Siebeneinhalb Minuten lang wurden die Drachen von Nabenfall für ihren Titelgewinn gegen Feuer von Essex beglückwünscht. Dazu gehörte, gütig einen Spielball als Geschenk entgegenzunehmen (der nach einer kurzen Phase in Graylands Besitz, was ihm angeblich eine Art von Magie verlieh, an die Drachen zurückgehen würde, als »Leihgabe der Imperatox«, um im Sportzentrum des Teams ausgestellt zu werden) und die schlechte Platzierung der Schiffbauer von Xi’an zu bedauern, des imperialen Fußballteams.
Darauf folgten eine Stunde lang zehnminütige Treffen mit verschiedenen Leitern von Infrastrukturabteilungen, die für das physikalische Wohlergehen von Xi’an verantwortlich waren, dem imperialen Weltraumhabitat, in dem die Imperatox und viele tausend andere lebten. Xi’an war das Juwel unter allen Raumstationen und gleichzeitig das älteste noch existierende Weltraumhabitat und deswegen auf eine Weise eigentümlicher und zimperlicher als modernere Habitate.
Um nur ein Beispiel zu nennen, war das Luftzirkulationssystem des Xi’an-Habitats so angelegt, dass, wie die Imperatox erfuhr, bestimmte Routinewartungsarbeiten, wenn sie nicht in der vorgesehenen Reihenfolge durchgeführt wurden, dazu führen konnten, dass die Atemluft aus der Kathedrale von Xi’an direkt in den Weltraum abgelassen wurde. Anscheinend hatte irgendein weltfremder Ingenieur gedacht, die Dekompression wäre eine geniale Methode, um jeden Brand zu löschen, der dort ausbrechen mochte, ohne das Innere der Kathedrale durch Wasserschäden oder die Einwirkung anderer Feuerschutzmittel zu gefährden.
Eine einzige Codezeile im Wartungsprogramm des Xi’an-Habitats bewahrte die Kathedrale davor, plötzlich sauerstofffrei zu werden – doch diese Zeile war vor kurzem bei einem Systemupdate gelöscht worden. Danach hätte drei Monate lang nichts die menschliche Inkompetenz davon abgehalten, Erzbischöfin Korbijn und Hunderte von Gläubigen während eines Morgengottesdienstes schlagartig ersticken zu lassen. Grayland räumte ein, dass dies kein optimales Resultat gewesen wäre, weder für die Kirche noch für ihre Gemeinde, und war erleichtert, dass zumindest dieses Problem gelöst worden war.
Dann wurde sie zwanzig Minuten lang von Kommandant Wen, dem Adjutanten von Admiral Hurnen, auf den neuesten Stand gebracht, was den Status der Ende-Armada betraf, wie Grayland die Unternehmung in ihrem Kopf bezeichnete, obwohl ihr erklärt wurde, dass es eher ein »Einsatzkommando« sein würde, was für Grayland allerdings nicht so großartig klang.
Die anfänglichen Schätzungen waren nicht besonders ermutigend – die Anzahl der Großraumschiffe, die verfügbar waren und rechtzeitig zum Ikoyi-System geschickt werden konnten, war nicht groß, genauso wie die der Versorgungsschiffe. Kommandant Wen versicherte Grayland, dass es lediglich eine erste Abschätzung war und weitere Nachforschungen zweifellos eine höhere Verfügbarkeit ergeben würden. Grayland rief Kommandant Wen den Zeitdruck ins Gedächtnis. Kein Teilnehmer dieses Treffens verließ es allzu erfreut.
Dann fünf Minuten Pause, die Grayland hauptsächlich in der Toilette verbrachte. Wäre Cardenia Wu-Patrick frühzeitig darüber informiert worden, dass zu den nützlichsten Fähigkeiten, die ein Imperatox kultivieren konnte, vor allem die gehörte, die Ausscheidungsfunktionen über Stunden unterdrücken zu können, hätte sie das Jobangebot vielleicht ausgeschlagen. Cardenia hatte irgendwo gelesen, dass Häftlinge sich so sehr an den reglementierten Zeitplan des Gefängnislebens gewöhnten, dass sie das Bedürfnis, sich zu erleichtern, nur zu den festgelegten Zeiten verspürten. Cardenia hatte diesen Punkt noch nicht erreicht, aber sie konnte es auf jeden Fall nachempfinden.
Apropos Häftlinge – nach ihrem kurzen Boxenstopp ging es in Graylands nächsten fünfundvierzig Minuten darum, sich von ihrem Justizminister den Stand der Verfahren gegen die ach so zahlreichen mutmaßlichen Verräter erklären zu lassen, die sie wegen des Staatsstreichs ins Gefängnis hatte werfen lassen, wo sie nun auf ihre Prozesse warteten. Die Verhaftungen waren so zahlreich gewesen und die Missetäter von so hohem Status, dass es einige Verwirrung gegeben hatte, wie sie alle untergebracht und abgefertigt werden sollten. Ob es nun verräterischer Abschaum war oder nicht, es würde nicht gut aussehen, wenn die Oberhäupter eines Adelshauses und die Sprösslinge von anderen sich in einer Gemeinschaftszelle gegenseitig aufschlitzten.
Grayland hatte das Problem gelöst, indem sie die Jewel of the Stars abkommandierte, ein Kreuzfahrtschiff, das die Routen zwischen Nabe und den verschiedenen Habitaten innerhalb dieses Planetensystems bediente, um die Verräter vorläufig in die Gästekabinen des Schiffs zu stecken. Das Justizministerium bezahlte das Kreuzfahrtunternehmen für die Versorgung und Bewirtung, unterstützt durch ein großes Kontingent imperialer Sicherheitskräfte und strikte Kontrollen aller Personen, die an Bord der Jewel kamen oder sie verließen. Abgesehen vom Gejammer, das unweigerlich folgte, wenn irgendeinem Grafen oder irgendeiner Baroness eine Innenkabine auf einem unteren Deck ohne Sichtfenster zugewiesen worden war, klappte alles recht gut. Es kam kaum zu irgendwelchen Raufereien.
Was nicht so gut lief, wie Grayland herausfand, waren die Vorbereitungen der Prozesse gegen die Verräter. Es war keineswegs so, dass es dem Justizministerium an Beweisen gemangelt hätte, schließlich hatte Deran Wu vor seiner Vergiftung jede Menge Material geliefert. Der Grund waren vielmehr die Anwälte. Alle Verräter gehörten Adelshäusern an, die zahlreiche Anwälte beschäftigten, die größtenteils sehr gut waren. Das Justizministerium hingegen hatte nur eine relativ kleine Anzahl von Staatsanwälten zur Verfügung, von denen einige recht gut waren, während andere im Staatsdienst arbeiteten, weil sie vehement mittelmäßig waren und nicht an die Bombenjobs herankamen, die es bei den Adelshäusern und Gilden gab.
Den Anwälten der diversen Häuser war sehr wohl bewusst, dass ihren Klienten, sofern sie für schuldig befunden wurden, die Todesstrafe drohte (den Klienten, nicht den Anwälten, obwohl es in einigen Fällen auch die Anwälte treffen mochte). Deshalb überschütteten sie das Justizministerium mit Anfragen und Anträgen und nutzten alle möglichen Verzögerungen und Formalitäten, um ihre Klienten freizubekommen. Das Justizministerium, das natürlich auch noch andere Dinge zu tun hatte, war völlig überfordert. Hinzu kam, wie der Justizminister ausführte, dass die Welle der öffentlichen Unterstützung, die Grayland nach dem versuchten Staatsstreich zugeflossen war, schnell abebbte. Je länger die Verräter in ihrem Luxusgefängnisschiff dahinschmachteten, desto mehr Zeit hatten die Häuser und ihre Anwälte, sich Rückhalt zu verschaffen, ganz gleich, welcher Mittel sie sich dazu bedienten.
Grayland war aus verschiedenen Gründen nicht allzu besorgt wegen der Sache mit der öffentlichen Unterstützung, doch gegenüber ihrem Justizminister ging sie nicht weiter darauf ein. Es hatte keinen Sinn, dieses Problem mit ihm zu erörtern. Und ehrlich gesagt machte sie sich auch keine allzu großen Sorgen, weil die Verräter das juristische Prozedere in die Länge zogen. Grayland selbst bestand keineswegs darauf, dass die Verräter zum Tode verurteilt wurden, denn diese Art von rachsüchtiger Blutrünstigkeit war nicht ihr Ding. Wenn die Verräter auf Zeit spielten, war es ihre eigene begrenzte Zeit, die sie vergeudeten, und so lange konnte sie sich diese Leute wenigstens vom Leib halten.
Dennoch wäre es nicht gut, wenn Graylands Justizminister das Gefühl hätte, sie wäre unempfänglich für seine Sorgen, also bat sie ihn um seinen Rat. Der Minister hatte zwei Sachen vorgeschlagen: Erstens sollte dem Ministerium gestattet werden, externe Anwälte zu engagieren, die sich um einige der prominenteren Fälle kümmerten, damit das Ministerium nicht ins Hintertreffen geriet. Zweitens sollten mit einigen der Verrätern Vergleiche geschlossen werden, wenn sie aussagten und Namen nannten, worauf sie keine Todesstrafe zu befürchten hatten und ihre Haftzeit in den eigenen Gefängnissen ihrer Häuser in ihren Heimatsystemen absitzen konnten.
Grayland erklärte sich mit beiden Punkten einverstanden und schlug ihrem Minister vor, den zweiten strategisch zu nutzen, um den sich ausbreitenden Geschichten entgegenzuwirken, in denen Sympathie für die Verräter zum Ausdruck kam. Stattdessen sollte man sie juristisch gegeneinander ausspielen, was die Machenschaften ihrer Anwälte erschweren würde. Sie wusste, dass ihr Minister ohnehin diese Absicht verfolgte, aber ihr war klar, dass es ihm nützen würde, wenn er sagen konnte, dass die Idee von der Imperatox höchstpersönlich stammte. Und er schien tatsächlich dankbar zu sein, dass sie ihm genau das gab, was er von ihr brauchte. Beide beendeten das Gespräch mit dem Gefühl, dass sie den anderen geschickt beeinflusst hatten, was bedeutete, dass es ein gutes Gespräch gewesen war.
Dann fünfzehn Minuten mit Erzbischöfin Korbijn Tee trinken, was von Graylands sämtlichen Terminen während des ganzen Tages einem privaten Treffen noch am nächsten kam. Erzbischöfin Korbijn hatte sich, als an jenem schicksalhaften Tag der Staatsstreich stattfinden sollte, bekanntlich auf die Seite der Imperatox geschlagen. Seitdem hatte Grayland ihre Dankbarkeit gezeigt und in die imperialen Kasse gegriffen, um Korbijns Initiativen innerhalb der Kirche der Interdependenz finanziell zu unterstützen. Hinzu kam, dass Grayland die Erzbischöfin mochte. Die ältere Frau war immer freundlich zu Grayland gewesen und wusste besser als die meisten, was es bedeutete, für eine riesige Bürokratie verantwortlich zu sein, die nicht immer Verständnis für die Ziele oder das Ego einer Führungskraft aufbrachte. Im Großen und Ganzen hatten sie beide ähnliche Jobs, und es war nett, sich auch einmal mit jemandem zu unterhalten, der die besonderen Probleme auf dieser höheren Ebene nachvollziehen konnte.
Grayland sagte Erzbischöfin Korbijn nichts davon, dass sie während der letzten drei Monate wegen einer einzigen fehlenden Codezeile in ständiger Erstickungsgefahr gelebt hatte.
Als Nächstes folgte eine kurze Fahrt mit ihrem privaten Zugwaggon zur anderen Seite des Xi’an-Habitats und zum Komplex des Parlaments, wo sie ihre eigenen Büroräume hatte. Innerhalb des Parlaments der Interdependenz war Grayland streng genommen die Repräsentantin von Xi’an, und während sie dieses Amt in praktischer Hinsicht nicht ausübte, hatte sie dennoch ein Büro. Dort absolvierte sie in schneller Abfolge vier zehnminütige Gespräche mit ihren Parlamentskollegen, jeweils in Sechsergruppen, dann ging sie zum Plenarsaal hinüber, wo sie eine fünfzehnminütige Ansprache vor dem Jugendparlament des Nabe-Systems hielt, das sich für die alljährliche Sitzung in Xi’an zusammengefunden hatte. Die Teilnehmer waren begeistert, die Imperatox zu sehen, und Grayland stellte fasziniert fest, dass sie inzwischen so alt war, dass Jugendliche auf sie unglaublich jung wirkten. Das war neu.
Fünf Minuten später saß sie wieder in ihrem Privatwaggon und war zu ihrem Palastkomplex und zu einem Treffen unterwegs, vor dem ihr am meisten graute. Es ging um Gräfin Rafellya Maisen-Persaud vom Haus Persaud, das über das Lokono-System herrschte und das Monopol auf Schalentiere und bestimmte Knorpelfische innehatte. Im Lokono-System lebten fünfundsechzig Millionen Menschen auf sechs Monden, in zwölf größeren Habitaten und in über einhundert kleineren.
Außerdem war es das erste System, das den Vorhersagen zufolge vollständig vom Rest der Interdependenz abgeschnitten sein würde.
Vorläufig waren die drei eingehenden und vier ausgehenden Ströme stabil. In etwa sechs Monaten würde der erste der eingehenden Ströme – der von Nabe – kollabieren, gefolgt von den sechs übrigen innerhalb der folgenden elf Monate. Bis dahin würde es in fast allen anderen Systemen der Interdependenz zu kollabierenden Strömen kommen, doch es blieben immer noch einige übrig, über die sie, wenn auch nur spärlich, mit den restlichen Welten verbunden waren.
Grayland erwartete, dass die Gräfin auf spektakuläre Weise erzürnt sein würde, dass die Imperatox zwar genötigt gewesen war, dem Parlament sechs Monate (mittlerweile eher noch weniger) Zeit zu geben, um Möglichkeiten auszuloten, sie aber dennoch nichts unternommen hatte, um die fünfundsechzig Millionen Bürger des Lokono-Systems vor dem drohenden Kollaps zu schützen oder zu retten. Die Gräfin enttäuschte die Imperatox nicht. Als Repräsentantin ihres Adelshauses und jüngste Schwester der regierenden Herzogin lieferte Rafellya Maisen-Persaud einen preisverdächtigen Auftritt ab und hätte aus Verzweiflung über die Notlage ihres Volkes fast ihre Gewänder zerrissen. Am Ende überlegte Grayland, ob sie applaudieren sollte.
Sie tat es nicht. Nicht nur, weil es unhöflich gewesen wäre, sondern auch, weil sie wusste, dass die Gräfin gar nicht so besorgt um das Schicksal der Bürger des Lokono-Systems war. Rafellya Maisen-Persaud hatte an dem Treffen teilgenommen, von dem Kiva Lagos ihr erzählt hatte und das von Proster Wu veranstaltet worden war.
Vor allem hatte sie es bereits gewusst, bevor Lady Kiva ihr davon erzählt hatte, weil Jiyi dieses spezielle Geheimnis derselben Bank entrissen hatte, die Kiva manipuliert hatte, um der Verschwörung auf die Spur zu kommen. Jiyi hatte noch weitere Verschwörer bei anderen Banken aufgespürt sowie verschlüsselte Dokumente, in denen Einzelheiten über die Verschwörung enthalten waren – einschließlich eines Dokuments von der Gräfin, die ihr bei diesem Gespräch gegenübersaß. Ein bestimmtes Schreiben an ihre Schwester war am leichtesten zu knacken gewesen. Die Verschlüsselung selbst war auf dem neuesten Stand der Technik und hätte Jiyi jahrzehntelange Arbeit bereitet, hätte die Gräfin das Schreiben nicht auf einem Gerät diktiert, das mit ihrem Hausnetzwerk verbunden war und für das sie als nonbiometrisches Passwort den Namen ihres derzeitigen Hundes gewählt hatte (ein herzallerliebster Puschel namens Chestain), während das biometrische Passwort (ein Fingerabdruck) in den imperialen Systemen gespeichert war.
Grayland dachte nicht zum ersten Mal daran, wie gefährlich Jiyi eigentlich war: ein geheimer, imperiumsweit agierender persönlicher Spion der Imperatoxe, der alles wusste und alles preisgeben würde, sofern der betreffende Imperatox auf die Idee kam, danach zu fragen. Was Grayland tat.
Also wusste die Imperatox, dass Gräfin Rafellya Maisen-Persaud eine Schwindlerin war und dass sie dieses Treffen unter Vorspiegelung falscher Tatsachen eingefordert hatte. Es ging ihr gar nicht um das Wohlergehen der fünfundsechzig Millionen Menschen, die sie angeblich repräsentierte, sondern eher um die Möglichkeit, Nadashe Nohamapetan über die aktuellen Pläne der Imperatox zur Rettung der Interdependenz zu informieren, damit diese eine geeignete Falle vorbereiten konnte, in die Grayland tappen sollte. Grayland hatte nicht vor dem Treffen gegraut, weil sie keine Lösung für das Problem hatte, wie sich die vielen Millionen Lokonesen retten ließen – was für sich genommen deprimierend genug war –, sondern weil sie schon vorher gewusst hatte, wie entmutigend es sein würde zu erleben, wie die Gräfin vorgab, sich für etwas anderes als für ihr eigenes Schicksal oder das ihrer unmittelbaren Familienangehörigen und Freunde zu interessieren.
Genauso war es, doch im Moment ließ sich nichts daran ändern. Also beobachtete Grayland und hörte zu, wie die Gräfin ihre leidenschaftliche Show abzog, und als sie damit fertig war, dankte Grayland ihr für diesen Besuch und teilte ihr lediglich mit, dass man alles Menschenmögliche für das Lokono-System tun würde. Dann entließ sie die Gräfin, bevor sie sich für eine zweite dramatische Vorstellung in Fahrt bringen konnte. Insgesamt hatte das Treffen dreiundzwanzig Minuten gedauert.
Was bedeutete, dass Grayland ihrem Zeitplan unerwartet sieben Minuten voraus war.
Wovon sie neunzig Sekunden nutzte, um einen privaten Anruf zu tätigen und ihren Arbeitstag um ein letztes Gespräch zu erweitern.
»Wann wussten Sie, dass Ihre Herrschaft dem Untergang geweiht war?«, wollte Grayland von Tomas Chenevert wissen. Die beiden befanden sich allein auf der Brücke der Auvergne, nachdem Grayland ihre Leibwächter an der Tür zurückgelassen hatte. Die Auvergne hatte am privaten Dock der Imperatox angelegt, wo das Schiff angeblich genauso sicher war wie in ihrem Palast. Trotzdem waren ihre Wachen nicht glücklich damit, doch Grayland wollte sich unter vier Augen mit Chenevert unterhalten.
Chenevert hob eine Augenbraue, als er die Frage vernahm. »Erwarten wir etwa schlechte Neuigkeiten?«, fragte er zurück. Von allen Leuten, die Grayland kannte, behandelte Chenevert sie am ungezwungensten, nicht aufgrund irgendeiner pathologischen Respektlosigkeit vor dem Hochadel, sondern weil er selbst dem Hochadel angehörte. Er war der abgesetzte König von Ponthieu und stammte aus einer Zeit vor der Gründung der Interdependenz. Chenevert behandelte Grayland als Ebenbürtige, was diese sehr zu schätzen wusste. Niemand sonst tat das, nicht einmal Marce, der sich trotz ihrer intimen Beziehung nur allzu bewusst war, welche gesellschaftliche Kluft sich zwischen ihnen auftat.
»In letzter Zeit kenne ich nichts anderes als schlechte Neuigkeiten«, gestand Grayland.
»Ich weiß, und das tut mir sehr leid«, sagte Chenevert freundlich. »Ich meinte solche über einen neuen Staatsstreich.«
»Kein Staatsstreich, sondern Staatsstreiche. Es gibt mehrere davon.«
»Mehrere. Ich bin beeindruckt. Es ist nett, so beliebt zu sein.«
»Nicht auf diese Weise.«
»Vermutlich nicht. Ich könnte Ihnen natürlich erzählen, was ich über diese Angelegenheit denke, aber Sie könnten doch auch Ihren Kongress der verstorbenen Imperatoxe befragen. Ein oder zwei sind bestimmt einem Staatsstreich zum Opfer gefallen.«
»Eher nicht«, sagte Grayland. »Es gab ein paar Attentate, und einige Imperatoxe wurden durch die Familie Wu … ersetzt, wenn sich herausstellte, dass es Probleme mit ihnen gab.«
»›Ersetzt‹«, wiederholte Chenevert. »Ich mag diesen Euphemismus.«
»Aber die Attentate waren nicht Teil eines größeren Aufstands, und ich denke, wenn die Familie Wu jemanden aus ihren eigenen Reihen gegen einen anderen austauscht, zählt das eigentlich nicht als Staatsstreich. Es ist einfach nur Familienpolitik.«
»Am letzten Staatsstreich gegen Sie waren Wus beteiligt«, rief Chenevert der Imperatox ins Gedächtnis.
»Aber er war erfolglos«, sagte Grayland. »Wohingegen …« Sie zögerte.
Chenevert lächelte. »Sie dürfen es gern aussprechen«, sagte er.
»Wohingegen der Staatsstreich gegen Sie erfolgreich war«, fuhr Grayland fort.
»Ja, das war er«, räumte Chenevert ein. »Ich konnte nur mit Mühe meine eigene Haut retten. Und dieses Schiff. Und ein paar hundert Freunde. Und eine beträchtliche Menge des menschlichen Wissens jener Zeit. Und natürlich ein nicht unerhebliches materielles Vermögen.«
»All das bedeutet, dass Sie es haben kommen sehen und dass Sie wussten, dass Sie es nicht aufhalten konnten.«
»Das ist wahr.«
»Also erzählen Sie mir, woher Sie es wussten.«
»Ich könnte es Ihnen sagen, aber ich glaube nicht, dass es für Sie von Nutzen wäre.«
»Warum nicht?«
»Weil ich, wie soll ich es ausdrücken, kein guter König war. Als König nicht annähernd so gut, wie Sie es als Imperatox sind, meine junge Freundin. Oder kein so guter Mensch, wie Sie es sind.«
»Sie sind kein schlechter Mensch«, sagte Grayland.
»Heute bin ich ein besserer Mensch«, räumte Chenevert ein. »Außerdem bin ich nicht mehr menschlich. Ich bin ein künstliches Maschinenbewusstsein, das auf jemandem basiert, der einst als Mensch existierte. Ich erinnere mich an meine menschliche Existenz und daran, welche Wünsche und Emotionen mich angetrieben haben. Ich kann darauf zugreifen, aber diese Wünsche und Emotionen treiben mich jetzt nicht mehr an. Zudem bin ich über dreihundert Jahre alt. Ich hatte genug Zeit, mich mit meinen Sünden auseinanderzusetzen.«
»Also unterscheiden Sie sich gar nicht so sehr von meinem Kongress der Imperatoxe. Ihre gespeicherten Versionen können darauf zugreifen, wie ihre lebenden Versionen gedacht und empfunden haben. Sie können das alles nur nicht selbst spüren.«
»Ich kann es immer noch spüren«, sagte Chenevert. »Genauso wie Sie eine Emotion aus der Zeit spüren können, als Sie fünf Jahre alt waren. Aber Sie empfinden nicht mehr dasselbe wie Ihr fünfjähriges Ich.«
»Manchmal schon.«
»Na gut.« Chenevert lächelte. »Ich wollte damit sagen, dass Sie nicht mehr genauso auf diese Empfindungen reagieren würden wie damals. Sie wirken bemerkenswert frei von der Neigung zu Wutanfällen.«
»Danke«, sagte Grayland. »Dennoch wüsste ich gern, woher Sie gewusst haben, dass der Staatsstreich bevorstand.«
Chenevert seufzte, was absolut unnötig war, da er eine künstliche Intelligenz war, die eine holographische Version von sich selbst projizierte, aber trotzdem. »Die kurze Fassung lautet, dass mir klar war, was kommen wird, als ich all die Menschen, die nützliche Verbündete hätten sein können, verheizt oder betrogen hatte und als alle, die noch übrig waren, beschlossen, dass ich abtreten sollte. Die längere Fassung würde erheblich mehr Zeit beanspruchen und, wie ich befürchte, wohl endgültig Ihre Meinung ruinieren, ich sei ein guter Mensch. Ich sage nur, dass es ein Desaster war, das ich selbst verursacht hatte, weshalb ich die Anzeichen bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt erkennen konnte.«
»Wenn Sie es frühzeitig erkannt haben, warum konnten Sie es nicht abwenden?«
»Weil man gelegentlich Entscheidungen trifft, die man nicht mehr zurücknehmen kann«, sagte Chenevert. »Und bereits zu Anfang meiner Regierungszeit, als ich aufgeblasen und töricht war, habe ich mehrere solche Entscheidungen getroffen. In schneller Folge. Von da an nahm alles seinen Lauf. Irgendwann – als ich gerade genug Weisheit erlangt hatte, um angesichts dieser frühen Entscheidungen Entsetzen zu empfinden – erkannte ich, dass ich einen Staatsstreich vielleicht hinauszögern, aber nicht auf Dauer verhindern könnte. Also zögerte ich es lange genug hinaus, um die Flucht ergreifen zu können.« Er lächelte. »Was nicht einer gewissen Ironie entbehrt, denn als der Staatsstreich erfolgte, lag ich bereits im Sterben – auch das wegen einiger völlig freiwilliger Entscheidungen, die ich lange zuvor getroffen hatte. Hätten die Verschwörer einfach nur ein paar Jahre länger gewartet, wäre ein Staatsstreich gar nicht mehr nötig gewesen.«
»Es tut mir leid, dass Sie diese Entscheidungen getroffen haben«, sagte Grayland nach einer Weile.
»Nun, mir auch, wenn Sie das interessiert«, sagte Chenevert. »Auf das eigene Leben zurückzublicken und zu erkennen, was man alles hätte besser machen können, ist niemals ein tolles Gefühl. Das einzig Tröstliche daran ist, dass ich jetzt hier sein kann, bei Ihnen und Marce. Der sich übrigens gerade den Allerwertesten aufreißt, um die Mathematik zu verstehen, die uns alle retten soll.«
»Hat er Ihnen das so gesagt?«
»Nein, natürlich nicht. Aber er besucht mich gelegentlich, um mit mir über Mathematik zu sprechen. Er ging davon aus, dass ich, weil ich eine Maschine bin, in der Lage sein müsste, seinen Gedankengängen zu folgen, wozu ich absolut nicht imstande bin. Aber ich lerne dazu, weil ich ihm gerne helfen würde. Was ich allerdings nicht kann, noch nicht. Doch ich glaube, ich könnte es irgendwann schaffen. Zumindest lerne ich jetzt schneller als die meisten Menschen. Er ist tatsächlich äußerst brillant, wissen Sie. Ihr Liebhaber, meine ich.«
»Das glaube ich auch.«
»Nein, ich meine, mehr als nur das. Er ist zu bescheiden, um es zu sagen oder auch nur zu denken, aber ich sehe mir seine Arbeit an und kann sogar manches davon nachvollziehen. Wenn es irgendjemanden gibt, der Sie retten wird, dann wird er es sein. An diesem Punkt stellt sich die Frage, ob er genug Daten hat, die er durchgehen kann. Und ob er genug Schlaf bekommt.« Chenevert bemerkte, wie ein Schatten über Graylands Gesicht strich. »Was ist?«
»Was meinen Sie?«
»Sie haben gerade an etwas gedacht. Als ich über die Daten sprach.«
»Nichts von Bedeutung.«
»Nun gut«, sagte Chenevert. »Aber um beim Thema Daten zu bleiben – Sie sagten, Sie wüssten von mehreren geplanten Staatsstreichen.«
»Ja.«
»Woher wissen Sie davon? Wenn Ihre Sicherheits- und Geheimdienstleute davon wüssten, denke ich, dass es längst vereitelte Umsturzversuche wären.«
»Ich habe andere Quellen.«
»Gehört zu diesen Quellen vielleicht die künstliche Intelligenz, die Ihr Imperatox-Puppentheater betreibt?«
Grayland warf Chenevert einen strengen Blick zu. »Wie kommen Sie auf so etwas?«
»Weil Ihr Freund Jiyi – so heißt er doch, nicht wahr? – mehrere Versuche unternommen hat, in meine Systeme zu gelangen. Den ersten Versuch bemerkte ich nicht lange nach meiner Ankunft. Er schickte ein Programm, das meine Firewall knacken sollte. Ich isolierte es und nahm es auseinander, um zu sehen, wie es funktioniert, und schickte eine Nachricht zurück, in der es hieß, dass ich sehr gern mit ihm plaudern würde, wenn er anklopfen und nicht versuchen würde, durch ein Fenster einzusteigen. Er reagierte nicht auf diese Nachricht. Stattdessen versucht er immer wieder, durch die Fenster hereinzuschlüpfen. Wenn er so etwas mit mir macht, vermute ich, dass ich nicht das einzige System bin, in das er einzudringen versucht.«
»Es tut mir leid, dass er wiederholt versucht, Sie zu hacken«, sagte Grayland.
»Schon gut. Nun, eigentlich ist es nicht gut«, schränkte Chenevert ein, »aber bislang ist es für mich kein Problem. Damit hält er mich auf Trab. Aber ich würde lieber einfach nur mit Jiyi sprechen, falls so etwas erlaubt ist.«
»Soweit ich weiß, spricht Jiyi mit niemandem außer mir. Und den anderen Imperatoxen vor mir.«
»Nun, ich bin ein König«, sagte Chenevert. »Das heißt, ich war einer. Vielleicht qualifiziert mich das.«
»Ich werde schauen, was sich machen lässt.«
»Vielen Dank. Um auf Ihre Frage zurückzukommen, woher ich wusste, dass meine Herrschaft dem Untergang geweiht war – ich wusste es früh genug, um mich retten zu können. Ist das der Hintergrund Ihrer Frage? Wollen Sie wissen, wann es zu spät ist, sich selbst zu retten?«
Grayland schüttelte den Kopf. »Darum geht es mir nicht.«
»Das ist sehr großmütig von ihnen.«
»Das ist es nicht.«
»Was dann?«
»Ich könnte diese geplanten Staatsstreiche stoppen«, sagte Grayland. »Ich habe die Informationen, und ich kenne die Akteure, und ich weiß, wo sie sind. Zumindest die meisten. Ich könnte das Kriegsrecht verhängen und sie alle ins Gefängnis werfen, wie ich es beim letzten Staatsstreich gemacht habe. Aber wenn ich das tue, stoppe ich damit nur diese Serie geplanter Staatsstreiche. Danach wird es weitere geben. Es gab immer wieder welche. Seit dem allerersten Tag, als ich zur Imperatox wurde. Wenn man einen verhindert, keimen zwei neue auf. Und in der Zwischenzeit kann ich mich nicht auf das konzentrieren, was viel wichtiger ist.«
»Die Rettung der Interdependenz«, sagte Chenevert.
Grayland schüttelte erneut den Kopf. »Nein. Die Interdependenz ist dem Untergang geweiht, was auch immer wir tun. Wir können den Kollaps der Ströme nicht verhindern. Wir können das Imperium nicht retten. Was wir retten müssen, sind die Menschen. Nicht nur ein paar von ihnen. Nicht nur den Adel. Wir müssen alle retten. Ich muss sie alle retten. Das ist meine Aufgabe, soweit ich es verstehe.«
»Das ist sehr viel verlangt.«
»Vielleicht«, sagte Grayland. »Aber ich habe keine andere Wahl. Ich muss es versuchen. Deshalb muss ich wissen, wann es zu spät ist. Ich kann nicht verhindern, dass es zu diesen Staatsstreichen kommt, nicht ohne die Entscheidung zu fällen, nichts Sinnvolles mehr mit meiner Zeit anstellen zu können. Aber vielleicht kann ich tun, was Sie getan haben – die Verschwörungen aufhalten, die bereits im Gange sind. Damit ihre Drahtzieher so lange wie möglich beschäftigt sind. Denn genau so viel Zeit bleibt mir noch. Nicht bis zum Zusammenbruch des letzten Stroms. Sondern bis der erste dieser Staatsstreiche Erfolg hat. So viel Zeit bleibt mir noch, um alle zu retten.«
»Bewundernswert«, sagte Chenevert. »Wie wollen Sie diese Verschwörungen aufhalten?«
»Indem ich ein wenig Chaos stifte.«