sagte Grayland und richtete ihren Blick dorthin, wo ihre nächsten Gäste bald eintreten würden. »Wir verlangen von allen sehr viel. Bei ihnen wird es nicht anders sein.«

»Jawohl, Ma’am«, sagte Marce. Grayland schaute kurz zu ihm, mit einem kleinen und privaten Lächeln auf den Lippen. Marce wusste, dass es ihr gefiel, wenn er so förmlich wurde.

Eine Tür öffnete sich, und Admiralin Gini Hurnen und General Luc Bren wurden hereingeführt. Hurnen hatte den Oberbefehl über die Imperiale Flotte, Bren den über die Imperialen Marines. Normalerweise wurden die beiden von einem großen Gefolge und Leibwächtern begleitet, doch zu diesem Treffen erschienen nur sie beide. Nach den Vorstellungen und den Nettigkeiten zog sich auch Graylands Personal zurück und ließ die Offiziere, die Imperatox und Marce miteinander allein.

Marce beobachtete, wie Hurnen und Bren ihm einen kurzen Blick zuwarfen und ihre Aufmerksamkeit dann genauso schnell wieder der Imperatox zuwandten. Er war als Lord Marce Claremont vorgestellt worden, und seine Rolle als wissenschaftlicher Berater der Imperatox in Sachen Ströme war allgemein bekannt. Genauso bekannt, wenn auch öffentlich nicht allgemein anerkannt, war er als »Freund« der Imperatox, mitsamt allen gesellschaftlichen Komplikationen, ob positiv oder negativ, die mit dieser speziellen Position einhergingen.

Das bereitete Marce keine besonderen Sorgen – er hatte es verstanden –, aber es bedeutete, dass er sich einen Moment der stillen Belustigung gönnen konnte, während diese beiden äußerst mächtigen Personen sich fragten, warum er bei diesem Treffen anwesend war. Die anderen drei waren die mächtigsten Personen im bekannten Universum. Seine Anwesenheit bei diesem Treffen war entweder der Vorliebe einer Imperatox geschuldet oder hatte völlig andere Ursachen. Marce genoss es, Hurnen und Bren zu beobachten, wie sie überlegten, was zutreffen mochte.

Sie werden es früh genug erfahren, dachte Marce.

Und tatsächlich erfuhren sie es fast sogleich.

»Wir müssen eine Armada nach Ende schicken«, sagte Grayland zu ihren militärischen Befehlshabern. »Eher früher als später.«

Hurnen und Bren rückten sich unbehaglich auf ihren Stühlen zurecht und schauten sich an, bevor Admiral Hurnen sich räusperte. »Damit gibt es ein Problem, Euer Majestät«, sagte sie.

»Sie werden uns erwidern, dass die Prophecies of Rachela jedes Schiff vernichten wird, das den Strom ins Ende-System verlässt«, vermutete Grayland.

»Ja«, stimmte Hurnen ihr zu. »Und nicht nur die Rachela. Nach dem Staatsstreich gegen Sie sind Flottenkommandanten, die darin verwickelt waren, mit ihren Schiffen und Besatzungen nach Ende geflohen. Inzwischen sind dreizehn weitere Schiffe unterschiedlicher Größe und Ausrüstung auf dem Weg nach Ende, und wahrscheinlich sind alle der Familie Nohamapetan loyal ergeben.«

»Mehr als genug, um jede dort existierende Strommündung zu überwachen und zu verteidigen, Euer Majestät«, fügte Bren hinzu.

»Und wir könnten ihnen keine zahlenmäßige oder waffentechnische Übermacht entgegensetzen?«, fragte Grayland.

»Das wäre schwierig«, sagte Hurnen.

»So etwas wird uns erklärt, wenn jemand nein sagen möchte, aber den Eindruck hat, es nicht tun zu dürfen.«

»Ja«, sagte Hurnen. »Aber in diesem Fall meine ich es wirklich so.«

»Dann definieren Sie ›schwierig‹.«

»Schiffe, Minen, Verteidigungssysteme an den Mündungen. Alles wird innerhalb von Sekunden gegen alles eingesetzt, was eintrifft. Zivile Schiffe werden unverzüglich vernichtet. Unsere Schiffe werden den ersten Kontakt überstehen, aber wenn die Kommandanten der Rebellenschiffe schlau sind – und das sind sie, weil wir sie ausgebildet haben –, werden sie unsere Schiffe in kürzester Zeit auseinandernehmen.«

»Können wir es nicht so koordinieren, dass unsere Schiffe zum selben Zeitpunkt eintreffen?«

»Um ihnen zu viele Ziele zu bieten, die sie nicht auf einmal angreifen können?« Hurnen schüttelte den Kopf. »Nein. Strommündungen sind nicht groß genug, um mehr als ein oder zwei Schiffe auf einmal durchzulassen, und selbst wenn die Schiffe gleichzeitig von Nabe aufbrechen, treffen sie möglicherweise nicht gleichzeitig ein. Das Ganze ist keine exakte Wissenschaft.«

In diesem Moment warf Grayland Marce einen kurzen Blick zu. Marce wusste, warum sie das tat, und es war ein kleiner Augenblick, der nur ihnen beiden gehörte, aber keiner von ihnen sagte etwas dazu. »Also überlassen wir Ende den Nohamapetans«, sagte sie zu Hurnen.

»Nein, Ma’am«, entgegnete Hurnen spröde. »Aber wir möchten unsere Streitkräfte und Raumschiffe auch nicht für eine Unternehmung einsetzen, die zu unnötig hohen Verlusten führen würde.«

»Sie wollen nicht, dass Ihre Leute sterben.«

»Nicht wenn es sich vermeiden lässt, Ma’am.«

»Könnten Sie es vermeiden?«

»Wir arbeiten daran.«

»Vielleicht können wir helfen«, sagte Grayland.

Marce bemerkte nun etwas, das die Imperatox ihm vorausgesagt hatte: ein nachsichtiges und amüsiertes, vielleicht ein wenig zu herablassendes Lächeln auf den Gesichtern ihrer Befehlshaber. Hurnen und Bren hatten für einen Moment nicht mehr Grayland, sondern Cardenia gesehen. »Wir sind stets für Vorschläge offen, Euer Majestät«, sagte Hurnen.

Grayland wandte sich an Marce. »Bitte!«

»Kurz nach dem versuchten Staatsstreich erwähnte ich gegenüber der Imperatox, dass ich eine Möglichkeit gefunden haben könnte, sich ins Ende-System einzuschleichen«, erklärte Marce den Offizieren.

»Was?«, sagte General Bren verwirrt.

»Während die Ströme kollabieren, öffnen sich ein paar neue. Kurzzeitige Ströme, ein Phänomen, das meine verstorbene Kollegin Hatide Roynold und ich als ›Evaneszenz‹ bezeichnet haben. Diese neuen Ströme halten sich von einigen Minuten bis zu mehreren Jahren. Mein Vorhersagemodell deutet darauf hin, dass sich ein solcher evaneszenter Strom nach Ende öffnen wird.«

»Ihr ›Vorhersagemodell‹.«

»Ja. Als ich der Imperatox erstmals davon berichtete, hatte ich die Daten gerade erst neu ausgewertet, und mein Vertrauen in das Modell war nicht besonders groß. Seitdem habe ich daran weitergearbeitet. Jetzt ist mein Vertrauen deutlich größer.«

»Wie groß genau?«

»Ich bin mir hinreichend sicher, um selbst einen solchen Flug mitzumachen.«

»Lord Marce war es, der den neu gebildeten Strom nach Dalasýsla entdeckt hat«, sagte Grayland. »Danach hat er weitere neue Ströme vorhergesagt, deren Existenz von den Wissenschaftlern vor Ort bestätigt wurde. Wenn er von einer Vorhersage überzeugt ist, vertrauen wir ihm.«

Admiral Hurnens Gesicht zeigte kurz einen anderen Ausdruck, der schnell wieder verschwand, aber Marce registrierte ihn dennoch. Er wusste, dass ein Natürlich vertraust du ihm, weil du ihn vögelst dahinterstand. Marce schaute zu Grayland hinüber und erkannte, dass auch sie es bemerkt hatte und dass es ihr missfiel, obwohl ihr klar war, dass die Unterstellung durchaus gerechtfertigt war. »Selbstverständlich erwarten weder Lord Marce noch ich von Ihnen, dass sie uns einfach beim Wort nehmen. Lord Marce wird Ihren Wissenschaftlern diese Daten zur Überprüfung und Verifizierung zur Verfügung stellen.«

»Wer hat sie sonst noch gesehen?«, fragte Hurnen.

»Niemand«, sagte Marce. »Als ich die Imperatox darüber informierte, bat sie mich, diese Informationen von den Daten zu trennen, die ich anderen Wissenschaftlern zugänglich mache. Niemand sonst hat diese speziellen Daten gesehen, und in keinem Modell anderer Wissenschaftler wird sich dieser spezielle evaneszente Strom zeigen.«

»Es sei denn, jemand anderer hat es bemerkt und es für sich behalten, genauso wie Sie«, sagte Bren.

Marce nickte. »Das wäre möglich. Dazu möchte ich sagen, dass jeder Wissenschaftler, der mit diesen Daten arbeitet, wohl oder übel die Modelle benutzt, die von meinem Vater entwickelt und von mir verfeinert wurden. Ich weiß, wie die Lücke in meinen öffentlichen Daten aussieht und wie sie die Modelle beeinflusst, die daraus abgeleitet werden. Sie ist sehr klein, mathematisch gesehen, aber sie ist da. Ich würde es bemerken, wenn jemand auf die gleiche Weise etwas verbergen würde. Ich würde es in den Modellen erkennen.«

»Und Sie sind sich ganz sicher?«

Marce zuckte mit den Schultern. »Es ist nur Mathematik.«

»Ihnen ist bewusst, dass das Schicksal von mehreren Dutzend Schiffen und Tausenden meiner Leute von Ihrer Mathematik abhängen würden«, sagte Hurnen.

»Mehr als nur das, Admiral«, warf Grayland ein. »Es geht um das Schicksal von Milliarden.«

»Ja, Ma’am«, akzeptierte Hurnen die Richtigstellung. »Doch zuerst wäre es das Schicksal meiner Leute.«

Grayland nickte. »Wenn Lord Marces Daten für Sie zuverlässig genug sind, wie lange würde es dann dauern, die Schiffe zu versammeln und den Einsatz vorzubereiten?«

Hurnen wandte sich an Marce. »Wo beginnt der Strom in Ihrem Modell und wie viel Zeit würde der Transit beanspruchen?«

»Er beginnt im Ikoyi-System«, sagte Marce.

»Das ist das Heimatsystem des Hauses Lagos«, sagte Bren.

»Ja.«

»Gibt es damit irgendein Problem, General?«, fragte Grayland.

»Die Familie ist schwierig.«

»Darum werden wir uns kümmern«, versprach Grayland.

Bren lächelte darüber. »Ja, Euer Majestät.«

»Für den Transit nach Ende müssten Sie drei Monate veranschlagen«, fügte Marce hinzu.

Hurnen hob die Augenbrauen. »Tatsächlich?« Die Reise von Nabe nach Ende dauerte neun Monate.

»Aber es gibt einen Haken«, gab Marce zu bedenken.

»Welchen?«

»Ich habe berechnet, dass der Strom von Ikoyi nach Ende nur für etwa fünf Monate offen sein wird.«

»Wann wird er sich öffnen?«

»In etwa drei Wochen.«

»Und wir sollten uns nicht im Strom aufhalten, wenn er zusammenbricht«, sagte Bren.

»Genau«, bestätigte Marce. »Einige Ströme kollabieren von einem Ende zum anderen, andere unregelmäßig und wieder andere mit einem Schlag. Dieser Strom fällt unter die Kategorie ›mit einem Schlag‹.«

Hurnen wandte sich Grayland zu. »Ich höre also, dass wir bestenfalls drei Monate Zeit haben, um eine Gruppe zusammenzustellen, die Ende zurückerobern soll, bevor der Strom kollabiert und jedes Schiff, das noch darin unterwegs ist, ins Verderben reißt.«

»Ja«, sagte Grayland. »Ist das machbar?«

»Es ist … schwierig.«

Schon wieder dieses Wort, dachte Marce.

Grayland hatte es ebenfalls bemerkt. »Danach haben wir nicht gefragt«, sagte sie.

Hurnen verzog das Gesicht. »Das ist uns bewusst, Ma’am.«

»Dann möchte ich etwas klarstellen, Admiral Hurnen, General Bren«, sagte Grayland und schaute beide an, während sie ihre Namen aussprach. »Wir haben nicht die Absicht, Ende den Nohamapetans zu überlassen. Sie sind eine Gefahr für die derzeitigen Bewohner des Planeten und für alle, die dort Zuflucht suchen wollen. Diese Flüchtlinge sind bereits unterwegs, Admiral. Es werden noch viel mehr sein, bevor das alles vorbei ist. Wenn es machbar ist, dann werden wir es machen, ob es nun schwierig ist oder nicht.«

»Es ist machbar, Euer Majestät«, sagte Bren. »Aber mit allem Respekt, Ihnen sollte bewusst sein, was Sie von uns erwarten. Sie erwarten einen massiven und kurzfristigen Einsatz von Streitkräften, die wir aus den Systemen zusammenziehen müssten, mit denen wir in Verbindung stehen und die rechtzeitig Schiffe und Besatzungen zum Ikoyi-System entsenden können, um den Strom zu nutzen, bevor er kollabiert. Jedes Schiff, jeder Soldat, jedes Besatzungsmitglied, das wir nach Ende schicken, geht auf eine Reise ohne Wiederkehr. Sie werden ihre Angehörigen nie wiedersehen. Alle, die sich zum Dienst verpflichten, wissen, worauf sie sich einlassen und dass sie vielleicht für viele Jahre fern von zu Hause sein werden. Aber was Sie nun erwarten, ist weit mehr als eine übliche Dienstverpflichtung. Letztlich erwarten Sie, dass diese Menschen ihr Leben geben.«

Grayland dachte darüber nach. »Sie glauben, es wird wegen dieses Befehls zu Meutereien kommen?«

Bren sah sie an, als hätte er eine Ohrfeige bekommen. »So etwas habe ich nicht gesagt … Ma’am.« Das letzte Wort wurde hastig hinzugefügt. Marce bemerkte, dass Grayland bereit war, es ihm durchgehen zu lassen.

»Es geht nicht nur um die Besatzungen und die Soldaten, Ma’am«, sagte Hurnen. »Auch diese Schiffe werden nicht mehr zurückkehren.« Sie wandte sich Marce zu. »Es sei denn, Sie können einen Strom vorhersagen, der in nächster Zukunft von Ende wegführt.«

»Leider nicht«, sagte Marce.

Hurnen nickte. »Dann sind es entsprechend viele Schiffe weniger, die uns hier für die zu erwartenden Unruhen zur Verfügung stehen.«

»Wir können mehr Schiffe bauen«, sagte Grayland.

»Die Auftragsbücher Ihrer Cousins sind bereits fast voll«, sagte Hurnen und spielte damit auf das Haus Wu an.

»Davon sind wir überzeugt«, gab Grayland trocken zurück. »Doch wir können das Argument vorbringen, dass der Bedarf der Imperialen Flotte Vorrang hat. Und was die Besatzungen und die Soldaten betrifft …« Grayland wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Bren zu. »Wenn wir sie nicht zu ihren Familien zurückbringen können, sollten wir vielleicht versuchen, ihre Familien zu ihnen zu bringen.«

»Sie schlagen vor, diese Familien nach Ende zu schicken?«, sagte Hurnen.

»Ja. Nach einer angemessenen Zeitspanne, die erforderlich ist, um die Gefahr der Nohamapetans auszuschalten und wieder Stabilität auf Ende herzustellen.«

»Die Logistik für eine solche Unternehmung wäre …«

»Schwierig, ja«, vervollständigte Grayland den Satz. »Genauso wie die Logistik der Zusammenstellung der Flotte, die wir nach Ende schicken wollen. Admiral, General. Bitte verstehen Sie, dass wir nicht erwarten, dies alles würde einfach oder problemlos ablaufen. Und verstehen Sie bitte auch, dass wir nicht erwarten, dass in nächster Zukunft irgendetwas einfach oder problemlos sein wird. Wir alle stehen vor schwierigen Entscheidungen, und wir alle werden Opfer bringen müssen. Vielleicht wären Sie so nett, mit gutem Beispiel voranzugehen.«

»Nun gut.« Hurnen und Bren sahen sich wieder an und erhoben sich dann von ihren Plätzen. »Wir müssen zunächst herausfinden, welche Schiffe und Besatzungen kurzfristig verfügbar wären. Wir werden Ihnen morgen früh Bescheid geben.«

»Vielen Dank, Admiral«, sagte Grayland.

Hurnen sah Marce an. »Und Sie werden uns diese Daten schicken, damit unsere Leute sie überprüfen können. Wir werden sie mit dem Mikroskop durchgehen.«

»Ja, selbstverständlich.«

»Ihnen ist klar, wenn unsere Leute irgendetwas Fragwürdiges in Ihren Daten finden, können wir nicht weitermachen.«

Marce nickte. »Wenn Ihre Leute irgendwelche Fragen haben, werde ich mich gern darum kümmern.«

Der Admiral bedachte Marce mit einem Blick, der sich zweifelsohne mit Wehe, wenn du mir meine Zeit stiehlst, Lustknabe übersetzen ließ. Dann folgten die üblichen Abschiedsnettigkeiten, und schließlich waren Marce und Grayland wieder miteinander allein, zumindest für die wenigen Minuten, die Graylands Leute brauchten, um die nächste Verabredung hereinzuführen.

Grayland seufzte, sah Marce an und wurde wieder zu Cardenia.

»Ich glaube, der Plan gefällt ihnen nicht«, sagte Marce.

»Mir war klar, dass er ihnen nicht gefällt«, sagte Cardenia. »Mit diesem ›Wenn es irgendein Problem mit den Daten gibt‹ hat der Admiral nach einer Möglichkeit gesucht, sich aus der Affäre ziehen zu können.«

»Es gibt kein Problem mit den Daten«, versicherte ihr Marce.

»Das heißt allerdings nicht, dass sie kein Problem finden werden.«

»Wenn das passiert, wird die Mathematik ihnen zeigen, dass das Problem bei ihnen und nicht in den Daten liegt.«

Cardenia streckte sich. »Ich wünschte, ich hätte deine Zuversicht.«

»Ich finde, du hast genug.«

»Nicht in mich, sondern in sie.« Cardenia deutete auf die Tür. »Ich bin leicht verärgert, dass sie deine Arbeit bereits wegen deiner Beziehung mit mir in Frage stellen.«

Marce grinste. »Ach, das ist dir aufgefallen?«

»Ich wollte ihr was auf die Fresse geben.«

»Das wäre vermutlich kein kluger Schachzug gewesen.«

»Aber es hätte sich gut angefühlt. Für ungefähr fünf Sekunden. Tut mir leid, dass sie deine Arbeit in Zweifel gezogen haben.«

»Das ist nicht deine Schuld«, sagte Marce.

»Irgendwie doch«, gab Cardenia zu bedenken.

»Ja, gut. Es ist deine Schuld, aber das stört mich nicht. Insgesamt läuft alles recht gut für mich.«

»Es freut mich, dass Ihr so denkt, Lord Marce.«

Marce lächelte erneut. »Vielen Dank, Ma’am.« Er stand auf und verbeugte sich kunstvoll, was Cardenia zum Kichern brachte. »Gäbe es sonst noch etwas zu erledigen?«

»Im Moment nicht. Vielleicht später.« Cardenia stöhnte. »Viel später, denn mein heutiger Terminplan ist einfach nur verrückt. Ich kann mich glücklich schätzen, wenn ich vor Mitternacht fertig bin. Tut mir leid.«

»Schon gut. Ich habe auch noch einiges zu tun.«

»Ja. Uns alle mit Hilfe der Mathematik retten.« Cardenia lächelte. »Weshalb ich dich zurzeit nur selten sehe.«

»Das ist nicht der einzige Grund, Madame Ich-habe-Termine-bis-Mitternacht.«

»Klar doch, wende meine eigenen Worte gegen mich. Gut, aber wenn du Pause machst, denk wenigstens an mich.«

»Wahrscheinlich werde ich keine Pause machen, bevor ich bewusstlos ins Bett falle.«

»Auch gut, Lord Marce. Dann träum stattdessen von mir.«

Als er schlief, träumte Marce von Mathematik.

Mathematik war nicht das übliche Thema seiner Träume. Bisher hatte er darin meistens die Ereignisse der letzten paar Tage aufgearbeitet, jedoch auf unausgegorene, unzusammenhängende Weise, mal mit und mal ohne Hose. Gelegentlich träumte er davon, wieder zur Schule zu gehen, während er gleichzeitig Student war und eine Hochschulklasse in Physik unterrichtete, wobei er auch nur gelegentlich eine Hose trug. Während der neunmonatigen Reise von Ende nach Nabe hatte er fast gar nicht geträumt – die Schiffsbesatzung hatte ihm erzählt, dass das keineswegs ungewöhnlich war und man sogar vermutete, dass der Strom den Schlaf beeinflusste – und wenn er doch träumte, dann stand er häufig auf den grünen und stillen Hügeln seiner Heimatprovinz. In diesen Fällen bemerkte er nie, ob er eine Hose trug oder nicht. Es schien in diesen Momenten nicht von Bedeutung zu sein.

Aber jetzt ging es um Mathematik.

Wüste Mathematik. Unbegreifliche Mathematik. Von der Art, wie sie die größten Geister jedes Zeitalters ärgerte und verblüffte, ganz zu schweigen von denen seiner eigenen Zeit.

Marce hätte diese Träume nicht einmal ansatzweise beschreiben können. Diese mathematischen Träume waren für gewöhnlich nicht visuell im eigentlichen Sinn. Es ging nicht darum, Zahlen oder Gleichungen oder sonstige Dinge zu sehen, von denen Marce andernfalls geträumt hätte. Sie konzentrierten sich auch nicht auf Klänge oder andere konkrete Sachen. Stattdessen waren Marces Träume vom Wesen und der Bedeutung von Mathematik gesättigt – von der überwältigenden Präsenz der Disziplin, ihrem enormen Einfluss, der Relevanz für alles, was Marce tat und war, und für die Zivilisation, die er erhalten wollte.

Marce war sich durchaus bewusst, warum er von Mathematik träumte. Sie umfasste nahezu alles, was derzeit sein Leben ausmachte, wenn er die Daten über die Ströme aus Jahrhunderten durchging. Er suchte nach Mustern oder einem Sinn oder danach, wie die Ströme mit dem normalen physikalischen Raum interagierten oder wie sie sich beeinflussen ließen, falls sich das so am besten bezeichnen ließ, um Milliarden vor dem Schicksal der Isolation und einem langsamen Tod zu bewahren. Wenn sich die Ströme beeinflussen ließen, wäre das für Marce keine Kommunikation in irgendeiner menschlichen Sprache. Es wäre eine Kommunikation in der Sprache der Mathematik.

Allerdings ließen sich die Ströme nicht ohne weiteres beeinflussen.

Und Marce konnte auch nicht mit ihnen debattieren oder verhandeln oder sie anflehen, sie umschmeicheln oder ihnen drohen. Die Ströme waren nichts Menschliches und interessierten sich nicht für menschliche Angelegenheiten. Man konnte die Ströme so sehr anthropomorphisieren, wie man wollte, doch sie würden nie darin einwilligen oder irgendetwas bestätigen. Sie waren buchstäblich etwas Fremdes in diesem Universum. Man konnte sie nur verstehen, wenn man sich ganz auf sie einließ.

Und das tat Marce, wenn er seine Tage fast ausschließlich mit Mathematik verbrachte und versuchte, die Probleme zu lösen, für die nur er die nötige Erfahrung besaß.

In gewisser Hinsicht trieb ihn das in völlige Isolation. Marce war keineswegs einsam – er war in einer Beziehung, und während seiner Zeit auf Nabe und in Xi’an hatte er Freunde, Verbündete und professionelle Kollegen gefunden –, aber dennoch lebte er meistens ganz allein in seinem Kopf. Er sah seine Freunde immer seltener, Kollegen meldeten ihm manchmal Entdeckungen oder baten ihn wegen eines bestimmten Problems um Rat, um sich dann wieder in ihre eigene Isolation zurückzuziehen.

Einmal hatte er gegenüber seiner Freundin angesprochen, wie isoliert er sich bei seiner Arbeit fühlte, bis ihm mitten in der Formulierung dieses Gedankens klar wurde, dass sie schließlich die Imperatox der Interdependenz war. Die Isolation, die er in dieser einen Sache empfand, war ein Maulwurfshügel im Vergleich zum Berg der Isolation mit den buchstäblich Dutzenden von Dingen, mit denen sie sich im Moment auseinandersetzte. Er wechselte mitten im Satz das Thema. Seine Freundin, die Imperatox, fand seine verbale Ungeschicktheit charmant.

Das alles musste irgendwie heraus. Also geschah es in Marces Träumen, wenn sein Unterbewusstsein zu lösen versuchte, was sein Bewusstsein als unlösbar einstufte.

Marce verstand, warum er diese mathematischen Träume hatte, und wusste es auf intellektueller Ebene sogar zu schätzen. Doch das machte es nicht weniger entnervend. Wenn er den ganzen Tag mit Mathematik arbeitete und die ganze Nacht von Mathematik träumte, wachte er mathematisch völlig ausgelaugt auf.

Was normalerweise kein Problem gewesen wäre. Marce hätte einfach Urlaub machen können. Doch wenn die Zivilisation buchstäblich an der Schwelle zum Untergang stand, fühlte sich ein Urlaub wie ein ausschweifender Luxus an.

So ging es über Wochen. Mathematik überall und die ganze Zeit, während Marce einer Lösung der Probleme, die auf ihm lasteten, kein Stück näher gekommen war.

Doch in dieser Nacht hatte Marce einen andersartigen Traum.

Darin ging es sehr wohl um Mathematik, so dass dieser Punkt keineswegs anders war. Doch zum ersten Mal war es kein Traum von allgemeiner mathematischer Beklemmung. In diesem Traum geschah etwas in seiner Traumerfahrung Ungewöhnliches, denn Marce sah tatsächlich eine Gleichung. Sie war so klar, wie sie es in einem Traum nur sein konnte, also voller sich verschiebender Elemente und verschnörkelter Linien, die sich bewegten, wenn man sie genauer betrachtete.

Doch als er die Gleichung betrachtete, wusste er genau, was sie beschrieb: eine instabile Strommündung, die schrumpfte und sich gleichzeitig zurückzog, die sich auf eine Weise durch den Raum bewegte, wie Mündungen es normalerweise nicht taten oder eigentlich nicht tun sollten oder niemals taten, vielleicht mit einer Ausnahme.

An diesem Punkt drängte sich Marces Bewusstsein in den Traum. Das habe ich schon einmal gesehen, dachte es. Wo habe ich das schon einmal gesehen?

Marce wurde schlagartig wach, setzte sich im Bett auf und nahm sein Tablet vom Nachttisch. Es wurde hell und wartete auf seine Anweisungen.

»Mnungh«, murmelte Cardenia, die wie angekündigt weit nach Mitternacht zu Bett gegangen war und den bereits schlafenden Marce nur flüchtig zur Kenntnis genommen hatte, bevor sie sich in ihr Kissen fallen ließ. »Zu hell.«

»Tut mir leid«, sagte Marce und verließ nackt das Bett, damit Cardenia nicht vom Schein des Tablets gestört wurde. Er setzte sich in einen Sessel und rief die Dateien mit den Informationen auf, die sein Vater in dreißig Jahren zusammengestellt hatte – Daten, die von den Handelsschiffen gesammelt wurden, die die Ströme von einem System zum nächsten befuhren und die winzigen Verschiebungen und Veränderungen eines Stroms registrierten, die sich daran erkennen ließen, wie die Schiffe in das Medium eintraten, sich darin bewegten und schließlich austraten.

Marce suchte nach einer ganz speziellen Sache, und kurz vor dem Ende der Datensammlung seines Vaters fand er sie: eine anomale Strommündung, die von einem Schiff entdeckt worden war, das unbeabsichtigt den Strom verlassen hatte, als dieser so etwas Ähnliches wie eine Ruptur durchmachte und das Schiff in den Normalraum ausspuckte, Lichtjahre vom vorgesehenen Ziel und viele Billionen Kilometer vom nächsten System mit menschlicher Besiedlung entfernt. Dann hatte das Schiff die anomale Strommündung bemerkt und war darauf zugerast, konnte im letzten Moment hineinfliegen, bevor sie sich wieder schloss. Es war ein außergewöhnliches Ereignis gewesen. Kurzzeitig.

Evaneszent.

»Heilige Scheiße«, sagte Marce laut.

»Mnungh«, wiederholte Cardenia.

Marce hörte es gar nicht. Er war bereits an der Tür, auf dem Weg zu seinem Büro, um mit der Arbeit loszulegen.

Dann schreckte er hastig zurück, als er den bestürzten Ausdruck des imperialen Leibwächters vor dem Schlafzimmer der Imperatox sah. Marce war so sehr in seinen Gedanken verloren, dass er ganz vergessen hatte, dass er nackt war. Er schnappte sich einen Morgenmantel und stürmte schließlich durch die Tür, während Gleichungen – richtige, ohne Schnörkel – in seinem Kopf tanzten.